Ich habe gemerkt, dass ein zentraler Punkt (zumindest für mich) das völlige Durchdringen und Anerkennen von Anicca ist. Solange ich auch nur unterbewusst davon ausgehe oder wünsche, dass etwas nicht veränderlich, nicht vergänglich ist, mir nicht wie Sand zwischen den Händen zerrinnen wird, ist der Versuch von Kontrolle da, denn Anhaftung oder Ablehnung sind Formen der Kontrolle oder des Wunsches danach. Die Ablehnung, die Angst vor der Möglichkeit von Unglück, großem und kleinem, von Krankheit, Krieg, Klimakatastrophe, Jobverlust, sich plötzlich anwendende Partner oder Freunde, Tod, Unfall, etc. bedeutet im Umkehrschluss Dukkha. Angst ist ein anderes Wort für das Geistesgift der Ablehnung.
Wenn ich nun versuche, mir mit der buddhistischen Praxis einen "sicheren" Raum aus Meister, Sangha, Lehre und Ritualen zu schaffen, so ist das zumindest am Anfang auch eine Form der Abkehr von der "normalen" Welt, mit dem Ziel, dem Schrecken von Dukkha und Anicca zu entgehen. Eine Abkehr, oft aus Angst oder Frustration, ein Begehren nach Zuflucht und Sicherheit.
In der Praxis wird aber irgendwann deutlich, dass der buddhistische Weg Anicca und Dukkha nicht beseitigen kann, im Gegenteil. Denn sie sind neben Anatta die zentralen Charakteristika der Grundfesten der Wirklichkeit, denen man nicht entkommen kann. Man nimmt also Zuflucht in ein System, um vielleicht etwas Schutz und Kontrolle gegenüber den disruptiven Eigenschaften der Vergänglichkeit zu finden, Schutz vor Dukkha, um dann zu erkennen, dass es keinen Schutz geben kann, solange Kontakt zur Wirklichkeit besteht, die von den fünf Skandha gebildet werden. Solange ich versuche, Glück oder Sicherheit oder Frieden in irgendeiner Weise auf den Skandha zu gründen – und sie sind die ganze Welt, mit allen Dingen, Gefühlen, Gedanken, Motivationen – werde ich immer wieder scheitern. In diesem Sinne ist die Welt hoffnungslos, denn Anicca ist nicht einfach nur „Unbeständigkeit“, sondern die Unmöglichkeit, irgendeinen Zustand zu stabilisieren.
Aber es gibt einen Punkt, an dem diese vollkommene Hoffnungslosigkeit (m.E. ein anderes Wort für existenzielles, totales Loslassen oder Aufgeben oder Hingeben) umkippt – von einem Dagegen-Stemmen in ein Fließen: Der Kampf hört auf, der Versuch, sich gegen Anicca zu stellen, all das Streben, Eifern, Wollen, Schützen, Vorsorgen, Absichern, Planen, Festhalten etc. endet, und Ruhe kehrt ein. Die Wirklichkeit wird sehr klar und deutlich, und der Wunsch nach dauerhafter Sicherheit oder dauerhaftem Glück oder Frieden in der Welt verschwindet komplett, ohne Bedauern zurückzulassen. Nach ein paar Minuten geht der Irrsinn in alter Frische wieder los.