Hallo, ihr Lieben,
Scham ist etwas zutiefst Menschliches und tritt - einigen Autoren zufolge - sogar schon auf, bevor das "Ich"-Gefühl sich etabliert (beim Säugling zeige es sich in der sogenannten "Fremdel-Phase"), in der Regel fällt es jedoch in die Zeit der Entwicklung von Selbstwahrnehmung im zweiten Lebensjahr, wenn das Kind sich also selbst als Person erkennt.
Im Buddhismus werden Schamgefühl (Hiri) und Gewissensscheu (Ottapa) zusammen als die "Beschützerinnen der Welt" betrachtet, quasi das ethische und moralische Fundament, um nicht unheilsam zu handeln.
ZitatA.II.9 Die Beschirmer der Welt - 9. Cariya Sutta
Zwei helle Eigenschaften, ihr Mönche, beschirmen die Welt. Welche zwei?
- Schamgefühl und
- sittliche Scheu.
Wenn nämlich, ihr Mönche, diese beiden hellen Eigenschaften nicht die Welt beschirmten, so würde man da weder seine Mutter anerkennen, noch der Mutter Schwester, noch des Onkels und des Lehrers Weib, noch die Ehefrauen ehrenwerter Männer; so würden die Menschen sich vermengen wie Schafe, Ziegen, Hühner, Schweine, Hunde und Schakale. .....
ZitatAlles anzeigen[73-74.] 79-80. Scham und sittliche Scheu
[73.] 79. Welcher Mensch gilt als "schamhaft", und was ist da "Scham" (hirí)?
Sich schämen, wo man sich zu schämen hat; sich schämen vor der Ausübung böser, schlechter Dinge: das nennt man Scham. Der von dieser Scham erfüllte Mensch aber gilt als schamhaft.
[74.] 80. Welcher Mensch gilt als "sittlich-scheu", und was ist da "sittliche Scheu" (ottappam)?
Sich scheuen, wo man sich zu scheuen hat; sich scheuen vor der Ausübung böser, schlechter Dinge: das nennt man sittliche Scheu. Der von dieser sittlichen Scheu erfüllte Mensch aber gilt als sittlich-scheu.
Schamgefühl (Hiri) bezeichnet hier also die innere Scham, quasi "Selbst-Scham", die man bei und nach Fehlverhalten empfindet, wenn man z.B. gegen (verinnerlichte) ethische Werte gehandelt hat oder gewisse Ansprüche nicht erfüllte.
Da man sich schämen würde, diese schlechten Dinge zu tun, vermeidet man es dementsprechend, sie zu vollziehen.
Gewissensscheu (Ottapa) hingegen bedeutet, auch die möglichen Konsequenzen der Tat im Hinblick auf die Mitmenschen zu sehen/erkennen (Ursache/Wirkung) und Respekt vor dem zu haben, was Mitmenschen und Gesellschaft stören und ihre Regeln/Grenzen verletzen könnte.
Beide Qualitäten werden demnach für wichtig erachtet, um spirituelle Fortschritte zu machen auf dem (Heils-)Weg, den der Buddha gewiesen hat.
ZitatAlles anzeigenA.X.67 Fortschritt und Rückschritt I - 7. Paṭhama-naḷakapāna Sutta
Wem es, Brüder, bei den heilsamen Dingen an Vertrauen fehlt, an Schamgefühl und Gewissensscheu, an Willenskraft und Weisheit, der hat, sei es bei Tag oder bei Nacht, eben einen Rückschritt zu erwarten in den heilsamen Dingen, keinen Fortschritt. ...
..Daß ein Mensch vertrauenslos ist, Brüder, das ist ein Rückschritt.
Daß ein Mensch keine Scham besitzt und keine Gewissensscheu, daß er träge ist und keine Weisheit besitzt, voller Zorn und Wut, voll üblen Ehrgeizes, schlechten Umgang pflegt und falsche Ansichten besitzt, das, Brüder, ist ein Rückschritt.
Wer aber, Brüder, bei den heilsamen Dingen Vertrauen hat, Schamgefühl und Gewissensscheu, Willenskraft und Weisheit, der hat, sei es bei Tag oder Nacht, eben einen Fortschritt zu erwarten in den heilsamen Dingen, keinen Rückschritt. ...
Fazit: In dieser Weise Scham zu empfinden, ist im Buddhismus etwas Heilsames.
Auf der weltlichen Ebene ist Scham ebenfalls ein unangenehmes Gefühl, das Menschen gerne vermeiden, u.a., weil es eng mit dem Selbstwertgefühl verbunden ist.
Beim Erleben von Scham werden, laut dem amerikanischen Psychoanalytiker Allan Schore, dieselben Hirnregionen aktiviert, wie bei existenzieller Angst - Parasympathikus und Sympathikus sind gleichzeitig aktiv, was zu den unangenehmen Erscheinungen Erröten, Schwitzen, Zusammensacken des Körpers, Verwirrtheitsgefühlen usw. führt.
Da die Scham auch von außen deutlich wahrnehmbar ist, kann sich fallweise ein "Schämen für die Scham" entwickeln, was zum Verbergen oder Überspielen der Scham Anlass gibt :
"Cool sein" (und bleiben) lautet dann oft die Parole....
Man spricht auch von "falscher Scham", wenn sich jemand für etwas schämt, das er gar nicht zu verantworten hat, beispielsweise seinen Körperbau, sein Aussehen, seine Krankheit, seine Herkunft ,...(wobei Körperscham eine gewisse Schutzfunktion hat).
Kleine Anekdote:
Als Elfjährige (im sogenannten "Kicher-Alter" ) hatten meine Freundin und ich die Nase gründlich voll vom Schämen (wir waren beide eher schüchtern-verschämt, dabei aber neugierig, manchmal frech) und unterzogen uns einem selbstentwickelten Programm der "Entschämung"
:
Dazu gehörte z.B., sich im Freibad beim Umziehen auf der freien Wiese gegenseitig das schützende Handtuch wegzuziehen oder im Kaufhaus fremde Männer (!) anzusprechen und unsinnige Fragen zu stellen.
Ob es wirklich langfristig geholfen hat, bezweifle ich, aber wir hatten viel Spaß dabei...und trieben jede Menge Unfug in dieser Zeit...
Jahre später schockierte mich mein Vater mit der Schilderung eines Erlebnisses aus seiner Kindheit, was demonstriert, wie stark Schamgefühl Menschen auch verblenden kann:
In dem kleinen Dorf, wo mein Vater aufwuchs, hatte die katholische Kirche noch großen Einfluss und sittenstrenge Erziehung war an der Tagesordnung. Eines Tages wurde eine Gruppe halbwüchsiger Jungen dabei erwischt, wie sie in einem Gebüsch gemeinsam onanierten - es gab großen Aufruhr, in Windeseile verbreitete sich die Nachricht....Meine Großmutter knöpfte sich daraufhin meinen, ca. 13-jährigen Vater, vor (der nicht dabei gewesen war) und sagte ihm folgendes: "Sollte ich je davon hören, dass DU bei so etwas mitmachst, wäre es mir lieber, dass du tot vor mir auf dem Boden liegst!"
Außerdem wurde er dazu verdonnert, jedes Nachgeben dieser "bösen Lust" zu meiden und - beim Scheitern - dieses schnellstmöglich zu beichten.
Scham, (gegen den eigenen Willen) entblößt zu werden (auch seelisch), kann schwer traumatisieren -
diese Art Scham ist wohl eher unheilsam....
Scham sollte eigentlich schützen - Intimität und Wahrung persönlicher Grenzen - kann aber im Übermaß sehr schaden und zu sozialem Rückzug, Depression, (Auto-)Aggression, usw. führen.
Wird (gefühlt) die eigene Würde verletzt, vielleicht sogar durch Schamlosigkeit Anderer - folgen oft Scham und "Fremdscham" gleichzeitig.
Worüber ich gelegentlich nachdenke, ist , dass der Buddha öfters mal Menschen, vor allem herausfordernd auftretende "Andersfährtige", aber auch Jünger seiner Sangha, die sich eines schweren Fehlverhaltens schuldig gemacht hatten, beschämte, und zwar vor allen Anwesenden.
Ob das "pädagogisch richtig" und effektiv war?
Wie steht IHR zu Scham, Schamlosigkeit und Beschämung?
- Hatten/Haben Schamgefühle (größeren) Einfluss auf euer Verhalten/eure Lebensweise?
- Erlebt ihr Schamlosigkeit als würdelos oder befreiend?
- Empfand der Buddha noch Schamgefühl (ohne Ich-Gefühl??)?
- Wie findet ihr es, wenn Andere beschämt werden - haltet ihr das für eine legitime Möglichkeit der "Pädagogik", auch z.B. in der Politik?
- Ändern sich auch die Schamgefühle, wenn sich gesellschaftliche Werte wandeln?
Schämt euch nicht, alles, was euch bewegt, anzusprechen - ihr seid ja hier anonym....
Liebe Grüße, Anna
