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  3. Buddhismus und westliches Denken

Buddhistische und westliche Philosophie im Vergleich

  • Hans-Günter Wagner
  • 15. Mai 2026 um 16:02
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  • Hans-Günter Wagner
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    • 15. Mai 2026 um 16:02
    • #1

    Wo die griechischen Philosophen vor allem nach Wahrheitsergründung aus Neugier trachteten, zeigte Buddha an der Beschäftigung mit „letzten Fragen“ kein sonderliches Interesse. Sein Ziel war die Leidensüberwindung. Was er lehrte, war ein Erlösungspfad, bestehend aus den drei Bereichen des heilsrelevanten Wissens, der richtigen Methoden der Innenschau und des ethischen Handelns. Trotz seiner Abneigung, sich mit Metaphysik überhaupt zu befassen, haben seine Nachfolger ausgefeilte philosophische Systeme entwickelt, mit denen sie einige der Implikationen in den Aussagen des Religionsstifters in die verschiedensten Richtungen durchdeklinierten. Zwischen Buddhismus und westlicher Philosophie gibt einige Schnittmengen ebenso wie fundamentale Unterschiede. Eine genauere Betrachtung ist lohnenswert. Die beiden folgenden Beiträge sollen als Einstieg in die Diskussion dienen.


    Im Auszug aus dem Buch von Hans-Günter Wagner werden einige der grundlegenden paradigmatischen Qualitäten von Buddhismus und westlicher Philosophie herausgearbeitet, soweit sie die Fragen nach den „letzten Dingen“ betreffen, und ein grober Überblick gegeben. Wenn Buddhismus zur Ideologie wird - Eine Erwiderung auf Bhikkhu Sujatas Kritik an meinem Beitrag.pdf (Anzeigen) Wenn Buddhismus zur Ideologie wird - Eine Erwiderung auf Bhikkhu Sujatas Kritik an meinem Beitrag.pdf Fabian Völker widmet sich in seinem Artikel dem konkreten Fall des Mahayana-Philosophen Nāgārjuna und unternimmt den Versuch einer systematischen Rekonstruktion seines Denkens im Lichte westlicher Transzendentalphilosophie. Dabei setzt er u.a. dessen „heilsgeleitete Autodestruktion des Denkens“ mit Fichtes „Anweisung zum seligen Leben“ in Beziehung. Völker Nagarjuna und Fichte Der_prareflexive_Grund_des_Bewusstseins.pdf (Anzeigen) Völker Nagarjuna und Fichte Der_prareflexive_Grund_des_Bewusstseins.pdf

  • Qualia
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    • 15. Mai 2026 um 16:42
    • #2

    Ein Vergleich ist nicht möglich, weil buddhistische Philosophie sich mit den Leiden durch Denken beschäftigt und die westliche Philosophie das Denken benutz um Leiden durch Gefühl/Empfinden zu zeigen.
    Getrennt sind beide wertvoll beim Durchschauen der „Einen Lehre des Buddha“ und mit dieser sich vom Leid befreien. Dann fallen beide Philosophien ab.

    Was Nagarjuna betrifft: Der zerlegt die Illusion eines eigenen Ichs in ihre Atome, ist also keine Philosophie, denn eine Philosophie braucht ein Ich, das sie wahrnimmt.

    Ich ist nicht leer oder tot.

    Qualia ist offen und frei,

    für sein ergreifen, festhalten, loslassen,

    für das ergriffen, festgehalten, verlassen werden.

    Einmal editiert, zuletzt von Qualia (15. Mai 2026 um 16:51)

  • Matthie
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    • 15. Mai 2026 um 17:50
    • #3

    Danke für diese Thema 🙏

    Hab mir die Erwiderung durchgelesen und irgendwie passt das gerade perfekt zu den laufenden Diskussionen hier.

    Sehr inspirierend 👍

    Mir gefällt besonders die Haltung von Descartes .


    Zitat:

    „Anders als einige heutige Buddhisten(innen) hatte er keine Probleme mit einer Koexistenz von Religion und Wissenschaft und sah auch keine Notwendigkeit, die Korrektheit einer wissenschaftlichen Aussage von der Übereinstimmung mit religiösen Glaubenslehren abhängig zu machen“


    Das sehe ich genauso 👍

  • KarmaHausmeister 18. Mai 2026 um 14:01

    Hat das Thema aus dem Forum Buddhismus in Beruf und Arbeitswelt nach Buddhismus und Wissenschaft verschoben.
  • Hans-Günter Wagner
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    • 29. Mai 2026 um 13:09
    • #4

    Leider ist mit "Wenn Buddhismus zur Ideologie wird ..." ein Beitrag aus einem anderen Thread oben reingerutscht. Der richtige Beitrag ist der folgende Buchauszug: Buddhismus und die letzten Fragen der westlichen Philosophie und Religion.pdf (Anzeigen) Buddhismus und die letzten Fragen der westlichen Philosophie und Religion.pdf

  • Igor07
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    • 30. Mai 2026 um 10:20
    • #5
    Hans-Günter Wagner:

    Zwischen Buddhismus und westlicher Philosophie gibt einige Schnittmengen ebenso wie fundamentale Unterschiede. Eine genauere Betrachtung ist lohnenswert. Die beiden folgenden Beiträge sollen als Einstieg in die Diskussion dienen.

    Vielen Dank für das Thema.

    Besonders interessant finde ich die Gedanken über die Zeit. Für Dōgen war die Zeit das Sein. Wir leben nicht in der Zeit, wir sind die Zeit. Mehr dazu kann man bei Rolf Elberfeld in „Phänomenologie der Zeit im Buddhismus“ finden.

    Auch spannend erscheinen die Gedanken von McTaggart über die Unauffindbarkeit der Zeit sowie die Brücke zu M. Heidegger.

    Ich verlinke dazu einen Podcast, sehr empfehlenswert.


    Hans-Günter Wagner: Buddhismus und abendländische Kultur
    Der Buddhismus entstand vor etwa 2.500 Jahren in Indien, verbreitete sich in Asien und gilt als Weltreligion – ohne Gott. Heute ist er auch im Westen präsent.…
    www1.wdr.de

    Ein Leben ohne Selbsterforschung verdiente gar nicht gelebt zu werden.

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  • Igor07
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    • 3. Juni 2026 um 19:48
    • #6

    Ich finde es sehr interessant im Buch von Hans-Günter Wagner die Parallelen zwischen der Psychoanalyse und dem Buddhismus.

    Dazu meine eigenen Gedanken. Die Psychoanalyse wollte die Persönlichkeit stärken. Das Individuum ist schon nach S. Freud neurotisch, aber es sollte die eigenen verdrängten Triebe (das sogenannte Es) so anpassen und in die Gesellschaft integrieren, dass es normal funktionieren könnte.

    Im Buddhismus geht es eher um die totale Dekonstruktion, denn alle Skandhas sind flüchtig und vergänglich. Anatta stellt den ganzen Kern der Tradition dar.

    Aber ein Arahat kann sehr gut funktionieren. Er kann Entscheidungen treffen und angemessen auf Situationen handeln. Was bei ihm jedoch abwesend ist, ist diese mentale Ausuferung oder Ausschweifung, also Papañca. Er behält sozusagen seine eigene Individualität, aber er ist im reinen psychoanalytischen Sinne kerngesund, denn er kann sich mit den ganzen Inhalten im eigenen Bewusstsein nicht identifizieren.

    Das ist der erste Punkt. Der zweite Punkt ist, dass er bewusst Wohlwollen und Mitgefühl pflegen, hegen und kultivieren kann. Daraus kann man schlussfolgern, dass er wirklich einen gesunden inneren "Kern" hat, nur der ganze Prozess der Wahrnehmung läuft anders ab als bei den sogenannten Normalen.

    Wenn ich die schöne Blume auf der Wiese sehe, denke ich sofort darüber nach, wie ich sie benutzen kann, also ins Herbarium stecken oder meiner Frau schenken. Ich konsumiere die Welt, ich koste die Welt aus, ich präpariere sozusagen die lebendige Blume, ich vereinnahme sie oder ich töte sie rein existenziell.

    Ein Arahat würde dagegen alles Mögliche machen, um die Blume zu gießen und richtig zu ernähren. Er ist darauf angelegt, die Blume im ganzen Gewebe der Ursachen und Bedingungen zu sehen und ihre Existenz sozusagen zu vervollkommnen.

    Deswegen ist es so schwer nachzuvollziehen, scheint mir. Die bekannte Geschichte von Paul Watzlawick über den Nachbarn, den der Protagonist am Ende beschimpft, weil er sich die ganze Geschichte ausgedacht hatte, geht in dieselbe Richtung.

    Ein Leben ohne Selbsterforschung verdiente gar nicht gelebt zu werden.

    Sokrates

  • Hans-Günter Wagner
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    • 6. Juni 2026 um 13:16
    • #7

    Diese Gedanken kann ich gut nachvollziehen. Der Arahat ist frei im Sinne eines Freiseins von eigenen Bestrebungen, er haftet an nichts und nimmt die Dinge im Idealfall so, wie sie gerade kommen. Indem er auf Individualität nahezu völlig verzichtet, verwirklicht er, was im Buddhismus die Soheit genannt wird. Während der Teilnehmer an einem psychoanalytischen Prozess seine individuellen Fähigkeiten zur Selbstbehauptung entwickeln soll, übt sich der Arahat gerade darin, nichts Besonderes zu sein. Freigeworden von Ecken und Kanten, von Reibungsflächen und Widerständen, schwinden die Anlässe für Anhaftung und innerweltliche Verstrickungen. Wer nicht von ihm lernen will, kann eigentlich nichts mit ihm anfangen. Daher erscheint er nicht wenigen als eine nutzlose Kreatur. Aber das schadet ihm nicht, sondern ist ihm eher von Vorteil. Zhuangzi stellte einmal fest, dass die alten und krummen Bäume am längsten stehen, weil ihr Holz niemand gebrauchen kann.

  • Igor07
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    • 6. Juni 2026 um 15:53
    • #8
    Hans-Günter Wagner:

    Der Arahat ist frei im Sinne eines Freiseins von eigenen Bestrebungen, er haftet an nichts und nimmt die Dinge im Idealfall so, wie sie gerade kommen. Indem er auf Individualität nahezu völlig verzichtet, verwirklicht er, was im Buddhismus die Soheit genannt wird.

    Ich habe aus der Sichtweise des Theravada gemeint. Er haftet an nichts, also identifiziert er sich in diesem Sinne nicht mehr mit den Skandhas, aber er bleibt als eine einzigartige Persönlichkeit bestehen, so wie der Buddha und seine Schüler. (Denn Person und Individuum kann man auch anders betrachten, etwa bei Ñāṇavīra Thera.)

    Er ist vom Karma befreit, aber er kann wegen seines unermesslichen Mitgefühls weiter handeln. Er lebt in der Welt, aber das alles berührt oder kümmert ihn nicht mehr.


    Hans-Günter Wagner:

    Während der Teilnehmer an einem psychoanalytischen Prozess seine individuellen Fähigkeiten zur Selbstbehauptung entwickeln soll, übt sich der Arahat gerade darin, nichts Besonderes zu sein.

    Der Buddha betrachtete sich selbst als Lehrer, also als etwas, das diese ganze Welt des Samsara transzendiert. Als er seine fünf ehemaligen Gefährten nach dem Erwachen trifft, drückt er das eindeutig aus.


    Hans-Günter Wagner:

    Wer nicht von ihm lernen will, kann eigentlich nichts mit ihm anfangen. Daher erscheint er nicht wenigen als eine nutzlose Kreatur.

    Doch! Der Buddha lehrt doch, er schafft den Orden und führt lange Diskussionen, sowohl mit den Herrschern als auch mit den einfachen Leuten.

    Aus Sicht des Zen stimmt es aber sehr gut.

    Bei Hans-Günter Wagner gibt es sehr wunderschöne Lyrik des Chan-Buddhismus, daher passt der Gedanke von Zhuangzi hier hervorragend.

    Ich denke, wenn wir nicht anhaften, also wenn wir wirklich die Vergänglichkeit sehen, aber nicht zu viel rein intellektuell darüber nachsinnen, dann sind wir imstande, diese Soheit wirklich zu realisieren. Also wir sind nicht mehr der Nabel der Welt, das wäre dann wie die Verkörperung von Demut und Hingabe, also das radikale Loslassen.

    In der ganzen Psychoanalyse wird es anders erfasst. Sogar die Individuation nach C. G. Jung verfolgt andere Ziele, und auch bei den im Buch erwähnten Experimenten von St. Grof versucht man, transpersonale Erfahrungen so zu integrieren, um weiter angepasst zu leben.

    Spätere Richtungen haben den früheren Buddhismus so verdinglicht sozusagen und derart raffinierte Philosophien erschaffen, dass es sehr schwer ist, den ursprünglichen Sinn herauszufinden.

    Aber so, wie es das Dao sieht, stimmt es absolut.

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  • GermanViking
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    • 9. Juli 2026 um 17:21
    • #9

    Matthie Descartes war faktisch sehr vorsichtig gegenüber der Kirche. Er hat sein Werk Le Monde, das das heliozentrische Weltbild vertrat, nach der Verurteilung Galileis 1633 aus Furcht vor kirchlichen Konsequenzen zurückgehalten und nicht zu Lebzeiten veröffentlicht. Zudem wurden seine Werke posthum von der katholischen Kirche auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Er hat sich zwar bemüht, seine Philosophie mit dem Glauben kompatibel erscheinen zu lassen (die Widmung der Meditationen an die Pariser theologische Fakultät), aber "keine Probleme mit der Koexistenz" trifft die tatsächliche, konfliktreiche Beziehung zwischen Descartes und der kirchlichen Autorität nicht gut.

  • Matthie
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    • 9. Juli 2026 um 20:04
    • #10

    Tja jetzt hab ich ein Problem 🙈.

    Dann beiße ich mal in den sauren Apfel 🍏


    Ich habe mich wirklich gefreut über das Thema, weil ich östliche und westliche Philosophien und die verschiedenen Sichtweisen immer schon verstehen wollte .

    Ganz brav habe ich den ersten Link von Hans-Günther Wagner geöffnet und den Text verschlungen.

    Die wissenschaftliche Argumentationsweise und klare Sprache haben mich total abgeholt und begeistert.
      Hans-Günter Wagner Danke dafür 🙏


    In meiner Euphorie habe ich gar nicht gemerkt das der Text ein völlig anderes Thema bespricht.

    Hans-Günter Wagner:

    Leider ist mit "Wenn Buddhismus zur Ideologie wird ..." ein Beitrag aus einem anderen Thread oben reingerutscht

    Tja hab es wohl sehr unreflektiert gelesen….

    Habe mich dann tatsächlich dafür geschämt.

    ( das erinnert mich gerade an einen anderen Faden 🤣)

    Daraufhin wollte mich nicht mehr an diesem Faden beteiligen.

    Was für ein dummer Fehler .

    ( schon wieder Scham 🫣)


    Descartes Aussage über die Koexistenz von Wissenschaft und Religion finde ich zwar sehr spannend, ist aber dann natürlich ebenso völlig Offtopic.


    GermanViking

    Nachdem Du ( natürlich unbewusst ) den Finger in meine Wunde gesteckt hast, würde ich mich freuen wenn dieser Faden wieder zu einer lebendigen Diskussion wird und dann finde ich vielleicht auch wieder den Mut mich daran zu beteiligen 😉

    🙏

  • Wandersmann
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    • 9. Juli 2026 um 20:32
    • #11

    Danke für die Verlinkungen der Texte, die werde ich mir in einer ruhigen Minute zuführen.

    Die Grundproblematik besteht oft darin, dass Buddhismus überhaupt als Religion eingestuft wird und damit davon ausgegangen wird, dass ein in sich geschlossenes Konzept geboten wird, das von den Ersten bis zu den Letzten Dingen Wahrheiten offenbart. Mir scheint ein Unterschied zu sein, dass die letzten oder späteren Dinge beim Buddhismus eher Schlussfolgerungen einer gemachten Erfahrung sind.

  • GermanViking
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    • 10. Juli 2026 um 07:29
    • #12

    Wandersmann das setzt natürlich voraus das nur Offenbarungsreligionen als richtige Religionen zählen.

  • Qualia
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    • 10. Juli 2026 um 08:05
    • #13
    GermanViking:

    Wandersmann das setzt natürlich voraus das nur Offenbarungsreligionen als richtige Religionen zählen.

    Das sind die einzigen wahren Religionen.


    Der Glaube, dass sich Offenbarungen als verwirklichbar offenbaren, macht sie erst zu Religionen. Ein Gott, der sich durch Menschen offenbart, weiß die Zukunft, und das ist Religion: Die Zukunft ist determiniert. Es ist vollkommen gleichgültig, ob meine direkte Erfahrung beweist das es nicht so ist: Ich glaube an die Offenbarungen, an Prophezeiungen, Utopien, Fiktionen der Zukunft.

    Ich ist nicht leer oder tot.

    Qualia ist offen und frei,

    für sein ergreifen, festhalten, loslassen,

    für das ergriffen, festgehalten, verlassen werden.

  • Wandersmann
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    • 10. Juli 2026 um 09:13
    • #14
    GermanViking:

    Wandersmann das setzt natürlich voraus das nur Offenbarungsreligionen als richtige Religionen zählen.


    Das ist eine neue Variante von "die wahre Religion"


    8)

  • GermanViking
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    • 10. Juli 2026 um 10:26
    • #15

    Das ist die Frage nach zwei grundverschiedenen Wissensarchitekturen, die man in praktisch jedem menschlichen Ideensystem wiederfindet, religiös oder nicht.


    Ein System, das seine Wahrheit aus einer autoritativen Quelle bezieht, hat eine bestimmte epistemische Eigenschaft: Die Wahrheit steht vor der Erfahrung fest und wird durch Erfahrung bestenfalls illustriert, nie widerlegt. In erfahrungsbasierten ex-post-Systemen kommt die Aussage über die Welt nach und aus der Erfahrung, nicht davor. Das ist strukturell näher an dem, was man in der Wissenschaftstheorie induktives bzw. abduktives Vorgehen nennt. Man beobachtet etwas und leitet daraus ein Modell ab, das im Prinzip revidierbar bleibt, wenn neue Erfahrung dem widerspricht.


    Diese Zweiteilung ist nicht auf Religion beschränkt. Man findet sie in der Wissenschaftsgeschichte (Dogma vs. Paradigmenwechsel bei Kuhn), in politischen Ideologien (heilige Gründungstexte wie das Kommunistische Manifest vs. pragmatisch-revidierbare Politik), sogar im Alltagsdenken einzelner Menschen (manche halten an einer einmal gefassten Überzeugung über sich selbst fest, egal, was passiert; andere aktualisieren ihr Selbstbild laufend anhand neuer Erfahrung).


    Es ist im Grunde eine Frage des Verhältnisses zwischen der Autorität der Quelle und der Autorität der Erfahrung und die meisten realen Systeme, auch der Buddhismus, sind in der Praxis eine Mischung aus beidem, nicht rein das eine oder andere (dafür steht ja gerade AndreasMs und meine vorherige Diskussion zu den kanonischen Spannungen).

  • Michael Haardt
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    • 24. Juli 2026 um 10:33
    • #16

    Ich denke, man muss einen Vergleich in verschiedenen Dimensionen machen:


    Was ist das Ziel oder die Leitidee der Philosophie? Buddha hat nicht nach dem Ursprung und den Bausteinen der Welt gesucht, sondern nach dem Ende des Leids. Bei den Griechen sehe ich verschiedene Richtungen, u.a. Naturwissenschaft. Im Grunde sehr viel, außer einem Weg, gut zu leben. Falls ich das nicht übersehe. ;) Das scheint mir der größte Unterschied zu sein: Der Blick nach innen oder nach außen.


    Welches Verfahren wird zur Wissensgewinnung benutzt? Buddha hat sich strikt an die Erfahrung der Realität gehalten und sich intensiv um deren Wahrheitsgehalt gekümmert. Das ist für mich im Grunde Konstruktivismus und daraus folgen viele Beobachtungen der Psychologie. Bei den Griechen fand man zusätzlich auch Gedankenexperimente als Mittel der Wissensgewinnung in Ordnung. Wer Naturwissenschaft betreibt, kommt allerdings aus technischen Gründen nicht ohne aus: Viele Gedankenexperimente wurden mit besserer Technologie real.


    Beide legen auf die Verifizierbarkeit ihrer Aussagen viel Wert und fordern dazu auf. Das ist ein großer Unterschied zu Philosophien, die erfahrungsbasiert sind, aber sich mit einer gefundenen Erklärung zufriedengeben und sie nicht mehr hinterfragen, sondern vielmehr danach als Ideologie weitergeben. Das äußert sich im Kommunikationmuster: Dialog statt Monolog.

  • void
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    • 24. Juli 2026 um 13:14
    • #17
    Michael Haardt:

    Bei den Griechen sehe ich verschiedene Richtungen, u.a. Naturwissenschaft. Im Grunde sehr viel, außer einem Weg, gut zu leben. Falls ich das nicht übersehe. ;) Das scheint mir der größte Unterschied zu sein: Der Blick nach innen oder nach außen.

    Doch, das gab es. Das Wort Eudaimonie - beschreibt das Ideal der gelungenen Lebensführung.

    Wikipedia:

    Ein mit der Zielvorstellung verbundenes, sehr verbreitetes Ideal war die Selbstgenügsamkeit (Autarkie). Als Kennzeichen des guten Lebens galt, dass man das „Glück“ nicht von äußeren Faktoren erhofft, sondern es in sich selbst findet, indem man sich richtig verhält. Es wurde erwartet, dass man dann in allen Lebenslagen eine unerschütterliche Gemütsruhe bewahrt. Benötigt und erarbeitet wurden Regeln für eine Lebensweise, die Eudaimonie ermöglichen sollte. Dazu gehörte in erster Linie, dass man Grundtugenden verinnerlichte.

    Dieses Konzept ist sehr mit Aristoteles verbunden. Es war aber gerade im Mittelalter so, dass man sich eher an Plato ablehnte, dem es nicht um ein gelungenes Leben ging sondern sozusagen um den Zugang zu "höhten Wahrheiten". Gerade weil sich das als kompatibel zu christlichen Ideen ( wo der Sinn in der Transzendenz im Zugang zu Gott) liegt, ist es etwas aus dem Blickfeld gelangt.

  • Michael Haardt
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    • 24. Juli 2026 um 14:11
    • #18

    Da habe ich heute aber mal was ganz Neues gelernt! Interessant, vor allem, wie sehr sich die Vorstellungen im Laufe der Zeit verändert haben. Kaum ein Schüler kam zu der gleichen Meinung wie sein Lehrer. Gut, also richtete sich der Blick durchaus auch nach innen.

  • void
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    • 24. Juli 2026 um 17:22
    • #19

    Ja, das ist eher verwunderlich, weil man so ein Denken im Kopf hat, dass "östliche Philosophie" danach strebt in Harmonie mit der Welt zu zu kommen und dort ein gelungenes Leben zu führen. Während man die westliche Philosophie damit assoziiert, nach einem abstrakten Logos zu streben.


    Ideen einer harmonischen Weltordnung gab es ja ursprünglich nicht nur Ostens ( Dao, Dharma) sondern früher auch im Westens (z.B das ägyptische Maat)


    Aber der Westen ist in mehreren Stufen Produkt einer Entfremdung und Traumatisierung. Ganz viel davon hat mit Kriegen zu tun, in denen nicht nur die Landschaften sondern auch die Gedankengebäude in Trümmern lagen. Der erste Schritt war da sicher der Bonzezeit-Kollaps.


    Aber auch Plato und Sokrates waren ja selber Teilnehmer bzw. Produkt des peloponesischen Krieges gewesen, in dem sich die Stadtstaaten in internen und externen Bürgerkriegen zerfleischten - ene Situation wo ein normales "Gelingendes Lebens" unmöglich erscheint.


    Das ganze Streben von Plato ging - angesicht des Versagens der Menschen - darin das Heil im Vertrauen auf ewige Wahrheiten zu suchen. Er suchte abstrakte Konzepte - Vorbild waren geometrische Beweise - an denen man sich festhalten kann und basierend auf diesem Logos sich selber und die Gesellschaft ordnen kann.


    Da steckt viel Trauma drin und was herauskam war eine sehr hierarchische Denkweise, wo Geist über Materie, Mann über Frau, Abstraktes über Konkretem steht. Im Höhlengleichnis ist ja die ganze Realität nur ein Abklatsch gegenüber den "hehren Ideen". Dies hat direkt mit der Situation des Krieges zu tun wo der "wahre Mann" nicht an Frau, Leben, Hobbies und Beruf hängen soll sondern für Ideen ( z.B die Ehre seiner Stadt) sich selber und andere opfern soll. Dieses im Grunde lebensfeindliche Konzept war - indem es versuchte den Logos alles aufzuzwingen sehr erfolgreich bzw fatal.

  • Guenter
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    • 21. August 2026 um 19:36
    • #20
    GermanViking:

    Das ist die Frage nach zwei grundverschiedenen Wissensarchitekturen, die man in praktisch jedem menschlichen Ideensystem wiederfindet, religiös oder nicht.


    Ein System, das seine Wahrheit aus einer autoritativen Quelle bezieht, hat eine bestimmte epistemische Eigenschaft: Die Wahrheit steht vor der Erfahrung fest und wird durch Erfahrung bestenfalls illustriert, nie widerlegt. In erfahrungsbasierten ex-post-Systemen kommt die Aussage über die Welt nach und aus der Erfahrung, nicht davor. Das ist strukturell näher an dem, was man in der Wissenschaftstheorie induktives bzw. abduktives Vorgehen nennt. Man beobachtet etwas und leitet daraus ein Modell ab, das im Prinzip revidierbar bleibt, wenn neue Erfahrung dem widerspricht.


    Diese Zweiteilung ist nicht auf Religion beschränkt. Man findet sie in der Wissenschaftsgeschichte (Dogma vs. Paradigmenwechsel bei Kuhn), in politischen Ideologien (heilige Gründungstexte wie das Kommunistische Manifest vs. pragmatisch-revidierbare Politik), sogar im Alltagsdenken einzelner Menschen (manche halten an einer einmal gefassten Überzeugung über sich selbst fest, egal, was passiert; andere aktualisieren ihr Selbstbild laufend anhand neuer Erfahrung).


    Es ist im Grunde eine Frage des Verhältnisses zwischen der Autorität der Quelle und der Autorität der Erfahrung und die meisten realen Systeme, auch der Buddhismus, sind in der Praxis eine Mischung aus beidem, nicht rein das eine oder andere (dafür steht ja gerade AndreasMs und meine vorherige Diskussion zu den kanonischen Spannungen).

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    Ich kann diese Darstellung von „zwei grundverschiedenen Wissensarchitekturen“, unterschieden nach „Autorität der Quelle und Autorität der Erfahrung“ nicht so richtig nachvollziehen. Im westlichen Denken wird üblicherweise zwischen dem Wissen vor aller Erfahrung (a apriori) und empirischem Wissen unterschieden, das auf Erfahrung basiert und daher ex-post generiert wird. Beispiele für ersteres sind mathematische Aussagen oder logische Bestimmungen, dazu zählen Aussagen von der Art: „Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch, also ist auch Sokrates sterblich.“ Die Sterblichkeit ist eine Eigenschaft seines Menschseins und wir brauchen daher nicht zu warten, ob auch der einzelne Mensch Sokrates beobachtbar altern und sterben wird. Beispiele für empirisches Wissen sind hingegen alle Aussagen, die aus Beobachtungen oder Experimenten generiert wurden, z.B. dass Wasser bei einem bestimmten Sauerstoffgehalt der Luft bei 100 Grad Celsius siedet.

    Die Frage der Autorität des Wissens stellt sich auf einer ganz anderen Ebene. Dabei geht es um die Frage der Geltung von Aussagen, z.B. im Hinblick auf ihre Verallgemeinerbarkeit. Wissenschaftliche Aussagen, egal ob a apriori oder a posteriori geniert, gewinnen Geltung, wenn sie so formuliert sind, dass sie entweder bewiesen wurden oder mit von Fachwissenschaftlern anerkannten, methodisch nachvollziehbaren Verfahren bisher nicht widerlegt werden konnten. Es geht also allein um den Forschungsgegenstand und die Methoden, nicht um den Status der Wissenschaftler oder irgendwelche Traditionen, sondern nur um das, was allgemein konsensfähig ist.

    Bei Religionen ist das anders. Hier fungiert als höchste Autorität entweder eine außerweltliche Offenbarungsquelle (z.B. im Islam oder im Christentum), oder es wird allgemein auf die Geltung von Tradition und Überlieferung verwiesen (z.B. im Begriff des Dharma als einer Gesellschaft und Natur umgreifenden kosmischen Gesetzmäßigkeit), oder es wird auf durch Innenschau gewonnene Erkenntnisse Bezug genommen (Introspektion, Intuition). Alle drei Arten haben gemeinsam (man könnte auch noch weitere aufzählen wie Analogiebildungen mit Prozessen in der Natur, etwa im Daoismus), dass sie keine allgemeine Geltung besitzen. Sie gelten nur für die Gemeinschaften derjenigen Menschen, die sich zu diesen Glaubenssystemen bekennen. Natürlich werden sich religiöse Menschen auf die Authentizität ihrer persönlichen Erfahrung berufen, aber sie gewinnen und gestalten diese in einem Kontext speziellen Konsenses, der nicht von allen vernunftbegabten Wesen geteilt wird. Daher halte ich es für ein ziemlich aussichtsloses (und auch schädliches) Unterfangen, die Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion einreißen zu wollen.

  • Igor07
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    • 21. August 2026 um 20:08
    • #21
    Guenter:

    Natürlich werden sich religiöse Menschen auf die Authentizität ihrer persönlichen Erfahrung berufen, aber sie gewinnen und gestalten diese in einem Kontext speziellen Konsenses, der nicht von allen vernunftbegabten Wesen geteilt wird. Daher halte ich es für ein ziemlich aussichtsloses (und auch schädliches) Unterfangen, die Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion einreißen zu wollen.

    Inwiefern ich es richtig verstehe, ist die bedingte Entstehung sehr gut mit der modernen Wissenschaft kompatibel. Man kann die ganze Mystik wegfegen, wie alles Mögliche, was noch im Buddhismus als Religion zu finden ist.

    Komischerweise (für mich wenigstens) sagte der Buddha im Pali-Kanon: Wer die bedingte Entstehung versteht, der versteht die Lehre.

    Gerade weil die Dinge oder Phänomene nicht aus sich heraus, unabhängig oder inhärent existieren, anders ausgedrückt: Alles stellt den Prozess der Wandlung, also der Veränderung, dar, ist eigentlich die notwendige Voraussetzung für alle möglichen Wissenschaften. Wenn ich mich irre, dann bitte mit Begründung korrigieren.

    Ein Leben ohne Selbsterforschung verdiente gar nicht gelebt zu werden.

    Sokrates

  • neodyme
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    • 22. August 2026 um 02:12
    • #22
    void:

    Ja, das ist eher verwunderlich, weil man so ein Denken im Kopf hat, dass "östliche Philosophie" danach strebt in Harmonie mit der Welt zu zu kommen und dort ein gelungenes Leben zu führen. Während man die westliche Philosophie damit assoziiert, nach einem abstrakten Logos zu streben.

    Das ist recht simpel begründet, es hängt mit verschiedenen Sprachfamilien zusammen. Eine volle Ausarbeitung würde hier den Rahmen sprengen. Aber kurz gesagt indoeuropäischen Sprachen haben einen starken Hang zu Kausalität und Genealogie. Sino-tibetische Sprachen weisen das nicht auf, sie sind eher relational geprägt. Selbiges gilt für afroasiatische Sprachen (Ägyptisch, Hebräisch, Arabisch). Faszinierend dabei ist, das der Buddha vermutlich Pakrit(Maghadi) sprach(Pali entstand später) Teil seiner Erkenntnis/Erleuchung ist eben dieses Überwinden dieses sprachlichen Gegensatzes. Denn Pakrit kommt aus dem indoeuropäischen(Vedisch) und ist ebenfalls vom Hang zu Kausalität und Genealogie geprägt. Es wäre interessant zu wissen, wieviel Einfluss da aus dem sino-tibetischen kam. Siddharta dürfte als Angehöriger der oligarchischen Oberschicht für die damalige Zeit vermutlich ziemlich gebildet gewesen sein und das Territorium der Shakya Republik lag genau an der Schnittstelle zwischen indoeuropäischen und sino-tibetischen Sprachraum. Er dürfte also mit beidem in Berührung gekommen sein.

  • Hans-Günter Wagner
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    • 22. August 2026 um 18:29
    • #23

    Zwei Bemerkungen zu den Ausführungen von Igor 07 und neodyme:


    1. Obwohl Paṭiccasamuppāda ein philosophisch-religiöses Konzept ist und einen Heilsweg erklären und aufzeigen soll, sehe ich dennoch Schnittmengen mit zentralen Elementen der modernen Wissenschaft, allerdings nicht auf inhaltlicher, sondern methodischer Ebene. Wissenschaftlern geht es nicht um Erlösung, sondern um Wahrheitserkenntnis oder die Lösung praktischer Probleme. Gemeinsam ist beiden die zwingende Anerkennung von Kausalität sowie die Erkenntnis, dass sich Ursache-Wirkungsbeziehungen innerhalb von Bedingungen und Entstehungsvoraussetzungen vollziehen. Ändern sich die Bedingungen, ändern sich auch die Bestimmungen von Kausalitätsbeziehungen. Je komplexer Systeme sind, desto schwerer lassen sich monokausale Ursache-Wirkungsketten identifizieren (das gilt wohl auch für die Karmalehre);


    2. Dass Sprachfamilien das Denken der Menschen prägen wird inzwischen weitgehend anerkannt. Umstritten sind allerdings die Einzelheiten und wie umfassend sprachliche Prägungen wirklich sind. So wurde die Sapir-Whorf-Hypothese u.a. kritisiert, weil sie auf einem oberflächlichem Verständnis indigener Sprachen gründet und z.B. ignorierte, dass Zeit dort sehr wohl erfahren, aber auf andere Weise als in indo-europäischen Sprachen ausgedrückt wird. Es ist richtig festzustellen, dass im chinesischen Denken Ereignismomente eine stärkere Rolle spielen als z.B. im Deutschen oder Adjektiv- bzw. Verbverbindungen mit Objekten oft anders ausgedrückt werden (grüne Gräser sind gleichzeitig ergrünende Gräser), aber das sollte nicht dazu verleiten, diese Unterschiede zu verabsolutieren und einen völligen Relativismus der Sprachverstehens anzunehmen, wie es beispielsweise die Philosophin Karen Gloy macht, wenn sie von "Sprachgefängnissen" spricht. M.E. gibt es einen Universalismus im Sprachverstehen, ob er durch die Universalgrammatik Chomskys hinreichend erklärt wird, ist noch einmal eine andere Frage. So wie die Mathematik in allen Kulturen gilt, so auch die Logik. Letztere gilt nicht nur für Griechen oder Europäer, obwohl sie in Griechenland entstand. Genau so wenig gelten die Lehren Buddhas nur für Inder oder Asiaten. Ich bin überzeugt, dass man in jeder Sprache alles ausdrücken kann, was sich auch in allen anderen sagen lässt. Es ist allein eine Sache des Aufwandes und manchmal der Erzeugung eines notwendigen Vorverständnisses.

  • neodyme
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    • 23. August 2026 um 17:17
    • #24

    Die harte Fassung von Edward Sapir und Benjamin Whorf ist schon seit den 50ern wiederlegt.
    Die weiche Fassung (Dan I Slobin - Thinking for Speaking, John Lucy, relative Linguistik generell) stimmt, Miss Gloy liegt da vollkommen richtig und das in einem Ausmaß - Sie werden staunen. Ich kann das auch beweisen. Aber das sollten wir in einen separaten Thread tun, das derailed hier das eigentliche Thema.

  • Hans-Günter Wagner
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    • 24. August 2026 um 21:18
    • #25
    neodyme:

    Die harte Fassung von Edward Sapir und Benjamin Whorf ist schon seit den 50ern wiederlegt.
    Die weiche Fassung (Dan I Slobin - Thinking for Speaking, John Lucy, relative Linguistik generell) stimmt, Miss Gloy liegt da vollkommen richtig und das in einem Ausmaß - Sie werden staunen. Ich kann das auch beweisen. Aber das sollten wir in einen separaten Thread tun, das derailed hier das eigentliche Thema.

    Danke für die Anregung in Sachen Karen Gloy. Gerne nehme ich diesen Faden auf. M.E. passt die Thematik aber durchaus zu diesem Thema und in diesen Thread. Zum „Relativismus“ Gloys erschien kürzlich eine m.E. sehr zutreffende Kritik [https://polylog.net/fileadmin/docs…oelker_Gloy.pdf]. Ich selbst habe kürzlich ihr Buch „Formen der Machtausübung“ (Würzburg: Köngshausen&Neumann, 2023) gelesen und komme zu einer ganz ähnlichen Beurteilung ihrer Ansichten. Gloys Ausführungen zu den Konstruktionssystemen von Macht und Wissen mit der Gegenüberstellung von hierarchischen Methoden, Analogiedenken und der babylonischen „Listenmethode“ sind durchaus interessant und aufschlussreich (ebd., S. 130 ff.), problematisch sind allerdings die Schlussfolgerungen, die sie daraus zieht. So etwa ihre Behauptung, „Wissenschaftssysteme sind Glaubenssysteme und im Glauben fundiert“ (S.128) oder Wissenschaft gründe im Mythos. Tatsächlich entstand das wissenschaftliche Denken im antiken Griechenland gerade aus der Abgrenzung der Sphären von Mythos und Logos und gründet auf der Suche nach belegbarer Wahrheit anstelle des Glaubens an Tradition und Überlieferung. Wer diese Differenz ignoriert, gibt den Wahrheitsbegriff selbst preis. Gloy behauptet, verschiedene Kulturen hätten „verschiedene logische Systeme“ hervorgebracht, die „intern kohärent und konsistent“ seien, aber keine universelle Überprüfbarkeit oder Gültigkeit reklamieren könnten „Die Gültigkeit ist lediglich eine interne, nicht eine externe.“ (S.121)

    Gibt es wirklich verschiedene Logiken? Gilt also beispielsweise der Satz vom ausgeschlossenen Dritten nur für die antike und westliche Kultur? Wer das behauptet, der sollte erklären, warum in China oder Indien eine Aussage zugleich wahr und falsch sein kann, ein Mensch zum Beispiel zugleich leben und nicht leben, ein Fenster zugleich offen und geschlossen sein kann. Ich halte es für durchaus falsch, von so etwas wie einer „Buddhistischen Logik“ zu sprechen (wohlwissend, dass der bekannte russische Indologe und Buddhismusforscher Th. Stcharbatsky ein großes zweibändiges Werk darüber verfasst hat). Nun könnte man einwenden, dass es sich dabei um eine Logik höherer Bewusstseinszustände handele, also um eine irgendwo in der Nähe „absoluter Wahrheit“ angesiedelte, dem ist aber entgegenzuhalten, dass solche nur von Erleuchteten erfahren wird oder in Zuständen, die sprachlicher Artikulation kaum zugänglich sind. Logik im traditionellen Sinne kann sich jedoch nur auf Sinnesdaten und Sinneszeugnisse beziehen, die jedem „Weltmenschen“ zverfügbar und frei von religiösen Erfahrungen oder politischen Präferenzen sind. Ansonsten wäre sie außerhalb jedweder Beweisführung. Daher ist eine „buddhistische Logik“ ein ebensolches Unding wie eine „sozialistische Logik“. Entsprechende Versuche in der Sowjetunion und der DDR eine solche zu etablieren sind allesamt gescheitert.

    Karen Gloys Ansichten laufen auf eine Partikularisierung der Vernunft und eine Relativierung des Wahrheitsbegriffs hinaus. Sie erinnern stark an den Wissenschaftskritiker Paul Feyerabend, der in den 1970er Jahren mit seinem „Anything goes“, zwar aus einer anderen Perspektive, aber mit gleicher Konsequenz gegen den Absolutheitsanspruch der westlichen Wissenschaft wetterte, sie auf irrationale Ursprünge zurückführen wollte und im Rationalismus eine Einschränkung der freien Entfaltung des Menschen sah. Was damals noch rebellisch anmutete, weil es mit einem so radikalen Habitus daherkam, der scheinbar alte Gewissheiten wortgewaltig in Frage stellte, ist heute eine echte Bedrohung für den gesellschaftlichen Diskurs. Feyerabend konnte sich offensichtlich nicht vorstellen, was es praktisch heißt, wenn plötzlich auch „alternative Fakten“ gelten sollen, vom Internet und seinen Manipulationsmöglichkeiten und überhaupt einer Idee „gefühlter Wahrheit“ ganz zu schweigen.

    Bei Gloys „Formen der Machtausübung“ zeigt sich der Relativismus im Hinblick auf wahrheitsfähige Aussagen auch darin, dass sie in diesem Buch an zig Stellen ihre persönlichen Ansichten zu Themen wie Migration oder Demokratie präsentiert, die sich aber notwendigerweise gar nicht aus ihrem philosophischen Ansatz ergeben, sondern als krypto-normative Behauptungen eingeschleust werden. So beispielsweise, wenn sie erklärt, die „Errungenschaften der Demokratie“ tendierten zur „Nivellierung aller natürlichen Unterschiede“ und führten zu „Auflösungserscheinungen“ und „Chaos“ (S.66). Daher seien „Führung“ und (verordnete?) „Selbstbeschränkung“ vonnöten. Auch aus ihrer Abneigung gegenüber basisdemokratischen Formen zivilgesellschaftlicher Artikulation macht sie keinen Hehl: ziviler Ungehorsam beruhe auf „Eigensinn und Eigennutz“ und Öko- und Klimaaktivisten übten „terroristische Formen“ des Protests aus. (S.67). In heutigen Migrationsbewegungen sieht sie „verkappte Herrschaftsansprüche“ und einen „Aufwärtstrend der Unterlegenen“, (S.49 f.), so als seien etwa Tausende verzweifelter Menschen, die dieser Tage in Ceuta versuchen, dem Elend und der Armut ihres Heimatlandes zu entkommen, allesamt Piraten oder aggressive Eroberer.

    Die Vorstellung von „Sprachgefängnissen“, denen man nicht entfliehen könne, wird auch durch die seit Jahrhunderten geübte Praxis interkultureller Kommunikation zu Fragen von Religion und Philosophie praktisch widerlegt. Chinesen lesen und verstehen Hegel und Kant, Wittgenstein und die postmodernen Denker, während westliche Menschen sich die Lehren von Buddha, Laozi und Konfuzius erschließen, auch ohne in einer asiatischen Kultur aufgewachsen und von ihr geprägt worden zu sein. Heute geht es im Diskurs zwischen östlichem und westlichem Denken kaum noch um die „großen Fragen“ von Seele und Schöpfergott. Das wurde im Wesentlichen in den zentralen Aspekten schon alles durchdekliniert. Im Mittelpunkt stehen vielmehr Einzelfragen, z.B. nach den Konzepten von Zeit und Ewigkeit, die Definition von Geist und Bewusstsein, die Implikationen des Freiheitsbegriffs, verbunden mit der Vorstellung eines freien Willens oder kritische Deutungen der Karmalehre. Wobei ich finde, dass heute die interessantesten Beiträge dazu eher von Wissenschaftler als von praktizierenden Buddhisten kommen.

Ausgabe №. 136: „Liebe & Loslassen"

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