Die harte Fassung von Edward Sapir und Benjamin Whorf ist schon seit den 50ern wiederlegt.
Die weiche Fassung (Dan I Slobin - Thinking for Speaking, John Lucy, relative Linguistik generell) stimmt, Miss Gloy liegt da vollkommen richtig und das in einem Ausmaß - Sie werden staunen. Ich kann das auch beweisen. Aber das sollten wir in einen separaten Thread tun, das derailed hier das eigentliche Thema.
Danke für die Anregung in Sachen Karen Gloy. Gerne nehme ich diesen Faden auf. M.E. passt die Thematik aber durchaus zu diesem Thema und in diesen Thread. Zum „Relativismus“ Gloys erschien kürzlich eine m.E. sehr zutreffende Kritik [https://polylog.net/fileadmin/docs…oelker_Gloy.pdf]. Ich selbst habe kürzlich ihr Buch „Formen der Machtausübung“ (Würzburg: Köngshausen&Neumann, 2023) gelesen und komme zu einer ganz ähnlichen Beurteilung ihrer Ansichten. Gloys Ausführungen zu den Konstruktionssystemen von Macht und Wissen mit der Gegenüberstellung von hierarchischen Methoden, Analogiedenken und der babylonischen „Listenmethode“ sind durchaus interessant und aufschlussreich (ebd., S. 130 ff.), problematisch sind allerdings die Schlussfolgerungen, die sie daraus zieht. So etwa ihre Behauptung, „Wissenschaftssysteme sind Glaubenssysteme und im Glauben fundiert“ (S.128) oder Wissenschaft gründe im Mythos. Tatsächlich entstand das wissenschaftliche Denken im antiken Griechenland gerade aus der Abgrenzung der Sphären von Mythos und Logos und gründet auf der Suche nach belegbarer Wahrheit anstelle des Glaubens an Tradition und Überlieferung. Wer diese Differenz ignoriert, gibt den Wahrheitsbegriff selbst preis. Gloy behauptet, verschiedene Kulturen hätten „verschiedene logische Systeme“ hervorgebracht, die „intern kohärent und konsistent“ seien, aber keine universelle Überprüfbarkeit oder Gültigkeit reklamieren könnten „Die Gültigkeit ist lediglich eine interne, nicht eine externe.“ (S.121)
Gibt es wirklich verschiedene Logiken? Gilt also beispielsweise der Satz vom ausgeschlossenen Dritten nur für die antike und westliche Kultur? Wer das behauptet, der sollte erklären, warum in China oder Indien eine Aussage zugleich wahr und falsch sein kann, ein Mensch zum Beispiel zugleich leben und nicht leben, ein Fenster zugleich offen und geschlossen sein kann. Ich halte es für durchaus falsch, von so etwas wie einer „Buddhistischen Logik“ zu sprechen (wohlwissend, dass der bekannte russische Indologe und Buddhismusforscher Th. Stcharbatsky ein großes zweibändiges Werk darüber verfasst hat). Nun könnte man einwenden, dass es sich dabei um eine Logik höherer Bewusstseinszustände handele, also um eine irgendwo in der Nähe „absoluter Wahrheit“ angesiedelte, dem ist aber entgegenzuhalten, dass solche nur von Erleuchteten erfahren wird oder in Zuständen, die sprachlicher Artikulation kaum zugänglich sind. Logik im traditionellen Sinne kann sich jedoch nur auf Sinnesdaten und Sinneszeugnisse beziehen, die jedem „Weltmenschen“ zverfügbar und frei von religiösen Erfahrungen oder politischen Präferenzen sind. Ansonsten wäre sie außerhalb jedweder Beweisführung. Daher ist eine „buddhistische Logik“ ein ebensolches Unding wie eine „sozialistische Logik“. Entsprechende Versuche in der Sowjetunion und der DDR eine solche zu etablieren sind allesamt gescheitert.
Karen Gloys Ansichten laufen auf eine Partikularisierung der Vernunft und eine Relativierung des Wahrheitsbegriffs hinaus. Sie erinnern stark an den Wissenschaftskritiker Paul Feyerabend, der in den 1970er Jahren mit seinem „Anything goes“, zwar aus einer anderen Perspektive, aber mit gleicher Konsequenz gegen den Absolutheitsanspruch der westlichen Wissenschaft wetterte, sie auf irrationale Ursprünge zurückführen wollte und im Rationalismus eine Einschränkung der freien Entfaltung des Menschen sah. Was damals noch rebellisch anmutete, weil es mit einem so radikalen Habitus daherkam, der scheinbar alte Gewissheiten wortgewaltig in Frage stellte, ist heute eine echte Bedrohung für den gesellschaftlichen Diskurs. Feyerabend konnte sich offensichtlich nicht vorstellen, was es praktisch heißt, wenn plötzlich auch „alternative Fakten“ gelten sollen, vom Internet und seinen Manipulationsmöglichkeiten und überhaupt einer Idee „gefühlter Wahrheit“ ganz zu schweigen.
Bei Gloys „Formen der Machtausübung“ zeigt sich der Relativismus im Hinblick auf wahrheitsfähige Aussagen auch darin, dass sie in diesem Buch an zig Stellen ihre persönlichen Ansichten zu Themen wie Migration oder Demokratie präsentiert, die sich aber notwendigerweise gar nicht aus ihrem philosophischen Ansatz ergeben, sondern als krypto-normative Behauptungen eingeschleust werden. So beispielsweise, wenn sie erklärt, die „Errungenschaften der Demokratie“ tendierten zur „Nivellierung aller natürlichen Unterschiede“ und führten zu „Auflösungserscheinungen“ und „Chaos“ (S.66). Daher seien „Führung“ und (verordnete?) „Selbstbeschränkung“ vonnöten. Auch aus ihrer Abneigung gegenüber basisdemokratischen Formen zivilgesellschaftlicher Artikulation macht sie keinen Hehl: ziviler Ungehorsam beruhe auf „Eigensinn und Eigennutz“ und Öko- und Klimaaktivisten übten „terroristische Formen“ des Protests aus. (S.67). In heutigen Migrationsbewegungen sieht sie „verkappte Herrschaftsansprüche“ und einen „Aufwärtstrend der Unterlegenen“, (S.49 f.), so als seien etwa Tausende verzweifelter Menschen, die dieser Tage in Ceuta versuchen, dem Elend und der Armut ihres Heimatlandes zu entkommen, allesamt Piraten oder aggressive Eroberer.
Die Vorstellung von „Sprachgefängnissen“, denen man nicht entfliehen könne, wird auch durch die seit Jahrhunderten geübte Praxis interkultureller Kommunikation zu Fragen von Religion und Philosophie praktisch widerlegt. Chinesen lesen und verstehen Hegel und Kant, Wittgenstein und die postmodernen Denker, während westliche Menschen sich die Lehren von Buddha, Laozi und Konfuzius erschließen, auch ohne in einer asiatischen Kultur aufgewachsen und von ihr geprägt worden zu sein. Heute geht es im Diskurs zwischen östlichem und westlichem Denken kaum noch um die „großen Fragen“ von Seele und Schöpfergott. Das wurde im Wesentlichen in den zentralen Aspekten schon alles durchdekliniert. Im Mittelpunkt stehen vielmehr Einzelfragen, z.B. nach den Konzepten von Zeit und Ewigkeit, die Definition von Geist und Bewusstsein, die Implikationen des Freiheitsbegriffs, verbunden mit der Vorstellung eines freien Willens oder kritische Deutungen der Karmalehre. Wobei ich finde, dass heute die interessantesten Beiträge dazu eher von Wissenschaftler als von praktizierenden Buddhisten kommen.