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Beiträge von Guenter

  • Buddhistische und westliche Philosophie im Vergleich

    • Guenter
    • 21. August 2026 um 19:36
    GermanViking:

    Das ist die Frage nach zwei grundverschiedenen Wissensarchitekturen, die man in praktisch jedem menschlichen Ideensystem wiederfindet, religiös oder nicht.


    Ein System, das seine Wahrheit aus einer autoritativen Quelle bezieht, hat eine bestimmte epistemische Eigenschaft: Die Wahrheit steht vor der Erfahrung fest und wird durch Erfahrung bestenfalls illustriert, nie widerlegt. In erfahrungsbasierten ex-post-Systemen kommt die Aussage über die Welt nach und aus der Erfahrung, nicht davor. Das ist strukturell näher an dem, was man in der Wissenschaftstheorie induktives bzw. abduktives Vorgehen nennt. Man beobachtet etwas und leitet daraus ein Modell ab, das im Prinzip revidierbar bleibt, wenn neue Erfahrung dem widerspricht.


    Diese Zweiteilung ist nicht auf Religion beschränkt. Man findet sie in der Wissenschaftsgeschichte (Dogma vs. Paradigmenwechsel bei Kuhn), in politischen Ideologien (heilige Gründungstexte wie das Kommunistische Manifest vs. pragmatisch-revidierbare Politik), sogar im Alltagsdenken einzelner Menschen (manche halten an einer einmal gefassten Überzeugung über sich selbst fest, egal, was passiert; andere aktualisieren ihr Selbstbild laufend anhand neuer Erfahrung).


    Es ist im Grunde eine Frage des Verhältnisses zwischen der Autorität der Quelle und der Autorität der Erfahrung und die meisten realen Systeme, auch der Buddhismus, sind in der Praxis eine Mischung aus beidem, nicht rein das eine oder andere (dafür steht ja gerade AndreasMs und meine vorherige Diskussion zu den kanonischen Spannungen).

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    Ich kann diese Darstellung von „zwei grundverschiedenen Wissensarchitekturen“, unterschieden nach „Autorität der Quelle und Autorität der Erfahrung“ nicht so richtig nachvollziehen. Im westlichen Denken wird üblicherweise zwischen dem Wissen vor aller Erfahrung (a apriori) und empirischem Wissen unterschieden, das auf Erfahrung basiert und daher ex-post generiert wird. Beispiele für ersteres sind mathematische Aussagen oder logische Bestimmungen, dazu zählen Aussagen von der Art: „Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch, also ist auch Sokrates sterblich.“ Die Sterblichkeit ist eine Eigenschaft seines Menschseins und wir brauchen daher nicht zu warten, ob auch der einzelne Mensch Sokrates beobachtbar altern und sterben wird. Beispiele für empirisches Wissen sind hingegen alle Aussagen, die aus Beobachtungen oder Experimenten generiert wurden, z.B. dass Wasser bei einem bestimmten Sauerstoffgehalt der Luft bei 100 Grad Celsius siedet.

    Die Frage der Autorität des Wissens stellt sich auf einer ganz anderen Ebene. Dabei geht es um die Frage der Geltung von Aussagen, z.B. im Hinblick auf ihre Verallgemeinerbarkeit. Wissenschaftliche Aussagen, egal ob a apriori oder a posteriori geniert, gewinnen Geltung, wenn sie so formuliert sind, dass sie entweder bewiesen wurden oder mit von Fachwissenschaftlern anerkannten, methodisch nachvollziehbaren Verfahren bisher nicht widerlegt werden konnten. Es geht also allein um den Forschungsgegenstand und die Methoden, nicht um den Status der Wissenschaftler oder irgendwelche Traditionen, sondern nur um das, was allgemein konsensfähig ist.

    Bei Religionen ist das anders. Hier fungiert als höchste Autorität entweder eine außerweltliche Offenbarungsquelle (z.B. im Islam oder im Christentum), oder es wird allgemein auf die Geltung von Tradition und Überlieferung verwiesen (z.B. im Begriff des Dharma als einer Gesellschaft und Natur umgreifenden kosmischen Gesetzmäßigkeit), oder es wird auf durch Innenschau gewonnene Erkenntnisse Bezug genommen (Introspektion, Intuition). Alle drei Arten haben gemeinsam (man könnte auch noch weitere aufzählen wie Analogiebildungen mit Prozessen in der Natur, etwa im Daoismus), dass sie keine allgemeine Geltung besitzen. Sie gelten nur für die Gemeinschaften derjenigen Menschen, die sich zu diesen Glaubenssystemen bekennen. Natürlich werden sich religiöse Menschen auf die Authentizität ihrer persönlichen Erfahrung berufen, aber sie gewinnen und gestalten diese in einem Kontext speziellen Konsenses, der nicht von allen vernunftbegabten Wesen geteilt wird. Daher halte ich es für ein ziemlich aussichtsloses (und auch schädliches) Unterfangen, die Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion einreißen zu wollen.

Ausgabe №. 136: „Liebe & Loslassen"

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