Lieber Karma Hausmeister,
Es bleibt doch dabei, dass nichts strafrechtlich Relevantes vorlag. Wenn Lama Ole Interesse an ihr hatte und sie nein gesagt hat, dann ist doch alles wie im ganz normalen Leben.
Sharmapa hat einmal bei einer Vortragsreihe zu uns gesagt, wenn ein Lama zu uns kommt und sagt, er wolle Sex mit uns haben, um uns zu erleuchten, dann sollten wir fragen: Warum sagst du nicht einfach, du magst mich. Als ich noch jung und knackig war, ist mir das in Nepal mehrfach passiert. Nur die Lamas waren Mönche. Ich habe einfach Nein gesagt und gut. Darüber schreibe ich doch keinen Blog. Sowas ist für mich kein Grund einen Menschen bloß zu stellen. Das ist doch etwas ganz anderes als Epstein und Co
Liebe Iris, dieses Argument habe ich schon oft gehört, sogar noch weitergehend: Solange der Täter nicht rechtskräftig verurteilt ist, handelt es sich nicht um Missbrauch. Da hast Du die (Fach-)Diskussionen mindestens der letzen 10 Jahre, um die Frage was ist Missbrauch bzw. wo fängt Missbrauch an, verpasst oder Du ignorierst sie.
Missbrauch beginnt in spirituellen Gruppen nicht erst dort, wo Strafrecht greift. Strafrecht markiert nur die äußerste Grenze. Missbrauch beginnt, wenn die Macht einflussreicher Personen in einer Gruppe nicht zum Schutz und zur Reifung der Menschen eingesetzt wird, sondern zur Kontrolle, Beschämung, Abhängigkeit oder Bedürfnisbefriedigung der Autoritätsperson.
Das kann lange vor strafbaren Handlungen geschehen: durch emotionale Vereinnahmung, sexualisierte Grenzverschiebungen, Druck zur Offenlegung intimer Informationen, Isolation von Kritikern, Unterdrückung von Kritik, Loyalitätstests, finanzielle Ausbeutung, spirituelle Drohungen oder die Umdeutung berechtigter Zweifel als mangelnde Praxis. Auch wenn Betroffene formal zugestimmt haben, kann diese Zustimmung unter asymmetrischen Machtverhältnissen fragwürdig sein.
Entscheidend ist daher nicht nur die Frage: „War es strafbar?“ Sondern: "Wurde Vertrauen ausgenutzt? Wurden Grenzen verschoben? Wurde Kritik entwertet? Wurde Abhängigkeit erzeugt? Wurde spirituelle Sprache benutzt, um Verantwortung zu vermeiden?"
Ich sehe bei Dir eine typische Täter-Opfer-Umkehr. Nicht der Lama ist schuld, weil er mit einem inakzeptablen Sex-Angebot auf eine Schülerin zugeht, sondern die Schülerin, die sich erdreistet, darüber in einem Blog zu berichten.
Lama Ole Nydahl Position zum Islam habe ich als durchgängig und offen kommuniziert erlebt. Er hielt den Islam für eine reaktionäre Religion, die für eine Änderung in Richtung Moderne nicht offen ist. Er hat vor dem Islam als System der Unterdrückung gewarnt. Dabei waren seine Äußerungen meist undifferenziert. Nur wenn es um konkrete Beispiele ging, bei denen muslimische Menschen vor der Unterdrückung durch den Islam Schutz suchten oder im Widerstand gegen islamistische Terrorregieme waren, hat er seine Zuwendung ausgesprochen.
Ja, offen kommuniziert hat er seinen Rassismus allemal. Und es war nachweislich Rassismus. Denn er hielt Menschen aus anderen Teilen der Welt für genetisch minderwertig. Vergleiche dazu Zitat 21 in der "Zitatesammlung – Nydahl und der Islam":
https://www.frank-hendrik-hortz.de/uploads/1/1/7/8/117808189/zitatesammlung_19-02-01.pdf
Und das ganze hatte Folgen: Wir berichteten in der Ursache\Wirkung von dem Fall eines jungen Syrers, der aus der Sufi-Tradition kam und nach Möglichkeiten suchte, mit anderen zu meditieren. Er besuchte eine Diamantweg Sangha. Er sagte, dass man ihn da ganz komisch angesehen habe und dann kam eine Frau auf ihn zu, fragte ihn, ob er Muslim sei und als er das bejahte, bat sie ihn, doch bitte zu gehen, denn mit Muslims wolle man nichts zu tun haben.
Noch ein abschließendes Wort zu den vielen Menschen, die Nydahl zum Buddhismus gebracht habe. Zunächst muss man feststellen, dass viele, viele Menschen durch Nydahl für immer für den Buddhismus verloren sind, weil sie mit ihm und der Sangha schlechte Erfahrungen gemacht haben. Dann, dass Nydahl durch seine Sex-Eskapaden und seinen Rassismus dem Buddhismus als ganzes großen Schaden zugefügt hat.
Diejenigen, die heute noch im – durch Nydahl missioniert – Teil des Diamantweg sind, befinden sich in sektiererischen Strukturen. Es gibt an verschiedenen Stellen, von Experten ausgearbeitete Kriterienkataloge zu Beurteilung ob eine Gruppe als Sekte einzustufen ist. Die meisten dieser Kriterien treffen auf den Diamantweg zu.
Zuletzt seien die genannt, die bei Nydahl ihren Anfang nahmen, sich dann aber abwandten und in anderen Gruppen oder Traditionen weitermachten und die ich als ernsthafte Praktizierende erlebe. Wenn ich diese Ernsthaftigkeit betrachte, bin ich mir fast sicher, dass sie ihren buddhistischen Weg auch ohne Nydahl gefunden hätten. Es ist hier nicht Nydahsl verdienst, dass die Menschen Buddhisten sind, sondern der Verdienst dieser Menschen selbst. Viele sind trotz Nydahl Buddhisten, nicht wegen ihm.
Nydahls "Leistungen" für den Buddhismus im Westen wird masslos übertrieben – gerade von seinen Anhängern. Und er wird falsch erzählt, um Nydahl zu überhöhen. Ich sehe bei vielen seinen Anhängern eine toxische Hingabe an Nydahl, die die Probleme ausblendet und rechtfertigt.