Manchmal habe ich den Eindruck, im Buddhismus müsse man erst eine kleine akademische Nebenlaufbahn absolvieren, bevor man überhaupt als ernsthaft Praktizierender durchgeht.
Pāli-Begriffe, Sanskrit, Madhyamaka, Yogācāra, Abhidhamma, die richtige Übersetzung irgendeines Sutras – und natürlich darf die eigene Meinung niemals einfach nur eine Meinung sein. Sie muss mindestens auf drei Kommentaren, zwei Fußnoten und einem tibetischen Fachbegriff ruhen.
Der intellektuelle Buddhist weiß sehr genau, was Śūnyatā bedeutet. Ob er allerdings beim nächsten Streit mit dem Nachbarn noch weiß, was Nicht-Anhaften bedeutet, ist eine andere Frage.
Dabei ist Wissen selbstverständlich nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Den Dhamma gründlich zu studieren kann unglaublich wertvoll sein. Problematisch wird es erst, wenn das Wissen selbst zum Ego-Projekt wird.
Dann wird aus „Ich studiere den Buddhismus“ irgendwann:
„Ich weiß mehr über Buddhismus als du.“
Und plötzlich ist man wieder mitten in genau dem Problem, über das man gerade drei Stunden lang philosophisch gesprochen hat.
Vielleicht muss ein Buddhist deshalb nicht unbedingt intellektuell sein.
Vielleicht muss er aufmerksam sein.
Vielleicht muss er ehrlich mit sich selbst sein.
Und vielleicht zeigt sich buddhistische Praxis am Ende weniger daran, wie viele Begriffe man erklären kann, sondern daran, was passiert, wenn einem jemand widerspricht, beleidigt oder einfach nur gehörig auf die Nerven geht.
Denn da wird es interessant.
Nicht im Seminar.
Im wirklichen Leben.