Es gibt unterschiedliche Ansichten und Praktiken innerhalb des Theravada. Manche Orden zählen den Abhidhamma zum Palikanon und manche nicht, ebenso ist es mit dem Milindapanha. Manche lassen nicht alles im Visuddhi Magga gelten, manche schon. In manchen Orden werden bestimmte Meister als Arahats angesehen, andere meinen, in diesem Zeitalter gäbe es niemand, der auch nur Sotapanna erreicht hätte. Manche legen größten Wert auf das Studium der Schriften, bei anderen geht es nur um die Praxis. Es gibt verschiedene Auslegungen bestimmter Lehrreden und Ordensregeln und keine zwei Meister lehren genau dasselbe. Einerseits ist das so, weil die Lehre vielfältige Ansätze bietet und andererseits, weil der Begründer vor über 2500 Jahren gestorben ist.
Im Laienstand ist die individuelle Freiheit in den Ansichten und Praktiken noch größer. Es gibt keinen Papst, der verbindliche Dogmen für die ganze Theravada-Welt festlegt, nur allgemein akzeptierte Richtlinien. Z.B. muss man sich ehrlich bemühen Sittenregeln einzuhalten, etwa kein Terrorist, Bankräuber, Betrüger oder Alkoholiker zu sein. Oder wenn man verkündet, dass wir von Brahma geschaffen wurden und als ewige Personen in sein Himmelreich zurückkehren wollen, wird das nicht als Theravada-Lehre akzeptiert, aber man landet nicht im Folterkeller der Inquisition. Oder wenn man behauptet, der Buddha habe gelehrt, Nibbana wäre ein Nichts, das alle Wesen nach ihrem Tod erreichen, werden sich Theravada-Anhänger nur von dieser Ansicht distanzieren.
Es ist jedem selbst überlassen, wie tief er in die Lehre eindringen will und welche Bedeutung sie in seinem Leben hat. Man wird immer im Palikanon, den Kommentaren oder bei zeitgenössischen Lehrern etwas finden, das die eigene Sichtweise bestätigt oder weiterentwickelt.
Je nach Fähigkeit und Bemühung gelangt man zu Erkenntnissen und Leidbefreiung. Im Theravada ist die Lehre des Buddha so weit erhalten, dass sich sogar die höchste Wahrheit verwirklichen und die vollkommene Befreiung erreichen lässt, davon bin ich überzeugt.
