Ihr Lieben,
Eines meiner Lieblingssuttas ist das Sedaka Sutta (S.N. 47.19), dessen Kernaussagen sich m.E. im täglichen Leben als sehr hilfreich und heilsam bewähren:
ZitatAlles anzeigen
- Auf sich selber achtend, ihr Mönche, achtet man auf die anderen.
- Auf die anderen achtend, achtet man auf sich selber.
Und wie, ihr Mönche, achtet man, auf sich selber achtend, auf den anderen?
- Durch Pflege, durch Entfaltung, durch häufiges Tun.
So, ihr Mönche, achtet man, auf sich selber achtend, auf den anderen.
Und wie, ihr Mönche, achtet man, auf den anderen achtend, auf sich selber?
- Durch Geduld (khanti),
- durch Gewaltlosigkeit (avihiṃsā),
- durch Liebe (mettacitta),
- durch [An-]Teilnahme (anudaya).
So, ihr Mönche, achtet man, auf den anderen achtend, auf sich selber.
In einem Buch des buddhistischen Mönchs Ajahn Brahm ("Die Kuh, die weinte") gibt er Antwort auf 3 wichtige Fragen
(Basis dafür war wohl die Kurzgeschichte "Drei Fragen" von Leo Tolstoi - https://de.wikipedia.org/wiki/Drei_Fragen):
- Wann ist die wichtigste Zeit? - JETZT. -
- Wer ist der wichtigste Mensch? - Der, mit dem ich gerade zusammen bin, mein "NÄCHSTER". -
- Was ist die wichtigste Sache, die zu tun ist? - SICH KÜMMERN. -
Der Buddha ermahnte beispielsweise auch die Bhikkhus, sich gegenseitig zu unterstützen und ggf. kranke Mitbrüder zu pflegen:
ZitatAlles anzeigenMV.VIII.26 - 224. Gilānavatthukathā
"Gibt es, ihr Mönche, in diesem Kloster einen kranken Mönch?" - "Den gibt es, Erhabener." -
"Welche Krankheit, ihr Mönche, hat dieser Mönch?" - "Jenes Ehrwürdigen Krankheit, Verehrungswürdiger, ist die Ruhr." - "Gibt es, ihr Mönche, für jenen Mönch einen Pfleger?" - "Das gibt es nicht, Erhabener." -
"Warum pflegt (ihr) jenen Mönch nicht?" - "Dieser Mönch, Verehrungswürdiger, half den Mönchen nicht, daher pflegen (wir) jenen Mönch nicht." -
"Nicht habt ihr, Mönche, Mutter und Vater, die euch pflegen würden. Wenn ihr, ihr Mönche, euch nicht gegenseitig pflegt, wer sonst sollte euch pflegen?
So, wie man mich pflegen würde, so soll man Kranke pflegen. (3)
In unserer - christlich/katholisch geprägten - Familie wurde das Sich-Kümmern immer praktiziert und GROß geschrieben.
Und dennoch kam es nun, vor wenigen Tagen, zu einem schrecklichen Ereignis....
Es geht um die Schwester meiner Mutter (86 J.), die ca. 12 km von ihr entfernt, seit fast 20 Jahren alleine (verwitwet) in ihrer Wohnung lebte. Trotz ihrer 84 Jahre noch recht fit, aber - von Kindheit an - psychisch krank und dadurch im Umgang sehr "schwierig", was nach und nach zu einer völligen Isolierung von sozialen Kontakten führte (keine FreundInnen, kein Kontakt zu Nachbarn oder anderer Verwandtschaft - einzige gelegentliche Treffen: mit meinen Eltern - ich wohne zu weít entfernt-).
Vor 2 Jahren stürzte sie mal schwer und danach regte ich an, dass sie täglich 1 x bei meiner Mutter/ihrer Schwester anrufen (ohne Entgegennahme) und so ein "Lebenszeichen" von sich geben solle - dies wurde auch umgesetzt.
Im Frühling diesen Jahres blieb der Anruf 1 x aus und der Gegenanruf wurde nicht angenommen. Mein Bruder fuhr mit unserer Mutter nach 2 Tagen (vorher: "keine Zeit") zur Wohnung hin und es stellte sich heraus, dass nur der Router vom Telefon defekt gewesen war.
Vorletzten Dienstag kam wieder kein Anruf von E. und niemand hob beim Gegenanruf ab.
Meine Mutter hatte wenig Lust, "schon wieder" hinzufahren" und mutmaßte leichthin, ihre Schwester habe wohl "anderes zu tun"...
Einen Tag später erzählte sie mir am Telefon davon und LEIDER verzichtete ich diesmal darauf, sie nachdrücklich zu bitten, zur Wohnung ihrer Schwester zu fahren, notfalls halt mit dem Taxi...
Meine Mutter wartete letztlich ganze 6 Tage, bis mein Bruder, diesen Montag, endlich Zeit hatte, sie zur Wohnung ihrer Schwester zu chauffieren....
Keine Reaktion auf das Türklingeln, dann - bangen Herzens - Wohnungstür aufgeschlossen. Es empfing sie Chaos, verstreute Gegenstände, überall Blutflecken und im Schlafzimmer, vor dem Bett, lag meine Tante, unbekleidet, TOT.
Mein Bruder rief sofort Polizei und Notarzt, weil Blut geflossen war und ein Fremdverschulden nicht ausgeschlossen schien.
Der Notarzt/Polizeiarzt ging dann aber von einem "Schlaganfall" aus, Todeszeitpunkt ca. "vor 3 Tagen"....
Meine Mutter sprach vom "schrecklichsten Tag ihres Lebens", als sie mir am Telefon die grauenvolle Nachricht übermittelte (sie verschwieg allerdings noch einige Details!), ich weinte mit ihr und versuchte, zu trösten: "JETZT leidet sie nicht mehr...und sie war immerhin bis zuletzt selbstbestimmt in ihrer Wohnung..."
Die letzten Tage versuchte ich, einfach nur Abstand zu gewinnen, denn helfen/tun kann ich - u.a. aufgrund meiner Verletzungen nach einem Fahrradunfall vor einigen Wochen - derzeit nichts.
Meine Mutter will ohnehin auch nicht mehr von der "Sache" sprechen, sie setzte schon von jeher stets auf Verdrängen und Schönreden - so überlebte sie bisher sämtliche tragischen Ereignisse, (nach eigenem Bekunden) ohne seelisch dauerhaften Schaden zu nehmen.
Der Leichnam ihrer Schwester soll, sobald von der Polizei freigegeben, schnellstmöglich eingeäschert und im Familiengrab versenkt werden - ohne Trauerfeier, ohne Pfarrer....
ABSTAND/Distanz (zeitlich, räumlich, sozial)
- ändert nicht die Realität, beeinflusst aber Emotionen und Sicht-/Denkweisen
- macht (eigentlich) Unerträgliches erträglicher, verhindert u.U., dass man daran zerbricht
Der Buddha brauchte anscheinend auch immer wieder Abstand von der Sangha ( inkl. den "allzu menschlichen" Problemen, die eine größere Gemeinschaft fast zwangsläufig mit sich bringt) und seiner Lehrtätigkeit, es zog ihn in die Abgeschiedenheit der Wälder, wo es wohl wegen der reizarmen Umgebung auch leichter fällt, zu meditieren und die Jhanas zu erreichen.
Entscheidend ist, dass man aus äußerer und innerer Abgeschiedenheit wieder zurückkehrt... - und "sich kümmert".
Das habe ich mir auch vorgenommen...(wenn Schock, Trauer, Schuldgefühle etc. ...sich beruhigt haben).
Zitat"Wer nur meditiert, ohne sich um seine Mitmenschen zu kümmern, praktiziert nicht effektiv genug."
"Sich um die Interessen der Anderen zu kümmern, ist die beste Form der Eigenvorsorge." (Dalai Lama)
Wie bringt IHR den manchmal nötigen Abstand, Abgeschiedenheit und "Sich-Kümmern" zusammen?
Liebe Grüße, Anna-Lyse
