Alles anzeigenJa, zu recht wirst Du missverstanden. Zumal Du Dich "als weit darin siehst".
Nicht weinen bedeutet noch lange nicht Befreiung.
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, sind Schmerz und Tränen natürliche Reaktion.
Alles andere sind Programme und Vorstellungen.
Befreiung bedeutet wirklich zu SEIN.
Du wirfst mit letztlich deine eigene Vorstellung von authentischem Fühlen vor — und macht diese zur allgemein gültigen Wahrheit.Ich halte weder Weinen noch Nicht-Weinen für ein Zeichen von Befreiung. Beides sind nur Ausdrucksweisen, nichts weiter. Sie entstehen abhängig von vielen Bedingungen und sagen deshalb wenig über die Tiefe eines Menschen aus.
Wenn du sagst, Tränen seien „natürlich“ und alles andere seien „Programme“, dann ist das deine eigene Sichtweise, geprägt von deinem eigenen Hintergrund. Für mich ist das genauso eine Konditionierung wie jede andere Vorstellung darüber, wie Trauer angeblich auszusehen hat.
Ich unterdrücke nichts und spiele nichts. Wenn bei mir in schwierigen Momenten keine Tränen kommen, dann liegt das nicht daran, dass ich mich abschotte. Es liegt daran, dass die Emotionen sich bei mir anders bewegen – ruhiger, klarer, weniger stürmisch. Das ist keine Entscheidung, kein Ideal und keine Maske. Es ist einfach, wie es ist.
Im Chan sagt man:
„Wenn du siehst, dass die Wellen nur Wasser sind, verlieren sie ihre Macht.“
Das heißt nicht, dass man nichts mehr fühlt, sondern dass man nicht mehr von jedem inneren Auf und Ab umgerissen wird.
Ich behaupte ja nicht, „befreit“ zu sein, und ich habe auch kein Bedürfnis, mich so darzustellen. Aber ich beschäftige mich seit Jahren sehr direkt mit Vergänglichkeit, mit Verlust, mit dem eigenen Tod und dem Tod derer, die ich liebe. Meine Frau ist gestorben 1 1/2 Jahre nach Geburt unserer Tochter , elendig an einer aggressiven Krebsart. Das alles hat Spuren hinterlassen und Erkenntniss gebracht nicht als Härte, sondern als Klarheit.
Für manche wirkt das ungewohnt. Manche verwechseln Stille mit Kälte, Ruhe mit Distanz. Das ist in Ordnung. Jeder sieht aus seinem eigenen Fenster.
Aber ich lasse mir von niemandem sagen, wie Trauer „richtig“ auszusehen hat.
Wer meint, echte Trauer müsse laut und sichtbar sein, hängt ebenso an einem Bild wie jemand, der meint, ein spiritueller Mensch müsse immer ungerührt wirken.
Chan bedeutet für mich:
Nichts festhalten.
Nichts erzwingen.
Nicht anders sein wollen als man ist.
Klar sehen – egal, welche Form das Gefühl im Moment annimmt.