Die alten Chinesen hatten eine bildliche Beschreibung dafür. Sie nannten es "sich ins Gras fallen lassen". Aus Mitleid mit seinen Schülern lässt sich ein Zen-Meister ins Gras (Grasgestrüpp der Illusionen) fallen, indem er unterscheidendes Denken hervorbringt, um anderen Wesen den Weg zur Befreiung zu weisen. Die Befreiungslehre selbst liegt dann aber wieder nur genau hier, genau jetzt, in dem einzigen Geist, den du hast, im Augenblick vor dem Denken, der unmittelbar gegebenen Soheit, dem Unbedingten.
Ich finde es interessant - und exemplarisch - wie Du über Texte versuchst, die von Dir als nur scheinbar bezeichneten Widersprüche zu versöhnen.
Zunächst stimmst Du der Definition zu, ein Bodhisattva sei nur einer, der nicht in Selbst und Andere unterscheidet. Dann sprichst Du von "Mitleid mit den Schülern", was eine Unterscheidung voraussetzt. Diese Unterscheidung beendet also den Bodhisattva-Zustand des Meisters. Er handelt nun NICHT mehr als Bodhisattva, nach der von Dir selbst zitierten Stelle dieser Version des Diamantsutras. Würde er keine der falschen Vorstellungen hegen, könnte er auch kein Mitleid empfinden. Was auch immer er hier tut, das kann nicht "Handeln als Bodhisattva" sein, d. h. ich rede von etwas anderem, von jemandem, dem klar ist, dass da ein anderer ist, und der seine "Befreiung", also die Erfahrung des "Augenblicks vor dem Denken" oder des "einzigen Geistes", die er irgendwann einmal gemacht hat, nur noch als die Grundlage nimmt, auf die er den anderen hinweist, damit dieser auch diese Befreiung erleben möge.
Solange der Adept Befreiung im Sinne des Chan erfährt, als Erwachen, gibt es ja nichts zu tun. Darum meinte Dogen ja auch, Zazen sei Erwachen, weil es da auch nichts weiter zu tun gab, und die Welt schien in Ordnung. Um etwas zu tun, muss der Adept ein ganz gewöhnlicher Selbst und Anderer-Typ werden, d. h. er ist herausgefallen aus dem Erwachen, darum erzählt der Buddha des Palikanons danach auch so viel Unsinn (und auch der Buddha der Mahayana-Sutren). In meinem Verständnis wird er jedoch gerade dann erst zum Bodhisattva, wenn er den Buddha(Erwachten)-Thron verlässt, d. h. sich konkreten Alltagsproblemen (auch des anderen) stellt. Darum sind die bei Yongming genannten Beispiele (Straßenbau, Waisenversorgung etc.) nicht minder wichtig als dem anderen den spirituellen Weg zur Befreiung zu zeigen. Für diese Tätigkeiten ist es unabdingbar, dass man nicht nur so tut, als gäbe es den anderen, fühlende Wesen und eine Lebensspanne, sondern dass man davon zutiefst überzeugt ist und es ebenso "glaubt" wie das, was man als vor dem Denken entdeckt hat.