Vielen Dank, lieber Helmut , für deinen erhellenden Beitrag, der etwas Ordnung und Klarheit im Wirrwarr der Begriffe schafft.
Mit dem Begriff der Person grenzen wir uns als Menschen von den anderen Phänomen, die keine Menschen sind.
Eine sprachliche Abgrenzung - z.B. von Tieren - ....
Es geht somit bei dieser Bezeichnung nicht um ein festes, unveränderliches, unbedingtes Selbst, bzw. eine "Persönlichkeit".
Mit dem Begriff Individuum betonen wir die Person als Einzelwesen mit ihren besonderen Qualitäten und Tugenden
Da könnte man beim Buddha eben konstatieren, dass er eine Person (und entsprechend auch ein Individuum) mit außergewöhnlichen Veranlagungen, Begabungen und Tugenden war.
Jeder Mensch ist gleichzeitig eine Person als auch ein Individuum. Beide Begriffe betonen nur verschiedene Aspekte des Menschen und stehen nicht in irgendeinem Gegensatz zueinander.
So verstehe ich das auch.
Meines Erachtens ist es deshalb nicht angemessen,
den Begriff der Person Paramatthasacca und
den Begriff des Individuums Voharasacca zuzuordnen.
Ja, so eine trennende Zuordnung der beiden Begriffe macht auch in meinen Augen keinen Sinn.
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Lieber Igor07 ,
Ñāṇavīra verspottet regelrecht diese sogenannte absolute Ebene, denn sie existiert einfach nicht.
ich denke, man sollte vielleicht besser, wie es Helmut empfahl, von der "Wahrheit im höchsten Sinne" sprechen?
Woher "wusste" Bhikkhu Nanavira Thera, dass diese nicht existiert?
Bei Wikipedia las ich über Bhikkhu Nanavira Thera u.a. Folgendes:
ZitatAm 5. Juli 1965 beendete Nanavira Thera durch Suizid sein Leben. Vorher hatte er bereits mindestens einen Selbstmordversuch unternommen (1962).
Er war gerade mal 45 Jahre jung und als Begründung für den Suizid gab er in seinem Abschiedsbrief seine schlechte gesundheitliche Verfassung an...
ZitatFür Nanavira war ein Leben, welches keine Fortschritte im Dhamma mehr ermöglichte, wertlos.
Das klingt nicht nur nach hartem Urteil sich selbst gegenüber, sondern auch nach starker (ev. übermäßiger?) Anhaftung an seiner Art der Dharmapraxis - mutmaßlich u.a. sowohl bedingt durch depressive Gemütsverfassung, als auch durch sein starkes körperliches Leid.
Bei allem Mitgefühl und Respekt vor seiner überragenden Lebensleistung/seinen Verdiensten, widerstrebt es mir irgendwie, diesen Menschen (obwohl -nach eigenem Dafürhalten- ein "Sotapanna") als "Orientierungshilfe auf dem Pfad" zu sehen...![]()
Seine Ansichten und (Um-) Interpretationen vieler Suttas im Palikanon, die er in dem von dir empfohlenen Buch veröffentlichte, müssen davon ja nicht berührt sein - auch Arthur Schopenhauer verwies, bzgl. seiner "menschlichen Schwächen", darauf, dass man ihn an "seiner Philosophie, seinem Werk, messen" solle, nicht an seiner Person und seiner Lebensweise...
Werde also mal in die "Notizen zu Dhamma" reinlesen...
Zurück zum Thread-Thema:
1*. Der Buddha war der reale Mensch, so sehe ich das.
2*. Er hatte Fehler gemacht, und er konnte auch „betrübt“ sowie „angewidert“ werden.
(*Die Nummern sind eine Hinzufügung von mir, um gezielter auf die Aussagen eingehen zu können.)
1. Ein realer Mensch, der allerdings in der Lage war, sich selbst von "Befleckungen" und nachfolgenden Leiden zu befreien, ja.
2. "Fehler" liegen m.E. oft im Auge des (späteren) Betrachters und resultieren letztendlich häufig aus Ursachen, die nicht direkt mit dem Dhamma zu tun haben.
Die Frage, ob der Buddha als (erwachter, erleuchteter, befreiter) Mensch noch Emotionen wie "Betrübtsein", "Angewidertsein" hatte/erlebte, würde ich deshalb verneinen, weil es sich um aversive Emotionen (aus dem "Hass"-Bereich) handelt und der Buddha - per definitionem - von allen unheilsamen Geisteszuständen befreit war.
Es ist demnach nicht nur die Nicht-Identifikation, die jenes Aufhören leidhafter Geisteszustände bewirkt, sondern bestimmte Emotionen kommen nicht mehr auf, wenn ihre
Wurzeln abgeschnitten/entwurzelt wurden.
Die Kette von Kontakt-Gefühl-Begehren/Tanha-Ergreifen/Anhaften
ist beim Erwachten durchtrennt.
(Gefühle, also "angenehm", "unangenehm", "neutral",
treten - als Folge von Sinnesreizen - u.U. auf,
werden aber nicht mehr "weitergeführt" hin zu Begehren/Aversion, Festhalten,...)
Was allerdings weiterhin beim Buddha vorhanden war, sind heilsame Geisteszustände
(lieb. Güte/Metta, Mitgefühl/Karuna, Gleichmut/Upekkha, Achtsamkeit/Sati, Weisheit,..- diese natürlich ohne Identifizieren, Anhaftung, "Ich-Machen")
Nachfolgend einige Zitate aus dem Palikanon, welche diese Einschätzung m.M.n unterstützen:
ZitatAlles anzeigenA.VI.63 - Nibbedhika Sutta
....Was aber ist das Ergebnis der Gefühle?
Diese oder jene Art der Daseinsform, die man als ein Fühlender zum Entstehen bringt, sei es eine verdienstvolle, sei es eine schuldvolle.
Das, ihr Mönche, nennt man das Ergebnis der Gefühle. -
Was aber ist die Aufhebung der Gefühle? In der Aufhebung des Sinneneindrucks, ihr Mönche, besteht die Aufhebung der Gefühle. -
Dieser edle achtfache Pfad aber ist der zur Aufhebung der Gefühle führende Weg, nämlich: Rechte Erkenntnis . . .
Insofern nun, ihr Mönche, der edle Jünger solcherart die Gefühle erkennt, sowie ihre bedingte Entstehung, ihre Verschiedenartigkeit, ihr Ergebnis, ihre Aufhebung und den zu ihrer Aufhebung führenden Weg, insofern kennt er diesen durchdringenden Heiligen Wandel, die Aufhebung der Gefühle. Wurde also gesagt, daß man die Gefühle zu erkennen hat . . ., so wurde es eben deshalb gesagt.
ZitatAlles anzeigenS.12.23. Voraussetzung - 3. Upanisa Sutta
...2. "Bei dem Wissenden, behaupte ich, ihr Bhikkhus, bei dem Schauenden tritt die Vernichtung der weltlichen Einflüsse [63] ein, nicht bei dem Nichtwissenden, Nichtschauenden.
3. Was aber, ihr Bhikkhus, muß man wissen, was muß man schauen, damit Vernichtung der weltlichen Einflüsse eintritt? -
So ist Form, so der Form Ursprung, so der Form Untergang; so ist Empfindung usw. -; so ist Wahrnehmung usw. -; so sind die Gestaltungen usw. -; so ist Bewußtsein, so des Bewußtseins Ursprung, so des Bewußtseins Untergang.
Das, ihr Bhikkhus, muß man wissen, das muß man schauen, damit Vernichtung der weltlichen Einflüsse eintritt. ....
ZitatAlles anzeigenS.12.23. Voraussetzung - 3. Upanisa Sutta
...19. Welches ist aber, ihr Bhikkhus, für das Erfassen die Voraussetzung?
Der Durst, muß man hierauf erwidern.
Aber auch der Durst, behaupte ich, ihr Bhikkhus, hat seine Voraussetzung, ist nicht ohne Voraussetzung.
20. Welches ist aber, ihr Bhikkhus, für den Durst die Voraussetzung?
Die Empfindung, muß man hierauf erwidern.
Aber auch die Empfindung, behaupte ich, ihr Bhikkhus, hat ihre Voraussetzung, ist nicht ohne Voraussetzung.
21. Welches ist aber, ihr Bhikkhus, für die Empfindung die Voraussetzung?
Die Berührung, muß man hierauf erwidern. Aber auch die Berührung, behaupte ich, ihr Bhikkhus, hat ihre Voraussetzung, ist nicht ohne Voraussetzung.
......
ZitatAlles anzeigenS.36.6 Durch einen Pfeil - 6. Salla Sutta
....Gleichwie, ihr Mönche, wenn da ein Mann von einem Pfeil angeschossen würde, aber kein zweiter Pfeil würde nach ihm geschossen.
Dieser Mensch, ihr Mönche, wird also nur das Gefühl von e i n e m Pfeil empfinden.
Ebenso nun auch, ihr Mönche,
wenn der belehrte edle Jünger von einem Wehgefühl getroffen wird,
dann ist er nicht traurig, beklommen, jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend an die Brust, gerät nicht in Verwirrung:
Nur EIN Gefühl empfindet er, ein körperliches, kein gemüthaftes.
Ist er von einem Wehgefühl getroffen worden, da leistet er keinen Widerstand.
Dann wird in ihm, der dem Wehgefühl keinen Widerstand leistet, beim Wehgefühl kein Hang zum Widerstand angelegt.
Wird er nun von einem Wehgefühl getroffen, so genießt er nicht das Sinnenwohl. Und warum?
Es kennt ja der erfahrene edle Jünger, ihr Mönche, eine andere Entrinnung vor dem Wehgefühl als sinnliches Wohl.
Dann wird in ihm, der Sinnenwohl nicht genießt, kein Hang zum Reiz angelegt.
Er kennt ja der Wirklichkeit gemäß der Gefühle Aufgang und Untergang, Labsal, Elend und Entrinnung.
Und weil er der Gefühle Aufgang und Untergang, Labsal, Elend und Entrinnung der Wirklichkeit gemäß kennt, wird von ihm beim Weder-wehe-noch-wohl-Gefühl kein Hang zum Unwissen angelegt.
Fühlt er nun ein Wohlgefühl, so fühlt er es als Entfesselter;
fühlt er ein Wehgefühl, so fühlt er es als Entfesselter;
fühlt er ein Weder-weh-noch-wohl-Gefühl, so fühlt er es als Entfesselter.
Den nennt man, ihr Mönche, einen edlen Jünger:
Entfesselt ist er von Geburt, Altern und Sterben, von Trauer, Jammer, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung. Entfesselt ist er, sag' ich, vom Leiden.
Der Buddha wurde quasi von einem psychischen Pfeil getroffen, als er erleben musste, wie die Mönche von Kosambi sich stritten (siehe Zitat aus MN128 im Beitrag #35) . (der 1. Pfeil).
Er versuchte vergeblich
(ein Zeichen für seine menschliche "Ohnmacht" in diesem Moment!), den Streit zu schlichten und ging - nachdem er noch einige Verse zur Sache verkündet hatte - seiner Wege.
(KEIN 2. Pfeil)!
IMHO ohne Betrübnis, ohne Angewidertsein - diese Zuschreibung von Emotionen könnte von den Autoren des Palikanons möglicherweise (wenn es kein Übersetzungsfehler war) aus ihrer Empathie heraus oder ev. auch aus didaktischen Gründen erfolgt sein....?
Liebe Grüße, Anna
PS: Man beachte den Unterschied zwischen
Gefühlen (Vedana)
(angenehm, unangenehm, neutral) und
Emotionen (weiterentwickelte, komplexere Geisteszustände, die durch körperliche Reaktionen, Bewertungen, Erinnerungen, Vorstellungen z.B. Wut, Zorn, Eifersucht, ...etc. erzeugen) im Buddhismus!
PPS.: Sorry für den langen Beitrag....![]()
