Wann ist Zweifel ein Zeichen von Reife und wann ein Versteck – vielleicht um etwas zu kompensieren oder sich nicht einlassen zu müssen?
-
-
Wann ist Zweifel ein Zeichen von Reife und wann ein Versteck – vielleicht um etwas zu kompensieren oder sich nicht einlassen zu müssen
Angenommen man will im Garten einen Brunnen graben. Dann ist es wenig konstruktiv, wenn man immer nur einen Späten tief gräbt und dann überlegt dass es so anders besser wäre und dann dort neu anfängt. Dann hat man einen Garten voller kleiner Löcher aber keinen Brunnen. Alke dings gibt es ja auch richtige Hindernisse, wo es Sinn macht einen andere Stelle zu finden. Zweifel ist also etwas was man richtig dosieren muß. So dass man nicht zu viel variiert aber auch nicht zu wenig.
-
Zweifel und Zwist haben die selbe Wortwurzel wie zwei, also wohnt den Begriffen rein etymologisch ein gewisser dualismus inne.
Das würde ich dann aber nicht so eng sehen und dann doch zwischen Verzweiflung und Zweifel unterscheiden. Eine gesunde Skepsis schadet nicht, aber im Übermaß ist die Verzweiflung unheilsam.
Das Gegenstück (rein ethnologisch) ist die Einfalt. -
Der "lähmende Zweifel" gehört zu den 5 Hindernissen auf dem Weg zur Befreiung aus buddhistischer Sicht, neben Sinneslust, Übelwollen/Widerstand, Aufgeregtheit des Geistes/Gewissensunruhe und Trägheit/Mattheit des Geistes.
Der lähmende Zweifel, z.b. an sich selbst, an der Lehre,am Weg und an der Praxis, kann in Entscheidungsunfähigkeit und in spiritueller Stagnation münden.
Wenn der Zweifel es nicht schafft einen neuen Weg aufzuzeigen, sondern nur lähmt, würde ich ihn als unweise/unreif bezeichnen.
Wenn der Zweifel allerdings verhindert, unkritisch zu sein, sondern konstruktiv und aufmerksam Argumente abwägt und dabei hilft seiner eigenen Vernunft, Wahrhaftigkeit und spirituellen Entwicklung Rechnung zu tragen, würde ich ihn als weise/reif bezeichnen.
Der Zweifel gilt als eine anthropologische Voraussetzung,bzw.ein Antrieb, um Philosophie zu betreiben.
Als "Versteck" könnte Zweifel dienen,wenn man keine endgültige Entscheidungen im Leben treffen möchte, er könnte vielleicht dienlich sein, wenn man ein Charakter ist, der sich nicht festlegen möchte, misstrauisch ist oder sich immer alles offen halten möchte bzw. einfach allem im Leben ambivalent gegenüber steht.
Kompensieren im psychologischen Sinne vielleicht, dass man keine endgültigen Verantwortungen übernehmen möchte.
Edith: in der Philosophie gab es eine eigene Strömung, die des Skeptizismus, die letztlich zur Erkenntnis dienen sollte.
-
Wann ist Zweifel ein Zeichen von Reife und wann ein Versteck – vielleicht um etwas zu kompensieren oder sich nicht einlassen zu müssen?
Ich würde sagen, dass Zweifel dann von Reife zeugt, wenn er sich bei einem "Wissenden" meldet, der auf dem (buddhistischen/spirituellen) Weg bereits weiter fortgeschritten (und damit innerlich entschlossen und stabil) ist, d.h. Ängste und Unsicherheiten weitgehend ausgeräumt sind.
Entsprechend kann Zweifel bei Unsicheren, Ängstlichen, Schwankenden/Strauchelnden als Schutz ("Versteck") dienen, um vor (ev. befürchtet falschen!) Entscheidungen und damit Übernahme von Verantwortung zu schützen.
Eine gesunde Skepsis schadet nicht, aber im Übermaß ist die Verzweiflung unheilsam.
Ja, gesunde Skepsis und Überprüfung/"Auf-den-Zahn-fühlen" empfiehlt der Buddha u.a. im Kesamutti Sutta (Rede an die Kalamer); wenn Zweifel auftauchen und man alleine nicht weiterkommt, bleiben noch "Verständige", die beratend weiterhelfen können.
"VERzweiflung" würde ich auch vom Zweifel abgrenzen wollen, denn jene ist ein Zustand absoluter Hilf- und Hoffnungslosigkeit, während der Zweifel meist noch offen für (Auf-)Klärung und Veränderung bleibt....
Das Gegenstück (rein ethnologisch) ist die Einfalt.
Du meintest hier sicherlich "etymologisch"?
Heutzutage hat der Begriff "Einfalt" ja keine so positive Konnotation (früher bedeutete er auch Schlichtheit/Einfachheit, im Sinne von Aufrichtigkeit), wird eher mit dümmlicher Naivität und (geistiger) Beschränktheit gleichgesetzt.
Ich würde als Gegenteil von Zweifel die Gewissheit nennen wollen, wobei einem da dieser Ausspruch von B. Russell einfallen könnte:
Zitat»Es ist ein Jammer, daß die Dummköpfe so selbstsicher sind und die Klugen so voller Zweifel.«

Der "lähmende Zweifel" gehört zu den 5 Hindernissen auf dem Weg zur Befreiung aus buddhistischer Sicht,....
Ja, genau, ich kenne jedoch eher (von Ayya Khema) die Bezeichnung als "skeptischer Zweifel", der sich vor allem auf Zweifel am Lehrer/Buddha, dem Dharma und der Sangha, sowie auf die eigene Fähigkeit, den Weg gehen zu können, bezieht.
Hier kann er natürlich u.U. absolut hemmende und lähmende Auswirkungen auf die buddhist. Praxis, das Beschreiten des Edlen Achtfache Pfades, entfalten....
Liebe Grüße, Anna
(häufig zweifelnd...
)
-
Danke Anna Panna-Sati
Du bist sehr gründlich
Ich hatte auch erst "skeptischer Zweifel " von Ayya Khema da stehen, das schien mir dann aber iwie doppelt gemoppelt und deshalb habe ich es in "lähmenden Zweifel" umbenannt
Beide Formulierungen bedeuten aber in der Praxis, dass sie Hemmnisse darstellen, in Vertrauen und Verwirklichung des buddhistischen Weges und kann vielleicht so benannt werden
-
Guten Morgen Ihr Lieben
Zweifel ist nur noch in meiner Erinnerung spürbar, und zwar als Zeichen meiner Unwissenheit, meiner Angst vor Fehlern, meiner Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen.
Seit Jahren horche ich in mich hinein und handel entsprechend meinem Gefühl. Das hat mit Geduld und Vertrauen zu tun und mit der Gewissheit, dass ich nie wissen kann, was richtig oder falsch ist. Diese Unterscheidung habe ich im Laufe der Erfahrungen aufgegeben. Egal wie, es gibt kein falsch, denn die Geistesschulung geht immer weiter.
Da ich mich seit zig Jahren nach der Lehre ausrichte, ist der Weg ja klar, oder? Allerdings immer nur der nächste Schritt.
Und die Hirnforschung zeigt ja auch, dass es kein ICH gibt, dass sich entscheidet. Die Entscheidung ist vor der Wahrnehming bereits gefallen.
Und ich empfinde mein gesamtes Leben schon seit mindestens 30 Jahren als "geführtes Leben". Dafür bin ich sehr dankbar.
So What
-
Das hast du sehr gut und nachvollziehbar dargestellt Monikamarie ,und der neurowissenschaftliche Aspekt den du hier erwähnst :
Alles anzeigenUnd die Hirnforschung zeigt ja auch, dass es kein ICH gibt, dass sich entscheidet. Die Entscheidung ist vor der Wahrnehming bereits gefallen.
Und ich empfinde mein gesamtes Leben schon seit mindestens 30 Jahren als "geführtes Leben". Dafür bin ich sehr dankbar.
So What
ist ebenfalls sehr interessant und mehrdimensional, weil es dem Zweifel sehr viel Grundlage entzieht, indem er das "ICH" und den freien Willen berechtigt infrage stellt und der Mensch somit die Vorzüge (keine Schuldgefühle z.b.) des " geführten Lebens" genießen kann und sich Schritt für Schritt auf die heilsamen Aspekte der Geistesschulung konzentrieren kann.
Sehr schön, Danke