Die Frage kommt immer mal wieder auf: Was soll Erleuchtung/Erwachen/satori sein, gibt es das überhaupt und wurde es vielleicht im Laufe der Chan-Geschichte nur erfunden, um irgendwelche Machtpositionen zu zementieren?
Steven Heine hat in Bezug auf Dogen analysiert, welche Rolle das Zusammenwirken mit den Mächtigen, um nicht zu sagen das Anbiedern, bei der Errichtung von (Haupt-)Tempeln spielen kann. Die Sotoshu legt Wert darauf, dass es eine schriftliche Bestätigung von Dogens Erwachen aus China gibt. Brad Warner hat sein Erwachen geschildert, Muho - in der gleichen Tradition - legt Wert darauf, dass es das nicht gäbe. Es gibt jedoch auch Zen-Lehrer, die einen zum Erwachen bringen wollen, selbst wenn sie gleichzeitig vor falschen Vorstellungen darüber warnen, besonders in der Rinzai-Tradition.
Ich habe das Thema hier eingestellt, weil es im Palikanon ja offensichtlich ist, dass der Buddha erwachen musste, um als solcher zu gelten. Die Frage, ob im Chan/Zen, das sich von vielen herkömmlichen Lehren des alten Buddhismus zu verabschieden bereit ist, eines Erwachens bedarf, kann natürlich mit Hinweis auf Bodhidharma, Shenhui, die entsprechenden Koan, leicht bejaht werden.
Jemand brachte jedoch den Gedanken auf, dass die Bodhisattva-Praxis als Ideal zeige, dass es dem Zen-Übenden nicht um den Eingang ins Nirwana ginge, sondern (meine Worte:) um fortlaufendes "Gutes Tun". Ein entsprechendes Gelübde besteht auch. Gleichzeitig wird eine Einheit von Nirwana und Samsara behauptet, so dass sich der Bodhisattva offenbar im Nirwana wähnen kann, ohne - wie der "klassische" Buddha - überhaupt dafür sterben zu müssen. Zudem gilt der Laie Vimalakirti z.B. als erleuchteter Laie, d. h. der Bodhisattva ist hier ein bereits Erwachter. Doch muss er erwacht sein, bevor er den Bodhisattva-Weg geht? Wenn dieser vornehmlich aus diesem "Gutes Tun" besteht, doch wohl nicht.
Wozu bedarf es also des Erwachens als Unterscheidungsmerkmal, wenn man nicht - um es zuzuspitzen - im Zen Karriere machen will als Dharma-Nachfolger etc.?
Ich hatte dazu mit jemandem Austauch und es fielen ein paar Namen. Meine Ansicht ist die, dass weder der Buddha des Palikanons noch moderne Vertreter wie Brad Warner überhaupt erwacht sind/waren. Im ersten Fall scheint das besonders ketzerisch zu sein, doch ich lese das oben Eingeführte so, dass ein Kennzeichen des Erwachens der Verzichts aufs endgültige Nirwana ist, für dessen Erreiche der "klassische" Buddha ja gerade hoch angesehen wird. Ich denke also, dass Zen im Grunde ein höheres Ideal mit dem Bodhisattva geschaffen hat (ähnlich dem Altruismus Jesu im Neuen Testament vs. mosaischer Ethik).
Für das Erwachen gibt es m. E. jedoch Unterscheidungsmerkmale, die dann auch klarmachen, weshalb es von Bedeutung sein kann. Im Falle von Buddha und Brad Warner schrieb ich, dass sie weiter im Samsara waren (also Nirwana im Samsara nicht verwirklichten), was sich an ihrer offensichtlichen Unfreiheit von Lehr-Dogmen zeigte, die sie entweder sogar selbst aufstellten (Buddha) oder aber von anderen übernahmen (Dogen). Ein wesentliches Kriterium von Erwachen ist jedoch Befreiung. Es ist also denkbar, Gutes zu tun ohne Befreiung, es ist aber m.E. nicht denkbar, erwacht zu sein ohne deutlich sichtbare Befreiung.
Vielleicht können nun diejenigen, die in Sanghas praktizieren, beschreiben, wie dort auf Erwachen hingearbeitet wird oder ob es dort eine Rolle spielt und wie es vom Lehrer festgestellt wird. Mein Fazit war: Es wird für einen selbst und die anderen einen entscheidenden qualitativen Unterschied machen, ob man den Weg erwacht geht oder nicht erwacht. In den Werken u.a. des Zen-praktizierenden Hirnforschers James H. Austin, die ich hier schon erwähnte, ist außerdem eine Hirnveränderung bei bestimmten Erlebnissen nachweisbar, die z.B. zu mehr Altruismus führen kann. Allerdings: Ich glaube nicht, dass man Zen benötigt, um solche, wie ich es lieber nenne, "Schlüsselerlebnisse" zu haben und entsprechend in der Folge zu handeln. Für mich ist Erleuchtung also keine Erfindung, sondern der Ausdruck für das, was von Anfang an (Bodhidharma) den Ausschlag gab, ob jemand "das Mark erlangt" hatte (auch wenn die Formulierung später entstanden sein mag).