So habe ich gehört. Einmal hielt sich der Erhabene bei Rājagaha im Bambushain, dem Eichhörnchen-Futterplatz, auf. Bei dieser Gelegenheit war ein Bhikkhu namens Gulissāni, ein Waldmönch mit losem Verhalten, zu Besuch gekommen, um sich wegen dieser oder jener Angelegenheit in der Sangha aufzuhalten. Der ehrwürdige Sāriputta richtete sich, auf den Bhikkhu Gulissāni bezugnehmend, folgendermaßen an die Bhikkhus:
„Freunde, wenn ein waldbewohnender Bhikkhu zur Sangha kommt und sich in der Sangha aufhält, sollte er respektvoll und ehrerbietig gegenüber seinen Gefährten im heiligen Leben sein. Wenn er respektlos und nicht ehrerbietig gegenüber seinen Gefährten im heiligen Leben ist, dann wird es jene geben, die von ihm sagen würden: ‚Was hat dieser ehrwürdige Waldmönch erreicht, dadurch daß er allein im Wald lebt, wo er sich benimmt, wie es ihm gefällt, da er respektlos und nicht ehrerbietig gegenüber seinen Gefährten im heiligen Leben ist?‘ Da es jene geben würde, die dies von ihm sagen würden, sollte ein waldbewohnender Bhikkhu, wenn er zur Sangha kommt und sich in der Sangha aufhält, respektvoll und ehrerbietig gegenüber seinen Gefährten im heiligen Leben sein.“
Ich versuche das ganze Sutta zu erklären, so wie ich es verstanden habe und es vielleicht mal in unseren Alltag zu integrieren.
Das Sutta spielt in Rājagaha. Ein Waldmönch namens Gulissāni kommt in die Gemeinschaft. Sein Verhalten ist locker. Sāriputta nimmt das zum Anlass, den Mönchen zu erklären, worauf es ankommt.
Die Kernfrage lautet: Reicht es, allein im Wald zu leben? Nein. Äußere Askese allein macht niemanden frei. Es zeigt sich erst im Umgang mit anderen, ob die Praxis echt ist.
Sāriputta sagt:
Ein Waldmönch, der in die Gemeinschaft kommt, soll respektvoll sein gegenüber den Mitpraktizierenden. Tut er das nicht, werden die Leute sagen: Was hat dieser Waldmönch erreicht? Er lebt allein im Wald und benimmt sich, wie es ihm gefällt.
Er soll sich richtig hinsetzen. Ältere nicht bedrängen. Jüngeren nicht den Platz verweigern.
Er soll nicht zu früh ins Dorf gehen und nicht zu spät zurückkommen.
Er soll nicht vor dem Essen oder nach dem Essen Familien besuchen.
Er soll nicht rastlos sein. Nicht tratschen. Nicht sinnlos reden. Nicht hart reden. Nicht spalten.
Er soll die Sinne hüten. Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper, Geist.
Er soll maßvoll essen.
Er soll wach sein. Nicht faul.
Er soll achtsam sein und klar wissen, was er tut.
Wenn er das tut, wird er nicht getadelt. Wenn er das nicht tut, sagen die Leute: Was hat ihm der Wald gebracht?
Der Punkt ist, die Praxis ist kein Image. Praxis zeigt sich im Alltag. Wer wirklich geschaut hat, hängt nicht an Besonderheit. Er muss nicht beweisen. Er sitzt einfach richtig. Er redet einfach richtig. Er isst einfach richtig. Das kommt nicht aus Zwang. Es kommt aus Klarheit. Gier, Hass und Verblendung werden dünner. Dann fällt der Drang weg, sich über andere zu stellen.
Ein Vergleich mit dem Alltag heute:
Respekt: Im Meeting, in der Familie, im Supermarkt. Nicht den Ton angeben. Nicht die anderen übersehen. Einfach zuhören. Da sein.
Sitzordnung: Nicht den besten Platz nehmen. Nicht die Jüngeren wegdrängen. Nicht die Älteren bedrängen. In der Gruppe den eigenen Raum richtig dosieren.
Almosengang: Nicht zu früh losgehen. Nicht zu spät zurückkommen. Im Job: nicht ständig verschwinden. Nicht immer zu spät kommen. Pausen richtig nutzen.
Familienbesuche: Nicht bei Freunden ein- und ausgehen. Nicht anhänglich werden. Nicht ständig bei anderen sein, um Bestätigung zu holen. Heute: nicht jede Nacht bei jemandem hängen. Nicht jede Beziehung aus Gier pflegen.
Rastlosigkeit: Nicht tratschen. Nicht lästern. Nicht in Gruppen spalten. Nicht ständig das Handy checken. Nicht jede Nachricht kommentieren. Nicht jede Debatte führen.
Sinne hüten: Nicht jedem Video nachgehen. Nicht jeder Meinung hinterherlaufen. Nicht jedes Bild anschauen. Nicht jeden Reiz aufnehmen.
Maßvoll essen: Nicht zu viel. Nicht zu wenig. Auch mit Medien, Konsum, Unterhaltung. Nicht bis zum Überlaufen.
Wach bleiben: Nicht bis spät scrollen. Früh aufstehen. Energie haben. Üben.
Achtsamkeit: Wissen, was man tut. Beim Gehen, beim Reden, beim Essen, beim Arbeiten.
Der Maßstab ist einfach. Macht deine Praxis dich leichter für andere? Weniger Reibung? Wenn nicht, dann schau ehrlich hin. Nicht verurteilen. Hinschauen. Dann wird das Verhalten von selbst einfacher. 🙏