„Vollendet wie sein Geist ist Tat und Wort des Muni!
Ihn, der vollkommen ist im Wissen und im Wandel,
mit Recht ja hast du ihn gelobt!“
Ich versuche das ganz Sutta zu erklären, so wie ich es verstanden habe:
Das Hemavata Sutta ist ein Zwiegespräch in der Nacht. Zwei Wesen, Sātāgira und Hemavata, gehen zum Erwachten. Sie wollen wissen, ob dieser Lehrer wirklich frei ist. Sie stellen keine Glaubensfragen. Sie prüfen. Frage um Frage legen sie vor. Und der Buddha antwortet.
Zuerst geht es um das Herz. Ist sein Geist wohlgesinnt zu allen Lebewesen? Bleibt er gelassen, wenn Angenehmes und Unangenehmes auftauchen? Sātāgira beantwortet es für sich: Ja, sein Herz ist wohlgesinnt, sein Denken ist bemeistert. Hier zeigt sich etwas, das für einen Menschen, der den Pfad betreten hat, keine Theorie mehr ist. Wohlwollen ohne Ausnahme ist keine Anstrengung. Es ist die natürliche Haltung. Die grobe Abneigung ist weggefallen. Was bleibt, ist eine offene, freundliche Zuwendung, die nicht zwischen Freund und Feind unterscheidet.
Dann kommen die Taten. Nimmt er, was nicht gegeben ist? Tut er Lebewesen etwas zuleide? Ist er lässig? Versäumt er die Schauung? Die Antwort: Er nimmt nicht, was nicht gegeben. Er ist rücksichtsvoll zu den Wesen. Von Lässigkeit hält er sich fern. Die Vertiefung lässt er nicht los. Das sind keine Gebote, die jemand einhalten muss. Das ist der Boden, auf dem so jemand steht. Die fünf Tugenden sind nicht eine Mauer, gegen die man kämpft. Sie sind der eigene Atem. Es ist möglich, das man irgendwan gar nicht anders kann, als sie zu achten. Nicht aus Zwang. Aus Klarheit.
Dann die Rede. Spricht er Lüge? Ist seine Rede barsch? Redet er verleumderisch? Schwätzt er? Nein. Er spricht kein Lügenwort. Seine Rede ist frei von Barschheit. Er verleumdet nicht. Als Weiser spricht er sinnvoll. Auch das ist kein Regelwerk. Es ist die Stimme eines Menschen, dessen Inneres ruhig geworden ist. Worte kommen aus dieser Ruhe. Sie verletzen nicht. Sie trennen nicht. Sie füllen keine Lücken mit Lärm.
Nun fragt Hemavata nach dem tieferen Grund. Ergötzt er sich an Lüsten? Bleibt sein Geist unerregt? Ist er dem Wähnen entgangen? Hat er klaren Blick für alle Dinge? Sātāgira antwortet: An Lüsten ist er nicht ergötzt. Unerregt ist ihm der Geist. Entgangen ist er allem Wahn. Erwacht, hat er klaren Blick. Hier wird es still im Text. Wer diese Worte hört und in sich selbst sieht, erkennt: Das ist kein fremdes Ideal. Das ist die eigene Wirklichkeit, wenn auch noch nicht in letzter Tiefe. Die grobe Lust am Sinnlichen ist möglicherweise durchschnitten. Der Geist wird nicht mehr von jedem Windstoß umgeworfen. Der Wahn von einem beständigen Ich kann sich lösen. Was dann bleibt, ist ein klares Sehen.
Die letzte Frage: Ist hohes Wissen ihm zu eigen? Ist sein Lebenswandel lauter? Sind die Triebe versiegt? Gibt es kein Wiedersein? Ja. Hohes Wissen ist ihm zu eigen. Lauter ist sein Wandel. All seine Triebe sind versiegt. Kein Wiedersein gibt es für ihn. Das ist die volle Befreiung. Der Strom ist überquert.
Und dann kommt der Satz, der alles zusammenfasst. Hemavata sagt: Vollendet wie sein Geist ist Tat und Wort des Muni. Ihn, der vollkommen ist im Wissen und im Wandel, mit Recht ja hast du ihn gelobt. Geist, Tat und Wort sind eins. Da ist keine Kluft mehr. Was innen ist, wird außen sichtbar, ohne Verzerrung.
Wenn jemand den ersten Schritt getan hat, ist dieses Sutta wohl kein Bericht über einen fernen Lehrer. Es ist eine Beschreibung des eigenen Weges, in seiner Richtung und in seinem Ziel. Die Fragen sind nicht die Fragen eines Außenstehenden. Es sind die Fragen, die derjenige selbst durchlebt hat, Stufe um Stufe. Und die Antworten sind keine Informationen, die man sammelt. Es sind Bestätigungen dessen, was man selbst zu schmecken begonnen hat. Das Vertrauen wird dasein, weil man gesehen hat. Die Tugend, weil das Grobe abgefallen ist. Die Sammlung, weil der Geist zur Ruhe gekommen ist. Und ein Stück Weisheit ist da, weil der Wahn dünner geworden ist.
Das Hemavata Sutta erzählt also nicht von einem fernen Buddha. Es erzählt von dem, was im eigenen Innern zu wachsen beginnt. Es ist eine Karte für den Weg, den man bereits geht. 🙏