Schlagt mich! đ€Ł
Wird es aber stiller im Leibe, so tut sich etwas auf, das der gewöhnliche Mensch sein Leben lang nicht kennt. Denn der Leib hat Vermögen, die der nie erreicht, der ohne Unterlass der nĂ€chsten Befriedigung nachjagt. Und diese Vermögen sind von seltsamer Art: Sie bestehen nicht in einem Tun, sondern in einem Aufhören. Alles andere am Leibe ist ein Wirken, ein Hervorbringen; diese aber sind ein Innehalten dessen, was er sonst unablĂ€ssig hervorbringt. Darum kann man sie auch nicht machen wollen, denn jedes Wollen wĂ€re ja schon wieder ein DrĂ€ngen, das die Glocke neu anstiesse. Man kann sie nicht erzwingen, nur zulassen. Sie treten ein, wo das Karma schweigt, und nur dort. Sie sind nicht der Lohn der MĂŒhe, sondern das, was ĂŒbrigbleibt, wenn das Hindernis weg ist. Zweierlei solches Aufhören kenne ich, und ich will von beiden reden, schlicht, wie es geschieht.
Das erste ist dies. Wenn das DrĂ€ngen weit genug zur Ruhe gekommen ist, kann der Leib einen Augenblick lang kein Ich mehr hervorbringen. Nicht weil man es niederzwĂ€nge, sondern weil kein Grund mehr da ist, es auszuschicken; es ist nichts zu greifen, nichts zu planen, nichts zu wollen, und so bleibt der Kundschafter, wo er ist. Dann ist da nur noch, was die Sinne tragen. Der Besen fĂ€hrt ĂŒber den Hof, ein Steinchen springt und schlĂ€gt an die Mauer, und dieser kleine helle Laut ist da, ganz und gar, und niemand ist da, der ihn hörte. Es ist nicht so, dass einer ihn hört; es ist nur der Laut, allein, vollstĂ€ndig, ohne einen davor und einen dahinter. In solchem Augenblick mag es sein, als wĂ€re da kein Getrenntes mehr, kein Ich und keine Welt, nur ein ungeteiltes Eins. Doch ĂŒber dies GefĂŒhl ist sich der Leib zu tĂ€uschen leicht: Auch das Einssein ist nur eine Wahrnehmung, die er hervorbringt, wenn die Grenze, die das Ich zieht, einmal nicht gezogen wird. Es ist kein Tor in eine andere Welt. Es ist der Leib, der einen Atemzug lang wahrnimmt, ohne sich dazu einen Wahrnehmenden zu erschaffen. Der Stein klickt. Mehr ist es nicht, und es ist alles.
Das zweite geht tiefer, und es ist schwerer zu sagen, weil von ihm eigentlich niemand reden kann. Es gibt einen Punkt, da hört nicht nur das Ich auf, sondern das Bewusstsein selbst. Wenn auch das letzte Wahrnehmen keinen Grund mehr hat, kein Klang, kein Lichtschein, nichts, das zu ordnen oder zu halten wĂ€re, dann bringt der Leib auch dies nicht mehr hervor. Er hört auf, bewusst zu sein. Es ist nicht Schlaf, denn im Schlaf trĂ€umt und regt sich noch vieles; es ist nĂ€her am Tode, und doch lebt der Leib, das Herz geht, die WĂ€rme bleibt, das MĂŒhlwerk dreht im Stillen seine RĂ€der. Nur ist niemand da. Kein Ich, kein Schauen, keine Zeit, nicht einmal Dunkelheit, denn auch die Dunkelheit mĂŒsste ja einer sehen. Das ist das Todlose, mit dem Leibe berĂŒhrt: nicht ein Jenseits, das man betrĂ€te, sondern das Aufhören selbst, an dem der Leib noch festhĂ€lt, ohne dass einer es innewird.
Und nun das Seltsamste, und es ist das, woran sich am Leibe mehr erweist als an allem andern. Aus diesem Nichts kehrt keiner von innen zurĂŒck. Es ist niemand drin, der sagen könnte: nun will ich wieder. Was zurĂŒckholt, kommt von aussen: ein Windhauch auf der Haut, ein GerĂ€usch, ein Vogel, der schreit. Etwas trifft den Leib, und der Leib antwortet, und mit der Antwort fĂ€hrt alles wieder auf, das Wahrnehmen, das Ordnen, zuletzt das Ich, das sich neu zusammensetzt, als wĂ€re es nie fort gewesen. Die Kette beginnt von vorn, angestossen von draussen, nicht von drinnen. Und darin liegt das Erwachen, nicht im Aussetzen, denn im Aussetzen ist ja keiner, dem etwas aufginge, sondern im Wiederauftauchen. Denn hieran zeigt sich am Leibe, was keine Lehre beweisen kann: dass kein Ich die Stille ĂŒberdauert hat. WĂ€re es ein Herr im Hause, es hĂ€tte gewacht und wĂ€re geblieben; es war aber fort, ganz fort, und ein Vogelschrei hat es zurĂŒckgerufen. So erweist es sich, dass es kein Insasse ist, sondern ein Werk, das der Leib aufhören und neu beginnen lassen kann. Der Leib bezeugt es, und nichts sonst vermöchte es.
Daraus weiss ich nun, was das Erlöschen ist, von dem die Lehre redet, und warum kein Bild es trifft als das eine: die Abwesenheit. Man hat es das Verlöschen genannt, und das ist gut gesagt, denn es ist kein Ort, kein Licht, kein Zustand, den man erlangte und hÀtte. Es ist ein Fehlen. Das Fehlen des DrÀngens, wo nichts mehr drÀngt; das Fehlen des Ich, wo keines gebraucht wird; und am tiefsten das Fehlen des Bewusstseins selbst, wo auch dies keinen Grund mehr hat. Alles, was die Lehre vom höchsten Ziel sagt, sagt sie in Verneinungen, und sie hat recht damit, denn es ist nichts Hinzukommendes, sondern lauter Weggefallenes. Nicht etwas wird erreicht; etwas hört auf. Und eben darum ist es kein Jenseits und braucht keines: Diese Abwesenheit ist nichts als ein Zustand des Leibes, sein stillster, der eintritt, wenn der Grund alles LÀrmens schweigt.