Ich glaube, gerade wenn man selbst psychisch schwer belastet ist und die Psychiatrie als Bedrohung oder sogar als Täter erlebt, braucht es einen besonders achtsamen Umgang mit den eigenen Gedanken.
Das bedeutet nicht, dass man der Psychiatrie blind vertrauen muss. Es gibt durchaus berechtigte Kritik an psychiatrischen Institutionen, an Zwang, Fehldiagnosen, Medikamentennebenwirkungen, Interessenkonflikten und daran, dass Menschen manchmal nicht ausreichend gehört werden. Kritik daran ist legitim.
Aus buddhistischer Sicht würde ich aber noch einen Schritt weitergehen: Auch der eigene Geist ist nicht automatisch ein vollkommen zuverlässiger Beobachter. Wenn Angst, Misstrauen, Wut oder Verfolgungsgefühle sehr stark werden, können sie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit beeinflussen. Das macht die Erfahrung nicht „eingebildet“ und den Menschen nicht schuldig. Es bedeutet lediglich, dass man besonders vorsichtig damit sein sollte, aus dem eigenen Erleben unmittelbar eine objektive Gewissheit abzuleiten.
Gerade darin liegt für mich ein wichtiger Aspekt der Achtsamkeit: Einen Gedanken wahrzunehmen, ohne ihn sofort für eine Tatsache zu halten.
Auch eine spirituelle Praxis kann dabei helfen – aber sie sollte nicht dazu dienen, eine psychische Erkrankung zu überdecken. Meditation, Gebet, Mantra-Rezitation oder eine buddhistische Lebensführung können wertvolle Ressourcen sein. Sie können Halt geben, Mitgefühl entwickeln und helfen, den Geist zu beruhigen. Aber Spiritualität sollte nicht zum Ersatz für notwendige medizinische oder psychotherapeutische Hilfe werden.
Das ist vielleicht sogar eine besonders wichtige buddhistische Haltung: Nicht an einer bestimmten Erklärung festhalten. Weder „Die Psychiatrie hat immer recht“ noch „Die Psychiatrie ist mein Feind“ muss die endgültige Wahrheit sein.
Man kann prüfen, beobachten und offen bleiben.
Wenn jemand beispielsweise überzeugt ist, dass bestimmte Menschen ihm gezielt schaden wollen, wäre es aus meiner Sicht nicht hilfreich, diese Überzeugung einfach spirituell zu bestätigen. Ebenso wenig wäre es hilfreich, den Menschen dafür abzuwerten. Man kann vielmehr sagen: „Ich sehe, dass dich diese Erfahrung sehr belastet. Lass uns gemeinsam betrachten, was tatsächlich beobachtbar ist und was möglicherweise eine Interpretation unseres Geistes ist.“
Das ist für mich gelebte Achtsamkeit.
Und vielleicht ist genau hier die Verbindung zwischen buddhistischer Praxis und psychotherapeutischer Arbeit besonders wertvoll: Wir lernen, zwischen unmittelbarer Erfahrung und unserer Interpretation dieser Erfahrung zu unterscheiden.
Der eigene Geist verdient Mitgefühl – aber gerade deshalb sollte man ihn auch überprüfen dürfen.
Eine spirituelle Praxis muss nicht bedeuten, dass man keine professionelle Hilfe braucht. Und professionelle Hilfe muss nicht bedeuten, dass man seine spirituelle Dimension aufgeben muss. Beides kann nebeneinander bestehen.
Vielleicht ist das letztlich ein Ausdruck von Weisheit: nicht alles glauben, was der eigene Geist hervorbringt – aber auch nicht alles ablehnen, was er hervorbringt. Erst einmal aufmerksam hinschauen.