Je mehr ich mich mit dem Buddhismus beschäftige, desto mehr frage ich mich, ob die heutige Psychiatrie wirklich verstanden hat, was eine Psychose überhaupt ist. Für mich wirkt sie noch immer wie eine Wissenschaft, die in vielen Bereichen ganz am Anfang steht. Man vergibt Diagnosen, verschreibt Medikamente und klebt Menschen Etiketten auf. Aber die wichtigste Frage bleibt oft offen: Warum leidet ein Mensch eigendlich?
Der Buddha hat sich schon vor über 2.500 Jahren intensiv mit dem menschlichen Geist beschäftigt. Für mich war er der erste große Lehrer des Geistes. Er untersuchte, wie Angst, Wahn, Gier, Hass und Verblendung entstehen und wie sie wieder überwunden werden können. Das ist bis heute erstaunlich aktuell.
Im Buddhismus gibt es die Lehre von den Höllenbereichen. Viele buddhistische Lehrer verstehen diese nicht nur als Bereiche nach dem Tod, sondern auch als Geisteszustände, die wir schon hier und jetzt erleben können. Wer von Angst, Hass oder tiefer Verzweiflung beherrscht wird, lebt gewissermaßen bereits in einer Hölle. Das erscheint mir als eine viel tiefere Beschreibung des Geistes als das bloße Verteilen psychiatrischer Diagnosen.
Die heutige Psychiatrie beschreibt eine Psychose dagegen hauptsächlich als Erkrankung mit Störungen von Denken und Wahrnehmung. Das mag für die Behandlung akuter Krisen hilfreich sein. Aber erklärt das den Menschen wirklich? Oder werden oft nur Symptome ruhiggestellt, während die eigentlichen Ursachen unbeachtet bleiben? Diese Frage wird meiner Meinung nach viel zu selten gestellt.
Auch Sigmund Freud wird bis heute oft fast wie ein unantastbarer Vordenker behandelt. Dabei sind viele seiner Theorien wissenschaftlich umstritten oder längst verworfen worden. Trotzdem wird sein Einfluss oft größer dargestellt, als er vieleicht verdient. Für mich hatte das stellenweise fast etwas von einem Guru-Kult.
Der Buddha hat dagegen etwas völlig anderes gelehrt. Im Kalama-Sutta fordert er die Menschen auf, nichts einfach zu glauben – nicht einmal seine eigenen Worte. Man soll prüfen, beobachten und eigene Erfahrungen machen. Genau diese Haltung vermisse ich manchmal in der Psychiatrie. Dort scheint es oft wichtiger zu sein, Diagnosen in Schubladen einzuordnen, als den einzelnen Menschen wirklich zu verstehen.
Für mich wirkt die heutige Psychiatrie deshalb häufig erstaunlich primitiv. Sie kann Menschen in schweren Krisen stabilisieren, und das ist wichtig. Aber den menschlichen Geist wirklich zu verstehen, davon ist sie meiner Meinung nach noch weit entfernt. Vieles wirkt wie Versuch und Irrtum. Medikamente werden ausprobiert, Diagnosen geändert und neue Modelle entwickelt. Das zeigt doch auch, wie wenig wir eigendlich über den Geist wissen.
Der Buddhismus stellt seit über 2.500 Jahren Fragen nach der Entstehung des Leidens und nach der Natur des Geistes. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass die Psychiatrie etwas bescheidener wird und anerkennt, dass sie noch längst nicht alle Antworten hat.
Das ist meine persönliche Sicht. Ich glaube nicht, dass man Psychosen allein mit Medikamenten verstehen oder lösen kann. Wer den Geist nur als biochemischen Vorgang betrachtet, übersieht möglicherweise einen wichtigen Teil des menschlichen Erlebens. Gerade deshalb finde ich den buddhistischen Blick auf den Geist bis heute spannender und in manchen Punkten sogar tiefgründiger als vieles, was die moderne Psychiatrie zu bieten hat.