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Seit wann gibt es im Buddhismus "meditierende Laien"

  • void
  • 14. September 2023 um 22:57
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    säk. Buddhismus
    • 19. September 2023 um 21:24
    • #26
    mukti:
    Hendrik:

    Ich weiß auch nicht, ob man sich dem textkritisch nähern könnte, ob Mönche und Nonnen in den ersten Jahrhunderten vor der Verschriftlichung der klassischen Texte, eher mehr oder eher weniger meditierten. Jedenfalls ist die reine Anzahl der Texte zum Thema Meditation im Vergleich zu anderen Textarten verschwindend gering.

    Vermutlich ist mit Meditation die Jhana-Meditation gemeint, dazu gibt es im Palikanon viele Texte. Z.B. ersichtlich unter dem Suchbegriff "Vertiefung" auf Palikanon.com.

    Was Thailand betrifft, dort hat die Meditation der Waldmönche eine lange Tradition:

    [lz]

    Zur Sukhothay-Zeit (1238-1376 n.Chr.) gibt es zwei geistliche Oberhäupter

    (saògharája*) – einen für die Stadt- und Dorfmönche (gámavásì*), die sich

    hauptsächlich dem Studium von Texten, v.a. des Abhidhamma widmen

    (ganthadhura*), und einen für die Waldmönche (araññavásì*), die sich mehr

    mit Meditation beschäftigen und Textstudium auf die für sie relevanten

    Texte aus den Suttas und dem Vinaya beschränken (vipassanádhura*)

    Grundloses Herz , Kapitel 1: Die Geschichte der Tradition thailändischer

    Waldmönche.

    [/lz]
    Alles anzeigen

    Im Vergleich zu den Texten, die sich verschiedenen anderen Themen widmen, ist die Anzahl der Texte im Palikanon, die sich mit Meditation befassen, geradezu überraschend gering.

    Und natürlich gibt es in Thailand die berühmte Waldtradition. Aber es ist eben nur eine meditative Tradition am Rande einer Volksreligion. Glaub mir, in den „normalen“ Tempeln und Klöstern wird wenig bis gar nicht meditiert. Laien verlassen sich auf Rituale und Dana für ein gutes Karma. Mönche nehmen Dana entgegen. Es ist ihre Hauptaufgabe, um den Laien zu ermöglichen, gutes Karma zu erlangen.

    "Es gibt nur eine falsche Sicht: Der Glaube, meine Sicht ist die einzig richtige."

    Nagarjuna / 塞翁失馬 – 焉知非福

  • pano
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    • 19. September 2023 um 21:57
    • #27

    Ich bin etwas überrascht dass hier nicht erwähnt wird, dass die Meditationstradition im Theravāda erloschen war. Da ich keine Bessere Quelle zur hand habe hier aus der Perspektive eines Buddhisten aus tibetischer Tradition (https://vividness.live/theravada-reinvents-meditation). Die Waldtradition ist eben eine Tradition des 20. Jahrhunderts.

    Zitat

    In the 1880s, there is no evidence that anyone in Sri Lanka knew how to meditate. One biography of Dharmapala says flatly that “the practice had been neglected and then forgotten.” It’s possible that there were a few monks somewhere who still practiced vipassana, but there is no evidence for that. We do know that he travelled extensively in Sri Lanka, and “in spite of all his enquiries he never succeeded in finding even a single person, whether monk or layman, who could instruct him in… meditation practices.”

    Es gab wohl letztens ein paar Publikationen zu esoterisch-buddhistischen Traditionen in Thailand etc. die gerne als Gegenbeleg angeführt werden (gegen ein erlöschen der Meditationspraxis). Aber soweit ich das verstehe wurde trotz allem nicht eine unterbrechungsfreie Meditationstradition nachgewiesen.

  • mukti
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    • 20. September 2023 um 10:08
    • #28

    Soweit ich das im Rahmen des Theravada sehe:

    Das Paliwort das gewöhnlich mit "Meditation" übersetzt wird ist "bhāvanā".

    Dazu gibt es zwei Aspekte samatha (Geistesruhe) und vipassanā (Einsicht, Hellblick). Einsicht bezieht sich besonders auf die drei Daseinsmerkmale (tilakkhana): dukkha (Unzulänglichkeit, Leid), anicca (Vergänglichkeit), anattā (Nicht-Selbst). Loslösung und Befreiung bedeutet, über die drei Daseinsmerkmale vollkommen bewusst zu sein, das ist das Ziel der Lehre.

    Samatha entsteht durch Sammlung des Geistes auf ein Objekt und ohne ein gewisses Maß an Sammlung kann die Einsicht nicht die nötige Tiefe erreichen um die Wirklichkeit dieser Daseinsmerkmale vollkommen zu durchschauen. Samatha-vipassanā ist demnach ein essentieller Teil der Lehre und des achtfachen Pfades, nach dem Palikanon hat es der Buddha erklärt und besonders die Ordinierten, aber auch die Laien aufgefordert sich darin zu üben.

    Im Lauf der Zeit ist diese Übung zurückgegangen, dass sie überall völlig verschwunden war glaube ich nicht, manchmal gab es sie mehr, manchmal weniger.

    Laie wird man durch die dreifache Zuflucht zu Buddha, Dhamma und Sangha. Nachdem der Buddhismus in einigen Ländern so etwas wie eine Staatsreligion geworden ist, war man gewissermaßen in den Laienstand hineingeboren, etwa so wie man bei uns von Anfang an Christ war, ohne dass man sich selber dazu entschieden hat. So nehmen auch die meisten "Buddhisten" an gesellschaftlichen Bräuchen und Traditionen Teil, ohne viel von der Lehre zu wissen und zu praktizieren. Deshalb kann man sagen dass die meisten Laien nicht meditieren, so wie die meisten Christen kaum beten. Bis heute gibt es aber eine Minderheit, für die Theorie und Praxis ein wichtiger Teil ihres Lebens ist. Dass die Meditation bei den Laien überall völlig verschwunden war, glaube ich ebenfalls nicht.

    Seit relativ kurzer Zeit hat der Buddhismus in westlichen Ländern Fuß gefasst und wird neben der akademischen Forschung auch von Ordinierten und Laien praktiziert. Sie praktizieren nicht weil es gesellschaftlicher Brauch ist, sondern weil sie sich selber dafür interessiert und entschieden haben. Deshalb gibt es hier in Relation zur gesamten Anzahl viel mehr meditierende Laien als in den buddhistischen Ländern.

    Mit Metta, mukti.


  • KarmaHausmeister
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    säk. Buddhismus
    • 20. September 2023 um 11:04
    • #29
    mukti:

    Seit relativ kurzer Zeit hat der Buddhismus in westlichen Ländern Fuß gefasst und wird neben der akademischen Forschung auch von Ordinierten und Laien praktiziert. Sie praktizieren nicht weil es gesellschaftlicher Brauch ist, sondern weil sie sich selber dafür interessiert und entschieden haben. Deshalb gibt es hier in Relation zur gesamten Anzahl viel mehr meditierende Laien als in den buddhistischen Ländern.

    Ganz genau. Und die Voraussetzung dafür, war die grundlegende Reform des Buddhismus in Asien im 19. Jahrhundert als Antwort auf den Kolonialismus.

    Bei Wikipedia ist zu lesen: „Die Anfänge der buddhistischen Reformbewegungen gehen auf den aus Sri Lanka kommenden Dharmapala zurück, der den traditionellen Buddhismus radikal kritisierte, die Rolle des Laien neu bewertete und die Meditation als allgemeine Praxis einführte. Die Lehre des Buddha sei auf Vernunft gegründet, rationalistisch, atheistisch, wissenschaftlich, eine Lebensphilosophie, keine Religion.„

    „(…) und die Meditation als allgemeine Praxis einführte“. Dies bedeutet, das sie dies vorher nicht (mehr) war.

    Auch andere Reformen, zugeschnitten auf den Westen, sind interessant. So schreibt der Religionswissenschaftler Wenisch: „Für den Westen wurde eine Autoritätsstruktur für Lehrer-Schüler-Beziehungen geschaffen, die es in Tibet so nicht gab. Die Samaya-Gelübde, auch als Teil einer „buddhistischen Ethik“ verstanden, wurden von den Tibetern dekontextualisiert in den Westen übertragen.“ Dies gehe auf Kalu Rinpoche zurück.

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  • mukti
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    • 20. September 2023 um 12:07
    • #30
    Hendrik:

    Ganz genau. Und die Voraussetzung dafür, war die grundlegende Reform des Buddhismus in Asien im 19. Jahrhundert als Antwort auf den Kolonialismus.

    Das hat sicher eine Rolle gespielt, auf die thailändische Waldtradition hat es vermutlich keinen entscheidenden Einfluss gehabt, Thailand war ja keine Kolonie. Es gab dort Mönche die nach den ursprünglichen Lehren praktizieren wollten um ihre Wahrheiten zu verwirklichen.

    Im Westen hat das Interesse an östlicher Spiritualität besonders seit den sechziger Jahren stark zugenommen und so hat sich diese Strömung auch hier fortgesetzt durch Klostergründungen, Retreats, Vipassana-Praktiken, usw.

    Das Wesentliche scheint mir die Suche des Menschen nach Weisheit und Befreiung zu sein, die freilich durch politische Zusammenhänge und Voraussetzungen begünstigt oder behindert wird.

    Mit Metta, mukti.


  • KarmaHausmeister
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    Buddh. Richtung
    säk. Buddhismus
    • 20. September 2023 um 12:38
    • #31
    mukti:
    Hendrik:

    Ganz genau. Und die Voraussetzung dafür, war die grundlegende Reform des Buddhismus in Asien im 19. Jahrhundert als Antwort auf den Kolonialismus.

    Das hat sicher eine Rolle gespielt, auf die thailändische Waldtradition hat es vermutlich keinen entscheidenden Einfluss gehabt, Thailand war ja keine Kolonie. Es gab dort Mönche die nach den ursprünglichen Lehren praktizieren wollten um ihre Wahrheiten zu verwirklichen.

    Da die Gründung der Waldtradition zeitgleich zu den genannten Reformen erfolgte, Thailand und Sri Lanka Nachbarn sind (durch ein bisschen Wasser getrennt) und beide Länder Theravada als Tradition teilen, halte ich diese Vermutung für sehr gewagt. Gibt es dazu etwas in der Literatur? Ich habe mich mit der thailändischen Waldtradition bisher nicht wirklich beschäftigt.

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    • 20. September 2023 um 15:21
    • #32
    Hendrik:
    mukti:
    Hendrik:

    Ganz genau. Und die Voraussetzung dafür, war die grundlegende Reform des Buddhismus in Asien im 19. Jahrhundert als Antwort auf den Kolonialismus.

    Das hat sicher eine Rolle gespielt, auf die thailändische Waldtradition hat es vermutlich keinen entscheidenden Einfluss gehabt, Thailand war ja keine Kolonie. Es gab dort Mönche die nach den ursprünglichen Lehren praktizieren wollten um ihre Wahrheiten zu verwirklichen.

    Da die Gründung der Waldtradition zeitgleich zu den genannten Reformen erfolgte, Thailand und Sri Lanka Nachbarn sind (durch ein bisschen Wasser getrennt) und beide Länder Theravada als Tradition teilen, halte ich diese Vermutung für sehr gewagt. Gibt es dazu etwas in der Literatur? Ich habe mich mit der thailändischen Waldtradition bisher nicht wirklich beschäftigt.

    Der deutsche Waldmönch Mettiko Bhikkhu schreibt in seinem Buch "Grundloses Herz", dass ab dem 16. Jh. die Zahl der Waldmönche abnahm bis es nur mehr wenige davon gab. 1829 sorgte ein Mitglied des Königshauses namens Vajirañáno, der als Bhikkhu ordiniert war, für Reformen:

    Zitat

    Den Reformmönchen gelingt es, das „Meditationsamt“ (vipassaná-dhura) wieder einzuführen, was König Ráma II Jahre zuvor vergeblich versucht hatte.... abgeschiedene Meditation im Wald steht durchaus auf dem Programm.

    Da war Sri Lanka bereits seit 1815 britische Kolonie. Ob Vajirañáno auch ohne Einflüsse aus Sri Lanka für eine Wiederbelebung der Waldtradition gesorgt hätte ist wohl kaum feststellbar, aber eine gewisse Rolle werden sie schon gespielt haben. Sein Nachfolger Rama V. hat jedenfalls diese Tradition weiter gefördert und ein Mönch namens Sao Kantasìlo hat durch seine asketische und kontemplative Lebensweise immer mehr Mönche angezogen. 1892 wurde Ajahn Man Bhúridatto sein wichtigster Schüler und den Beiden schlossen sich viele weitere Mönche an, so hat das begonnen was wir heute die thailändische Waldtradition nennen.

    Mit Metta, mukti.


  • pano
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    • 22. September 2023 um 21:09
    • #33

    Thailand war sehr wohl dem Kolonialismus ausgesetzt. Es musste seine Existenz als unabhängiges Königreich rechtfertigen. Vor Augen hatte es Birma und Vietnam, das Schicksal wollte man nicht teilen. Entsprechend gab es staatliche Programme zu Reform und Wiederbelebung alter Traditionen um den Kolonialmächten keinen Vorwand zu liefern dass “Siam” “zivilisiert” werden solle.

    Allgemein war die binnensicht im Theravāda des Mittelalters eher pessimistisch. Das Dhamma sei im Niedergang, und man besah sich auf das sammeln von Karmischen Meriten da a die Erleuchtung in diesem Leben nicht mehr geglaubt wurde (was zu Buddhas Zeiten geklappt hatte klappte nicht mehr).

    Der Zusammenbruch der Traditionen ging so weit dass auf Sri Lanka die Übertragungslinien der voll ordinierten Mönche zusammengebrochen war. Hier mussten Mönche aus Ostindien nachhelfen.

    Die Idee dass der Buddhismus im 21. Jahrhundert sich aus einer lückenlosen, kontinuierlichen Überlieferung speist ist wohl eher (und das gilt meines Ermessens auch für Mahayana und andere Strömungen) einfach eine romantische Fiktion. Wenn man davon ausgeht, dass der Buddha / der Buddhismus auf der (Selbst-)Beobachtung basiert, und dass wir schriftliche Quellen haben die Erfahrungen der letzten Jahrtausende beinhalten, so können doch eigentlich sicher sein, dass dass jede Generation neu austarieren kann, was das Dhamma ist und was es für sie und ihre Lebenssituation bedeutet.

    Einmal editiert, zuletzt von pano (22. September 2023 um 21:23)

  • mukti
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    • 23. September 2023 um 12:18
    • #34
    pano:

    Wenn man davon ausgeht, dass der Buddha / der Buddhismus auf der (Selbst-)Beobachtung basiert, und dass wir schriftliche Quellen haben die Erfahrungen der letzten Jahrtausende beinhalten, so können doch eigentlich sicher sein, dass dass jede Generation neu austarieren kann, was das Dhamma ist und was es für sie und ihre Lebenssituation bedeutet.

    Oder die Bedeutung des Dhamma ist zeitlos (akālika) und es kommt darauf an gemäß der Lebenssituation den individuellen Zugang zu finden.

    Die Wahrheit ist immer dieselbe und es gibt Menschen für die es das Wichtigste im Leben ist, sie herauszufinden und tatsächlich zu erfahren. Das ist meines Erachtens der eigentliche Grund für die immer wiederkehrende Rückbesinnung auf das ursprüngliche Dhamma. Äußere Umstände wie die Kolonialisierung können die Verbreitung begünstigen, mehr nach Quantität als nach Qualität. Nach einer Blütezeit setzt dann wieder der Verfall ein, die wirklich konsequente Praxis ist leider keine Massenbewegung.
    Schließlich mag eine Zeit kommen in der das Dhamma von niemandem mehr richtig verstanden und praktiziert wird, bis es von einem Buddha wieder hergestellt wird.

    Mit Metta, mukti.


Ausgabe №. 137: „Sorgen entsorgen?"

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