Was passiert eigentlich, wenn wir anfangen, menschliche Nervenzellen mit Elektronik zu verbinden?
Biocomputing klingt zunächst nach Science-Fiction: lebende menschliche Neuronen werden auf bzw. mit einer elektronischen Platine verbunden und lernen, Signale zu verarbeiten. Doch genau in diese Richtung wird tatsächlich geforscht. Ein besonders faszinierendes Beispiel sind Experimente, bei denen Zellkulturen aus menschlichen Neuronen mit Computersystemen verbunden wurden und dabei eine sehr primitive Form von Lernen und Interaktion mit einer digitalen Umgebung möglich wurde.
Und dann kommt der Punkt, der mich daran philosophisch viel mehr interessiert als die technische Leistung:
Was bedeutet es eigentlich, wenn ein Haufen menschlicher Nervenzellen auf einer Platine plötzlich anfängt, Doom zu spielen?
Natürlich bedeutet das nicht, dass dort ein kleines menschliches Bewusstsein sitzt und Doom zockt. Das wäre eine völlig übertriebene Interpretation. Es handelt sich um biologische Nervenzellen, die elektrische Signale verarbeiten und durch Rückkopplung bestimmte Muster verändern können.
Aber trotzdem ist das Bild verdammt faszinierend.
Denn unser eigenes Gehirn funktioniert letztlich ebenfalls über elektrische und chemische Signale. Unsere Wahrnehmung der Welt entsteht nicht dadurch, dass wir die „Wirklichkeit an sich“ unmittelbar betrachten. Unser Nervensystem bekommt Informationen, verarbeitet sie und erzeugt daraus unsere subjektive Erfahrung.
Wir erleben also nicht einfach die Welt.
Wir erleben das Modell der Welt, das unser Gehirn aus den eingehenden Signalen konstruiert.
Und genau hier wird Biocomputing philosophisch interessant.
Wenn wir Nervenzellen auf einer Platine mit einer künstlichen Umgebung verbinden können und diese Zellen lernen, auf die Signale dieser Umgebung zu reagieren – wo genau liegt dann eigentlich die Grenze zwischen „Gehirn“ und „Computer“?
Vielleicht ist unser Gehirn selbst eine Art biologischer Computer.
Vielleicht ist unser Erleben eine extrem komplexe Simulation, die unser Nervensystem permanent aus Sinneseindrücken, Erinnerungen und Erwartungen zusammensetzt.
Das heißt nicht automatisch, dass wir in der berühmten Matrix sitzen. Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg.
Aber es stellt eine unangenehme Frage:
Wenn ein biologisches Nervensystem eine künstliche Welt verarbeiten kann – woran erkennen wir eigentlich, dass unsere eigene erlebte Welt nicht ebenfalls nur die Interpretation von Signalen ist?
Und vielleicht ist genau das der wirklich interessante Aspekt dieser Forschung.
Wir bauen Computer, die biologische Nervenzellen benutzen.
Gleichzeitig bestehen wir selbst aus biologischen Nervenzellen, die Informationen verarbeiten.
Wir versuchen also, etwas nachzubauen, das wir selbst sind.
Und irgendwann könnte die Grenze zwischen biologischer und künstlicher Informationsverarbeitung immer weniger eindeutig werden.
Das Doom-Beispiel wirkt dabei fast schon absurd: Ein Stück lebendes biologisches Gewebe sitzt gewissermaßen auf einer Platine und bekommt eine digitale Welt präsentiert.
Aber wenn man einen Schritt zurücktritt, könnte man fragen:
Ist unser Gehirn wirklich so grundsätzlich anders?
Wir bekommen Licht, Schall, Berührungen und andere Signale. Unser Gehirn verarbeitet sie. Daraus entsteht für uns eine zusammenhängende Realität.
Vielleicht ist das keine „Illusion“ im Sinne von „alles ist fake“.
Aber es ist definitiv eine konstruierte Realität.
Und je mehr wir über Gehirne, neuronale Netze und Biocomputing lernen, desto seltsamer wird die Frage, was Bewusstsein überhaupt ist.
Vielleicht ist die Zukunft deshalb nicht einfach „Menschen gegen Maschinen“.
Vielleicht ist die Zukunft eine Welt, in der die Unterscheidung zwischen beidem irgendwann selbst künstlich erscheint.
Und irgendwo auf einer Platine sitzen währenddessen ein paar Nervenzellen und spielen Doom.
Irgendwie ist das gleichzeitig faszinierend, absurd und ein bisschen beunruhigend.