Erlöschen erlöst
Ohne neuronales Korrelat, so der derzeitige Stand der Neurowissenschaften, gibt es zumindest keine höheren Formen von Bewusstsein.
Beim Sterben zerfallen nun mit dem neuronalen Korrelat diese Bewusstseinsformen. Ohne sie kein Ich-Erleben, kein Erleben von Angenehmem, Unangenehmem, Neutralem, keine Gier, kein Hass, kein Leid, kein Glück: Parinibbana eben.
„Zerfallen der Leib, Wahrnehmung aufgehoben
und jegliches Empfinden ist geschwunden,
die Geistesregungen sind still geworden
und das Bewusstsein hat ein End´ gefunden.“ (Udana 8,9)
Auch wenn dieser Bewusstseinsverlust uns(?) nachtodlich offensichtlich nicht tangiert: Jetzt, im Leben stehend und noch nicht vollständig erwacht, reagieren wir sehr wohl auf diese „Aussichten“ – und zwar oft geradezu reflexartig ablehnend: Wir hängen/haften offenbar an unserem (Er-)Leben und wollen nicht, dass es erlischt!
Dass dies jedoch keineswegs die einzig mögliche Einstellung ist, zeigt ein Dialog (Anguttaranikaya 9,34) zwischen Sariputta und Udayin:
Sariputta: „Ein Glück, ihr Brüder, ist das Nibbana! Ein Glück, ihr Brüder, ist das Nibbana!“
Udayin: „Wie kann denn, Bruder, ein Glück dort bestehen, wo es keine Gefühle mehr gibt?“
Sariputta: „Eben darin, Bruder, besteht ja das Glück, dass es dort keine Gefühle mehr gibt.“
Je länger ich dieses Gespräch und seinen Hintergrund bedenke, desto tiefgründiger erscheint mir Sariputtas Standpunkt. Als säkularer Buddhist mache ich ihn mir mehr und mehr zu eigen; gleichzeitig wächst in mir die Überzeugung, dass es unmöglich ist, Parinibbana zu „entkommen“: Auf alle fühlenden Wesen wartet am Lebensende Parinibbana – unabhängig von ihrem Lebensweg und unabhängig davon, ob sie während des Lebens Parinibbana suchen oder fürchten.
Ich frage mich: Spiegelt obiges Szenario nicht genau den Verlauf des Erwachens? Eines langsamen Erwachens hin zur Einsicht, dass man mit dem Tod nicht das ewige (Er-)Leben gewinnt, sondern als bewusst (er)lebendes Ich endgültig erlischt? Kommt ein derartiges Verständnis nicht einem glücklichen und uneingeschränkten Ja zum Verlöschen schon ziemlich nahe? Wäre es in seiner Vollform nicht auch Ausdruck jener Weisheit, deren lebenslange Kultivierung (Achtfacher Pfad!) ein zentrales buddhistisches Anliegen ist?
Braucht es dazu metaphysische Annahmen wie Karma, Wiedergeburt, Daseinsbereiche…?