Tantra benutzt eine verschlüsselte und stark hermeneutische Sprache, um auf die innere Transzendenz und Nicht-Dualität hinzuweisen und diese auszudrücken. Für den gewöhnlichen Menschen kann diese Sprache unverschämt oder drastisch erscheinen. Genau deshalb wird Tantra so häufig missbraucht, auf reinen sexuellen Genuss reduziert und dadurch herabgesetzt.
Wenn dort etwa von Ambrosia / amṛta oder von sexuellen Flüssigkeiten gesprochen wird, dann bedeutet dies eigentlich ein Symbol für Unsterblichkeit oder höchste Glückseligkeit.
Und das Erlangen der Todlosigkeit ist das primäre Ziel im Buddhismus. Dafür brauche ich keinen Pali-Kanon zu zitieren. Das weiß jeder.
Mit dem Ausdruck „Lebenskraft stärken“ ist als Ziel die innere Transformation der Energie gemeint.
Denn alles stellt den Prozess des Werdens dar. Es gibt keinen inneren festen Kern in der Natur, sondern alles wandelt und verändert sich. Der Pali-Kanon spricht in diesem Zusammenhang über bhava, also rein technisch gesprochen.
Es geht im Grunde genommen um die immense innere Kraft der Erkenntnis, also darum, dass auch Begierde, Hass, Wut oder Zorn innerlich transformiert beziehungsweise transmutiert werden können, um diese Todlosigkeit als Ziel zu erlangen und zu verwirklichen.
Es handelt sich um eine sehr fortgeschrittene Praxis, die meistens geheim ist und nur durch einen Lehrer studiert, korrekt interpretiert und praktiziert werden sollte.
Es geht um ein inneres, rein meditatives Ritual, das den sterblichen und vergänglichen Menschen – wie uns alle – innerlich unsterblich macht.
Ich wollte noch dazu anmerken, dass viele Buddhologen wie Edward Conze oder Volker Zotz Tantra als die Krönung beziehungsweise den Gipfel der buddhistischen Tradition betrachteten, der nicht im Widerspruch zum früheren oder ursprünglichen Buddhismus steht – nach der Definition von Edward Conze im Buch Buddhistisches Denken.
Mit niedrigen Trieben und deren Ausleben hat dies absolut nichts zu tun.
Was wir heute im Westen beobachten, stellt vielmehr den Missbrauch der eigentlichen Lehre, ihre Entartung und ihre Vermarktung als Ware oder Produkt dar. Mit der eigentlichen Wahrheit hat das jedoch nichts zu tun.
Tantra bedeutet eigentlich das Netz alles umfassender Beziehungen, Ge-webe-/n, wie es das Modell des holografischen Universums anders zur Sprache bringt. Wir sind alle miteinander verbunden und verwoben. Im Pali-Kanon kann man diesen Gedanken als die bedingte Entstehung betrachten.
Diese innere Weisheit der Erkenntnis benutzt die verschlungene und manchmal auf den ersten Blick verworrene und auch verwirrende Sprache der Sexualität, aber es geht um die höchste mögliche Ebene, die einfach nicht aussprechbar und, wie ich denke, auch vom Verstand und seiner dualen Logik nicht ausdrückbar ist. Das motiviert mich zum Nachsinnen und Nachdenken und weist auf etwas in uns allen hin, das alle möglichen Lehren und Grenzen transzendiert und auch heilig macht.
Noch einige Reflexionen zum Thema. Besonders drastisch und schockierend klingt auf den ersten Blick diese Stelle, wo es über die sexuelle Vereinigung mit allen Müttern und Schwestern geht. Lama A. Govinda erklärt aber, dass es hier eigentlich um die Überwindung der Dualität geht: Samsara gegenüber Nirvana, Subjekt/Objekt, Ich oder Selbst als feste Entität in mir drin gegenüber der sogenannten objektiven Welt da draußen, Form/Leere, Gut/Böse, Gestalt oder Ge-bild-e gegenüber dem Bild usw. Wir leben wie in so einer verpackten Welt der mentalen Karten und Schablonen, die wir meistens nicht hinterfragen. Tantra benutzt hier eine existenzielle Schocktherapie, um unseren Dünkel, unsere Arroganz und die Verblendung, als Ge-blendet-sein vom Schein, von der Illusion, zu erschüttern; es zieht uns den Boden unter den Füßen weg und wirft uns in den gähnenden Abgrund.
An einigen Stellen liest man über das Töten, und ganz egal, wer das übersetzt, Englisch oder Deutsch, die Bedeutung ist eindeutig dieselbe. Aber wir alle essen Tiere, und wenn wir sterben, fressen die Würmer unsere Leichen, aber das stellt wiederum den Dünger, die Nahrung für die schöne Blume dar, und so geht es weiter. Das ist aber eine existenzielle Vorgehensweise, aber niemals die wörtliche.
Diese Radikalität der Sutren des Tantra erinnert mich an den Ausdruck des Zen: Man sollte den Buddha töten und alle heiligen Bücher verbrennen. Nichts ist heilig, kein Verdienst — diese Stellen kennen alle Zen-Praktizierenden. Und niemand versteht das buchstäblich. Man kann das als geschicktes Mittel betrachten, um alle möglichen innerlichen Stützen und Halt, diese Festigkeit der Welt und ihre Vorhersehbarkeit und Steuerbarkeit in Frage zu stellen, also im Sinne von: Wo war dein Gesicht, bevor du geboren wurdest?
An dieser Stelle wollte ich anmerken, dass Lama A. Govinda der persönliche Schüler von Nyanatiloka war. Er beherrschte einwandfrei Pali, also konnte er alles im Original lesen, und enorm viele andere Sprachen. Er war hier echt genial. Des Weiteren kann ich das Buch der Gespräche empfehlen, wo er das alles locker erzählt. O.W. Barth-Verlag, bitte zu googeln.
Er kennt sich ausgezeichnet sowohl im Zen als auch in allen möglichen Richtungen des Mahayana aus.
Und gerade deswegen konnte er so komplizierte Materie mit vielschichtigen Inhalten wie in einem Holon(Matrjoschka ) so präzise und dazu künstlerisch und sprachlich so darstellen, dass jeder, der sich nach der Wahrheit sehnt, verstehen kann, worum es geht.
Über Kundalini.
Vom traditionellen Standpunkt des Yoga geht es hier um die Vereinigung mit dem Schöpfer, im Sinne der Unio mystica, das Ein-s-sein. Im Buddhismus und Tantra geht es aber um die innere Weisheit, um die Ab-Lösung, als Ent-Werden, denn alle Götter sind vergänglich und gefangen im Rad des Samsara. Deshalb ist es so schwer, mit sprachlichen Mitteln das Wesen von Nirvana auszudrücken, und es passiert meistens durch Parabeln oder Paradoxien (Herz-Sutra, usw).