Hallo, ich habe mich schon oft gefragt, was man im tibetischen Buddhismus unter Tantra versteht. Ich kenne es wohl nur in einem anderen Kontext Wahrscheinlich ist das ein Vorurteil und deshalb frage ich.
Tantra
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void
13. Juni 2020 um 22:38 Hat das Thema freigeschaltet. -
Buddhistisches Tantra – Dagyab Kyabgön Rinpoche | Tibetischer Buddhismus im Westen
Hallo und herzlich willkommen Anne. Zu Tantra kann ich dir vor allem diesen Artikel von Dagyab Rinpoche empfehlen. Er erklärt, finde ich, sehr gut, worum es geht und räumt mit ein paar Missverständnissen auf.
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Vielen Dank.
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- Offizieller Beitrag
Das war so eine Entwicklung. Während es dem historischen Buddha hauptsächlich darum ging, das unsere normale Vorstellung vom Ich eine Illusion ist, hat sich das später erweitert und man ging im Mahayana davon aus, das man die ganze Welt als eine Art illusion sehen kann.
Von dort aus ist es dann noch ein Schritt zu dem Gedanken, das man jederzeit seine Realität hervorbringt und deswegen auch im Stande ist ganz andere Realitäten hervorzubringen. Man nähert sich damit ein wenig der Figur eines Zauberers, der die unterschiedlichsten Realitäten manifestieren kann.
Für uns heute ist die Idee von "virtueller Realität" nicht sehr exotisch, wir sind mit Computergrafik, 3D Kino und Computerspielen vertraut.
Von daher kam man vielleicht sagen, dass tantrischer Buddhismus einer ist, der die Schöpferkraft des Geistes nutzt. Dies ist natürlich zweischneidige. Einerseits birgt es neue Möglichkeiten andererseits kann man sich auch in selbstgeschaffenen Illusionen verstricken.
Ich denke vor allem deswegen hat der tantrischen Buddhismus auch etwas "geheimniskrämereisches" wo viel Wert auf Einweihungen, Einweisungen und qualifizierte Lehrer gelegt wird.
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Ein nicht unwesentlicher Teil des buddhistischen Tantra ist, dass man sich mit bestimmten Eigenschaften eines Buddha identifiziert. Das kann etwas sein, was einem ohnehin schon nahe ist, oder etwas, wo man das Gefühl hat, dass man da noch viel entwickeln bzw. freilegen möchte. Sagen wir also, was ich verwirklichen will, ist "höchste Weisheit". Der Buddhaaspekt dazu ist der Weisheitsbuddha, tib. Manjushri. Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, mich mit diesem Aspekt zu verbinden oder zu identifizieren: die Vorstellung des Buddha vor mir (Äußeres Tantra) und z.B. ein Austausch von Licht, Symbolen oder Klängen, oder ich stelle mir mich selbst in der Form des Buddha vor (Inneres Tantra). Für Praktiken des inneren Tantra braucht man in der Regel eine Einweihung von einem dafür qualifizierten Lehrer (verbunden mit Erklärungen, damit man nichts falsch macht). Neben farbigem Licht ist ein sehr typisches Mittel, mich mit dem Aspekt intensiver zu verbinden dessen Mantra. Im Fall von Manjushri lautet das OM AH RA PA TSA NA DHI. Die Silben stehen für den Ursprung von Allem (OM) und den 6 tibetischen Elementen Raum, Feuer, Wasser, Wind, Erde und Kristall. DHI ist auch die sog. "Keimsilbe" von Manjushri und steht für sich genommen für Weisheit. Wenn Du Tantra aus einem anderen Kontext kennst, dann weißt Du, dass es etwas mit Vereinigung zu tun hat. Der Unterschied ist, dass es im buddhistischen Tantra in erster Linie nicht um eine körperliche oder sexuelle Vereinigung geht, sondern eben um die Vereinigung mit einer visualisierten Meditationsgottheit, einer erleuchteten Eigenschaft, einem Bodhisattva oder Buddha. So wie das Wort "Vereinigung" alleine noch nicht viel aussagt darüber, womit man sich vereinigt, ist es mit dem Wort Tantra ähnlich. Im Buddhismus geht es letztlich dabei immer um das Ziel der Buddhaschaft.
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Der Unterschied ist, dass es im buddhistischen Tantra in erster Linie nicht um eine körperliche oder sexuelle Vereinigung geht, sondern eben um die Vereinigung mit einer visualisierten Meditationsgottheit, einer erleuchteten Eigenschaft, einem Bodhisattva oder Buddha.
Gibt/gab es nicht auch buddh. tantrische Richtungen, die sexuell aktiv waren?
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Deswegen steht da "in erster Linie". Es gibt Vereinigungsmeditationen, das wird aber im Westen selten gelehrt. Dabei visualisiert man sich selbst und den Partner als Gottheiten, die man in einer Einweihung bekommt. Indem man sich selbst und den Partner als erleuchteten Buddha erfährt, fallen mit der Zeit alle Projektionen weg. Ich denke es wird hier deswegen so selten gelehrt und praktiziert, weil es eine lange Zurückziehung und intensive Betreuung braucht. Dafür gibt es hier einfach nicht die Infrastruktur. Da es extrem herausfordernd ist, kann es ohne kompetente Betreuung schnell nach hinten losgehen. Die tantrischen Meditationen mit visualisierten Gottheiten sind da leichter alleine zu praktizieren und trotzdem nicht weniger effektiv.
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Meine Umfrage ist mir jetzt zu kompliziert und sie hat sich durch die Teilung des Threads erübrigt.
Mein kurzes, in diesen Thread passende Statement ist nur:
Tibetisch buddhistisches Tantra findet als konzentrative Meditation auf dem Kissen statt.
Die Abbildungen und die Sprache in alten Texten sind tiefgründig symbolischer Natur und keinesfalls irgendwie direkt und unverschlüsselt zu verstehen.
Es geht darin nicht um Sex sondern um Läuterung und Leerheit.
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Deswegen sind in den höheren Tantras interessanterweise ja auch die Abbildungen nicht mehr dual, also nicht mehr als Vereinigung von weiblichen und männlichen Gottheiten, dargestellt. Denn letztlich geht es um die Vereinigung innerer Gegensätze bzw. die Aufhebung der inneren Trennung dieser vermeintlichen Gegensätze. Und wenn man sozusagen die Identifikation mit dem körperlichen Geschlecht überwunden hat, kann man sich auf subtilere willkürliche Grenzziehungen fokussieren, die man womöglich einem Gender zuordnet, aber nicht zwingend muss. Auch die Trennung in "Du" und "Ich" muss grundsätzlich überdacht werden.
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Ich hab von dem Thema bisher null Ahnung, daher eine kurze Zwischenfrage, falls erlaubt:
Ein nicht unwesentlicher Teil des buddhistischen Tantra ist, dass man sich mit bestimmten Eigenschaften eines Buddha identifiziert.
Birgt das nicht eine sehr große Gefahr, dass man sich da in etwas verrent? Sich mit etwas zu identifizieren klingt für mich erstmal nach einem recht starken Schritt mit dem ja auch so im Alltag schon häufig einiges an Problemen auftaucht. Wenn ich mich nun mit mit irgendwelchen Eigenschaften eines Buddhas identifizieren - also ja irgendwo gleichsetzen (?) würde - könnte das denke ich schnell zu Überheblichkeit führen. Wie wird mit dieser "Gefahr" umgegangen, oder habe ich da vielleicht etwas falsch verstanden?
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Diese Gefahr des Stolzes besteht durchaus, dafür gibt es verschiedene Gegenmaßnahmen. z.B. dass man mit einer Praxis wie den Niederwerfungen im Ngöndro Stolz auf verschiedenen Ebenen aufweicht. Oder dass man gewöhnlichen Stolz in den sog. Vajra-Stolz transformiert. Identifikation heisst dann letztlich nicht, dass man glaubt, dass man das Ziel schon erreicht hat, sondern dass man weiss, dass dieser Aspekt als Potential in einem bereits vorhanden ist und auf diese Weise freigegeben wird. Wenn sich die Eigenschaften dieses Aspekts zeigen, dann kann gewöhnlicher Stolz nicht Teil davon sein. Also da gibt es sehr verschiedene Herangehensweisen, und das scheint soweit auch zu funktionieren.
Die stolzen Typen die sich einbilden, schon am Ziel zu sein, findet man eher im Rahmen von falsch verstandenem Dzogchen oder Essenz-Mahamudra. Da ist die Identifikation mit dem Buddhazustand sehr viel konkreter und direkter. Man kann dann durchaus Sicht mit Erfahrung verwechseln. Zwar haben die vollständigen Methoden auch tantrische Vorbereitungen und Ebenen der Praxis, wo es wieder Gegenmaßnahmen gibt, aber wer direkt in eine "radikale Dzogchen-Sicht" einsteigt, weil es so "einfach" klingt, der kommt ja mit diesen Maßnahmen gar nicht in Berührung.
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Birgt das nicht eine sehr große Gefahr, dass man sich da in etwas verrent? Sich mit etwas zu identifizieren klingt für mich erstmal nach einem recht starken Schritt mit dem ja auch so im Alltag schon häufig einiges an Problemen auftaucht. Wenn ich mich nun mit mit irgendwelchen Eigenschaften eines Buddhas identifizieren - also ja irgendwo gleichsetzen (?) würde - könnte das denke ich schnell zu Überheblichkeit führen. Wie wird mit dieser "Gefahr" umgegangen, oder habe ich da vielleicht etwas falsch verstanden?
Wenn ich hier als weder-tibetisch-noch-Zen meinen Senf beitragen darf:
"könnte das denke ich schnell zu Überheblichkeit führen" Das ist eines der Hindernisse. Egal, ob es sich auf den Buddha, die Lehre oder die eigene Praxis bezieht. In soweit: Sicherlich! Aber nicht nur in Bezug auf die "Identifikation" mit dem Buddha. Da hilft meiner Erfahrung nach nur ständige Überprüfung, und ich finde, dass "ständig" sollte man ziemlich wörtlich nehmen.
Zusätzlich gibt es natürlich verschieden "dämpfende" Elemente, wie @kilaya schon ausgeführt hat. Ich würde noch Liebende-Güte-Praxis hinzufügen, und die Kontemplation darüber, womit man sich da identifiziert: Mit der Person des Buddha, oder beispielsweise mit seiner Entschlossenheit und seinem Weg.
Liebe Grüße,
Aravind.
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Danke für die Antworten @kilaya und Aravind. Das löst direkt auch eine Fragestellung zu einem anderen (Zen) Text an der ich zuletzt gehangen hatte - so einfach ist es manchmal.