Hallo Marterra ,
vielen Dank für die ausführliche Erklärung!
Es ist hier selten, dass jemand so genau auf den Punkt kommt, eine ausführlichere Analyse aufzeigt oder hier mit tiefschürfenden Gedanken herauskommt.
Dann stellen die beiden Vögel auf Deinem Logo sozusagen zugleich den relativen und den absoluten Aspekt der Erscheinung eines Lebewesens dar.
Im buddhistischen Mahayana ist von den Zwei Wahrheiten die Rede:
Einerseits: Samvriti-satya – die konventionelle, relative oder verhüllende Wahrheit:
Menschen, Tische, Berge, Karma, Ursache und Wirkung existieren auf dieser Ebene.
Die Welt funktioniert und ist nicht einfach eine Illusion im trivialen Sinn.
Andererseits: Paramartha-satya – die höchste oder letztgültige Wahrheit.
Alle Phänomene sind leer von einer eigenständigen, unabhängigen Existenz (śūnyatā).
Diese Wahrheit ist nicht ein verborgenes Ding hinter den Erscheinungen, sondern die wahre Natur der Erscheinungen selbst.
Die Lehre von den Zwei Wahrheiten ist zwar schon älter als der Buddhismus selbst, doch gerade der letzte Punkt unterscheidet Madhyamaka von vielen nicht-buddhistischen indischen Systemen.
Madhyamaka ist geradezu die Philosophie Nāgārjunas. Wenn man von Madhyamaka spricht, denkt man normalerweise zuerst an ihn und seine Hauptschrift, das Mulamadhyamakakarika (Grundverse des Mittleren Weges).
Der Name Madhyamaka kommt von madhyama = „Mitte“. Er knüpft an den frühen buddhistischen Begriff des „Mittleren Weges“ an, bekommt bei Nāgārjuna aber eine sehr präzise philosophische Bedeutung.
Der "Mittlere Weg" bedeutet keinesfalls bloß ein Maßhalten im herkömmlichen Sinne, wie man meinen könnte, sondern:
wenn man sich fragt, worin denn wirklich diese "Mitte" besteht, so sagt Nāgārjuna dazu,
dass wir gewöhnlich in Extreme verfallen:
Eternalismus: Dinge besitzen ein eigenes, dauerhaftes Wesen.
Nihilismus: Nichts existiert überhaupt, alles ist bedeutungslos.
Die Mitte liegt weder in dem einen noch in dem anderen.
Ein berühmter Gedanke bei Nāgārjuna lautet:
Weil Dinge abhängig entstehen, sind sie leer.
Weil sie leer sind, können sie entstehen.
Das ist der Kern seiner Philosophie. Er sagt nicht: "Nichts existiert", sondern eher:
"Nichts existiert auf die Weise, wie wir es für gewöhnlich annehmen."
Aber keines dieser Dinge existiert unabhängig, aus sich selbst heraus oder als festes Wesen.
Für Nāgārjuna sind die zwei Wahrheiten nicht zwei verschiedene Welten:
Auf der relativen Ebene gibt es Menschen, Berge, Ursache und Wirkung, Buddhas, Leiden und Befreiung.
Auf der absoluten Ebene erkennt man, dass all diese Phänomene leer von Eigenwesen sind.
Das ist ein wichtiger Unterschied zum Advaita Vedānta (---> Hinduismus). Dort könnte man vereinfacht sagen:
"Hinter der Erscheinungswelt steht Brahman.",
aber Nagarjuna würde sagen: "Hinter der Erscheinungswelt steht nichts; ihre Leerheit ist gerade ihre abhängige Existenz."
Das ist typisch für den Tibetischen Buddhismus. Die großen tibetischen Schulen betrachten Madhyamaka gewöhnlich als die höchste philosophische Sichtweise, auch wenn sie sich über Details streiten (diese Feinheiten sind etwas für Spezialisten, das lasse ich hier mal weg).
Gerade dieser Punkt macht Nāgārjuna so radikal und erklärt, warum seine Philosophie bis heute sowohl Buddhisten als auch westliche Philosophen fasziniert. Sie ist weder realistischer Substanzmetaphysik noch einfachem Nihilismus zuzuordnen und versucht konsequent, beide Extreme zu vermeiden: wer die Leerheit zu einer neuen metaphysischen Substanz macht, hat die Lehre nicht verstanden. Deshalb gibt es im Madhyamaka letztlich keinen „Brahman-Ersatz“. Die absolute Wahrheit ist nicht ein verborgenes Etwas, sondern die Einsicht, dass alle Dinge ohne Eigenwesen und nur in wechselseitiger Abhängigkeit bestehen.
Das ist sehr tiefgründig, und gerade dieser Punkt macht Nāgārjuna so radikal und erklärt, warum seine Philosophie bis heute sowohl Buddhisten als auch westliche Philosophen fasziniert. Sie ist weder realistischer Substanzmetaphysik noch einfachem Nihilismus zuzuordnen und versucht konsequent, beide Extreme zu vermeiden.
Puuuh, das ist erstmal schwere Kost, nicht wahr?
Und Deine zwei Vögel in Deinem Logo haben mich darauf gebracht, gerade weil sie als ein Symbol aus dem Hinduismus stehen.
Auf den ersten Blick gibt es keine philosophische Verbindung zwischen diesen beiden Vögeln, und den zwei Raben Odins auf meinem schönen Holzrelief, siehe oben.
Es gibt allerdings eine andere Verbindung, wie mir scheint, und die ich persönlich spannend finde.
(Zur Erinnerung: Huginn = Gedanke, Denken, Reflexion; Muninn = Erinnerung, Gedächtnis, Bewusstsein des Gewesenen).
Jeden Morgen fliegen die beiden Raben in die Welt hinaus und kehren abends zu Odin zurück, um ihm zu berichten, was sie gesehen haben.
Man könnte darin eine Art Doppelbewegung erkennen:
die Vielfalt der Erscheinungen der Welt, und die integrierende Erkenntnis, die alles wieder auf einen Zusammenhang bezieht.
Das erinnert entfernt an die buddhistische Spannung zwischen konventioneller und letztgültiger Wahrheit.
Aber wenn man die Analogie etwas präziser machen wollte, würde ich sie anders formulieren:
Huginn und Muninn bewegen sich in der Welt der Unterschiede: Menschen, Ereignisse, Geschichten, Erinnerungen, Gedanken.
Das entspricht eher der relativen Wahrheit.
Odin selbst sitzt im Zentrum und empfängt die Berichte. Man könnte ihn symbolisch als die integrierende Perspektive verstehen, die die Vielheit überschaut.
Doch genau hier beginnt das Problem:
Im Madhyamaka gibt es gerade kein oberstes Subjekt, das die letztgültige Wahrheit besitzt oder verkörpert. Die Analogie würde also genau an dem Punkt brechen, der Nāgārjuna wichtig ist.
Es gibt allerdings eine andere Verbindung, die ich persönlich spannender finde.
Huginn und Muninn sind keine Dinge, die Odin besitzt wie Werkzeuge. In manchen Quellen wirkt Odin sogar besorgt, dass sie eines Tages nicht zurückkehren könnten.
Das bedeutet: Erkenntnis ist nicht statisch, Wissen muss immer wieder neu errungen werden, und die Welt zeigt sich nur in einem ständigen Prozess.
Diese Dynamik hat tatsächlich etwas, das an buddhisches Denken erinnert: keine feste Substanz, sondern fortlaufende Beziehungen und Prozesse.
Nun schließe ich vorläufig, sonst wird das hier zu lang -
obwohl mir noch Weiteres dazu eingefallen ist.