Heute verstehe ich mich als buddhistischen Hooligan.
Natürlich nicht im Sinne von Schlägereien, zerbrochenen Kneipentischen oder fliegenden Bierflaschen. Ich habe schließlich die fünf Silas nicht gegen einen Baseballschläger eingetauscht. 😄
Nein, ich bin Hooligan im übertragenen Sinne.
Ich komme nicht mehr mit dem Bedürfnis daher, jedem zu gefallen. Ich will auch nicht mehr bei jeder buddhistischen Diskussion brav nicken, nur weil jemand besonders gelehrt klingt oder dreimal „Leerheit“ gesagt hat.
Mein innerer Hooligan trägt keine Kutte.
Er trägt Mala.
Und wenn jemand im Buddhismus anfängt, anderen Menschen von oben herab zu erklären, was sie gefälligst zu glauben, zu fühlen oder zu verstehen haben, dann steht er plötzlich da:
„Moment mal. Was soll das denn jetzt?“
Denn irgendwann habe ich verstanden: Buddhismus bedeutet für mich nicht, dass man seinen gesunden Menschenverstand am Eingang des Dharma-Zentrums abgibt.
Im Gegenteil.
Gerade wenn es um Mitgefühl, Weisheit und menschliches Leid geht, möchte ich genauer hinschauen.
Wenn jemand einen anderen Menschen belehrt, ohne dessen Situation wirklich zu verstehen, dann darf man das auch einmal ansprechen.
Wenn jemand mit großen buddhistischen Begriffen um sich wirft, aber dabei völlig vergisst, dass am anderen Ende des Gesprächs ein Mensch sitzt, dann darf mein innerer Dharma-Hooligan ruhig aufstehen.
Nicht aggressiv.
Nicht beleidigend.
Aber bestimmt.
Mein Motto lautet mittlerweile ungefähr:
„Ich komme in Frieden – aber ich lasse mich nicht von jedem mit Räucherstäbchen zuschütten.“
😂
Dabei geht es mir gar nicht darum, derjenige zu sein, der immer recht hat. Ein buddhistischer Hooligan muss schließlich auch sich selbst aufs Korn nehmen können.
Vielleicht ist die größte hooliganartige buddhistische Tugend sogar die Bereitschaft, den eigenen Standpunkt jederzeit wieder auseinanderzunehmen.
Denn was bringt es, andere wegen ihrer Ansichten zu kritisieren, wenn man selbst an seinen eigenen Vorstellungen klebt wie ein Mönch an seinem letzten Stück Kuchen?
Also ja:
Ich bin buddhistischer Hooligan.
Ich pöble nicht gegen Menschen.
Ich pöble gegen Dogmatismus.
Ich randaliere nicht gegen andere Buddhisten.
Ich randaliere höchstens ein bisschen gegen Denkfaulheit.
Und wenn irgendwo behauptet wird, jemand habe die endgültige Wahrheit gefunden, dann komme ich mit meiner imaginären Dharma-Fahne um die Ecke und frage:
„Bist du dir da wirklich sicher?“
Vielleicht ist das sogar eine ziemlich buddhistische Form von Hooliganismus.
Denn am Ende geht es nicht darum, die größte Gruppe hinter sich zu haben.
Es geht darum, immer wieder hinzuschauen.
Zu prüfen.
Mitgefühl zu bewahren.
Und vor allem: sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.
Der buddhistische Hooligan zieht also weiter.
Mit Mala um den Hals, einem Grinsen im Gesicht und einer ziemlich unbequemen Frage auf den Lippen:
„Und wo genau steht eigentlich, dass du recht hast?“