An Vacchagotta über das Feuer
Bearbeitet von Qualia:
Da ging der Wanderasket Vacchagotta zum Erhabenen und tauschte Grußformeln mit ihm aus. Nach diesen höflichen und freundlichen Worten setzte er sich seitlich nieder und fragte den Erhabenen:
V: Ist Gotama der Ansicht:
Die Welt ist ewig? – Die Welt ist nicht ewig? – Die Welt ist endlich? – Die Welt ist unendlich?
B: Ich bin nicht der Ansicht:
Die Welt ist ewig. – Die Welt ist nicht ewig? – Die Welt ist endlich? – Die Welt ist unendlich?
V: Ist Gotama der Ansicht:
Das Selbst und der Körper sind das Gleiche? – Das Selbst ist eine Sache und der Körper eine andere ?
B: Ich bin nicht der Ansicht:
Das Selbst und der Körper sind das Gleiche. - Das Selbst ist eine Sache und der Körper eine andere.
V: Ist Gotama der Ansicht:
Tathāgata (der so aus dem Leiden Gegangene) existiert nach dem Tode? – Tathāgata (der so aus dem Leiden Gegangene) existiert nicht nach dem Tode? – Sowohl existiert Tathāgata nach dem Tode, als auch existiert er nicht? – Weder existiert Tathāgata nach dem Tode, noch existiert er nicht?
B: Ich bin nicht der Ansicht: Tathāgata (der so aus dem Leiden Gegangene) existiert nach dem Tode. – Tathāgata existiert nicht nach dem Tode. – Sowohl existiert Tathāgata nach dem Tode, als auch existiert er nicht. – Weder existiert ein Tathāgata nach dem Tode, noch existiert er nicht.
V: Wie ist es denn dann? Wenn dem Meister eine dieser zehn Fragen gestellt wird, erwidert er jedes Mal: Ich bin nicht der Ansicht. Welche Gefahr sieht Meister Gotama, die verhindert, dass er eine dieser spekulativen Ansichten annimmt?
B: „Vaccha, das Annehmen einer spekulativen Ansicht, führt in ein Gestrüpp, ein Labyrinth, eine Verzerrung, eine Launenhaftigkeit der Meinungen, eine Fesselung an Meinungen.
Man ist von Dukkha umzingelt, von Hindernissen, von Verzweiflung und Hitzköpfigkeit. Das führt nicht zur Ernüchterung, zum Sich-Lossagen, zum Aufhören, zum Frieden, zur höheren Geisteskraft, zum Erwachen, zu Nibbāna.
Die spekulativen Ansichten:
Die Welt ist ewig – ist nicht ewig – ist endlich – ist nicht endlich.
Die spekulativen Ansichten:
Das Selbst und der Körper ist das Gleiche. – Das Selbst ist eine Sache und der Körper ist eine andere.
Die spekulativen Ansichten:
Tathāgata (der so aus dem Leiden Gegangene) existiert nach dem Tod.
Tathāgata existiert nicht nach dem Tod.
Sowohl ist Tathāgata nach dem Tod existent, als auch nichtexistent.
Weder ist Tathāgata nach dem Tod existent, noch nichtexistent.
Jedes Annehmen einer dieser spekulativen Ansichten als Wahrheit, führt in ein Gestrüpp, ein Labyrinth, eine Verzerrung, eine Launenhaftigkeit der Meinungen, eine Fesselung an Meinungen.
Man ist von Dukkha umzingelt, von Hindernissen, von Verzweiflung und Hitzköpfigkeit. Das führt nicht zur Ernüchterung, zum Sich-Lossagen, zum Aufhören, zum Frieden, zur höheren Geisteskraft, zum Erwachen, zu Nibbāna.
Weil ich diese Gefahren sehe, nehme ich keine dieser Arten von Ansichten oder Meinungen an.“
V: Hat Meister Gotama dann überhaupt eine spekulative Ansicht?
B: „Vaccha, ‚spekulative Ansicht‘ ist etwas, was vom Tathāgata, dem so aus dem Leiden Gegangenen, beseitigt worden ist, denn Tathāgata, hat dies erkannt:
So ist Körper/Ding, so sein Ursprung, so sein Vergehen.
So ist Körperempfinden, Wahrnehmung, Gefühl, Erfahrungswissen, Absichtsgestaltung, so ist ihr Ursprung, so ihr Vergehen.
„Daher sage ich: Mit dem Sich-Lossagen, dem Aufhören des Wiedererrichtens, dem Aufgeben und Loslassen aller Vorstellungen, aller Gedankengebäude, allen Ich-und Mein-Machens und der zugrundeliegenden Neigung der Ich-Selbstgefälligkeit ist Tathāgata vom Festhalten befreit.“
V: „Wenn das Herz eines Bhikkhu so befreit ist, wo erscheint er nach dem Tode wieder?“
B: „Der Ausdruck ,wieder erscheinen‘ ist nicht zutreffend.“
V.: „Erscheint er dann nicht wieder?“
B: „Der Ausdruck ,nicht wieder erscheinen‘ ist nicht zutreffend.“
V: „Erscheint er dann sowohl wieder, als auch nicht wieder?“
V: „Der Ausdruck ,sowohl wieder erscheinen, als auch nicht wieder erscheinen‘ ist nicht zutreffend.“
V: „Erscheint er dann weder wieder, noch erscheint er nicht wieder?“
B: „Der Ausdruck ,weder wieder erscheinen, noch nicht wieder erscheinen‘ ist nicht zutreffend.“
V: „Wenn diese vier Fragen gestellt werden, erwidert er:
,Der Ausdruck ›wieder erscheinen‹
der Ausdruck ›nicht wieder erscheinen‹
der Ausdruck ›sowohl wieder erscheinen, als auch nicht wieder erscheinen‹
der Ausdruck ›weder wieder erscheinen, noch nicht wieder erscheinen‹ ist nicht zutreffend.
Das bestürzt mich, das verwirrt mich, und das Ausmaß an Vertrauen, das ich durch frühere Unterhaltungen mit Meister Gotama erlangt habe, ist jetzt verschwunden.“
B: „Berechtigterweise verursacht es Bestürzung und Verwirrung in dir. Denn dieses Dhamma ist tiefgründig, schwer zu sehen und zu verstehen, doch ist es friedvoll und erhaben. Durch bloßes Nachdenken nicht zu erlangen, selbst die Weisesten müssen es selbst erfahren. Es ist schwer für dich, es zu verstehen, wenn du eine Ansicht hast, eine Lehre akzeptierst, eine Lehre für richtig hältst, einer Übung und einem Lehrer folgst. Also werde ich dir Gegenfragen über dieses stellen. Antworte nach Belieben.“
B:„Was meinst du? Angenommen, ein Feuer würde vor dir brennen. Würdest du wissen: ,Dieses Feuer brennt vor mir‘?“
V: „Das würde ich.“
B: „Wenn dich jemand fragen sollte: ,Wovon ist das Feuer Abhängigkeit, das da vor dir brennt?‘, was würdest du antworten?“
V: „So gefragt würde ich antworten: ,Dieses Feuer, das da vor mir ist, brennt in Abhängigkeit von seinem Brennstoff von Gras und Zweigen.‘“
B: „Wenn jenes Feuer vor dir erlöschen sollte, würdest du wissen: ,Dieses Feuer vor mir ist erloschen‘?“
V: „Wenn jenes Feuer vor mir erlöschen sollte würde ich wissen: ,Dieses Feuer vor mir ist erloschen.‘“
B: „Wenn dich jemand fragen sollte: ,Als jenes Feuer vor dir erlosch, in welche Richtung ging es da: nach Osten, Westen, Norden oder Süden?‘“
V: „Das ist nicht zutreffend. Das Feuer brannte in Abhängigkeit von seinem Brennstoff, Gras und Zweigen. Wenn die Brennstoffe verbraucht sind und falls sie keine weitere Zufuhr erhalten, wenn das Feuer ohne Nahrung ist, gilt es als erloschen.“
B: Ebenso ist jede Form, die jemand ergreift, der den Tathāgata beschreibt, zur Beschreibung heranziehen könnte, vom Tathāgata überwunden worden. An der Wurzel abgeschnitten, einem Palmenstumpf gleichgemacht, beseitigt durch sein Weggehen vom Leiden, deshalb ist er allen angewendeten oder erscheinenden Formen zu einem künftigem Wiederwerden nicht mehr unterworfen.
Der Tathāgata ist von der Erfassbarkeit im Sinne jeder Form befreit, Vaccha, er ist tiefgründig, unermesslich, schwer zu ergründen wie der Ozean.
Der Ausdruck „wieder erscheinen“, der Ausdruck „nicht wieder erscheinen“, der Ausdruck „sowohl wieder erscheinen, als auch nicht wieder erscheinen“, der Ausdruck „weder wieder erscheinen, noch nicht wieder erscheinen“ ist nicht zutreffend.
Jenes Körperempfinden, Wahrnehmung, Gefühl, Erfahrungswissen, Absichtsgestalten, das jemand ergreift, der den Tathāgata beschreibt, zur Beschreibung heranziehen könnte, ist vom Tathāgata überwunden worden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmenstumpf gleichgemacht, beseitigt, sodass es künftigem Entstehen nicht mehr unterworfen ist.
Der Tathāgata ist von der Erfassbarkeit im Sinne von Körperempfindungen, Wahrnehmung, Gefühl, Erfahrungswissen, und Absichtsgestalten befreit, Vaccha, er ist tiefgründig, unermesslich, schwer zu ergründen wie der Ozean.
Nach diesen Worten sagte der Wanderasket Vacchagotta zum Erhabenen: „Meister Gotama, angenommen es gäbe einen großen Salbaum, nicht weit von einem Dorf oder einer Stadt, und die Vergänglichkeit hätte seine Zweige und sein Laub, seine Rinde und sein Weichholz abgetragen, so dass er später, nachdem er von Zweigen und Laub entblößt, von Rinde und Weichholz entblößt war, rein wurde, ausschließlich aus Kernholz bestand; genauso ist diese Lehrrede von Meister Gotama von Zweigen und Laub entblößt, von Rinde und Weichholz entblößt, und sie ist rein, besteht ausschließlich aus Kernholz.“
„Großartig, Meister Gotama! Großartig, Meister Gotama! Das Dhamma ist von Meister Gotama auf vielfältige Weise klar gemacht worden, so als ob er Umgestürztes aufgerichtet, Verborgenes enthüllt, einem Verirrten den Weg gezeigt oder in der Dunkelheit eine Lampe gehalten hätte, damit die Sehenden die Dinge erkennen können. Ich nehme Zuflucht zu Meister Gotama und zum Dhamma und zur Sangha der Bhikkhus. Möge Meister Gotama mich von heute an als Laienanhänger, der zu ihm lebenslang Zuflucht genommen hat, annehmen.“