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Shine/Lhaktong - Samatha/Vipassana

  • 123XYZ
  • 25. März 2016 um 23:45
  • Zum letzten Beitrag
  • 123XYZ
    Gast
    • 25. März 2016 um 23:45
    • #1

    Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen dem tibetischen Shine/Lhaktong und dem theravadischen Samatha/Vipassana?

    Der Hinayana wird ja als kleines Fahrzeug im Vajrayana angesehen.
    (Anm.: Ich weiss das Theravada nicht mit Hinayana verglichen werden möchte...)
    Daher denke ich das der Einstieg in die Praxis mit Shine/Lhaktong als "kleines Fahrzeug" also analog zur Theravada-Praxis Samatha/Vipassana gesehen werden kann.
    Diese Meditationen sind ja auch noch nicht tantrisch.

    Ich würde daher den Theravada-Klassiker "Visuddhimagga, Der Weg zur Reinheit" von Buddhaghosa verwenden um diese Meditationen zu studieren.
    Oder ist davon abzuraten?

  • 123XYZ
    Gast
    • 26. März 2016 um 09:43
    • #2

    Es wird ja gesagt das Vajrayana sämtliche Schulen in einem einzigen großen Lehrsystem vereinigt.
    Das "kleine Fahrzeug" steht für die erste Drehung des Dharma-Rades.
    Von daher denke ich ein Einstieg mit den Lehrreden des Buddha aus dem Pali-Kanon + Shine/Lhaktong - Samatha/Vipassana Praxis (Theravada) bietet sich an.
    Einen Unterschied dürften tw die geistigen Objekte im Lhaktong/Vipassana machen, nämlich zB das Erzeugen von Bodhicitta denke ich.

  • Lucky Luke
    Gast
    • 26. März 2016 um 11:05
    • #3
    Thomas23:

    Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen dem tibetischen Shine/Lhaktong und dem theravadischen Samatha/Vipassana?

    Hallo Thomas,

    zunächst zu den Begriffspaaren. Die Begriffe Shamatha und Vipassana kommen auch im "tibetischen" vor. Von daher gibt es schon mal keine eindeutige begriffliche Trennung so wie Du es gemacht hast.

    M.E. gibt es keine Unterschiede zur Entwicklung von "geistiger Ruhe" (Shamatha/ Shine) zwischen den einzelnen Schulen.
    Zum Begriff Vipassana: Im Theravada geht man von der Leerheit der Person aus, während man im Mahayana von der Leerheit aller Phänomene ausgeht. Innerhalb des Mahayana gibt es aber auch noch verschiedene Schulen, die jeweils unterschiedliche Herangehensweisen haben.

  • 123XYZ
    Gast
    • 26. März 2016 um 11:47
    • #4
    Sherab Yönten:

    Zum Begriff Vipassana: Im Theravada geht man von der Leerheit der Person aus, während man im Mahayana von der Leerheit aller Phänomene ausgeht. Innerhalb des Mahayana gibt es aber auch noch verschiedene Schulen, die jeweils unterschiedliche Herangehensweisen haben.


    Wie kann ich das "davon ausgehen" verstehen?
    Der Buddha selbst spricht doch davon das alle Phänomene leer und abhängig entstanden sind, oder nicht? (weiß es gerade nicht genau)
    Ist damit gemeint das man erstmal bei Personen ansetzen soll und die weiteren Phänomene außen vorlässt?

    Ich habe mir den Leerheits-Begriff übrigens aus den Abhandlungen Tsongkhapa´s erschlossen.

  • Lucky Luke
    Gast
    • 26. März 2016 um 12:27
    • #5
    Thomas23:

    Wie kann ich das "davon ausgehen" verstehen?

    Als Prämisse von verschiedenen Leerheitsmodellen :)

    Thomas23:

    Ist damit gemeint das man erstmal bei Personen ansetzen soll und die weiteren Phänomene außen vorlässt?

    Ja, man beginnt bei der Leerheit der Person. Das ist schon schwer genug. :?

    Thomas23:

    Ich habe mir den Leerheits-Begriff übrigens aus den Abhandlungen Tsongkhapa´s erschlossen.

    Die Prasangika Variante nach Tsongkhapa ist schon ein sehr komplexes "Leerheitsmodell".

  • 123XYZ
    Gast
    • 26. März 2016 um 12:47
    • #6
    Sherab Yönten:
    Thomas23:

    Ist damit gemeint das man erstmal bei Personen ansetzen soll und die weiteren Phänomene außen vorlässt?


    Ja, man beginnt bei der Leerheit der Person. Das ist schon schwer genug. :?

    Das ist es was ich meinte mit "davon ausgehen".. man geht erstmal von der Person aus und wendet sich später allen übrigen Phänomenen zu.
    Also von einem Anfangspunkt aus los gehen auf den Pfad.

    Ich gebe Dir recht das die Leerheit der Person zu erkennen schon schwer genug ist.
    Allerdings denke ich das es nicht unbedingt ideal ist erstmal eine "Teil-Leerheit" zu verinnerlichen statt sich direkt der Natur der Leerheit aller Phänomene einschließlich der Person zuzuwenden und somit von der Basis weg den Leerheits-Begriff richtig und vollständig (erstmal theoretisch!) zu erfassen.

    Ich würde gerne verstehen was der Grund für diese Theravada-Sichtweise ist.

  • Lucky Luke
    Gast
    • 26. März 2016 um 13:55
    • #7
    Thomas23:

    Ich würde gerne verstehen was der Grund für diese Theravada-Sichtweise ist.

    Diese Frage müsstest Du dann doch aber im Theravada Bereich stellen. Ich kann nur vermuten, dass es mit den unterschiedlichen Zielsetzungen/ Motivationen zu tun hat. Im Theravada ist das Ziel, Befreiung für sich selbst zu erlangen (Nirvana). Dazu mag es ausreichen, dass man "lediglich" die Realisation der Leerheit der Person anstrebt. Im Mahayana strebt man die "Buddhaschaft" an, also die Praxis "zum Wohle aller Wesen" , wie auch immer die konkret aussehen mag. Daher ist das Leerheitsmodell der Theravada Schule aus Sicht der Mahayana Praktizierenden unzureichend. Allerdings ist es wichtig zu verstehen, dass ohne ein Verständnis der Leerheit der Person ein darüber hinaus gehendes Verständnis nicht möglich ist.

  • Buddhaghosa
    Gast
    • 26. März 2016 um 18:29
    • #8
    Sherab Yönten:

    Zum Begriff Vipassana: Im Theravada geht man von der Leerheit der Person aus, während man im Mahayana von der Leerheit aller Phänomene ausgeht...

    Deja vu: http://anfaengergeist.net/leerheit-im-th…hiede-t709.html. Nur nicht ins Bockshorn jagen lassen ...

    Gruß
    Florian

  • 123XYZ
    Gast
    • 26. März 2016 um 22:38
    • #9
    Sherab Yönten:

    Diese Frage müsstest Du dann doch aber im Theravada Bereich stellen.


    Ich habe den Diskussionsstrang mal in den thread Unterschied Theravada - Mahayana gestellt.

    Was gibt es denn für empfehlenswerte Literatur zu Shine/Lhaktong?
    Habe mir bereits "Grenzenloses Erwachen: Das Herz buddhistischer Meditation - Grundlegende Unterweisungen zur Shine- und Lhagthong Praxis" von Shamar Rinpoche auf die Wunschliste gesetzt. Wurde in einem anderen thread empfohlen.

    Gibt es bessere oder gleich gute Literatur zum Thema?

  • Lucky Luke
    Gast
    • 27. März 2016 um 13:10
    • #10

    Hallo Thomas,

    als Quelle meiner dargelegten Mahayana Sichtweise kann ich Dir das Buch "Stufenweise Meditationsfolge über Leerheit" von Khenpo Tsültrim Gyamtso Rinpoche empfehlen.

    Er vergleicht die Sichtweisen der Hinayana/ Shravaka (Vaibhasika und Sautrantika) Schule mit denen der Mahayana Schulen (vor allem Cittamatra und Madhyamaka). Die Vaibhasika und Sautrantika Schulen weichen wohl von der Theravada Lehre in einigen Punkten ab. Von daher muss ich meine Vermutung korrigieren, dass die Theravada Schule lediglich von der Leerheit einer Person ausgeht. Der Autor meinte die Vaibhasika bzw. die
    Sautrantika Schule !

  • 123XYZ
    Gast
    • 27. März 2016 um 13:52
    • #11

    Danke für den Tipp, Sherab Yönten!

    Wird in dem Buch (welches unverschämt teuer ist.. 79,95€ für 155 Seiten!!!) .. siehe hier.. speziell die Shine/Lhaktong - Praxis behandelt?

  • kilaya
    Gast
    • 27. März 2016 um 13:55
    • #12

    Das ist leider bei raren antiquarischen Ausgaben öfter mal so, da machen dann einige Leute ein Geschäft draus. Oft sind die buddhistischen Bücher nur in kleinen Auflagen kurze Zeit verfügbar.

    kilaya

  • Lucky Luke
    Gast
    • 27. März 2016 um 14:18
    • #13
    Thomas23:

    Wird in dem Buch (welches unverschämt teuer ist.. 79,95€ für 155 Seiten!!!) .. siehe hier.. speziell die Shine/Lhaktong - Praxis behandelt?

    Ja. Lhaktong (Vipasyana) ist für mich nichts anderes wie Leerheit.

    Nein. Shine/ Shamatha wird dort nicht behandelt. Dazu kann ich Dir folgendes Buch empfehlen:

    http://www.amazon.de/Die-Achtsamkei…keitsrevolution

  • kilaya
    Gast
    • 27. März 2016 um 14:33
    • #14
    Sherab Yönten:

    Ja. Lhaktong (Vipasyana) ist für mich nichts anderes wie Leerheit.


    Kann man das wirklich so sagen? Einsicht in die Leerheit ist sicherlich für Weisheit zentral, aber beschreibt nicht "Lhaktong" die Einsicht an sich, weniger den Inhalt? Es könnte auch weise Einsicht in andere Zusammenhänge und grundlegende Wahrheiten sein.

    kilaya

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    • 27. März 2016 um 18:11
    • #15
    Thomas23:

    Danke für den Tipp, Sherab Yönten!

    Wird in dem Buch (welches unverschämt teuer ist.. 79,95€ für 155 Seiten!!!) .. siehe hier.. speziell die Shine/Lhaktong - Praxis behandelt?

    warum willste soo viel theoretischen "kram"?....das verbildet doch nur. Shine meint Sitz-Praxis, und eventuell jemand fürs Feedback, falls "Unklarheiten" auftauchen/bestehn, nen sog. Meditationsunterweiser....

  • 123XYZ
    Gast
    • 27. März 2016 um 20:04
    • #16
    Samten:

    warum willste soo viel theoretischen "kram"?....das verbildet doch nur. Shine meint Sitz-Praxis, und eventuell jemand fürs Feedback, falls "Unklarheiten" auftauchen/bestehn, nen sog. Meditationsunterweiser....


    Im Grunde hast Du recht.
    Ich möchte mir auch gar nicht sooo viel Theorie über Shine/Lhaktong einverleiben.
    Mir reichen im Grunde 1-2 gute Bücher. Allerdings muss ich halt erstmal ausfindig machen was es an Literatur gibt um mich dann zu entscheiden.
    Ich bin mit Zazen in die buddhistische Praxis eingestiegen. Seinerseits habe ich ein gutes Buch über die richtige Körperhaltung etc.. gelesen. Das hat mir sehr geholfen um mich sicher zu fühlen das ich auch nichts falsch mache. Seither sitzt meine Zazen-Haltung bis in alle Ewigkeit. Es gibt da schon Feinheiten in der Sitzmeditation auf die man von selbst nicht kommt.
    Auch aktuell praktiziere ich Zazen. Das ist im Grunde eine Top-Ruhemeditation.
    Allerdings gibt es schon ein paar Unterschiede zu Shamatha/Shine die ich genauer kennen lernen möchte. Daher suche ich nach einem möglichst guten, traditionellen Buch.
    Insbesondere die Fokusierung von Objekten (zB Buddhafigur) macht einen Unterschied zum Zazen. Ich habe meine ersten Meditationsübungen mit Blick auf eine Buddhafigur gemacht.
    Das hat mir sehr geholfen mich besser zu fokusieren. Beim Zazen habe ich das Gefühl mehr Schwierigkeiten damit zu haben.
    Mit Vipassana/Lhaktong habe ich bislang noch keine Erfahrung.

    Visuddhimagga von Buddhaghosa werde ich mir auf jeden Fall einverleiben aber nicht nur der Meditationsanleitung wegen, sondern weil es ein echter buddhistischer Klassiker ist.
    Dazu dann noch 1-2 weitere Werke aus dem Vajrayana.. vielleicht am Besten ein älteres und eines von einem/einer noch lebenden Meister/Meisterin.
    Ich verspreche mir davon eine solide, gut verstandene Basis.
    Abgesehen davon interessiere ich mich aber auch über die praktischen Notwendigkeiten hinaus über alles rund um den Buddhismus.

    @Sherab Yönten: Danke für den weiteren Buchtipp :)
    Im Grunde habe ich jetzt schon eine recht gute Auswahl denke ich.

  • 123XYZ
    Gast
    • 28. März 2016 um 00:03
    • #17

    Habe eine Seite mit Lehrbüchern zu Shamatha/Vipassana zum kostenlosen Download gefunden: http://www.buddhismus-meditation.de/Literatur.html

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    • 29. März 2016 um 09:49
    • #18
    Zitat

    Über Meditation, von Sakyong Mipham Rinpoche

    Alle buddhistischen Traditionen kennen die Praxis der Achtsamkeit-/ Gewahrseinsmeditation im Sitzen. Achtsamkeit und Gewahrsein sind eigentlich allen Menschen schon zueigen. In der Meditation entdecken wir, wer und was wir sind. Das kann manchmal beängstigend oder auch ziemlich langweilig sein, aber nach einer gewissen Zeit fällt das alles von uns ab. Wir kommen in eine Art natürlichen Rhythmus und entdecken unseren Geist und unser Herz.
    Oft haben wir die Vorstellung, Meditation sei eine Art nicht-alltägliche, heilige, oder spirituelle Praxis. Dies ist ein Missverständnis, das wir in unserer Praxis überwinden müssen. Der springende Punkt ist, dass Meditation etwas ganz Normales ist: Wir sind einfach aufmerksam. Wir haben es mit der Qualität von Achtsamkeit zu tun, die ohnehin in allem, was wir tun anwesend ist. Das Wichtigste, was der Buddha herausgefunden hat war, dass er er selbst sein konnte, und zwar voll und ganz, hundertprozentig. Er hat die Meditation nicht erfunden, es gab nichts Spezielles zu erfinden. Der Buddha, der „Erwachte“ wachte auf, und es wurde ihm klar, dass er nichts anderes zu sein hatte, als er ohnehin schon war. In den gesamten buddhistischen Belehrungen geht es also darum, herauszufinden, wer wir sind.
    Es ist eigentlich sehr direkt und geradeheraus, aber wir werden ständig davon abgelenkt, in unserem natürlichen Zustand, unserem natürlichen Sein zu verweilen. Im Laufe unseres Tages treibt uns alles von natürlicher Achtsamkeit, von Im-Moment-Sein weg. Wir sind entweder zu ängstlich, zu verlegen, zu stolz oder zu verrückt, um einfach zu sein, wer wir sind.
    Das nennen wir die Reise oder den Pfad: immer mehr zu erkennen, dass wir uns entspannen können und sein können, wer wir sind. Meditationspraxis fängt also damit an, dass wir alles vereinfachen. Wir sitzen auf dem Kissen, folgen unserem Atem und beobachten unsere Gedanken. Wir vereinfachen unsere gesamte Situation.
    Die Grundlage dieser speziellen Reise ist Achtsamkeits-/Gewahrseinspraxis, Sitzmeditation. Solange wir nicht in der Lage sind mit unserem Geist und unserem Körper in einer sehr einfachen Art und Weise umzugehen, brauchen wir gar nicht erst an die Praktiken der höheren Ebenen zu denken. Der Buddha, der alle möglichen Praktiken ausgeübt hatte, wurde nur dadurch zum Buddha, dass er saß. Er saß unter einem Baum und bewegte sich nicht. Er praktizierte genauso, wie wir es jetzt tun.
    Es geht hier darum, unseren Geist zu zähmen. Wir versuchen alle möglichen Befürchtungen und Aufregungen, alle möglichen Gewohnheitsmuster zu überwinden, damit wir einfach mit uns selbst dasitzen können. Das Leben ist kompliziert, wir haben so ungeheuer viele Verantwortlichkeiten, aber der springende Punkt ist, dass wir total still sitzen müssen, um mit dem Fluss unseres Lebens in Verbindung zu bleiben. Es mag einem logischer vorkommen, immer schneller zu werden, aber hier reduzieren wir alles auf ein sehr einfaches Niveau.
    Wir zähmen den Geist, indem wir die Technik der Achtsamkeit anwenden. Einfach ausgedrückt besteht Achtsamkeit darin, allen Einzelheiten völlige Aufmerksamkeit zu schenken. Wir sind völlig von dem Gefüge unseres Lebens, von der Beschaffenheit eines jeden Augenblicks vereinnahmt. Uns wird klar, dass unser Leben aus einzelnen Momenten besteht, und dass wir immer nur mit einem Moment nach dem nächsten umgehen können. Obwohl wir Erinnerungen an die Vergangenheit und Vorstellungen über die Zukunft haben, erfahren wir doch immer nur den gegenwärtigen Moment. Dies ist die einzige Möglichkeit, unser Leben voll und ganz zu erfahren.
    Vielleicht glauben wir, unser Leben wäre reicher, wenn wir über Vergangenheit und Zukunft nachdenken, aber wenn wir der gegenwärtigen Situation keine Aufmerksamkeit schenken, verpassen wir unser Leben. Wir können an der Vergangenheit nichts mehr verändern, selbst wenn wir sie wieder und wieder in Erinnerung rufen und unsere Zukunft liegt völlig im Ungewissen.
    Achtsamkeitspraxis ist also die Praxis des Lebendig-Seins, des Am-Leben-Seins. Wenn wir über Meditationstechniken sprechen, dann sprechen wir über Lebenstechniken. Wir reden nicht über etwas von uns Getrenntes. Wenn wir davon reden achtsam zu sein und in einer achtsamen Weise zu leben, dann sprechen wir über die Praxis der Unmittelbarkeit oder Spontaneität.
    Es ist wichtig zu verstehen, dass es hier nicht darum geht, irgendeine höhere geistige Ebene zu erreichen. Wir sagen nicht, dass unsere gegenwärtige Situation wertlos ist. Stattdessen sagen wir, dass uns die gegenwärtige Situation völlig zur Verfügung steht, dass sie völlig offen ist, und dass wir dies mit Hilfe der Achtsamkeitspraxis erkennen können.

    An dieser Stelle können wir uns der tatsächlichen Form der Praxis zuwenden. Zunächst ist es wichtig, wie wir uns zu dem Raum, in dem wir praktizieren und zu dem Kissen, auf dem wir praktizieren verhalten. Dort wo man sitzt, sollte für einen das Zentrum der Welt sein, das Zentrum des Universums. Es ist der Platz, an dem wir unsere geistige Gesundheit zum Ausdruck bringen und wenn wir uns hinsetzen, sollte das Kissen unser Thron sein.
    Wenn wir sitzen geschieht dies mit einer Art von Stolz und Würde. Unsere Beine sind gekreuzt, die Schultern entspannt. Wir haben ein Gefühl für das, was oberhalb von uns ist, ein Gefühl, dass uns etwas hochzieht. Gleichzeitig fühlen wir den Boden, auf dem wir sitzen. Die Arme sollten bequem auf den Oberschenkeln ruhen. Wer nicht auf einem Kissen sitzen kann, setzt sich auf den Stuhl. Hauptsache man sitzt aufrecht aber entspannt.
    Das Kinn ist ein wenig eingezogen, der Blick weich nach unten gerichtet, ungefähr 1,5 Meter vor uns auf den Boden, der Mund sollte leicht geöffnet sein. Grundsätzlich fühlen wir uns entspannt, würdevoll und zuversichtlich. Wenn du dich bewegen musst, bewegst du dich, veränderst du einfach deine Haltung ein klein wenig. Auf diese Weise gehen wir mit unserem Körper um.
    Als nächstes – und dies ist eigentlich der einfachste Teil – gehen wir mit unserem Geist um. Die grundlegende Technik besteht darin, dass wir unseren Atem bemerken, dass wir allmählich ein Gefühl für unseren Atem entwickeln. Der Atem dient uns als Grundlage für die Achtsamkeitstechnik; er bringt uns in den Moment zurück, in die gegenwärtige Situation. Der Atem ist etwas Beständiges – andernfalls wäre es bereits zu spät!
    Wir legen etwas mehr Aufmerksamkeit auf den Ausatem. Wir betonen den Atem nicht, wir verändern ihn nicht, wir bemerken ihn einfach. Wir bemerken, dass unser Atem hinausgeht und wenn wir einatmen, gibt es eine flüchtige Lücke, eine Pause. Wir lernen unsere Aufmerksamkeit auf den Atem zu richten und gleichzeitig tun wir das mit einer gewissen Lockerheit.
    Obwohl das, was wir tun, eigentlich recht einfach ist, bemerken wir dann, dass unglaublich viele Ideen, Gedanken und Konzepte über das Leben und über die Praxis selbst durch unseren Kopf schwirren. Und mit all diesen Gedanken gehen wir so um, dass wir sie einfach als das benennen, was sie sind, Gedanken. Wir stellen einfach fest, dass wir denken und kehren dann zum Atem zurück. Wenn wir uns also gerade fragen, was wir mit dem Rest unseres Lebens anfangen sollen, dann nennen wir das einfach „denken“. Wenn wir uns fragen, was es wohl zum Mittagessen geben wird, nennen wir das einfach „denken“. Alles was auftaucht, nehmen wir freundlich wahr und lassen es dann wieder los.

    Es gibt bei dieser Technik keine Ausnahmen, es gibt weder gute Gedanken, noch gibt es schlechte Gedanken. Wenn du gerade denkst, wie wundervoll Meditation doch ist, dann ist das immer noch „denken“. Wie phantastisch der Buddha war, immer noch „denken“. Ganz unabhängig davon, in welches Extrem du dich hineinbegibst, es ist einfach nur „denken“ und du kehrst zum Atem zurück.
    In Anbetracht dieser vielen Gedanken ist es schwierig, im Moment zu bleiben und sich nicht ablenken zu lassen. In unserem Leben hat sich ein ganzer Schwall von Unwettern, Umständen und Emotionen aufgestaut, von dem wir aus der Bahn geworfen werden könnten und der uns destabilisieren könnte. Alle möglichen Dinge tauchen auf, aber sie werden als Gedanken etikettiert und dadurch werden wir nicht abgelenkt oder davongetragen. Das nennt man auch: im Sattel bleiben oder den Sitz halten, man lernt einfach, mit sich selbst umzugehen.
    Diese Vorstellung, dass wir unseren Sitz einnehmen, können wir auch aufrechterhalten, wenn wir den Meditationsraum verlassen und unseren täglichen Beschäftigungen nachgehen. Wir erhalten ein Gefühl für Würde und Humor aufrecht und pflegen im Umgang mit den alltäglichen Dingen die gleiche Leichtigkeit, wie wir sie auch in der Meditation mit unseren Gedanken kultivieren. Im Sattel zu bleiben bedeutet nicht, dass wir steif sind und versuchen Felsen zu werden; es geht vielmehr darum, beweglich zu werden. Und so wie wir mit uns selbst und unseren Gedanken umgehen, so gehen wir auch mit der Welt um.
    Das erste, was uns auffällt, wenn wir anfangen zu meditieren, ist wie wild die ganze Angelegenheit eigentlich ist – wie wild unser Geist und unser Leben sind. Aber wenn wir nach und nach herausbekommen, dass sich der Geist zähmen lässt, können wir mit uns sitzen bleiben und einen ungeheuren Reichtum an Möglichkeiten entdecken. Meditation bedeutet, dass wir sozusagen vor unserer eigenen Türe kehren, dass wir nachschauen, was wirklich zu unserer Verfügung steht und dadurch den Reichtum entdecken, der ohnehin schon existiert. Diesen Reichtum entdecken wir in einem fortlaufenden Prozess, von Moment zu Moment und wenn wir kontinuierlich mit unserer Praxis fortfahren, wird unser Gewahrsein schärfer und schärfer.
    Im Grunde umhüllt die Achtsamkeit unser ganzes Leben. Dies ist die beste Methode, um unser Leben und die Heiligkeit aller Dinge wertzuschätzen. Wir bringen Achtsamkeit in eine Situation hinein und plötzlich wird sie lebendig. Diese Praxis durchdringt unser gesamtes Tun, sie lässt nichts aus. Achtsamkeit dringt durch Klang und Raum. Achtsamkeit ist eine hundertprozentige, umfassende Erfahrung.

    Quelle:
    http://shambhala-koeln.de/meditationsanleitung/

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  • Cybervajra
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    • 31. März 2016 um 20:59
    • #19

    Thomas

    Würdest du Shamatha praktizieren würdest du erkennen aus dieser Sicht heraus das in diesen Thread und in dem anderen genug kompetente Antworten gepostet wurden.

    Auch hier mein Rat: fang doch entlich mal an!

  • 123XYZ
    Gast
    • 2. April 2016 um 23:49
    • #20

    Samten: Danke für diese tolle Meditationsanleitung!
    Sehr schön beschrieben und letztlich eine Bestätigung dessen was ich mir dachte bevor ich mich mit Buddhismus näher anfing zu befassen: Buddhismus ist Selbstfindung! :D

Ausgabe №. 136: „Liebe & Loslassen"

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