Ich versuche es mal mit meiner Vorstellung von Liebe. Als ich etwa sieben oder acht Jahre alt war, sah ich einen furchtbaren Film über die Kreuzigung. Ich nenne ihn furchtbar, weil ich den Schmerz beim Schauen nicht von mir weghalten konnte. In mir entstand eine tiefe Gewissheit, dass solche Dinge wirklich passiert sind. Natürlich weiß ich heute, dass Kreuzigungen zu der Zeit nicht unüblich waren, aber darum geht es mir jetzt nicht.
Bei meiner Großtante, bei der ich jeden Tag war, hing ein großes, erschütterndes Bild von dem gequälten Jesus. Einmal, als ich alleine im Zimmer war, betrachtete ich es und mir liefen die Tränen. Es überrollte mich so sehr, dass ich das Bild abnahm und mit ganzer Hingabe umarmte. Ich wollte ihm die Last nehmen und hätte es dabei fast kaputtgemacht.
Als meine Großtante hereinkam, war sie wütend und schimpfte, warum ich das Bild anfassen würde. Ich erklärte: „Ich will es kaputt machen, das Leid muss aufhören, und mein Jesus darf nicht leiden, das weiß ich genau.“ Sie lachte mich aus und meinte, ich sei nicht ganz dicht, mir so etwas Dummes auszudenken. Sie selbst glaubte nicht an Jesus, fand das Bild aber schön genug, um es aufzuhängen.
Meine Oma war Mesnerin in einer Kirche. Sie organisierte viel und war ständig dort. Ich selbst interessierte mich nie für das Christentum, sondern nur für Jesus als Freund und Gelehrten. Über die Jahre machte mich das einsam, denn wenn man Anschluss zu Gleichgläubigen sucht, aber nie richtig dazugehört, spürt man das deutlich. Das starre Bild von Jesus konnte ich nie akzeptieren, und in Hauskreisen hielt ich es nicht lange aus.
Ich suche Orientierung, die bodenständig ist und meine persönliche Beziehung zu Jesus respektiert. Da ich meditiere und, wie schon erwähnt, Wiederholungen liebe, kam ich zu den Mantren im tibetischen Buddhismus. Doch wenn alles – Jesus, Tara und Co. – vielleicht nur Einbildung ist, will ich nicht noch mehr Illusionen. Ich will einfach nur wissen, was Wirklichkeit bedeutet.
Gute Nacht