Onyx9:
Die Lehre des Buddha und ihre wesentliche Bedeutung - R. G. de S. Wettimuny
Kapitel 14
DER PUTHUJJANA, DER SEKHA UND DER ASEKHA
ZitatAlles anzeigenIn der Lehre des Buddha sind drei unterschiedliche Klassen von Individuen zu finden: Der puthujjana, der sekha (Lernender) und der asekha (Ausgelernter).
Die grundsätzlichen Unterschiede sind wie folgt:
(1) Der puthujjana betrachtet die Dinge als „Mein“.
(2) Der sekha weiß und erkennt, daß die Vorstellung „Mein“ falsch ist. Aber trotzdem entsteht diese Vorstellung in ihm. Deshalb betrachtet er die Dinge als „nicht-mein“.
(3) Der asekha weiß und erkennt nicht nur, daß die Vorstellung „Mein“ falsch ist, sondern in ihm entstehen auch keinerlei Gedanken dieser Art mehr. Deshalb betrachtet er die Dinge weder als „Selbst“ noch als Nicht-Selbst.
Der asekha ist der Arahat.
Aus diesen drei grundverschiedenen Betrachtungsweisen entstehen alle weiteren Merkmale, die sie unterscheiden. Wir können daher die Unterschiede zwischen ihnen auch noch anders beschreiben. Der puthujjana versteht die Lehre des Buddha nicht wirklich (er sieht sie nicht); der sekha versteht sie, hat sie aber noch nicht vollständig erfahren; der asekha versteht die Lehre des Buddha nicht nur, sondern hat sie auch vollständig verwirklicht. In dem Ausmaß, in dem der sekha die Lehre erfährt oder erlebt, in dem Ausmaß versteht er sie auch besser. Sein Erkennen ist noch unvollkommen und er hat die vier Grundlagen der Achtsamkeit161) erst teilweise kultiviert (catunnam kho avuso satipa tthanam padesam bhavitatta).162) Der asekha hingegen komplett und vollständig (satipatthanam samattam bhavitatta).163 Der sekha erkennt Teile der Lehre, ohne sie zu erfahren. Aber das vollständige Erkennen und Verstehen der Lehre kommt erst mit der eigenen intuitiven Erfahrung. Von daher ist es zu erwarten, daß es verschiedene Kategorien unter den sekha gibt, bedingt durch das Ausmaß ihrer Erfahrung mit der Lehre.
Im Samyutta Nikaya wird folgender Unterschied zwischen dem sekha und dem asekha aufgezeigt:
„Ferner, bhikkhus, kennt ein bhikkhu, der ein sekha ist, die fünf Heilsfähigkeiten: Vertrauen, Tatkraft, Achtsamkeit, Konzentration und Weisheit. Er hat jedoch weder leibhaftige Erfahrung, noch sieht er mit durchdringender Weisheit, wo sie hinführen, ihr Höchstes, ihre Frucht und ihr Ende. ... Ein bhikkhu jedoch, der ein asekha ist, kennt die fünf Heilsfähigkeiten: Vertrauen, Tatkraft, Achtsamkeit, Konzentration und Weisheit. Er hat leibhaftige Erfahrung davon und sieht mit durchdringender Weisheit, wo sie hinführen, ihr Höchstes, ihre Frucht und ihr Ende.“164)Der sekha vertraut auf die Tatsache, daß die Entwicklung der fünf Heilsfähigkeiten zum Erlangen des Todlosen führt. Er steht klopfend an der Tür zu Todlosigkeit - amata dvaram ahacca titthati,165) Der asekha hingegen hat diese Fähigkeiten vollends entwickelt, hat die Todlosigkeit erreicht und hat die leibhaftige Erfahrung der Todlosigkeit. Der Arahat Sariputta hat genau das von sich behauptet. Es ist übrigens falsch zu denken, daß der puthujana die Heilsfähigkeiten besitzt - er hat sie nicht. Erst der sekha hat sie sich erworben und muß sie natürlich weiterentwickeln.166)
Khemaka, ein anagami („Nichtwiederkehrer“, die höchste Stufe der sekha) sagt:
„Freunde, obwohl ich in den fünf Gruppen des Ergreifens weder ein „Selbst“ noch etwas, das einem „Selbst“ zugehört, erkennen kann, bin ich kein Arahat, noch jemand, in dem die Einflüsse zerstört sind. Obwohl mir bei den fünf Gruppen des Ergreifens noch das Gefühl eines „Ich bin“ entsteht, betrachte ich es nicht als „das bin ich“. Wenn auch, Freunde, bei einem edlen Jünger die fünf niederen Fesseln beseitigt sind, verbleibt bei den fünf Gruppen des Ergreifens noch die restliche Einbildung „Ich bin“, der Wille „Ich bin“, die Neigung „Ich bin“. Sie sind noch nicht entfernt.“167)Der sekha ist auf dem Pfad zu Nibbana, der puthujjana hingegen nicht. Der Buddha lehrt, daß ein Individuum, sobald es den Pfad erreicht hat, sicher sein kann, Nibbana auch zu erreichen. Der sekha hat die Sicherheit ein asekha zu werden. Der asekha oder der Arahat ist den Pfad zu Ende gegangen und ist am Ziel, dem Nibbana, angekommen. Er lebt in der Erfahrung des Nibbana. Alle sekha und asekha werden als ariya bezeichnet. In der weitesten Klassifizierung haben wir daher puthujana und ariya. Ariya bedeutet Edle.
Wir werden nun die verschiedenen Individuen, die als puthujana und ariya klassifiziert sind, genauer untersuchen.
Es werden zwei Arten von puthujjana unterschieden:
1) Der assutava (der nicht gehört hat). Er hat die Lehre des Buddha noch nie gehört und hat daher der Lehre nicht entsprechende Ansichten.
2) Der anulomikaya khantiya samannagata (der in übereinstimmung ist). Er hat die Lehre gehört und ist damit einverstanden. Aber er ist nicht einfach nur einer, der die Lehre studiert hat und/oder vorgibt, ihr zu folgen. Er ist viel mehr als das, denn er macht den ernsthaften Versuch, die Lehre in sich zu verwirklichen, da er weiß, daß er sie noch nicht wirklich erkannt hat.168)
Von diesen zwei Arten ist der assutava der häufigere.
Es werden acht Arten von ariya unterschieden. In einer aufsteigenden Aufzählung der Perfektion sind sie:
• Sotapattiphalasacchikiriyaya patipanno - Der für die Verwirklichung der Frucht des Stromeintritts übt.
• Sotapanno - Der Stromeingetretene.
• Sakadagamiphalasacchikiriyaya patiranno - Der für die Verwirklichung der Frucht des Einmalwiederkehrenden übt.
• Sakadagami - Der Einmalwiederkehrer.
• Anagamiphalasacchikiriyaya patiranno - Der für die Verwirklichung der Frucht des Nichtwiederkehrers übt.
• Anagami - Der Nichtwiederkehrer.
• Arahattaya pattipanno - Der für die Verwirklichung der Arahatschaft übt.
• Arahat - Der Verwirklichte, der am Ziel Angekommene.Von diesen acht sind die ersten sieben noch keine Arahats. Sie sind noch nicht vollkommen und haben noch Arbeit vor sich. Deshalb werden sie sekha genannt (Lernende, übende). Aber sie sind alle auf dem Pfad und haben die Sicherheit, Arahats oder Vollkommene zu werden. Sie haben den Bereich des puthujana (puthujjana-bhumi) verlassen und sind in den Bereich der Edlen (ariya-bhumi) eingetreten. Der letzte und achte, der Arahat, hat alles getan, was zu tun war, hat sein Training beendet, hat das Ziel erreicht, hat die Last abgelegt, hat den vollkommenen Zustand, Nibbana erreicht. Er ist deshalb ein asekha (Ausgelernter).
Zusammen mit dem puthujjana haben wir also neun verschiedene Arten von Individuen.169) Wenn wir die zwei Arten des puthujjana mitzählen, haben wir zehn verschiedene Arten von Individuen. Wir werden noch sehen, daß von den sieben sekha drei den Fruchtzustand erreicht (phala-labhi) haben. Das ist der sotapanna, der sakadagami und der anagami. Die restlichen vier üben sich für die Verwirklichung der entsprechenden Fruchtzustände. Sie haben den Pfad erreicht (magga-labhi), der sie zu dem entsprechenden Fruchtzustand führen wird. Auch der asekha ist ein phala-labhi. Er hat die Frucht der Arahatschaft erreicht. Die Vorstellung, daß die Erreichung der Frucht sofort von der Erreichung des Pfades gefolgt wird, ist falsch. Diese Vorstellung ist in bestimmten Kommentartexten zu finden, stimmt aber nicht mit den Sutten überein, in denen mit Bestimmtheit gesagt wird, daß der Pfad-Erreicher sich für die Verwirklichung des Fruchtzustandes übt. Daher gibt es einen zeitlichen Zwischenraum von der Pfaderreichung bis zur Fruchterreichung.
„Hier, Freunde, entfaltet ein bhikkhu Einsicht mit vorangegangener Geistesruhe. Indem er so Einsicht mit vorangegangener Geistesruhe entfaltet, erreicht er den Pfad. Er folgt dem Pfad, entwickelt ihn und übt sich. Indem er sich so übt, lösen sich in ihm die Fesseln und die Neigungen schwinden.“170)
Der Pfaderreicher der ersten Art wird jedoch die entsprechende Frucht in jedem Fall noch vor seinem Tode erreichen, auch wenn es nur ganz kurz davor sein sollte. Eines von zwei Dingen machen, laut den Sutten, diese Erreichung der Frucht möglich - ernsthaftes Bemühen oder die Krise des herannahenden Todes, welche den notwendigen Nachdruck für die Erreichung liefert.171)
Im Gegensatz zum puthujjana, der immer wieder zurückfallen kann, schreitet der sekha, egal ob er Pfad- oder Fruchterreicher ist, stets in Richtung des Ziels voran.
Der Buddha lehrt, daß die Wesen durch zehn Fesseln ans Dasein gebunden sind. Die seka, die schon bestimmte Pfadfrüchte erreicht haben, werden normalerweise in Begriffen der verschiedenen Fesseln, die sie bereits aufgelöst haben, beschrieben. Diese Fesseln sind:
1. Persönlichkeitsansicht (sakkayaditthi)
2. Zweifel (vicikiccha)
3. Ausübung von Riten und Zeremonien (silabbataparamaso)
4. Begehren von sinnlichen Vergnügungen (kamacchando)
5. übelwollen (vyapada)
6. Anhaften an Form (ruparago)
7. Anhaften an Formlosigkeit (aruparago)
8. Einbildung oder „Ich-bin-Dünkel“ (mano)
9. Rastlosigkeit (uddhaccam)
10. Nicht-Wissen (avijjam).Die ersten fünf werden als niedrige Fesseln (orambhagiyani saññojanani) und die folgenden fünf als höhere Fesseln bezeichnet (uddhambhagiyani saññojanani).172)
Der erste Fruchterreichende wird sotapanno (Stromeingetretener) genannt.
Er hat die ersten drei Fesseln Persönlichkeitsansicht, Zweifel und Ausübung von Riten und Zeremonien aufgelöst. Stromeingetretener (eingetreten in den sota) bedeutet, er hat den Edlen Achtfachen Pfad erreicht. Dieser Pfad wird als Strom (der zum Ziel fließt) definiert.
„Der Strom, Sariputta ist genau dieser Edle Achtfache Pfad, nämlich Rechtes Verstehen, Rechtes Denken, Rechte Handlung, Rechte Rede, Rechter Lebensunterhalt, Rechte Bemühung, Rechte Achtsamkeit, Rechte Konzentration.“173)Der zweite Fruchterreichende wird sakadagami (Einmalwiederkehrer) genannt. Er hat die ersten drei Fesseln aufgelöst und Lust, Haß und Verblendung reduziert (tinnam saññojananam parikkhaya ragadosamohanam tanutta). Er hat also nicht nur die ersten drei Fesseln aufgelöst, sondern auch die vierte (Begehren nach Sinnesvergnügen) und fünfte (übelwollen) Fessel zum Teil überwunden.
Der dritte Fruchterreichende wird anagami (Nichtwiederkehrer) genannt. Er hat die ersten fünf, also die niedrigen Fesseln komplett aufgelöst.
Der vierte und letzte Fruchterreichende ist natürlich der Arahat.Er hat alle zehn Fesseln aufgelöst.
Von denjenigen, die sich in der Verwirklichung der Frucht des Stromeintritts üben, gibt es zwei Arten. Der dhammanusari (der Weisheitsergebene) und der saddhanusari (der Vertrauensergebene). Diese beiden sind gerade erst von der Ebene des puthujjana in den Bereich des ariya eingetreten.
Der dhammanusari ist von der Weisheit des Dhamma in einem gewissen Maß angezogen, während der saddhanusari durch sein festes Vertrauen am Dhamma festhält.174) Wie schon vorher erwähnt, können beide nicht sterben, ohne die Frucht des Stromeintritts zu verwirklichen, das heißt, ohne sotapanna zu werden. Der sotapanna hat maximal noch sieben Existenzen (sattakkhattum paramata) vor sich. Weiterhin ist er sich sicher, in keinem unglücklichen Bereich wieder zu erscheinen. Er wird die Sicherheit des Nibbana innerhalb dieser Zeitspanne erreichen (niyato sambodhi-parayano). Der sakadagami kehrt nur noch einmal in die sinnliche Welt zurück und erreicht dann die Auflösung des Leidens (sakideva imam lokam agantva dukkhassantam karoti). Der anagami wird, wenn er hier stirbt, direkt in den Reinen Gefilden erscheinen, und dort die Erlöschung erreichen.175)
Es ist so wie mit einem Karren, der gerade über eine Hügelkuppe geschoben wurde und jetzt ohne weitere Mühe durch sein eigenes Gewicht hinunter rollen wird. Ebenso wird der sotapanna innerhalb von maximal sieben weiteren Leben das Nibbana verwirklichen. Jedoch ermahnt der Buddha alle sekha, sich ernsthaftig zu üben (appamadena karaniyam), um noch in diesem Leben allem dukkha ein Ende zu machen und die Arahatschaft zu erreichen. „Bhikkhus, genauso wie auch ein kleines bißchen Exkrement noch übel riecht, genauso preise ich nicht das Dasein auch für einen noch so kurzen Moment, wie es zum Fingerschnippen braucht.“176)
Anmerkungen:
161) Zu den vier Grundlagen der Achtsamkeit siehe Kapitel 17
162) SN 47, 26
163) SN 47, 27
164) SN 48, 3
165) SN 12, 49
166) SN 48,18
167) SN 22, 89
168) AN VI, 98-101
169) AN IX, 9
170) AN IV, 170
171) SN 25,1
172) AN X, 13
173) SN 55,5
174) MN 70
175) AN III, 88-89
176) AN I, 32
Quelle: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/savifadok/voll…_des_Buddha.pdf