ZitatIch kann nur von der überlieferten Lehre ausgehen.
Lieber accinca, du schreibst es ja selbst: "Ich". Das ist der erste Erkenntnisschritt, dem du dich hartnäckig verweigerst, dass es keine überlieferte Lehre per se gibt, sondern einen, der sie liest und für sich deutet (ganz abgesehen von der Frage, was als "Überlieferung" und Dhamma gilt). Der beste Beweis sind die verschiedenen Deutungen hier, und wenn man es "anspruchsvoller" haben möchte, die Für und Wider-Essays von Leuten wie Schmitthausen.
Wie Nibbana zu verstehen ist, darüber gibt es ebenfalls keinen Konsens in den buddhistischen Schulen.
Der Punkt, den ich aufgezeigt habe, wird deshalb hier auch gar nicht weiter aufgegriffen, auch von dir nicht, weil du diese unlogischen Lücken im buddhistischen Gedankengebäude eben nicht überbrücken kannst. Bakram gibt sich damit wenigstens nicht zufrieden und fragt sich einfach, wie man das besser lösen kann.
Woran sollen sich denn die nicht verloschenen Begierden binden? Jedenfalls nicht an mich, denn mich gibt es ja gar nicht (mehr). Wenn man diese Lehre durchdenkt, kann es nicht ernsthaft um die Dinge gehen, die du beschreibst, weil man gar kein Motiv hätte, sich mit etwas zu beschäftigen, was gar nicht existiert. Ein Beispiel: Das alaya-Bewusstein. Kein Problem, denn es ist nicht meins. Wen sollte irgendetwas, das im alaya-Bewusstsein gespeichert ist, also kümmern? Anderes Beispiel: Das Argument, ein Ewigkeitsglaube sei atman, ist genauso sinnig oder unsinnig wie das, Nibbana sei Glück, denn die Eigenschaft Glück ist nicht weniger atman als die Eigenschaft ewig, aber genau vom Glück hat Elliot weiter oben aus dem Palikanon zitiert. Ein kurzer Kommentar hier wird bereits im nächsten Moment durch ein Zitat aus dem Palikanon widerlegt.
Das aus philosophischer Sicht Unausgereifte des Dhamma besteht, neben diesen vielen ungereimten Details, darin, dass die erleuchtete Sicht die Erkenntnis behauptet, dass Befreiung/Verlöschen/Nibbana das Loswerden aller Geistestrübungen (klesha) bedeutet. Dieses sei u.a. möglich, indem man all die Irrtümer des atman durchschaut, also das, was man nicht ist. Die tiefe Wahrheit des Buddhismus lautet also z.B.: Dies alles (was du denkst zu sein) bist du nicht.
Man kann diese tiefste Wahrheit nicht umkehren und behaupten, dass einer, der dies nicht unterschreibt, dies alles eben doch sei. Das ist logisch nicht möglich, mit anderen Worten, auch derjenige, der die Geistestrübungen hat, ist sie nicht, unabhängig davon, ob er das begreift oder nicht. Selbst wenn er sich anders sieht, ist er aus der Sicht des Erleuchteten kein Selbst, kein atman, nicht das, was er glaubt zu sein. Darum sind auch alle anderen im Zen befreit, wenn man selbst befreit ist - weil man versteht, dass auch der Getäuschte kein atman hat.
Es bleibt dann die Frage nach der individuellen Lebensqualität, also ob der Getäuschte ein Motiv hat, seine Täuschung abzulegen, weil es ihm damit besser geht. Für die Frage seines Nibbana spielt das keine Rolle, weil auch seine sämtlichen Täuschungen mit dem Tod erlöschen. Das ist nicht nur, worauf Bakram hinweist, eine wissenschaftliche Erkenntnis (da die Täuschungen gedanklicher Art sind und ein funktionstüchtiges Hirn benötigen), sondern das ist auch die Konsequenz der Einsicht, dass es kein atman gibt und klesha unbeständig sind und damit nicht an etwas ich-haftes gebunden überdauern können. Aber weil es andere Textstellen gibt, an die man sich ebenfalls klammern kann und die offenbar ein trotz anicca und anatman nebulöses Überdauern von Gedanken - im Sinne accincas - formulieren, darf sich der Buddhist damit trösten, dass er einen bedingten Pfad gehen kann, statt sich über die logische Konsequenz der tiefen Einsicht in anicca und anatman im Klaren zu sein.
Und nun nochmal accinca:
ZitatDie Erkenntnis des anatta liegt gerade darin, zu erkennen das auch jetzt und zu jeder
Zeit nirgends ein atta für den Vorgang des Daseins (Bedingte Entstehung) gebraucht wird.
Genau. Es wird aber ein eingebildetes atta gebraucht, um eine solche Erkenntnis zu wollen. Und insofern machst du mit dieser Behauptung oder Erkenntnis in meinen Augen nicht ernst. Denn wenn es kein atta braucht, braucht es auch keinen, der sich um Nibbana sorgen muss.