Wie auch immer, viel wichtiger als irgendeine sila ist die aktuelle Erkenntnis, dass man am gesündesten ganz ohne Alkohol lebt (auch ohne das tägliche Glas Wein).
... eine Erkenntnis, die auch durch Selbstbeobachtung möglich ist. Ich bin in einer Weinbaugegend und entsprechend mit Wein groß geworden. Und habe dann in meinen Zwanzigern meinen "Lebensmittelpunkt" in eine andere Weinbaugegend verlegt, wo ich auch beruflich mit Weinbau zu tun hatte. Ich hatte in dieser Zeit auch Fälle von funktionalem Alkoholismus beobacht; darunter auch sog. Delta-Trinker (nach Jellinek-Typologie). Insbesondere bei Älteren, im Weinbau Beschäftigten nicht selten. Ich selbst war über viele Jahre ein Beta-Trinker (Gelegenheitssäufer) - besonders exzessiv als Heranwachsender, was zusammen mit einer juvenilen Depression eine recht ungesunde Kombination war.
In meinen Fünfzigern dann erneut ein Umzug - natürlich in eine (wieder andere) Weinbaugegend; zwei Grosse Lagen in fußläufiger Entfernung. Ich hätte ein glücklicher, alter Säufer werden können, aber es kam die Migräne - wie sich später herausstellte, Teil eines paraneoplastischen Syndroms. Die Reizschwelle beginnt ab ca. einem Viertel, mit zwei Vierteln ist sie durchbrochen und die Sanktion dafür ist äußerst schmerzhaft und folgt pünktlich am nächsten Tag (und den beiden darauf folgenden). Dagegen ist ein schwerer Kater Kindergeburtstag. War auch ganz gut so, der 'glückliche alte Säufer' ist wohl nur ein Mythos. Säufer sind mir schon etliche begegnet, aber keiner davon war alt und glücklich - auch nicht im Suff.
So trinke ich jetzt vielleicht 4 oder 5 Viertel Wein - im Jahr. Weintrinken in Gesellschaft ist Teil der Kultur hier, einer Kultur, in der ich mich wohlfühle, soweit das in Samsara möglich ist. Die Migräne - die freilich auch noch in anderer Hinsicht reizbar ist - ist mir jedenfalls eine große Hilfe dabei, Trunkenheit zu vermeiden, 'Maß zu halten'. Das konnte ich früher nicht oder nur sehr schwer.
Diese Begrenzung auf eine Menge, die noch keine äußerlich wahrnehmbaren alkoholtypischen Symptome hervorruft, unterstützt dessenungeachtet die 'distanzierte', achtsame Beobachtung der Wirkung. Also die Wahrnehmung der noch recht subtilen Auswirkung auf die 'Gestimmtheit', die in Richtung Rausch tendiert. Wobei der "gehobenen Stimmung" (erst recht natürlich dem Rausch) unweigerlich die Senke folgt, wie bei einer Sinuskurve. Diese 'Selbstbeobachtung' steckt wohl auch hinter dem Konzept des 'mindful drinking', wie es etwa bei Shambhala praktiziert wird.