Schönen Abend (bzw. Nacht ),
so aus reiner Neugier wollt ich mal Fragen wie denn eure formale Meditationspraxis aussieht. Verfolgt ihr eine bestimmte Technik? Ich halte (jetzt mal abgesehen von der alltäglichen Praxis) die Meditation an sich für einen verdammt wichtigen Faktor.
Wer Lust und Laune hat, kann zum gegenseitigen Austausch und lernen von einander seine Sicht und Praktiken kund tun. Aber bitte ohne: ,,Man sollte es NUR so machen wie ich oder mein Meister es lehrt“. Auf sowas wie: ,, Meditation darf nicht mit einem Ziel verfolgt werden“ oder wie von Zen-Leuten üblich „es gibt nichts zu erreichen“ (ich kann diese Sichtweise absolut verstehen, aber darum geht’s in diesem Thread nicht) kann ich auch gut und gerne verzichten, ebenso wie Pali-Kanon Fetischisten. Um dem ganzen vielleicht einen überschaubaren Rahmen zu geben werd ich ein Paar Fragen in nummerierter Reihenfolge stellen und auch selbst meinerseits beantworten. Nochmal, bitte lasst allen Egoismus und herabblickende Belehrungen beiseite. Es geht hier nur um ehrliche Erfahrungen.
Sorry, ist vielleicht bisschen umfangreich, aber jeder der etwas beitragen will kann sich natürlich Zeit lassen und sich überlegen was er sagen kann. Versucht wirklich mal auf eure eigenen Erfahrungen zurückzugreifen.
1. Bestimmte, feste Uhrzeit oder so wie´s passt?
2. Wie oft am Tag?
3. Länge: So nach Lust und Laune oder bestimmte Zeitvorgaben oder gar beides?
4. Auf Stuhl oder unten aufm Kissen? Gehen, Liegen, Stehen? Wenn Kissen, welche Art von Sitztechnik? Wie sehen die Erfahrungen mit all dem aus.
Falls Lotussitz, schon immer gekonnt oder nach Training und wenn ja wie lange hat´s gedauert?
5. Habt ihr immer auf die gleiche Weise praktiziert oder irgendwann eine für euch besser funktionierende Technik gefunden? Habt ihr euer Wissen durch
Bücher, Lehrer oder aus eigener Erfahrung entwickelt?
6. Immer nur eine Technik oder mehrere je nach Situation?
7. Welches Meditationsobjekt? (Atem, Metta, Gefühle, Körper, Gedanken usw.. oder mehrere)
8. Unterscheidet ihr streng zwischen Samatha und Vipassana (Also Konzentrations und Einsichts-Methoden)? Nutzt ihr beide je nach Situation, nur eins von
beidem, oder beides in zusammen/auf einander folgend?
9. Versucht ihr möglichst immer in derselben Position zu bleiben, ohne sich zu bewegen auch wenn es juckt? Oder tut ihr doch etwas dagegen?
10. Wie geht ihr mit Störungen von außen um? Respektiert eure Familie eure Auszeit?
11. Wie lange praktiziert ihr schon? Falls es Unterbrechungen gab, wie lange dauerten sie und wenn ja, aus welchem Grund traten sie ein?
12. Habt ihr Retreat-Erfahrungen? Und wenn ja, wie sehen die aus? (Wie lange, wie sah die Situation danach aus?)
13. Ein Thema das vielleicht einen eigenen Thread erfordert: Habt ihr die dunkle Nacht erlebt (auch als spirituelle Krise bekannt)? Wie seid ihr damit
umgegangen? Welche Auswirkungen hat es auf euer Leben, eure Umwelt und eure Praxis gehabt? Wenn ja, wie seid ihr da wieder rausgekommen?
14. Gibt es irgendwas konkretes das eure formelle Praxis extrem stört? Eure Konzentration und Achtsamkeit irgendwie in ernsthafte Bedrängnis bringt?
15. Habt ihr schon bestimmte Jhanas erreicht? Wenn ja, nach welcher Zeit mit welcher Technik? Ist jemals irgendwas Ungewöhnliches eingetreten?
16. Gibt es oder gab es konkrete Effekte die ihr lang- oder kurzfristig in eurem Alltagsleben zu spüren bekommen habt?
17. Irgendwelche Rituale, die euch helfen?
Also, ich fang mal selbst an:
1.Vor ca. einem Jahr hab ich immer streng nach bestimmten Uhrzeiten versucht zu meditieren. Es hatte schon so seine Vorteile, da der Körper zunehmend daran gewöhnt war, jedoch auch Nachteile, da nicht es nicht immer möglich war diese Zeiten wirklich einzuhalten. Inzwischen gehe ich damit eher entspannt aber auch bestimmt um (Der Faulheit also in den Hintern tretend). Flexibel und diszipliniert zu bleiben ist meiner Erfahrung nach doch schon wichtig und hilfreich.
2.Vor einem Jahr sah es bei mir so aus, dass ich 2/3 mal am Tag versucht habt dran zu bleiben (also Morgens, Nachmittags/am frühen Abend und vor dem Schlafengehen).
Jetzt versuch ich möglichst bei zwei Mal zu bleiben, aber wenigstens einmal. Wirklich wichtig ist es, meiner Meinung nach, wenigstens einmal am Tag auch wenn’s kurz ist.
3.In meiner Anfangszeit hab ich versucht das Ganze auf 10 Minuten auszudehnen, anschließend langsam auf 20. Das war schon Recht effektvoll, also ich konnte nach relativ kurzer Zeit (2/4 Wochen bei a 2/3 mal am Tag) deutliche Auswirkungen auf mein Alltagsleben erspüren. Jetzt versuche ich das ganze möglichst bei einmal am Tag mit min. 30 Minuten zu halten, daneben noch kürzere Zeiträume in denen ich mich sammle.
4.In meiner Kindheit konnte ich den Lotussitz ohne Probleme einnehmen. Leider hab ich das während der Pubertät nicht mehr versucht. Inzwischen ist es alles andere als leicht auf dem Kissen Platz zu nehmen. Wenn auf dem Kissen, dann geht bei mir nur der burmesische Sitz. Diesen kann ich sofern ich unter dem Kissen noch ein zusammen gefaltetes Wolllacken hab ca. 15 Minuten halten bis mir min. ein Bein einschläft. Seltsamer weise kann ich nur mit dem linken Bein oben, den halben Lotussitz für ca. 20 Minuten halten. Mit dem rechten geht es eher schlecht als Recht und wenn nach Dehnung auch nicht lange. So ein Sitz mit gekreuzten Beinen hat den Vorteil, dass der Körper nicht so weit auseinander gezogen ist und man ihn deswegen bequemer Beobachten kann. Wenn 30 Minuten und mehr auf dem Radar, bleib ich lieber auf dem Stuhl ohne mich anzulehnen. So kann ich, sofern genug Sammlung vorhanden ist etwas mehr als eine Stunde sitzen. Im Stehen ist wahrscheinlich hilfreich wenn man eher müde ist, ähnlich wie gehen. Hab aber mit beidem eher mäßige Erfahrungen gemacht.
5.Ich selbst hatte noch nie einen richtigen Lehrer, aber viele Bücher von verschiedenen Meistern und allgemein das Internet waren da für mich recht hilfreich. Seit meiner Anfangszeit hab ich eher das was allgemein als ``Achtsamkeits-Meditation“ bezeichnet wird praktiziert. Inzwischen versuche ich mich speziell auf die 16. Schritte wie sie von Ajahn Buddhadasa in seiner Anapanasati Form gelehrt wird zu konzentrieren. Daneben haben noch Ajahn Cha, Mahasi Sayadaw und ein Paar andere Meister verschieden Meditations-Techniken mithilfe der Angaben im Pali-Kanon entwickelt, die Recht interessant sind. Hat jemand vielleicht schon konkret Erfahrungen mit der Bennenungsmethode gemacht? Würd mich sehr interessieren.
6.Ich hab mal gelesen, dass es sehr hilfreich wäre wenn man speziell Konzentrationsmethoden bei einem starken Anflug von ungesunder Gier nutzen würde, Einsichtsmethoden, helfen dann wenn einen eine falsche Anschauungen oder extrem negative Gefühle/Gedanken überkommen. In der Technik die ich seit kurzem verfolge wird zunächst Konzentration kultiviert um dann später darauf Einsicht zu üben.
7.Wie gesagt, versuch ich mich grad an einer speziellen. Allerdings denk ich, würde mir eine bestimmte Form von Metta-Meditation bestimmt nicht schaden, da ich dazu neige mein Herz vor anderen zu verschließen sobald ich müde oder genervt bin. Mein Lieblingsobjekt ist der Atem, von dem ich anschließend auf Körper, Gefühl, Geist und Dhamma gehe.
8.Manche Lehrer schwören darauf auf alle höheren Konzentrationspraktiken zu verzichten und sozusagen ´´trocken“ mit der Einsichtspraxis zu beginnen. Ich selbst verfolge und halte die Praxis mit der Methode von Konzentrations-Kultivierung und anschließender Einsichtspraxis für sehr hilfreich. Da ansonsten die Gedanken dazu neigen verstärkt dazwischen zu funken.
9.Ich selbst hab da am meisten das störende Gefühl im Bewusstsein zu viel Spucke im Mund zu haben, deswegen versuche ich achtsam runter zu schlucken. Mich kratzen tu ich meist nur wenn es wirklich zu penetrant wird. Ansonsten versuche ich nur achtsam den Rücken wider gerade zu richten wenn ich merke irgendwie unnatürlich zusammen zu sinken.
10.Was dies angeht hab ich zum Glück eine tolerante Umgebung, die darauf Rücksicht nimmt sofern ich sie zuvor warne. Wenn´s einer vergisst ignoriere ich deren Gerede sofern es nicht wirklich wichtig ist. Dann merken sie sowieso, dass es keinen Sinn macht dazwischen zu funken.
11.Bei mir läuft das ganzen auf ca. 2 Jahre hinaus. Nach der Anfangszeit von ca. 4 Monaten hab ich für ungefähr ein Jahr aufgehört. Damals hat ich von Buddhas Lehre an sich nicht viel Ahnung. Hatte jedoch Interesse speziell an der Meditation und hab gemerkt, dass es Auswirkungen auf mein Leben hat. Nach dem ich eine schwierige Phase überstanden hatte, verflog das Interesse zunehmend. Nach einem Jahr jedoch merkte ich das sich mein Leben zunehmend in eine Richtung geneigt hat, die meiner Intuition nicht gefiel. Deswegen fing ich wieder an und intensiver als je zuvor. Ich wollte dem Leid entgegentreten.
12.An einem Retreat hab ich bisher noch nie teilgenohmen, obwohl ich inzwischen Interesse hätte. Ich versuche lediglich an jedem Voll- oder Neu-Mond einen meditativen Tag zu vollbringen der komplett frei von geistiger Zerstreuung und Ablenkung ist.
13.Ich selbst hab dies noch nie erlebt. Vermutlich noch nicht viel Erfahrung und noch keine wirklich intensive Einsichtspraxis auf die drei Daseinsmerkmale gehabt. Trotzdem hören sich alle Berichte die unabhängig voneinander sind sehr bedenkenswert an. Falls jemand genauere Erfahrungen hat, wär ich vermutlich nicht der einzige der dankbar für persönliche Erfahrungen wäre.
14.Was das angeht, hab ich festgestellt, dass ein ausufernder Konsum von egal was den Geist dazu bringt in alte abgelenkte Muster zu verfallen. Ein ungesunder Verzicht erzeugt genau das gleiche. Meiner Erfahrung nach ist der mittlere Weg wirklich genau das richtige. Weder zu viel noch zu wenig.
15.Ins erste Samatha-Jhana komme ich zurzeit nach einer ca. einer halben Stunde. Früher war meiner Konzentration wesentlich stabiler und es ging früher. Damals hatte ich auch vermehrt die Erfahrung gemacht meine Träume bewusster zu Erfahren, Déjavús hatte ich damals auch öfter als sonst. Trotzdem erlebe ich manchmal Bewusstseinszustände die recht außergewöhnlich sind. Zum Beispiel das Gefühl irgendwie langsam auf dem Rücken zu liegen und so die Wand bis zur Decke hoch zu fahren. Hatte ich nur einmal, war aber wirklich sehr seltsam, musste die Augen leicht öffnen um wirklich sicher zu gehen nicht auf dem Rücken zu liegen. Ich weiß, sowas ist wirklich nicht Ziel der Sache, aber trotzdem recht interessant. Mit Vipassana-Jhanas bin ich ehrlich gesagt noch unerfahren, wär interessant von jemand mit Erfahrung mehr zu hören.
16.Kurzfristige Erfahrungen waren bisher immer solche, die mich recht entspannt haben, die die Blickrichtung mehr ins objektive gelenkt haben (also weniger das Gefühl zu haben der Hauptschauspieler im Drama zu sein, sondern eher ein Zuschauer der im Publikum sitzt). Mehr eine Einstellung die auf Selbstlosigkeit basiert und die, die Sinnlosigkeit von Sorgen und einem Gefühl einer festen Persönlichkeit feststellt. Dies hält allerdings nicht lange an, es sei denn die nächste Meditation dehnt diese Sichtweise aus und es erfolgt keine allzu ausufernde Ablenkung. Langfristige Erfahrungen zeichneten sich dadurch aus, dass ich allgemein entspannter mit meinem Leben umgehen, vieles nicht mehr so ernst nehme. Mehr verständnisvoll auf meine Mitmenschen eingehe, ohne vor mich hin zu fluchen. Besserer Schlaf, mehr Energie. Speziell muss ich sagen, dass ich ein ambitionierter Läufer bin, der irgendwann geradezu schlagartig die Erfahrung gemacht hat mehr leisten zu können. Schwer zu sagen wieso dieses Gefühl so plötzlich kam, es war aufjedenfall überwältigend. Dazu muss ich sagen, dass solche Zustände eben auch nicht von Dauer sind (Unbeständigkeit, ne ;)) Jedoch kann das durchaus mit dem Ausbleiben von meiner Praxis in Verbindung gebracht werden.
17.Vor der Meditation sieht´s bei mir so aus, dass ich sozusagen alles ausmache. Mein Kissen auf dem Boden oder auf dem Stuhl zurecht rücke, mir selbst die Absicht der folgenden Meditation nochmal eingestehe, den Wecker auf meinem Handy einstelle. Danach hat sich bei mir die Angewohnheit breit gemacht, mich zu verbeugen. Wenn etwas ansteht, das Konzentration erfordert mach ich ein Paar aufweckende Atemübungen in Kombination mit Armbewegungen die Shaolin-mäßig aussehen. Wenn ich unten auf dem Kissen saß, versuch ich meist die Beine etwas zu massieren und zu dehnen.