Ich bin auf ein Vortragsmanuskript gestoßen über Tiantai-Buddhismus in China, und ich fand das einfach eine interessante herleitung wie sich die Auslegungen des Dharmas entwickeln können. Hier also einige Abschnitte von Seite 133 / 134. Die folgende Zitatbox habe ich mit AI erstellt (die hat die Texterkennungs-Tippfehler ausgewetzt und die Zitateboxen erstellt).
Alles anzeigenFür die Begründung von den Drei Wahrheiten konnte Zhiyi auf kein indisch-buddhistisches Werk zurückgreifen. Immerhin gab es im 6. Jh. zwei apokryphe (von Chinesen verfasste) Sutras, in denen bereits die Idee von den Drei Wahrheiten auftauchte. Zhiyi wählte als maßgebliche Grundlage aber letztlich einen Vers aus den berühmten, von Nagarjuna verfassten „Grundlegenden Merkversen über die Mitte“ (Mūlamadhyamakakārikā).
Dabei ist es eigentlich ein Zufall, dass dieser Vers Zhiyi so inspirieren konnte. Für ihn las sich der Vers in der chinesischen Übersetzung nämlich völlig anders, als er im Sanskrit-Original von der indischen Tradition verstanden wurde:
Übersetzung des Sanskrit-Originals (Übers.: E. Frauwallner, im Sinne der traditionellen indischen Interpretation):
ZitatDas abhängige Entstehen ist es,
das wir als Leerheit bezeichnen.
Sie ist bloße Benennung auf irgendwelcher Grundlage
und sie (bzw. es?) ist der Mittlere Weg.Zhiyis Lesart (Dabei ist anzumerken, dass die chinesische Übersetzung durchaus sowohl in Zhiyis Sinne als auch im Sinne der indischen Interpretatoren gelesen werden kann):
ZitatSämtliche von Ursachen und Bedingungen hervorgebrachten Dharmas
bezeichne ich als leer (1. Wahrheit)
und als Vorläufige Benennungen (2. Wahrheit)
und als identisch mit der Bedeutung vom Mittleren Weg. (3. Wahrheit)Wie unschwer zu erkennen ist, besteht der wesentliche Unterschied darin, dass in Zhiyis Interpretation alle Aussagen der Zeilen 2–4 auf das Subjekt in Zeile 1 bezogen werden, nämlich auf die Dharmas, d. h. die Daseinsfaktoren, die die von uns üblicherweise wahrgenommene Welt konstituieren.
Daraus leitet Zhiyi den folgenden Stufenweg ab, mit dem ich auf den zweiten Aspekt – die Hierarchie der Drei Wahrheiten – eingehe:
Die Hierarchie und der Praxisbezug der Drei Wahrheiten
In dem ersten Schritt geht es darum, die gesamte Welt als leer zu erkennen. Die Vergänglichkeit und somit auch Substanzlosigkeit, also Leerheit (Unwirklichkeit), alles Seienden ist als Absolute Wahrheit zu verstehen.
Ausgehend von dieser Erkenntnis geht Zhiyi über zu der eingeschränkten, Relativen Wahrheit: Sie gründet zwar in der absoluten Leerheit aller Dharmas, lässt aber deren Vorläufige Benennungen zu. Damit ist gemeint, dass die geschickte Anwendung beispielsweise von sprachlichen Mitteln (› Differenzierungen) es dem Bodhisattva erlaubt, anderen Wesen auf individuelle und angemessene Weise zum Weg der Erlösung zu verhelfen.
Mit der Dritten Wahrheit nimmt Zhiyi schließlich eine Betrachtung vor, die weder der Leerheit, noch dem vorläufigen existenziellen Charakter der Dinge einseitige Aufmerksamkeit schenkt, sondern die ausgewogene Mitte der Ersten und der Zweiten Wahrheit bildet; sie wird daher auch bezeichnet als „Höchste Wahrheit des Mittleren Wegs“.