Wenn das erste christliche Gebot nicht als göttliche Forderung nach absoluter Verehrung verstanden wird, sondern als Einsicht in die Natur des Erlebens, als „*Ich*, ist der Herr, du kannst keinen anderen Herren/Gott neben ihm haben“ wird es klar. Es bedeutet nichts anderes als der eine Satz des Buddha:
„Das ist nicht mein. Das bin nicht ich. Das ist nicht mein Selbstsein.“
Das *Ich* ist nicht mein. Das *Ich* bin nicht ich. Das *Ich* ist nicht mein Selbstsein.
Was im religiösen Gebot als „Ich bin der Herr, dein Gott“ erscheint, ist das Gegenteil der Lehre Buddhas. Der Buddha erkennt *Ich* als bloße Tatsache: ein gewirktes Ich des Bewusstseins (viññāṇa, nāmarūpa). Es ist keine göttliche Instanz, kein metaphysisches Wesen, kein Überweltliches Prinzip. *Ich* ohne jede Eigenschaft und ohne Ich.
Das Ego‑Ich entsteht, wenn dieses *Ich* mit Zuschreibungen, Bewertungen verblendet wird:
„Ich bin dies“, „Ich bin das“, „Ich muss so sein“.
Diese Identitätskonstruktion ist die Last, die der Buddha mit dukkha beschreibt. Sie entsteht und vergeht ununterbrochen, ohne dass das bewirkte *Ich* darunter leidet.
Freiheit bedeutet daher, das *Ich* von allen Mythen zu befreien: nicht göttlich, nicht unsterblich, nicht außerhalb der Welt. Es endet mit dem Körper und hat keinen Zugang zu dem, was „Tod“ genannt wird. *Ich* muss nichts wissen, nichts hoffen, nichts fürchten, kann es auch nicht.
Das Ego‑Ich dagegen erzeugt Mythen, Götter, Esoterik, Systeme und Überwelten. Es erschafft Bedeutung, Unvergänglichkeit, Spuren und Nachruhm, ist das „Floß der Lehren“, das sich ständig wandelt. Es will nicht mit dem Körper vergehen und wehrt sich mit allen Tricks. Alle religiösen, esoterischen Systeme sind Produkte eines Ego‑Ichs, das sich selbst verewigen und unsterblich sein will. Nur das Ego‑Ich kann „göttlich“ sein, denn ausschließlich das Ego‑Ich erzeugt Meinungen.
Das *Ich* ist nie göttlich, nie metaphysisch, nie unsterblich. Es erscheint, von Buddha genau erklärt, durch die bedingte Abhängigkeit der Wirkfelder in der Kette des bedingten Entstehens von avijjā bis vedanā und zeigt sich erst in taṇhā. Von taṇhā bis jati, erfährt es alle naturgegebenen Leiden und wird in jati geboren. Erst in dukkha erscheint das Ego-Ich in seinem persönlichen Identifikationsfeld, saṃsāra. Das Ego-Ich leidet, weil es seine Gier und seinen Hass nicht erkennt. Das Feuer seiner Leidenschaft blendet es, sodass es nur das sehen kann, das seine Leidenschaft nährt.
Damit wird der Unterschied klar:
Die Schulen arbeiten mit Modellen, Systemen, Stufen, Wegen und Philosophien.
Der Buddha selbst zeigt nur eine einzige Einsicht:
„Das ist nicht mein. Das bin nicht ich. Das ist nicht mein Selbstsein.“
Das *Ich* ist nicht mein. Das *Ich* bin nicht ich. Das *Ich* ist nicht mein Selbstsein.
Das *Ich* oder Ego-Ich ist nicht mein. Das *Ich* oder Ego-Ich bin nicht ich. Das *Ich* oder Ego-Ich ist nicht mein Selbstsein.
Diese Einsicht beendet nicht das Ego-Ich, also die Identitätskonstruktion. Aber *Ich* kann Betrachten wie das Ego-Ich immer wieder vergeht und entsteht. *Ich* kann es ergreifen und nach getaner Arbeit sofort wieder loslassen. Ein friedvolles Leben wird so möglich.
Die Lichter müssen umgestellt werden. Das Licht des Ego-Ichs muss als vergänglich, unbefriedigt und nie stabil erkannt werden. Dann kann *Ich*-Licht ungeboren, beständig und unsterblich sein, bis der Körper stirbt, denn alle „Unsterblichen“ sind sterblich.
Die Wahrheiten
1. dukkha-vedanā: Dies ist die edle Wahrheit vom Leiden: Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden, Kummer, Jammer, Schmerz, Trübsinn und Verzweiflung sind Leiden; vereint sein mit Unliebem ist Leiden, getrennt sein von Lieben ist Leiden; was man verlangt, nicht erlangen, ist Leiden. Kurz gesagt: Die fünf Faktoren des Ergreifens sind Leiden.
2. dukkha-samudaya: Die Last der Identitätskonstruktion
Erleben ist belastet, weil ein Ego‑Ich entsteht.
Das Ego‑Ich behauptet: „Ich bin dies“, „Ich bin das“, „Ich muss so sein.“
Das Ego‑Ich hält sich für das Ich (viññāṇa/nāmarūpa).
Die Identitätskonstruktion entsteht und vergeht ununterbrochen; sie ist dukkha.
Das Ich ist nicht mein. Das Ich bin nicht ich. Das Ich ist nicht mein Selbstsein.
3. samudaya: die Entstehung der Last
Die Last entsteht durch taṇhā: Haben‑Wollen, Ablehnen, Festhalten.
Gier und Hass erzeugen das Ego‑Ich und nähren seine Konstruktionen.
Das Ego‑Ich erzeugt Mythen, Götter, Systeme, Überwelten, um sich zu verewigen.
Das Ego‑Ich sieht nur das, was seine Leidenschaft nährt; es ist geblendet von seinem Feuer.
Das Ich erscheint erst in taṇhā; das Ego‑Ich erst in dukkha.
4. nirodha: die Beendigung der Last
Die Last endet, wenn das Ego‑Ich als Konstrukteur erkannt wird.
Das Ego‑Ich vergeht und entsteht fortwährend; es ist nicht stabil.
Das Ego‑Ich hält sich für unsterblich, göttlich, bedeutungsvoll.
Ich kann betrachten, wie Ego‑Ich entsteht und vergeht, es ergreifen und sofort loslassen.
„Das ist nicht mein. Das bin nicht ich. Das ist nicht mein Selbstsein.“
Der achtfache mittlere Weg ist eine an der Realität geprüfte Wahrheit, eine Handlungsanleitung. Wie man die vier Wahrheiten des Leidens durchschaut, überwindet, verwirklicht und entfaltet .
Er zeigt, wie man:
dukkha-vedanā das unausweichlich erscheinende Unangenehme erkennen
dukkha-samudaya erkennt die Last der Identitätskonstruktion
samudaya durchschaut Entstehung durch Durst, taṇhā
nirodha verwirklicht die Beendigung der Last
magga entfaltet den Weg der Befreiung
Der Weg ist also die praktische Umsetzung der Einsicht, dass das Ego‑Ich eine Konstruktion ist und das gewirkte *Ich* (viññāṇa/nāmarūpa) keine Identität trägt.
Die fünf Anhäufungen der Sinnesbewusstseine, das Speicherbewusstsein, Skandha: Gesehenes, Gehörtes, Geschmecktes, Gerochenes, mit den Sinnen der Haut Wahrgenommenes, die Gedankenimpulsverarbeitung, werden als: Das habe ich, das bin ich, das ist mein Selbst. Das Ego-Ich verblendet Skandha durch sich Identifizieren mit Skandha die nur seine Gestaltungen, (sankhāra) sind.
Aus dieser Verblendung der Skandha erscheinen Gestaltungen, sankhāra und diese sind der Versuch des Ego-Ichs, die Skandha zu Systematisieren.
(Skandha ist immer Plural. Die Singularisierung oder Vereinzelung der Teile ist schon Verblendung.)
Dann kommt es zum Ergreifen der Gestaltungen, nicht der Skandha. Das ist die Verblendung durch die sankhāra die glauben machen das man scheinbar die Skandha ergreift, doch man ergreift seine eigenen Vorstellungen von Skandha. Die eigenen Vorstellungen von Skandha als naturgegeben anzusehen, hat zur Folge das man nicht mehr sieht, was man sieht, nicht mehr hört, was man hört usw. Die Verblendung der Skandha ermöglicht es erst, zu sehen, was man sehen will, zu hören, was man hören will usw., und das ist der erste Schritt in dukkha, seinen eigenen Gestaltungen mehr Wert zuzumessen als Skandha.
Dies ist meine Erfahrung aus den drei ersten Reden des Buddha.
SN 56.11, SN 22.59, SN 35.28