Hallo K.W.,
Kainer Wahr:
Aber bitte Axel, meine Übertreibungen sind Stilmittel. Natürlich verbrennt hier keiner mehr Bücher. Allerdings: Es ist nicht erlaubt alles zu sagen. Die Debatte um Günther Grass‘ Text zeigt das. Es gibt keine Argumente mehr. Nur noch das Draufhaun. Egal was man von ihm halten mag. Es ist unfair. Also es werden keine Bücher mehr verbrannt, aber in bestimmten Situationen wird man als Person unmöglich gemacht. Dieser unmögliche Stil zeigt sich ja auch hier im Forum. Darauf ist meine Tirade von gestern gemünzt gewesen.
Natürlich ist es 'erlaubt, alles zu sagen'. Gerade dein Beispiel zeigt, dass jeder Depp alles zu allem sagen kann: Was hält die Fleischfachverkäuferin vom Grass-'Gedicht', der Vorsitzende des Kleingärtnerverbandes, der CDU Ortsverband Lüdenscheid-Süd? Wie immer, wenn die 'Tabubrecher' zu ihrem Mantra 'Man wird ja wohl noch sagen dürfen...?' ansetzen oder 'Zensur!!' kreischen, möchte ich zum Korkenzieher greifen.
'Als Person unmöglich gemacht'? Ist das jetzt ernst gemeint? Grass ist zum ersten Mal seit Jahren wieder im Gespräch und selbst der Neo-Nazi mit Mittlerer Reife überlegt, ob er sich nicht vielleicht doch mal ein Grass-Buch zulegen sollte. Wurde Walser (ein ähnlicher 'Skandal') 'als Person unmöglich gemacht'? Er ist besser im Geschäft denn je. Wollte ich heute irgendwas verkaufen, könnte mir PR-mäßig nichts Besseres als ein 'Antisemitismus-Vorwurf' passieren, und Grass weiß das. Sehr hübsch, wie er im gleichen Interview (!) banz zu Beginn nölt, er habe mit dieser Reaktion nie gerechnet, er habe doch nur... und am Ende des Interviews sagt, er habe das kommen gesehen. Manchmal schlecht, wenn einem die beginnende Demenz einen Strich durch die Rechnung macht. Andererseits achtet sowieso niemand auf diese verräterischen Kleinigkeiten, es geht ja eigentlich um was ganz anderes.
Und das Gedicht selber? Hier drängt sich der alte Kalauer auf: 'Ein Gedicht ist, wenn der Text nicht bis an den Rand geht.'
Kainer Wahr:Was das Zen-Monster angeht… es ist Teil eine positiven Entwicklung. Deshalb bin ich da recht enthusiastisch, daß es auch noch andere Ausdrucksformen für den Buddhismus gibt. Das passt gut in eine Entwicklung die sich auch im deutschsprachigen Raum abzeichnet. Es gibt inzwischen einige Blogs, die recht fortschrittlich eingestellt sind. Man diskutiert dort ruhiger und argumentativer. Vor allem kann sich da eine Form de Selbstbestimmung üben und artikulieren, die hier nicht so existiert.
Letzten Herbst habe ich hier dafür geworben, das Forum doch zu verlassen und mehr in die Blogs zu gehen. Ich tue das hiermit noch einmal!
Mag sein, dass es 'fortschrittlich eingestellte Blogs' gibt, mich interessiert das nicht. Vielleicht verstehst du unter 'fortschrittlich' was anderes und ich missinterpretiere dich (z.B. was deinen 'marktkritischen' Kommentar in lubobs blog angeht), aber ein Sich-Berufen auf Althusser und Žižek ist's für mich dann auch nicht. Ich mag nicht mit einer Armee der Toten gegen die andere kämpfen.
Kainer Wahr:Zum (Selbst)Verständnis des Zen-Monsters ist ein Ausschnitt eines Interviews mit Norman Fischer interessant. S. 108 f spricht er darüber was Sprache sein könnte. Er erwähnt Dōgen und dessen Auseinandersetzung mit Sprache. Norman Fischer über Dōgen:
Zitat„Er sagt, wenn es Erwachen geben kann wenn man den Mond betrachtet, warum soll es dann nicht Erwachen beim lesen geben? Tatsächlich gibt es viele Zenerzählungen in denen Leute durch lesen erwachten. Der sechste Patriarch ist erwacht als er eine Zeile aus dem Diamantsutra hörte. […] Aus literarischer Perspektive ist die Frage was der Unterschied ist, wenn es denn einen gibt, wie Dōgen Sprache als befreiendes Werkzeug oder als Teil eines befreiten Lebens sieht und wie das eine mit Literatur befasst Person tut?“
Ein Verständnis von lesen, hören, schreiben, verstehen, formulieren als unmittelbare, dichte Erfahrung gibt es auch in unsere Kultur. Man könnte bei Hölderlin nachsehen oder bei Rilke und sicher an tausend anderen Stellen.
Ja, den Artikel von Fischer finde ich auch beeindruckend. Was der Unterschied ist, den er anspricht? ich weiß es nicht. Vielleicht liegt ein Teil der Antwort in der Lebenspraxis, die man sich außerhalb des Lesens aufbaut und die einen Rahmen, einen Kontext bildet. Und vielleicht ist Teil dieser Lebenspraxis doch eine gewisse Form von 'mentaler Schulung', wenn auch nicht die Art von 'Meditation', die du in deinem Essay zurecht (und mit klugen Argumenten) angreifst.
Gruß,
Axel