Ein Überblick über den Prozess
Ein Praktizierender der die achte oder eine höhere Stufe gemeistert hat setzt sich hin, folgt
seinem Atem und beginnt die Atemzüge zu zählen. Nach ein paar Zügen kann er erkennen,
dass es keinen Atem gibt, nur eine Folge von Empfindungen, die der Verstand als Atem
interpretiert und nach dem Ende des Zählens beginnt er sie mit einer mühelosen Kontinuität
und Fokus zu betrachten. Diese einfache Erlangung von müheloser Stabilität wird manchmal
selbst als eigenständiger Weg des meditativen Fortschritts gewählt und liefert den
eindeutigen Beweis einer meisterhaften Leistung, ist jedoch an und für sich keine
Voraussetzung für den spirituellen Fortschritt. Dieser Weg wird hier nicht ausgeklammert,
sondert ist ein integrierter Bestandteil der Stufen acht bis zehn.
Der Praktizierende der die zehnte Stufe gemeistert hat wird sogar noch bevor er sich hinsetzt
einen gewissen Grad an stabiler Aufmerksamkeit genießen, intensive Klarheit in der
Wahrnehmung und einen friedlichen Zustand von Freude und Glückseligkeit, die noch
nachleuchtenden Früchte der letzten Meditation. Nach wenigen Atemzügen wird sich der
Zustand der zehnten Stufe sofort manifestieren.
Bitte behaltet im Hinterkopf, dass es sich bei diesen zehn Stufen um Ebenen der Meisterung
handelt. Das gelegentliche, periodische oder gar frequente Auftreten meditativer Erlebnisse
entsprechend dieser Stufen, die höheren mit eingeschlossen, ist ein gewöhnliches Ereignis
und ist nicht Sinn der Sache. Der Sinn besteht darin, dass die jeweils gemeisterte Stufe auf
eine einfache und konsequente Weise wiederholt werden kann. Es ist nicht ungewöhnlich
wenn ein Anfänger etwas erlebt was offensichtlich der Stufe 4 oder sogar 7 entspricht,
jedoch nicht wiederholbar ist und dementsprechend nicht von Bedeutung. Es zeigt ihm
jedoch zu was er fähig sein kann. Genauso können erfahrenere Meditierende die noch keine
Stufe jenseits von 3 oder 4 gemeistert haben gelegentlich Erfahrungen der Stufen 8 oder 9
machen wenn ihr Geist ruhig und fokussiert ist. Dies erzeugt üblicherweise großes Aufgeregt
sein und bringt den Meditierenden dazu seine Leistung zu überschätzen. Anstatt dann die
Stufe auf der er sich gerade befindet zu meistern, versucht er vergeblich eines dieser
Erlebnisse zu wiederholen.
Der Meditierende kann zum Beispiel Momente erleben in denen verbale Selbstgespräche
aufhören und nicht einmal die subtilsten Formen diskursiven Denkens vorhanden sind. Das
ist wundervoll und aufregend, hat jedoch keinen Wert wenn es sich um eine isolierte
Spontanität handelt. Es wird erst dann von Bedeutung sein, wenn der Meditierende die
exakten Bedingungen versteht die präsent sein müssen damit das innere erzählende
diskursive Denken verschwindet und wie er diese Bedingungen erneut schaffen kann. Sogar
ein beständiges eintreten in höhere Stufen hat wenig Wert wenn es der Meditierende nicht
geschafft hat die Tendenz des Geistes zu meistern sich nicht mehr von subtilen Ablenkungen
anziehen zu lassen. Der größte und schnellste Erfolg in der Praxis resultiert aus dem
systematischen überwinden der verschiedenen Problemen des Vergessens und geistigem
Wanderns, der groben und subtilen Ablenkungen, starker und subtiler Trübheit in der
angebrachten Reihenfolge. Der nicht-verbale, nicht-diskursiv denkende und nicht-
konzeptuelle Geist wird sich auf eine natürliche Weise entfalten, resultierend aus der
Fähigkeit einen exklusiven Fokus der Aufmerksamkeit halten zu können.
Nicht selten werden Meditierende in den frühen Stadien der Konzentrationsentfaltung
flüchtige Erlebnisse meditativer Verzückung und oder körperlichen Wohlbehagen verspüren
die charakteristisch für die achte und neunte Stufe sind. Das kann sie dermaßen irreführen,
dass sie das Üben der notwendigen Fähigkeiten ihrer aktuellen Stufe vernachlässigen. Mit
anderen Worten, alle isolierten Erlebnisse der entsprechenden Stufen können in beliebiger
Reihenfolge zu jeder Zeit erscheinen. Aber nur Beständigkeit und Vollendung die auf Können
basieren sind die Kennzeichen des echten Fortschritts.
Bedauerlicherweise wird sich jede Beschreibung eines Entwicklungsfortschrittes sehr viel
linearer anhören als es in Wirklichkeit ist. Höchstwahrscheinlich wird sich ein Meditierender
dabei erleben wie er es mit mehreren Stufen zugleich zu tun hat, sich zwischen ihnen vor-
und zurückbewegt und das im Verlauf von Tagen, Wochen oder sogar innerhalb nur einer
Sitzung. Nehmen wir als Beispiel einen Praktizierenden der sich sagen wir in der dritten Stufe
befindet: Basierend auf dem Fakt, dass seine Meditation gewöhnlich von Perioden kurzer
Geisteswanderung unterbrochen wird, könnte er gelegentlich in seinen Sitzungen seine
Aufmerksamkeit kein einziges Mal vom Meditationsobjekt abwenden (Stufe 4), während zu
anderen Zeiten sein Geist so aufgewühlt ist, dass Geisteswanderungen die ganze Sitzung lang
dominieren (Stufe 2). Dies ist normal, alle Meditierenden können erwarten Tage zu haben in
denen sie den Eindruck gewinnen eine Stufe aufgestiegen zu sein, an anderen jedoch sieht es
mehr nach einem Rückschritt auf eine Stufe aus von der man dachte sie schon längst
gemeistert zu haben.
Eine weitere Sache die die Praxis nicht linear erscheinen lässt ist, dass man es gelegentlich
während der Sitzübung mit den Problemen mehrerer Stufen zugleich zu tun hat. Für einen
Anfänger ist es selbsterklärend die zweite Stufe zu üben, während er auch weiterhin daran
arbeitet eine konsistente und reguläre Praxis einzuhalten. Genauso wird ein Meditierender
der Stufe zwei oder drei, der zunehmend längere Perioden ununterbrochener
Aufmerksamkeit gegenüber dem Meditationsobjekt erlebt, an den Hindernissen der Stufe
vier arbeiten. Ein Teil der Praxis von Stufe drei besteht darin die wiederkehrenden kurzen
Zeiträume des Geistwanderns zu überwinden und ist damit identisch mit der Überwindung
grober Ablenkungen der Stufe 4. Leute der Stufe vier werden das Training der Stufen fünf
und sechs machen wenn es heißt leichte Trübheit und Ablenkungen hinter sich zu lassen. Die
Methoden die in den Stufen fünf und sechs zum Einsatz kommen sind sich sehr ähnlich und
unterscheiden sich nur im Hinblick ihrer spezifischen Ziele. Und so weiter. Aber sobald
Meisterung der jeweiligen Stufe vollzogen wurde, wird sich der Fokus auf die verbleibenden
Stadien bewegen. Da es sich auf diese Weise entwickelt, tendiert die Geschwindigkeit des
Durchschreitens der unteren Stufen dazu sich zu beschleunigen. Obwohl es möglicherweise
auszusehen scheint lange zu dauern, die Geisteswanderung der Stufe vier zu überwinden,
wird sich der Meditierende sehr viel schneller Richtung Stufe fünf fortbewegen als es noch
zwischen den Stadien drei und vier der Fall war. Dieses exponentielle Wachstum wird sich
auch in den folgenden Stufen hinfort ziehen.
Das Geheimnis schnellen Fortschritts liegt darin sich mit dem zu Beschäftigen was zum
gegenwärtigen Zeitpunkt aktuell ist und nicht vorauszueilen. Darum besorgt zu sein,
Einspitzigkeit zu erreichen (Praxis der Stufe 6) bevor man Geisteswanderung nicht
überwunden hat (Stufe 4), wird einen tatsächlich daran hindern diese hinter sich zu lassen
und wird damit zu einem Nährboden für Enttäuschung und Frustration. Zu versuchen subtile
Trübung zu überwinden(Praxis der Stufe 5), während noch grobe Ablenkungen vorhanden
sind, würde bedeuten sich selbst die Möglichkeit zu verweigern eben diese zu bändigen.
Es ist nicht außergewöhnlich für jemanden der ein Haushaltsleben führt von Zeit zu Zeit
Rückschritte zu machen. Aus seinem Job gefeuert zu werden, einen Angehörigen zu verlieren
oder es mit einer pubertierenden Tochter zu tun zu haben, die von zu Hause wegläuft sind
Dinge mit denen ein fortgeschrittener Meditierender leichter fertig wird und trotzdem
werden sich diese auf ihn auswirken und ihn möglicherweise für eine gewisse Zeit auf den
untersten Stufen weilen lassen. Und verständlicher Weise werden auch Traumata geringerer
Ausmaße ihre Wirkung hinterlassen. Diese dienen uns zur Erinnerung daran, dass diese
meditativen Errungenschaften bedingt sind und gegenüber äußeren Einflüssen verwundbar
sind.
Auch in Abwesenheit von externen Ereignissen ist es nicht unüblich, dass sich ein erfahrener
Meditierender ohne Grund auf den unteren Stufen wieder findet. So kann jemand trotz
Meisterung der neunten Stufe gelegentlich auf sehr starke Trübungen und oder Ablenkungen
stoßen. Wenn das der Fall ist wird er sich dessen bewusst und sieht es als das an was es ist
und handelt dementsprechend.
Generell gesagt: Die Meisterung einer Stufe ist die Grundvoraussetzung für die Meisterung
der nächsten. Also im Hinblick auf das Meistern, erfolgen die Stadien in genau dieser linearen
Reihenfolge. Die einzige Ausnahme ist die Stufe fünf, sie kann übersprungen werden. Aber
wie schon an anderer Stelle erwähnt, wäre dies ein ernster Fehler der zu einer sehr trüben
Art von Konzentration führt. Wenn dies passiert, könnte der Meditierende eine seicht
Kopie der späteren Stufen erleben. In Wirklichkeit jedoch wäre er an einem toten Ende, weit weg
von dem was die Früchte der Meditation zu bieten haben.
Die Einstellung mit der wir uns der Meditation widmen ist sehr wichtig. Wenn wir Begriffe
wie "Erlangen", "Erreichen" oder "Meistern" verwenden, füttert dies sehr leicht
unsere natürliche Neigung uns selbst als den "Macher" der Taten zu sehen, dass wir
das Gefühl haben durch Einsatz und Willen für die Resultate unseres Tuns
verantwortlich zu sein. Es gibt keine Situation in der diese Sichtweise so unzutreffend
ist wie im Bezug zum Praktizieren von Meditation. An ihr festzuhalten würde
bedeuten Hindernisse zu schaffen und es würde zu einer Quelle der Entmutigung
heranreifen. Deswegen ist es wichtig sich sie so früh wie möglich loszulassen. Was wir
in dieser Praxis mehr tun als alles andere ist das Schaffen von spezifischen
Bedingungen und dann beginnt sie sich auf eine im höchsten Maße vorhersehbare
Weise von selbst zu entfalten. Durch das Einhalten gewisser Absichten und
Durführen von einfachen Handlungen wie aufmerksam und bewusst zu sein schaffen
wir Bedingungen die die gewünschten Ergebnisse liefern.
Folgendermaßen:
-Indem wir uns einen passenden Ort und Zeit nehmen, wiederholt die uns inspirierenden
Faktoren aufrufen die uns zum Meditieren animiert haben, schaffen wir Bedingungen für
eine reguläre Praxis (Stufe 1). Dies ist bei weitem effektiver als sich durch
Selbstdisziplin und Züchtigung zum praktizieren zu zwingen.
-So wie jeder der sich zum Meditieren hingesetzt hat, feststellen wird: Durch reine
Willenskraft werden wir unseren Geist weder vom Wandern, noch vom Vergessen des
Meditationsobjekts abhalten können. Aber durch die Würdigung und Pflege eines
hochentwickelten Gewahrseins, welches uns von jedem Abdriften warnt, durch
Rückbesinnung zum Meditationsobjekt und die Erinnerung daran sich so gut es geht zu
Bemühen, schaffen wir die notwendig Bedingung in der die Zeiträume des Wanderns
kürzer und die der Befassung mit dem Objekt länger werden (Stufe 2).
-Wenn die Zeiträume zischen den Perioden geistigen Wanderns lang genug werden,
können wir unser introspektives Gewahrsein aufrufen, anstatt darauf zu warten bis es
irgendwann spontan aufwacht und wir das Meditationsobjekt schon längst vergessen
haben. Durch die Wiederholung dieses Vorgangs, schaffen wir Bedingungen die es
erlauben Ablenkungen zu erkennen bevor der Geist überhaupt dazu kommt ihnen
hinterher zu jagen (Stufe 3).
-Durch die gegenwärtige Wachsamkeit und Pflege der Qualität der Aufmerksamkeit,
schaffen wir Bedingungen die jede Art von Trübung und Ablenkung hinter sich lassen und
somit beginnen wir den exklusiven, einspitzigen Fokus im Meditationsobjekt zu genießen
(Stufe 4 – 6).
-Durch das simple Beibehalten des wachsamen Wächters, wird der Geist dazu
konditioniert seine Aufmerksamkeit und Konzentration mühelos aufrechtzuhalten
(Stufe 7).
-Mentale und physische Geschmeidigkeit, Freude und Verzückung sind die
konditionierten Ergebnisse einer mühelosen, einspitzig gehaltenen Konzentration
(Stufe 8).
-Durch simples Andauern des Zustandes meditativer Freude, wird eine Vertrautheit
geschaffen die eine wichtige Voraussetzung für Gleichmut und Ruhe ist
(Stufe 9).
So gehen sind alle Absichten und Maßnahmen, die in den jeweiligen Stufen notwendig sind,
in denen der Meditierende als "Macher" auftritt, extrem einfach und simpel im
gegenwärtigen Moment durchführbar. Alles was nötig ist, ist das wir damit
weitermachen sie zu wiederholen, geduldig und ohne Erwartungen die Bedingungen
schaffen, die uns letztendlich zu der gewünschten Frucht führen. Wie ein Gärtner des
Geistes, pflanzt der Praktizierende die Saat der Aufmerksamkeit und Bewusstheit,
bewässert sie mit Fleiß, entfernt das Unkraut der Ablenkung und Trübung wann
immer es sprießt, sie vor den destruktiven Einflüssen von Prokrastination, Zweifel,
Verlangen, Aversion und Unruhe beschützt. Alles andere kommt zur gegebenen Zeit.
Geduld und Vertrauen in diesem Prozess werden zu einem schnelleren Erfolg führen
als aufwändiges Streben und Ungeduld. Wird ein Same schneller sprießen, wenn man
ihn immer wieder aus der Erde zieht und wieder eingräbt? Ähnlich verhält es sich mit
Frustration, dem Suchen nach einer "besseren" oder "einfacheren" Praxis oder der
Schläfrigkeit und Geisteswanderung mit Ungeduld und Verärgerung zu begegnen.
Unkraut muss nacheinander mit Geduld in dem Moment gezogen werden wenn es
auftaucht. Den Geist mit Ungeduld zu hetzen ist so als wenn man den gesamten
Garten in Stücke reißen würde. Konzentration und Gewahrsein können genauso
wenig wie ein Bäumchen durch bloßes Strecken zum wachsen gebracht werden.
Nach physischer Geschmeidigkeit und meditativer Verzückung zu jagen ist so als
wenn wir eine Knospe, um sie zum Blühen zu bringen, aufreißen würden.