Dass die weltliche Macht bei der Einsetzung religiöser Würdenträger mitredet, ist übrigens keine Erfindung der KP Chinas. In Europa war das Gang und Gäbe. Jahrhundertelang musste ein neuer Papst durch den Kaiser bestätigt werden. Der Gipfel des weltlichen Eingriffs war damals Kaiser Heinrich III., der 1046 die drei konkurrierenden Päpste absetzte und statt dessen den Bischof von Bamberg zum Papst wählen ließ. Unfähigkeit, Instabilität oder gar Gegnerschaft konnten weder Papst noch Kaiser gebrauchen.
Ähnlich war das auch in anderen Teilen der Welt. In Tibet gab es mit dem Tulku-System regelmäßig Streit konkurrierender Familien, wessen Kind der neue xy-Lama sei. Da hingen Landbesitz und Geld dran. Am Ende mussten oft die chinesischen Kaiserhöfe den Streit beilegen. Da liegt die historische Wurzel dieser Bestätigungspolitik. Unfähigkeit, Instabilität oder gar pol. Gegner kann auch die KP Chinas heute nicht gebrauchen.
Derartige Streits gibt es auch in unseren Tagen noch. Ein aktuelles Beispiel war der Auseinandersetzung um die zwei Karmapas, den schließlich der indische Staat ausbaden musste. Der Rechtsstreit zog sich fast ein Jahrzehnt hin. Indien wollte mit dm Zwist nichts zu tun haben, musste aber den Rechtsstreit mit Richtern, Anwälten und Polizei durchziehen, weil Kloster Rumtek in Sikkim liegt. Im Hintergrund ging es wieder um Klöster, Landbesitz und Macht.
In Europa hat sich die Kirche die Unabhängigkeit vom Kaiser übrigens lang und hart erkämpfen müssen. Das war der sogenannte Investiturstreit. In Tibet hat es diesen Kampf nie gegeben. Warum sollte es auch? Die Klöster waren weltliche und religiöse Macht in einem.
Beiträge von crocus
-
-
Die Überschrift (der Evang. Zentralstelle) liegt leicht neben dem Thema. Weniger ist die DBU in der Krise, weil sie diskutiert, was Buddhismus wirklich ausmacht, sondern es geht im Artikel darum, dass die Idee einer Ökumene nicht recht vorangekommen ist.
Den Artikel selbst finde ich angenehm sachlich. Für mich als Buddhisten ist allerdings fraglich, ob man in DACH sowas wie eine buddh. Ökumene überhaupt braucht. Der Artikel stellt selber fest, dass „Buddhismus“ keinen einheitlichen autoritativen Kanon kennt und daher zutiefst heterogene Traditionen der Lebensbewältigung aus sich heraussetzen kann." Für mich ist diese Offenheit eine Stärke. Aus ihr erwächst Erneuerung und Anpassung an geänderte Lebensverhältnisse.Ich finde es gut, dass Leute wie Stephen Batchelor einen Buddhismus für Ungläubige entwickeln "dürfen", während auf der anderen Seite ein Silvio Wirth Theorie und Praxis zu integralem Tantra entwirft oder ein Herr Corby über Bodhisattvas auf Level 7 nachdenkt. Dass die Gemeinschaft dazwischen immer wieder neu diskutiert, wo Buddhismus anfängt und wo er aufhört, was mit seinen Werten vereinbar ist, und was nicht, halte ich nicht für Krise der DBU, sondern für ein Zeichen der inneren Vitalität der Sangha.
-
Auch ich habe einst meinen buddh. Weg mit Govindas "Grundlagen Tib. Mystik" angefangen. Und es ist für mich bis heute eine der besten Einführungen in das Thema. Liegt vielleicht daran, dass Govinda Deutscher war und er diesen kritischen Abstand zum Gegenstand der Untersuchung hatte. Das war genau meine Wellenlänge als junger Wissenschaftler. Jedenfalls habe ich damals eine Ahnung erhalten, was diese vielarmigen Gottheiten des Vajrayana mit Buddhas Lehre zu tun haben, und wie die Verbindungspunkte zu Nachbarreligionen zustande kamen.
-
Ist Buddhismus eine Wissenschaft, hat Parallelen zu 'Ist Theologie eine Wissenschaft'. Immerhin kann man dort ja auch einen 'Dr. der Theologie' machen.
Am Ende landet man bei Definitionsfragen ab und betritt das komplexe Gebiet der Wissenschaftsphilosophie. Deren Status ist, dass Abgrenzungsfragen zum Nicht-wissenschaftlichen Gebiet und der Übergangszone nicht abschließend geklärt sind.
Meine Position ist: Buddha war weniger an objektiven Erkenntnissen über die Welt interessiert, sondern er zeigte den Menschen einen Weg zur Beendigung des Leidens. Das ist wie der Unterschied zwischen Sportwissenschaft und und jemanden animieren, Sport zu treiben. Das kann sich ergänzen, ist aber nicht dasselbe.
-
Ganz im Sinne von Railex hier auch meine Erfahrungen: Ich würde in der Anfangsphase davon abraten, nach Lehrern/Gruppen zu suchen, die mit zornvollen Gottheiten arbeiten. Nicht weil zornvolle Gottheiten problematisch wären, sondern weil es der Lehrer wäre, der deine Praxis bestimmt.
Meine Erfahrung ist: Zunächst einmal ein paar Jahre mit Avalokiteshvara, Tara, Manjushri, Amitabha arbeiten. Die haben für die ersten sechs Bodhisattvastufen mehr als genug zu lehren und bringen einen bis zur Stufe 'Yogatantra' (1000-armiger Chenresig). Wenn man sich dann weiterentwickelt hat, passiert es oft von ganz allein, dass man ein besonderes Interesse für eine der zornvollen Gottheiten entwickelt. Dann hast du deine Praxis gefunden bzw. sie hat dich 'gerufen' und du hast 'gehört'. Und dann findet sich auch ein Lehrer, der diese Praxis beherrscht und lehrt. Es geht auf dieser Stufe nicht mehr nur ums 'Zerschlagen' von negativen Gefühlen bei einem selbst, sondern um etwas viel Größeres: das Wirken des Bodhisattvas in der Welt zum Wohle der fühlenden Wesen.
Liebe Grüße - Crocus -
Wenn ich Beiträge wie diesen aus der ardmediathek sehe, dann frage ich mich, wann die Macher zum letzten Mal selbst in Tibet waren. Ich war mehrfach da, als Bergsteiger und als Pilger.
"China kontrolliert Tibet mit zunehmender Härte" steht in der Einleitung. Mein Eindruck ist genau gegenteilig: Mir scheint es lockerer geworden. Die Einreiseformalitäten sind nervig, aber einmal drin, konnte ich mich völlig frei bewegen, ohne Aufpasser. Ich konnte mir anschauen, was ich wollte und reden, mit wem ich wollte.
Ich sah in mehreren Wochen eine einzige politische Aktion a la Free Tibet: Junge Leute hatten einen Lastwagen mit Spruchbändern und Lautsprechern aufgerüstet und fuhren damit lautstark durch die Straßen. Niemand interessierte sich dafür. Die Polizei schaute zu und ließ die Leute machen.
Aus meinen Gesprächen mit Einheimischen nahm ich den Eindruck mit, dass für 90% der Bewohner ein eigenständiges Tibet kein Thema mehr ist. Tibeter meiner Generation (rund 60 Jahre) haben sich mit dem Status quo arrangiert, die junge Generation will lieber Geschäfte machen, Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnen bauen, feministische Politik gestalten, oder chinesische Jets fliegen. Die Alternative haben sie gleich hinter der Grenze vor Augen: Afghanistan, Pakistan, Nepal, Indien, Burma. Das Tibet, das der Westen im Sinn hat, ist für die junge Generation so fern, wie für mich die verlorenen Ostgebiete unserer Großeltern: Geschichte vor meiner Zeit.
Alles natürlich nur mein persönlicher Eindruck, aber ich war dort und habe mit den Leuten abseits der Touristenhotspots gesprochen. Seither reagiere ich auf solche ardmediathek-Beiträge etwas mit Verwunderung.
-
Habe auf der DBU-Seite den Aufruf zur Unterstützung des Antrags zur Erlangung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts gelesen. Nun bin ich hin- und hergerissen.
Einerseits macht Institutionalisierung Sinn (die DBU gibt einige Gründe an), andererseits ahne ich finstere Schattenseiten. Ein Blick auf die Dramen in den evang./kath. Amtskirchen reicht mir.
Ich habe wenig Bedarf an einer Art buddh. EKD, die mir erklärt, dass wir wieder kriegstüchtig werden müssen oder eine buddh. Bischofs-Synodalkonferenz, die einem buddh. Eugen Drewermann die Lehrbefugnis entziehen würde. Brauchen wir buddh. Kirchensteuer?
Ich fühlte mich bisher ganz wohl mit dem Status Quo. In Diskussionen mit Nichtbuddhisten konnte ich punkten mit der Aussage, dass Buddhisten im Wesentlichen 'Einzelkämpfer' sind, die ihren Weg selbst bestimmen und verantworten und letztlich niemandem unterstehen. Wie steht ihr zum KdöR-Aufruf der DBU?
-
Willkommen, lieber Lukas!
Kleiner Tipp für den Anfang dieses wichtigen Lebensabschnittes:
Für einen Mann mit Siddhis wäre es gut, wenn er sich für seine Kommunikation mit den noch auf dem Weg Befindlichen ein paar Regeln zu Kommasetzung und deutscher Satzstellung aneignet. Man kann vieles an KI delegieren, aber gewisse Grundfähigkeiten gehören einfach zum guten Stil eines Pratyekabuddhas. -
Zitat
Mit anderen Worten, es kann ein Individuum geben, das ohne die geringste
Vorstellung eines „Selbst“, „Ich“ und „Mein“ ist. So ein
Individuum wird Arahat genannt. Der Arahat betrachtet rein gar
nichts als „Mein“.Zitat von Igor aus R. G. de S. Wettimuny, BGM München
Diese Argumentation ist m.E. nicht haltbar.
Ein akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft kann man auffordern: Putz dir endlich die Nase und räum dein Geschirr weg!
Ein Wesen ohne Vorstellung "Ich" und "Mein" wüsste mit dieser Aufforderung nichts anzufangen. Ohne Selbst wäre er ein Zombie.
Wieviel von diesem Selbst in den ersten Lebensjahren anerzogen ist und ob etwas davon in einer Wiedergeburt weitergegeben werden kann, ist eine andere Frage. Aber ganz ohne Selbst wäre der Mensch nur ein vor sich hinglucksender Misthaufen. -
Vorsicht mit mutigen Verallgemeinerungen:
Zwischen Aravind: "...ihre Position missbräuchlich nutzen" und
KarmaHausmeister: ...sich mit einer Vertrauensperson "einlassen"
ist ein Unterschied: der Missbrauch. Es könnte ja einvernehmlich sein.Wenn Padmasambhava sich nicht mit Yeshe Tsogyal und Mandarava "eingelassen" hätte, würden Dakinis und Überlieferungen (z.B. Termas) fehlen. Wahrscheinlich würden sämtliche Yoginitantras fehlen (Hevajra, Chakrasamvara, Vajrayogini etc. Und ohne diese wären Naropa und Milarepa wohl kleine Schriftgelehrte geblieben.
Es ist halt die bekannte Frage: Soll man etwas generell verbieten, nur weil einige ihre Position missbrauchen? -
Wenn man über Wikipedia hinausgeht und das ganze Hevajratantra liest, kommt man an zwei Stellen vorbei: 1) der Text ist nur für Leute, die eine Einweihung und die Erklärungen dazu erhalten haben. 2) es ist gibt Erklärung im Text, was mit den Aussagen gemeint ist. Du sollst Lebewesen töten heißt z.B. du sollst dich von der Anhaftung befreien, du und andere Lebewesen hätten ein beständiges Ego.
Ich befasse mich seit 15 Jahren mit Hevajra und habe noch nie Fäkalien gegessen. Für die ganz Unbedarften hat Rainer Meyer seiner deutschen Übersetzung noch ein warnendes Vorwort vorgesetzt:
"magische Rituale, deren Inhalte nicht mit den ethischen Grundlagen
des Buddhismus oder irgendeiner anderen Religion in Einklang zu
bringen sind. Hier tritt das Gift der Welt ein, und es wird nicht in
Bausteine des Weges verwandelt. Der Leser muß das Nützliche und
Heilsame unterscheiden von jenem, das dies per se nicht ist."Meine Meinung: Anuttarayoga-Tantra ist nichts für Jedermann und nichts, was man an einem Wochenende erlernt.
-
Glasenapp 1939 ist nun 87 Jahre her. Zu seiner Zeit war das der Stand der Forschung, es klingt bei ihm aber noch viel abendländische Begrifflichkeit durch, die dann auch das damalige Denksystem beeinflussten: jenseitige Erkenntnis Zaubersprüche, Wunderkräfte. Glasenapp fehlten noch 50 Jahre, bis massiv Westler vor Ort die Sprachen lernten und damit auch den begrifflichen Rahmen zurechtrückten, aus dem heraus manches besser verständlich wurde, als bei Glasenapp. So würde man heute nicht mehr pauschal sagen: "der Buddhismus hat sich in sein Gegenteil verkehrt", sondern etwas sachlicher: "Vajrayana hat Methoden hinzugenommen, die im frühen Buddhismus nicht akzeptabel waren. Das Ziel des Vajrayana ist dasselbe wie beim Mahayana".
-
Mein Philosophieprofessor hat uns beigebracht: Vorsicht vor Begriffen, die auf -ismus enden. Das sind Sammelboxen, in die jeder reinpackt, wovon er meint, es passt dazu.
Für mich selbst ist Buddhismus durchaus eine Religion, im Sinne von lat. religare = zurückbinden. Der Buddhismus hat dafür den Begriff Zuflucht. Menschen nehmen immer zu etwas Zuflucht, an dem sie sich festhalten. In unserem Fall Buddha, Dharma, Sangha.
-
Schöne Masterarbeit, man muss aber genau lesen und aufpassen, welche Schlussfolgerungen man über den Autor hinaus selber noch ableitet.
Die Arbeit zur Pflichtlektüre für Buddhismus-Interessierte zu erklären erscheint mir ähnlich abwegig, als würde jemand Christentum-Interessierten vorschreiben, sie sollten vorher die Geschichten aus dem katholischen Knabenstift lesen, wo der Bischof abends zum Gute-Nacht-Kuss persönlich vorbeikommt.
Wenisch begrenzt die Reichweite seiner Masterarbeit korrekt auf qualitative Erörterung, weil für quantitative Aussagen keine Statistik vorhanden sei. D.h. ja, solche Fälle gab es, doch dass sex. Missbrauch typisch für tib. Buddhismus sei, folgt aus der Datenlage nicht.
Der Autor gibt zudem an, dass Missbrauchsfälle auch in anderen Traditionen bekannt sind (S.29) und schlussfolgert: "Der sexuelle Missbrauch an sich kann daher nicht als ein besonderes Charakteristikum einer bestimmten religiösen Tradition zugeordnet werden."
-
Mich erinnern solche Vorhaben an Bultmanns Versuch das Christentum von metaphysischen Annahmen zu befreien. Der erwartete Erfolg blieb aus. Die Anhänger der Amtskirchen waren nicht begeistert und nach einigen Jahren wurde durch Bultmanns Schüler (E.Käsemann) klar, dass bei konsequenter Durchführung das Vorhaben in Probleme gerät. Kardinal Ratzinger nannte Bultmanns Ansatz gar 'Abspeck-Theologie' bzgl. Jesus: "So bleibt zu guter letzt ein mittelmäßiger Rabbi, wie er zu allen Zeiten denkbar war".
Diese Idee der Befreiung von metaphysischen Annahmen gab's im 20. Jh. auch bei den Philosophen (Carnap, logischer Positivismus), aber auch hier hat sich das Vorhaben mit dem linguistic turn inzwischen weitgehend erledigt.
Ich befürworte die Idee, überlebte Anschauungen und Praktiken abzulegen, aber ich glaube nicht daran, dass wir allein durch Abspecken am großen Rad drehen werden. Ich vermute eher, es bildet sich gerade ein moderner Buddhismus heraus, der einige Verwerfungen korrigiert, ansonsten aber säkulare wie auch traditionelle Praktiken nebeneinander gelten lassen kann.
-
Wow, was für ein unterhaltsamer Artikel der Retreat-Teilnehmerin. Am Besten fand ich den Begriff <Aufziehmäuse>. Ein wenig verstehe ich auch die Goenka Seite. Es gibt im Leben Dinge, die man, wenn einmal begonnen, auch zu Ende bringen muss. Wer ein Flugzeug gestartet hat (als Pilot), kann nicht einfach vor der Landung sagen, Fliegen ist nichts für mich. Oder ein Bergsteiger oder ein Bootsführer auf offener See. Man muss die Dinge zu Ende bringen. Möglicherweise sieht der Goenka-Verein sein Retreat als ein <meditativ weit herausschwimmen>. Zumindest deutet das Vokabular der Aufziehmäuse darauf hin. Beim Tantra gibt es solche Praktiken. Inwiefern das bei Vipassana gerechtfertigt ist, will ich nicht beurteilen. Jedenfalls bestätigt mich der Bericht in meiner Auffassung, dass ich nicht an Veranstaltungen teilnehme, wo ein Meister nur vom Band spricht.
-
Danke für das Pamphlet. Viele der Gedanken habe ich auch und finde sie berechtigt. Leider handelt man sich mit einigen davon Widerspruch von Anhängern der klassischen Schriften ein, a la: in Sutta xy hat der Buddha aber gesagt, es sei so und so.
Gräbt man dann etwas tiefer, landet man schnell bei Übersetzungsfragen und beim kulturellen Kontext. Gerade deswegen finde ich deine Gedanken wichtig, und für mich sind sie Zeichen erster Auskristallisierungen eines modernen (westlichen?) Buddhismus.
-
Wenn sich die Mühle gut dreht, schafft sie ca. 400-1100 Umdrehungen pro Stunde. Also gehe ich von durchschnittlich 750 U/h aus.
Es gibt so einfache kleine Lichtschranken für Arduino, die kosten 1,70 Euro. Ein Stück Alufolie mals Reflektor an einem Flügel und ein 3-Zeilen Programmchen aus dem Netz. Zählt absolut zuverlässig. Man muss nur alle paar Wochen mal die Batterie tauschen.
-
Vielleicht muss jetzt eine klare Grenze gezogen werden...
wenn das mal jemandem gelänge, wäre es ein Fortschritt historischen Ausmaßes. Leider konnte bisher niemand ein unverrückbares Kriterium benennen, nach dem diese Grenze zu ziehen wäre. Die Idee vom Urteil eines Mönch, der schon so oft wiedergeboren wurde, leidet an dem Problem, dass diese einschlägigen Wiedergeburten immer schon damals waren, und du und ich nicht dabei waren. Damit ist die Glaubwürdigkeit wieder auf dem selben Niveau wie die der Personen im Zentrum des Threads: kann so sein, muss aber nicht.
-
Ist sicher interessant, dass die Dame das so sieht, und ihre Meinung sei für den Disput akzeptiert, aber Expertenmeinungen sind noch lange keine wiss. Evidenz. Die müsste auf Fakten beruhen und Signifikanz aufweisen. Außerdem bereitet der unscharfe Begriff 'systemisch' Probleme. Hendrik macht auch gleich systembedingt draus. Das ist was anderes. Systemisch ist ein Phänomen (Missbrauch), dem selbst eine gewisse Systematik zuerkannt werden kann. Systembedingt bedeutet, dass ein Phänomen durch ein anderes System, hier vmtl. das Lehrer-Schüler-System, in die Existenz gebracht wird und, verschärfend noch, ohne die Bedingung nicht aufträte. Da Missbrauch auch außerhalb des Buddhismus diagnostiziert wurde, ist die Aussage 'systembedingt' nicht zu halten. Buddh. Lehrer-Schüler-Beziehungen sind weder notwendige noch hinreichende Bedingung für Missbrauch. Die Dame selbst spricht korrekter Weise auch nur von 'Faktoren'.
-
Vorab: bin kein Kadampa.
Wie seht ihr die Neue Kadampa Tradition im Vergleich zu anderen tibetischen Schulen?
Habe sie früher kritisch gesehen aufgrund der Berichte, dann jedoch über die Jahre Kadampa-Praktizierende getroffen, die solide ausgebildet waren und ihren Vajrayana-Buddha-Weg gingen. Als Buddhist sollte die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule kein Grund für Stolz und Überheblichkeit gegenüber anderen Schulen sein. Es geht um dich umd deine Entwicklung als Bodhisattva. Aus diesem Blickwinkel ist es wichtiger, mit den gelehrten Praktiken einer Schule gut zurecht zu kommen, als auf die glänzende oder angekratzte Fassade zu achten. Querelen in der Führungsetage sind ärgerlich, gibt es aber wohl in vielen Schulen und auch nicht erst seit kurzem. Der ernsthaft Praktizierende lässt sich davon nicht beeinflussen. Gegen Missbrauch kann man sich schützen, indem man mitdenkt und rechtzeitig 'nein' sagt.
Wie geht man am besten mit den negativen Berichterstattungen über diese Tradition um?
Ich schüttel immer den Kopf und denke mir: Wenn ich Linienhalter wäre, würde ich vielleicht auch so handeln, aber ich bin keiner. Also: Nicht meine Liga, nicht meine Kinder, nicht mein Wutausbruch. Und dann gehe ich meinen Weg weiter.
-
Darin sagt Buddha, dass es ihm darum geht genau die Information zu übermitteln, die zur Erreichen von Befreiung notwendig ist.
Sehe ich genauso. Die Kosmologie kann man glauben, muss man aber nicht. Wobei es genau diese Idee des Trichiliocosm war, die einst in mir die Begeisterung für den Buddhismus auslöste. Heute bin ich mir bewusst, dass Vieles an solcher Kosmologie eher nicht die Erkenntnis Buddhas war, sondern aus Kulturkreisen übernommen wurde, in die sich der Buddhismus ausgebreitet hat. Deswegen sind sie nicht weniger wahr oder falsch. Für mich sind diese Beschreibungen ein Kontext, ein Hintergrund, aus dem ich auswähle, was mir widerspruchsfrei und akzeptabel erscheint, und eingebettet in den ich den achtfachen Pfad praktiziere.
-
Aber nur geistig ist Wiedergeburt nun auch nicht . Als der Buddha Erleuchtung erlangte konnte er sich an alle vorherigen Existenzen erinnern
So einfach ist das leider nicht.
Als Philosophiestudent kommt man irgendwann bei folgender Aussage vorbei:
"Es gibt keine schlüssige Widerlegung der Theorie, dass die Welt erst vor zehn Minuten entstanden ist, einschließlich aller Erinnerungen, Museumsstücke, Schnittwunden etc."
Das klingt erst mal abenteuerlich, aber wenn man sich anschaut, wie heute Computer runter- und wieder hochfahren, oder zum ersten Mal booten nach einer Neuinstallation, dann wird man ganz leise.
-
Was Du meinst ist ein Tuende.
Ein Tuender ist jemand, der gerade etwas tut. Das ist hier offensichtlich nicht der Fall, den die Sache liegt eine Weile zurück. Täter ist eine prädikative Ableitung aus 'Tat', hier hinsichtlich des aktiven Subjekts, im Unterschied zum Ergebnis- dem Getanen. Will man 'verwerflich' dazukonnotieren, spricht man vom Übeltäter, im Gegensatz zum Wohltäter.
"Ein Täter ist ein Täter" -> ist eine Tautologie = Aussage, die keinen Erkenntniszuwachs bringt und daher ersatzlos entfallen kann.
Ich stimme mit dir darüber überein, dass man Problembewusstsein über Missbrauch schaffen sollte, aber ich sehe diese Funktion eher in Hinweisen an die Schüler(innen), wie Jetsun Khandro es tut: Behaltet euer Gehirn eingeschaltet! Konsequenzen zu ziehen hinsichtlich "kann kein Lehrer mehr sein" ist ein ernsthafter Eingriff und bedarf aber der Berücksichtigung von deutlich mehr Umständen des Einzelfalls, über die wir nicht verfügen.
-
Wer (sexuellen) Missbrauch begeht, ist ein Täter.
Und dann stellt sich...
Gütiger Himmel, was für ein Zurechtinterpretieren von Begriffen.
Wer ein gutes Werk tut, ist auch ein Täter. Er hat es nämlich getan! Der Begriff Täter an sich ist neutral, und der Schluss, 'wer ein Täter ist, kann nicht Lehrer sein, logisch unzulässig. Es bräuchte weitere Aussagen, wie: ob das Getane moralisch als gut/schlecht oder juristisch als erlaubt/verboten eingestuft wird. Darüber zu befinden hat im ersten Fall die jeweilige Sangha und im zweiten die Rechtsprechung. Und erst dann kann man sich der Frage zuwenden: Kann/darf jemand noch Lehrer sein, der einmal/mehrmals moralisch schlecht bzw. verboten gehandelt hat. Im normalen Leben ist die Antwort oft positiv. Viele Knastis gehen nach absitzen ihrer Strafe in die Schulen und erzählen im Sozialkundeunterricht, wie man im Leben straucheln kann und worauf es wirklich ankommt.