Die Identifikation mit einem Label (ich bin der und der, ich gehöre zu dieser oder jener Gruppe, ich bin anders als die anderen) ist ebenfalls Ausdruck von Dukkha.
Die "Identifikation mit einem Label" ist keine Frage von Lifestyle sondern für die meisten queeren Menschen das Ergebnis eines oft schmerzhaften Prozesses der Selbstakzeptanz. Es ist sogar die Voraussetzung für eine Lebensgestaltung, von Liebe und Partnerschaften. Ich glaube, Du wirst in dem Heft einige Artikel finden, die sich damit beschäftigen.
Ich persönlich halte es für völlig unrealistisch zu glauben, wir Menschen seien frei von Identitäten oder könnten sich davon befreien. Das würde ja im Endeffekt auch bedeuten, große Teile unserer Kultur zu transzendieren. Wir uns vielleicht als "aufgeklärt", "demokratisch", "Buddhist:in", "hetero", "schwul", "Ehemann", "Vater" usw. Eine Identität z.B. als "Ehemann" bedeutet, sich zu einer Beziehung zu bekennen, Verantwortung zu übernehmen, das Leben auf eine langfristige Beziehung zu zweit auszurichten. Dafür steht "Ja, ich will" und "Von nun sind sie.."
Aber ist das eine Form von Leid? Leid beginnt doch, wenn sich Menschen verändern und auseinanderleben, wenn man Single und Ehemann zugleich sein will oder man eigentlich ein monastisches Leben anstrebt usw. Ja, Identitäten sind immer problematisch, deswegen sollte man nicht an ihnen haften. Ich sehe auch hier einen mittleren Weg, der sie nicht leugnet (oder glaubt sie überwinden zu können) aber auch nicht an ihnen haftet.
Das ist auch der Grund, warum das Bild des Regenbogens genutzt wird: Es steht von einem Kontinuum statt Polaritäten. Und das Wort "queer" steht in der Community auch dafür, sich nicht in Schubladen nicht stecken lassen zu wollen. Sie sind nützlich, aber sie passen in den meisten Fällen nicht.
Wir können aber nicht auf die Label verzichten. In dem Heft schreiben vier Menschen, die sich als nicht-binär definieren, u.a. ein Monastic. Was würde denn passieren, wenn wir auf die Label verzichten? Gerade dieser Aspekt wird unsichtbar. Zurück bleiben nur die Kategorien unser Kultur, die christlich geprägt ist: "Gott schuf den Menschen als Mann und Frau". Für alles andere hat unsere Kultur noch nicht mal Begriffe. Selbst das Wort Homosexualität wurde vor 200 im angelsächsischen Raum erfunden und übernommen, weil wir nichts hatten. Das ist auch die Antwort auf die Frage, was denn eigentlich Norm ist. Es sind ziemlich genau die Dinge, für die wir in unserer Kultur Begriffe haben. Das Heft geht ziemlich gut darauf ein, was in dieser Kultur bekannt ist, etwas bekannt und weitgehend unbekannt. Streichst man Worte, macht man Dinge unsichtbar. Ist das nicht auch eine Form von Verblendung?
ZitatAber vielleicht gibt es auch noch viele Formen der Diskriminierung, die ich nicht wahrnehme, so dass die öffentliche Demonstration einer von der Norm (welche eigentlich?) abweichenden sexuellen Orientierung oder Identität in Deutschland noch notwendig ist. Kannst Du dazu was sagen?
Vor ein paar Jahren hätte ich gesagt, dass es queeren Menschen gut geht, wenn sie in einer größeren Stadt leben, schwul oder lesbisch sind, weiß, und mindestens der Mittelschicht angehören. Heute sehe ich das anders. Alle paar Tage liest Du von massiver Gewalt. In den Großstädten werden queere Menschen jedes Wochenende zusammengeschlagen. Wenn Du z.B. als Transgender durch Frankfurt gehst, ist es wahrscheinlich, dass Du auf der Zeil zusammengeschlagen wird. Wenn Du Glück hast, wird Dir nur hinterhergeschrien: "Dich mach ich kalt". Das gesellschaftliche Klima ist rauer geworden. Ich kenne sehr viele Männer- und Frauenpaare, die sich nicht mehr trauen, Hand in Hand durch die Straße zu gehen.