Die Sache, mal der sauberen Trennung der Soto-Lehrer mit Namen Yokoi nachzugehen, hat sich gelohnt, denn Brian Victoria schickte Terebess einen Aufsatz seines "Meisters" - der also gar nicht sein Meister war - Yokoi Kakudo. Der lernte bei Kishizawa Ian, und der war der 3. Abt von Antaiji! Das ist eine gute Gelegenheit, nochmal die hartnäckigen Klischees aus dieser Linie zu wiederholen. Ich nummeriere sie durch, um mich darauf beziehen zu können, und vergleiche mit einem aktuellen Vertreter dieser Tradition.
1) Im Soto sei der Glaube wichtig, er schreitet von einem "Glauben an Zen basierend auf Geboten voran".
2) Dogen betone, dass wir unser gegenwärtiges Leben erheben, indem wir unser Alltagsleben "durch das Licht des Dharma" erleuchten UND
3) Dies sei der Grund, warum man Soto als die "Lehre der Einheit von Praxis und Erleuchtung" bezeichne.
4) zuishin, sich einem Meister anvertrauen, sei wesentlich (als Beispiel erwähnt er Yakusan/Yueh-shan, der einen Kuhstall geschenkt bekam und ein Dojo daraus machte).
5) Durch dieses zuishin würden Alltagsleben und Dharma spontan eins.
6) Dogen nenne dies "die innere Lehrer früherer Meister" (!!).
Soweit erstmal. Für diejenigen, die sich dieser Richtung zuwenden, ist es unabdingbar, zu erkennen, dass sie Religion praktizieren werden - denn ein Kennzeichen der Religion ist ihre Forderung nach dem Glauben (1).
Sie müssen damit rechnen, dass mit seltsamen Metaphern gearbeitet wird, wie dem "Licht des Dharma", die auch nicht unbedingt erläutert werden (2). In einem aktuellen Clip eines Lehrers hörte ich z.B. zum wiederholten Mal, die Praxis zeige sich z.B. dann, wenn drei Nachbarskinder nerven, darin, wie man reagiert. Analog zu der undurchsichtigen Formulierung von Dogen gibt der Lehrer jedoch keine Antwort, wie diese Reaktion sein könnte - sein Duktus läuft meist darauf raus, dieses Problem sei ja das des Übenden und der müsse die Antwort finden; nagelt man den Lehrer fest, sagt er in der Regel sinngemäß das, was erwartet wird - man würde dann von dem aufkommenden Ärger loslassen. Dabei bleibt es typischerweise in der Regel, andere Lösungen werden am Rande erwähnt. Eine Konstante ist jedoch die Verweigerung, konkret zu werden (der Duktus des "Licht des Dharma") und Dinge eher zu unterstellen.
Als "Praxis" gilt Zazen, die Einheit von Praxis und Erleuchtung (3) ist in erster Linie Zazen machen. Darum wird vom gleichen Lehrer auch betont, es seien nicht die Leute im Kloster, sondern die außerhalb, die sich wohl etwas vormachen könnten, wenn sie meinen, Zen zu praktizieren. Dieser aktuelle Lehrer sagt nichts anderes als dass es besser sei, in einem unüblichen Alltagskontext Zen im Alltag einzuüben. Das ist in etwa so, wie wenn man sagt, man müsse erst sich jahrelang aus dem üblichen Alltagskontext zurückziehen, um damit klarzukommen - anstatt sich in medias res gleich darin einzuüben. Man sollte erkennen, dass dies eine Prämisse ist, die sich nicht überzeugend belegen lässt. Es ist nur eine Behauptung. Sie führt dann bei Dauerkloster-Lehrern wie Harada Roshi dazu, dass sie meinen, wer zu wenig im Kloster war, neige eher zu Skandalen, was sich an Einzelfällen jedoch widerlegen lässt. Das Klosterleben wird überschätzt, aber die Insassen sind dafür blind.
Im obigen Beispiel ist natürlich die naheliegende Antwort die, den Lärm abzustellen, zumal in der Regel auch noch andere als man selbst betroffen sind (über sich hinausdenken, es geht eben um mehr als dich). Nicht so in dieser Linie. In dieser Linie würden keine Lärmgrenzen so bald wie möglich etabliert, sondern es würde dem Einzelnen anheimgestellt, mit dem Lärm klarzukommen. Eine Antwort wie: "Lasse vom aufkommenden Ärger los UND gehe klingeln und bitte um Unterlassung des Lärms" kann man nicht erwarten. Ich komme darauf zurück. Es ist wesentlich, um die Mängel dieser Praxis zu begreifen. Sie dreht sich zu sehr um sich selbst, ohne das zu erkennen. Zu allem Überfluss kann man die "drei plärrenden Kinder" üblicherweise in einem Kloster auch gar nicht einüben, sondern eben nur außerhalb. Das ist also ein bisschen wie mit der Desillusionierung von klassischen Kampfkünsten - die üben in ihrem Dojo, und wenn der Alltag zuschlägt, sind sie doch nicht recht darauf vorbereitet.
(4) Am Beispiel des Mönchs, der einen Kuhstall zum Dojo macht, lässt sich hervorragend illustrieren, dass hier der also der umgekehrte Weg gegangen wird - statt den Alltag zu leben (also hier Kühe zu hüten, zu melken etc.) wird ein künstlicher Alltag geschaffen (das Dojo). Besser hätte man es nicht aufzeigen können.
(5) Wenn durch zuishin, das Anvertrauen an einen Lehrer, Dharma und Alltag eins würden, um welchen Alltag handelt es sich dann? Natürlich um den Alltag des Lehrers, der sich bereits eingebürgert hat. Und was ist mit Dharma gemeint? Darunter verstehen ja schon die diversen Schulen nicht das Gleiche. Warum ist das so schwammig?
(6) Entweder ist den Dogen-Interpreten oder Dogen selbst entgangen, dass die "innere Lehre früherer Meister" gerade nicht zwingend erfordert, sich einem Meister zu unterstellen, da eine innere Lehre, zumal von Toten, sich anders vermitteln lässt (etwas durch deren Schriften - ironischerweise wird in dieser Linie selbst ja permanten und fast ausschließlich auf Dogen rekurriert, der seit 800 Jahren tot ist ...).
Natürlich hat man durch die Selbstversorgung einen gewisse Erdung aufrechterhalten. Aber was würde ein Bauer machen, der Zen "praktizieren" möchte. Wieso sollte der nun ein Feld in Antaiji bestellen statt eines in Buxtehude? Warum sollte eine Köchin nun in der Antaiji-Küche praktizieren statt im Kempinski? Es wird darauf herauslaufen, dass nicht genug Zazen gemacht würde außerhalb des Klosters. Und so schließt sich der Kreis.