Risiko säkularer Buddhismus

Moderator: void

http://www.alfred-weil.de/front_content.php?idart=229

Da steht mal wieder - trotz bemüht versönlichem Ton - einiges an kritikwürdigem drin. Da ich grad am Tablet sitze und man damit schlecht schreiben kann, kommentiere ich das, sobald ich wieder am PC sitze.

Lg

Milou
Ungefähr so reden Katholiken über Sex. Der Autor dieser Polemik, die ihre Gegner nicht benennen kann, weil es sie gar nicht gibt, identifiziert zu Beginn Laientum mit Säkularität. Das sind zwei paar Sandalen. Dann wirft er mit den theologisch-philosophischen Großbegriffen Spiritualität und Transzendenz um sich, ohne Rechenschaft darüber abzugeben, was genau er damit meint. Schliesslich vereinnahmt er die Erfahrung der Nondualität. Diese aber ist vollkommen voraussetzungslos, weder religiös, noch spirituell oder sonst irgendwas.
Zuviel gelesen und zu wenig verstanden :roll:

@Bettler, Dich erinnert der Text an Katholiken, mich eher an US evangelikale Fundis. Ein säkularer Buddhismus ist wirklich ein Risiko - allerdings nur für Leute wie Herrn Weil, weil er ihr langjährig aufgebautes Welt- und Nachweltbild bedroht.

Allerdings vermute ich, daß er, genau wie andere Fundamentalisten auch sowieso grundsätzlich niemals seine Meinungen ändern würde. Die beste Reaktion ist ein freundliches :)
So, nun mein Kommentar zum Text.

... Der Buddhismus (wenn wir von einem „Ismus" reden wollen) war schon immer „in der Welt zuhause" und kümmerte sich um die deren Belange. Es ist geradezu verblüffend, wie konkret die Hinweise des Buddha manchmal waren, die den menschlichen Alltag reibungsloser gestalten sollen. Sie reichten bis hin zu der Empfehlung, Verlorengegangenes zu suchen oder etwas, das entzwei gegangen ist, zu reparieren. Ganz abgesehen davon, dass er fachliche Fähigkeit, Aufmerksamkeit und Fleiß im Beruf für überaus förderlich hielt. Seinen Ordensmitgliedern gab er sogar detaillierte Anweisungen, wie Zähne zu putzen, Betten zu zimmern oder Latrinen zu bauen sind. ...


Einen säkularen bzw. weltlichen Buddhismus mit der Vorgabe von "Anweisungen zum Zähne putzen" gleichzusetzen geht schon stark am am Ziel vorbei und zieht die Motivation säkularer Buddhisten (absichtlich?) ins lächerliche.

... Wenn der Erwachte bei seinen Zuhörern ein weitergehendes Interesse oder ein Gespür für solche Dinge wahrnahm, die gerade nicht vor Augen liegen, eröffnete er neue Perspektiven. Er sprach über das Karmagesetz beziehungsweise über die Möglichkeiten über- und untermenschlicher Existenz. ...


Hmmm ... normale Menschen sehen nur das Offensichtliche und sind unfähig, eine neue Perspektive anzunehmen? Das klingt wie die Geschichten, dass Buddha gleichzeitig in verschiedenen Sprachen und verschiedene Niveaus gelehrt hat. Alle die nur die "normalen" Belehrungen gehört haben, waren eben für die wahren Weisheiten nicht reif. Schwupps - schon werden mit dem Beginn der Lehre Klassen von normalen und "fähigeren" Buddhisten angelegt. Mahlzeit.

... In den Blick kommen Dinge, die nicht zu unserer gewohnten Erfahrungswelt gehören und zu denen unsere persönliche Erfahrung (meist noch) keinen Zugang hat. ...


Ok, wer's nicht glaubt ist eben nur zu begrenzt oder noch nicht so weit wie die wahrhaft Wissenden.

... Das bedeutet aber nicht, dass all das jenseits von Erfahrung überhaupt liegt, wie zahllose vergleichbare Berichte aus allen Kulturen und allen Zeiten bezeugen. ...


Trick aus der Argumentation: "Alle anderen sagen das auch. ..." oder aber "Wie allgemein bekannt ist ..." - nur nicht dem Gegenüber :mrgreen:

... Dass hier der Allerweltsverstand in Schwierigkeiten kommt und sich unser Geist weit recken muss, um diese Realität zu erfassen, brauche ich nicht besonders zu betonen. ...


Gleichen Schema - wer's nicht einsieht ist nicht helle genug.

... Sie mögen bestimmte soziale Funktionen übernehmen oder einfältige Gemüter besänftigen, sind aber alles in allem unrealistisch. ...


Aha, nun wird der säkulare Buddhismus zum Feindbild aufgebaut: "Die halten uns wahrhaft Gläubige alle für Idioten - wollen wir das auf uns sitzen lassen? Nein!"

... Das Leben spielt sich in der erfahrbaren physischen Umwelt ab, und nur dort, behaupteten sie, und widersprachen damit bewusst der Sichtweise des Buddha. ...


... bzw. dem was uns durch Menschen vom Urbuddhismus überliefert wurde.

... Aber auf dem Bein des persönlichen Wissens allein kann niemand stehen, betonte er nicht minder, man braucht ein zweites Bein: die Fähigkeit des Vertrauens. Vertrauen ist eine Herzensangelegenheit. ...


Was unterscheidet Vertrauen von Glauben?

Es ist Offenheit und innere Affinität einer unbekannten Dimension der Wirklichkeit gegenüber, eine Neigung zum Höheren und Helleren.


Neigung zum Höheren und Helleren? Das hier und jetzt ist schlechte und ablehnenswert und das grüne Gras am anderen Ufer ist das Bessere? Ich dachte ich soll das hier und jetzt akzeptieren als das was es ist? Ich bin verwirrt.

Vertrauen ist die Ahnung, dass es noch mehr gibt als das, was man mit Händen greifen, messen und wiegen kann.


Nö. Das ist für mich Glaube.

Es ist damit auch die Bereitschaft verbunden, das als wahr anzunehmen, was sich in der eigenen Erfahrung (noch) nicht bestätigen lässt.


Da sind sie wieder, die verbohrten engstirnigen Säkularen. Aber auch die werden es (noch) verstehen. :mrgreen:

Vertrauen meint konkret die intuitive feste Überzeugung, dass der Buddha ein Erwachter ist, seine Lehre die Wahrheit wiedergibt und seine Gemeinschaft eine unabdingbare Hilfe auf dem Weg darstellt.


Uff - das ist nun wirklich hart. Wir stellen also nicht alles in Frage und prüfen ob es wahr ist, sondern glauben alles, weil es der Buddha gesagt hat. Das ist eine echte Verdrehung dessen, was im Pali-Kanon steht.

Schon im Alltag kommen wir übrigens ohne ein großes Maß an Vertrauen nicht aus. Wir wissen nämlich weit weniger, als wir gemeinhin annehmen, und machen uns in zahllosen Fällen nie die Mühe, den Realitätsgehalt einer Sache zu überprüfen. Was haben wir etwa in der Schule über ferne Länder und Kulturen gelernt, die wie bis heute nie persönlich kennengelernt haben. Und doch halten wir sie für real.


Was soll das denn nun? Ich kann jederzeit in diese Länder fahren und das nachprüfen. Ich kann nicht jederzeit wiedergeboren werden und im nächsten Leben prüfen, dass ich wiedergeboren wurde, da ja kein Bewusstsein oder dauerhaftes Ich wiedergeboren wird (angeblich).

Wir sind vermutlich felsenfest davon überzeugt, dass die Erde rund ist. Haben wir es je kontrolliert?


Wissenschaftliche Prinzipien können jederzeit nachgeprüft werden. Fotos von der runden Erde gibt es zu Hauf. Das Zauberwort heißt wie immer: Falsifizierbarkeit. Aber das Thema (Lieblingsargument der Anti-Säkularen), das Wissenschaft nur eine neue Form von Glaube ist, wurde hier ja schon diskutiert.

Das Beruhigende am Buddhadhamma ist, dass es bezüglich der entscheidenden Dinge auf Dauer keinen bloßen Glauben geben muss.


Wie das?

... Was würden wir da von einem Menschen in ganz jungen Jahren halten, der abstreitet, dass man erwachsen werden kann? ...


Aja, Säkulare sind noch nicht so weit oder ein wenig debil. Hatten wir schon weiter oben.

Wer ihn geht und lange genug geht, wird mit jeder Etappe mehr sehen, dass die Beschreibungen der großen spirituellen Lehrer, die ja nur vorangegangen sind, richtig sind.


Und nochmal.

... Die Schleier, die unsere Sicht auf das Nichtsichtbare verhindern, fallen erst dann. ...


Und nochmal.

... Sie sehen in dem Buddha nicht (mehr) einen aus dem Daseinstraum Erwachten; ein Wesen, das tatsächlich zur tiefsten, vollkommenen und unverfälschten Wahrheit durchgedrungen ist und sie darlegt. ...


Und ob. Das ist eine üble Unterstellung. Für säkulare ist Buddha nur irgendein Typ von vor 2500 Jahren der irgendwelceh Unsinn gefaselt hat. Frechheit.

... Zur Begründung der eigenen Auffassungen ziehen seine Vertreter nämlich regelmäßig die modernen Wissenschaften heran. Der Hirnforschung, der Psychologie, der Evolutionsforschung oder auch der Quantenphysik traut man offensichtlich mehr Einsicht zu als der buddhistischen Weisheit. Disziplinen, die indessen von Menschen getragen werden, deren Erkenntnisfähigkeit durch „Gier, Hass und Verblendung" ähnlichen Beschränkungen unterliegt wie die jedes Nicht-Erwachten. ...


Na klar, nun ist also das wissenschaftliche Wissen, welches durch bloße geistige Analyse vor tausenden von Jahren "entdeckt" wurde vollkommener, als die Lebenswerke zehntausender Wissenschaftler, von denen sich jeder Schritt (seit tausenden von Jahren) nachprüfen lässt. Schuster bleib bei deinen Leisten.

... Seltsamerweise sprechen die Vertreter des Säkularen Buddhismus aber gerne von dem heutigen Stand des „Wissens". Einmal ganz abgesehen davon, dass die Gelehrten der genannten Fachrichten bezüglich ihrer Forschungsergebnisse untereinander keineswegs einig sind: Wie sieht es denn mit der Überprüfbarkeit dieser „Fakten" aus? Die wenigsten Verfechter des Säkularen Buddhismus werden zu einer qualifizierten Untersuchung der Sachverhalte in der Lage sein, geschweige denn sie vornehmen. Was bleibt ihnen? Vertrauen! Aber statt ihr Vertrauen einem Erwachten zu schenken, setzen sie es in mehr oder weniger unvollkommene Menschen. ...


Jeder gute Wissenschaftler weiß, dass er Fehler machen kann und im Gegensatz zum Papst nicht unfehlbar ist. So entwickelt sich Wissenschaft. Neue Erkenntnisse erweitern oder korrigieren alte Erkenntnisse nur, aber selten werden sie vollständig widerlegt. Bis auf die ganz abgedrehten neuen, teilweise spekulativen Erkenntnisse der Quantenphysik, lassen sich auch für durchschnittlich begabte Zeitgenossen viele wissenchaftliche Ergebnisse und Errungenschaften nachprüfen (ich bin selbst Wissenschaftler, das ist meist nur eine Fleißfrage (und etwas Talent) und hat wenig mit überproportionalem IQ's zu tun).

Uff - so viel habe ich hier an einem Stück noch nie geschrieben. Hoffentlich ließt das auch wer :mrgreen:

Lg

Milou
ich hab´s gelesen.
danke fürs auseinanderpflücken.
ich war zu faul, mir den ganzen artikel reinzuquälen, nur um mich fundierter ärgern zu können.
@Milou,

ich habs auch durchgelesen :D und auch von mir danke für das Auseinanderbröseln.

Du zeigst genau die Tricks und Fehler der Argumentation auf. Ich interessiere mich positiv für einen sB und ich hätte wahrscheinlich eine ehrlichere Kritik an einigen Elementen des sB schreiben können. Mit Fundamentalisten kann man eben nicht mehr reden.
Nett finde ich ja immer, wie da psychologisiert wird. Die kennen meine Gedanken, wow! Das muss das Ergebnis der Übung sein. Siddhis! Ich bin ja so was von platt!

eine Neigung zum Höheren und Helleren.

Tja, mir fehlt diese Neigung zum Höheren tatsächlich. Auch ist mir ist die Welt hell genug und ich laufe lieber auf Gottes schönem Erdboden herum als dümmlich herumzuflattern beim Versuch zu fliegen.

Vertrauen ist die Ahnung, dass es noch mehr gibt als das, was man mit Händen greifen, messen und wiegen kann.

Ich ahne, dass da nix verstanden wird, aber das kann ich natürlich nicht messen. :mrgreen:
Ach herrje, ich lese gerade, dass Alfred Weil Vorsitzender der DBU ist. Wie geht das denn? Ein so vehementer Gegner einer anderen buddhistischen Sichtweise führt den Dachverband der deutschen Buddhisten? Erschreckend.

Lg

Milou
Milou hat geschrieben:
Ach herrje, ich lese gerade, dass Alfred Weil Vorsitzender der DBU ist.


Das war er zwischen 1993 und 2001. Von 2001 bis 2011 war Sabine Thielow Vorsitzende der DBU.

Das leitende Organ der DBU ist lt. Homepage der DBU der Buddhistische Rat, der alle drei Jahre neu gewählt wird.
Oh, da hab ich bei Wikipedia wohl nich richtig gelesen. Das steht er war Vorsitzender und ich dachte er ist Vorsitzender :roll:

Danke für den Hinweis.

Lg

Milou
Wenn die Erde flach ist, dann macht es durchaus Sinn, sich zu fragen, was hinter der begrenzten Erdscheibe ist. Während sich auf der Erdschreibe die Welt des Sinnlichen, Greifbaren und Materiellen entfaltet, befindet sich "jenseits davon" alles, was das Normale transzendiert. Alles Geistige: Unsere Sehnsüchte und Alpträume, Liebe und Glaube, Ekstase und Nicht-Dualität. Und diejenigen, die sich mit der blossen, sichtbaren, materiellen Erdscheibe begnügen, anstatt zum Transzendenten zum Streben, sind darob zu bemitleiden. Von daher ist das was Herr Weil sagt, im Kontext einer "flachen Erde" recht nachvollziehbar.

Aber die Erde ist ja nicht flach. Die Transzendenz früherer Zeiten ist entschwunden aber, und das ist genauso wichtig mit ihr auch die Immanenz. Die Welt vor unseren Augen ist nicht mehr "die aus toter Materie geformte Welt des Normalen und Verstehbaren" sondern ist im Gegenteil ein Ort der im Kleinen (Quarks) und grossen (Einstein) ziemlich bizarre Eigenschaften hat. So dass natürlich auch unsere geistigen Zustände, unser Leiden und unsere Ekstasen darin Platz finden. Und natürlich auch Non-Dualität, Dukkha und Buddhaschaft.

Auf der flachen Erde gibt es neben den Klerikalen die noch immer an einem Punkt Wachtdient versehen, den sie für die zu verteidigende Grenze zwischen Immanzenz und Trazendenz halten, natürlich auch das passende Gegentück. Den verstaubenden Säkularitätswächter, der gerne an eine kontrollierbare Legowelt aus toter Materie glauben möchte und beteurt keinerlei religiöse Gefühle oder sonstigen geistige Zustände zu haben. Der wie der kommunitische Materilist Peppone beteurt, dass dies alles nur elektrische Ladungen und chemische Vorgänge sein. Woraufhin Don Camillo als Verteidiger des Transzendenten zur Verteidigung von Moral und Himmelswesen angehebt die es ja nur in seinem Reich des Höheren und Geistigen gibt. Aber dieser ganze "Don Camillo und Peppone"-Nummer macht eben nur auf einer flachen Welt Sinn.

Bild

Und wenn man mit einem Don Camillo diskutiert muss man aufpassen sich nicht in die Peppone-Rolle drängen zu lassen und materialistische Positionen zu vertreten, wie sie überhaupt nicht mehr zeitgemäß sind.
Sehr gut Void
was für ein wunderbarer Vergleich. :D :D :D Die Parodie ist auch sehr treffend für unsere Diskussionen hier im Forum -


Für alle die die Filme nicht kennen habe ich den ersten Teil von 1952 gegoogelt:
http://gloria.tv/?media=114043

Ich liebe Don Camillo und Peppone :lol:

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