Meditation und (negative) Gedanken im Alltag

kilaya hat geschrieben:
Ein aktives Ersetzen unheilsamer Gedanken durch heilsame Gedanken im budhistischen Sinn ist damit verbunden, das Negative nicht zu verdrängen oder auszudrücken.

Während Affirmationen i.d.R. so genutzt werden, dass man sich auf etwas Gewünschtes (heilsam oder nicht) fokussiert und das Ungewünschte verdrängt. Affirmationen werden selten ausdrücklich in Bezug auf im buddhistischen Sinne heilsame Gedanken / Handlungen gemacht.

Es gibt also grundlegende Unterschiede.


verstehe zwar, was du theoretisch meinst, aber nicht, wie da der Unterschied nun praktisch ablaufen würde.
Wie verdrängt man denn nicht? Als Erklärung kann man ja nun nicht Tantra her nehmen, denn es geht ja um ein Zitat vom Buddha (Shakyamuni).
:?
Oder ist es so gemeint: Ziel im Buddhismus ist, den eigenen Geist zu verändern. Was ja dann durch das Ersetzen der Gedanken passiert. Ziel bei positiven Affirmationen ( z. B. "ich bin wohlhabend") ist, dass im Außen etwas anderes geschehen soll. Und da verdrängt man dann die Tatsachen, wie z. b. die Tatsache, dass man arm ist.
onyx10 hat geschrieben:
...
Hat jemand von euch Langzeiterfahrung mit Beobachten von Gedanken im Alltag?

Ja, hab' ich. Ich bin jetzt 65. Ich habe natürlich meine Gedanken nicht die ganze Zeit bewußt betrachtet und reflektiert, aber sie waren immer da. Ganz ehrlich - das meiste davon war Unfug :rofl:

onyx10 hat geschrieben:
Geht das auf lange Sicht, wenn man nur irrational negative Gedanken beobachtet? Soll man dann ständig gefühlt 50x am Tag beobachtend sich selber sagen "aha, jetzt habe ich das gedacht. Aha, jetzt stelle ich mir das vor"?
Ich sage bewusst negativ, da ich als angstgeplagter Mensch nur den negativen Gedankenmüll beobachten will. Ich verstehe langfristig nicht den Sinn dahinter, wirklich ALLE Gedanken zu beobachten. Wo kommt man da hin wenn man sogar positive oder konstruktive Gedanken einfach nur "registriert", weil ich finde, dass man sich doch mit den positiven Dingen im Leben durchaus identifizieren kann, während man das destruktiv negative, worauf man ja keinen Einfluss hat, bewusst nur beobachten sollte?

Ich hätte dazu zwei Anmerkungen

  • Weshalb sollte man nur 'negative' Gedanken betrachten wollen? Ich habe (jetzt) wenig selbstquälerische Momente. Warum sollte ich mich so auf die 'dunkle Seite' fokussieren?
  • Ich kenne Angststörungen. Langjährig, intensiv. Wirklich intensiv. Ich werde dazu keine Vorschläge oder Behandlungsideen verbreiten, weil es in den Bereich medizinischer, sozialer Kontakte gehört und nicht in ein Internetforum. Was ich hier mit gutem Gewissen nach fast 25 Jahre buddhistischer Erfahrung schreiben kann - die Lehre hilft mir.

onyx10 hat geschrieben:
Außerdem, welche Form der Meditation würdet ihr empfehlen, um sich eine neue Einstellung anzueignen? In meinem Fall Gelassenheit und Akzeptanz, insbesondere in Stresssituationen. Soll man da bei jeder Meditation z.B. 20 Minuten lang sich stressige Situationen vorstellen, in denen man gelassen reagiert oder soll man sich 20 Minuten lang einreden, dass man gelassen reagiert?

Das ist absolut nur meine Meinung, ohne jeden therapeutischen Anspruch - bleib' für längere Zeit bei den einfachsten Formen. Atem-Übungen oder besonders Metta Meditation. Und bei der Metta Meditation beim allerersten Teil!

Stell Dir auf keinen Fall stressende Situationen vor, solange Du in der realen Welt damit Schwierigkeiten hast. Warum solltest Du Probleme in der realen Welt auch noch in Deine Rückzugsphasen oder meditativen Momente hinein ziehen solange Du noch nicht die Kraft dafür spürst?
Turmalin hat geschrieben:
Wie verdrängt man denn nicht? Als Erklärung kann man ja nun nicht Tantra her nehmen, denn es geht ja um ein Zitat vom Buddha (Shakyamuni).

Was hat denn "nicht verdrängen" mit Tantra zu tun? Ist doch ganz simpel: da ist ein unheilsamer Gedanke oder ein unheilsames Gefühl. Verdrängen hiesse: "oh nein, das darf ich nicht haben" - es wird nicht angesehen sondern sofort unterdrückt. Nicht aufgelöst, sondern unterdrückt. Wird das immer mehr zur Gewohnheit, weiss der Geist schon, was unterdrückt werden soll und es passiert, bevor es überhaupt sichtbar wird. Es wirkt aber weiter "aus dem Verborgenen" und beeinflusst Denken, Handeln, Wahrnehmung der Welt. Die einfachste Form von "nicht Verdrängen" ist einfach alles anzuschauen und es sich wieder auflösen zu lassen. Wenn da Gewohnheit reinkommt, weiss der Geist, dass alles angeschaut werden soll und irgendwann kommen auch die tiefer und länger verdrängten Sachen an die Oberfläche.

Turmalin hat geschrieben:
Oder ist es so gemeint: Ziel im Buddhismus ist, den eigenen Geist zu verändern. Was ja dann durch das Ersetzen der Gedanken passiert. Ziel bei positiven Affirmationen ( z. B. "ich bin wohlhabend") ist, dass im Außen etwas anderes geschehen soll. Und da verdrängt man dann die Tatsachen, wie z. b. die Tatsache, dass man arm ist.

Ob es um innere oder äußere Wünsche geht ist irrelevant. Man kann auch per Affirmation wünschen, dass man eine Krankheit überwindet o.ä. Affirmationen sind einfach Wiederholungen von Wünschen.

Unheilsame durch heilsame Gedanken auszutauschen ist aber kein Wunschkonzert. Sagen wir, jemand empfindet immer Neid, wenn er glückliche Paare sieht. Der Neid schlägt fast schon in Hass um. Das sind unheilsame Gedanken. Sie zu verdrängen hiesse, "oh, ich darf nicht neidisch sein, das drücke ich schnell zurück wo es hergekommen ist". Dann bleibt der Impuls unaufgelöst. Wenn man nun die Gedanken durch heilsame Gedanken ersetzt, dann erfreut man sich an dem Glück dieses Paares und wünscht ihm eine erfolgreiche Beziehung. Erkennt, wie gut sie zusammenpassen usw. usf. Das kann den ersten Impuls auflösen. Macht man das immer wieder, wird es zur Gewohnheit. Das ist ein Stück weit durchaus Tantra in dem Beispiel, es gibt sicherlich "weniger tantrische" Methoden.

Entscheidend ist aber: es wird nichts "affirmiert" - nicht stumpf ein Merksatz wiederholt, und der Dokus ist nicht egozentriert, um es mal so auszudrücken. Denn das meiste, was unheilsam ist, ist egozentriert, und das meiste was heilsam ist, ist auf Befreiung und Erleuchtung für einen selbst und alle Wesen ausgerichtet.
kilaya hat geschrieben:


Unheilsame durch heilsame Gedanken auszutauschen ist aber kein Wunschkonzert. Sagen wir, jemand empfindet immer Neid, wenn er glückliche Paare sieht. Der Neid schlägt fast schon in Hass um. Das sind unheilsame Gedanken. Sie zu verdrängen hiesse, "oh, ich darf nicht neidisch sein, das drücke ich schnell zurück wo es hergekommen ist". Dann bleibt der Impuls unaufgelöst. Wenn man nun die Gedanken durch heilsame Gedanken ersetzt, dann erfreut man sich an dem Glück dieses Paares und wünscht ihm eine erfolgreiche Beziehung. Erkennt, wie gut sie zusammenpassen usw. usf. Das kann den ersten Impuls auflösen. Macht man das immer wieder, wird es zur Gewohnheit. Das ist ein Stück weit durchaus Tantra in dem Beispiel, es gibt sicherlich "weniger tantrische" Methoden.

Sehe ich auch so. Ich glaube, Metta für unheilsame Gedanken gehört auch in diese Kategorie. Angst z.B. wird eben nicht verdrängt, sondern gesehen und gewürdigt, und quasi in Metta eingebettet. Bildhaft gesprochen kann sie sich dann entspannen und auflösen (oder erstmal auch nicht).
Langfristig kann Angst der Liebe nicht widerstehen.

Liebe Grüße,
Aravind.
Angst und Liebe sind ein besonders interessantes Antagonistenpaar. Angst zieht zusammen, verkleinert, verdichtet. Liebe dehnt aus, vergrößert, lockert auf. Liebe ist also ein direktes Gegenmittel gegen Angst. Das findet sich immer wieder, ob im Trösten der Mutter wenn das Kind Angst hat, oder in der Empfehlung, Chenrezig Meditationen / Mitgefühlmeditationen in grosser Anzahl zu machen um die Behandlung einer Angststörung zu begleiten.
Aravind hat geschrieben:
kilaya hat geschrieben:


Unheilsame durch heilsame Gedanken auszutauschen ist aber kein Wunschkonzert. Sagen wir, jemand empfindet immer Neid, wenn er glückliche Paare sieht. Der Neid schlägt fast schon in Hass um. Das sind unheilsame Gedanken. Sie zu verdrängen hiesse, "oh, ich darf nicht neidisch sein, das drücke ich schnell zurück wo es hergekommen ist". Dann bleibt der Impuls unaufgelöst. Wenn man nun die Gedanken durch heilsame Gedanken ersetzt, dann erfreut man sich an dem Glück dieses Paares und wünscht ihm eine erfolgreiche Beziehung. Erkennt, wie gut sie zusammenpassen usw. usf. Das kann den ersten Impuls auflösen. Macht man das immer wieder, wird es zur Gewohnheit. Das ist ein Stück weit durchaus Tantra in dem Beispiel, es gibt sicherlich "weniger tantrische" Methoden.

Sehe ich auch so. Ich glaube, Metta für unheilsame Gedanken gehört auch in diese Kategorie. Angst z.B. wird eben nicht verdrängt, sondern gesehen und gewürdigt, und quasi in Metta eingebettet. Bildhaft gesprochen kann sie sich dann entspannen und auflösen (oder erstmal auch nicht).
Langfristig kann Angst der Liebe nicht widerstehen.

Liebe Grüße,
Aravind.


@kilaya & Aravind
Das habt ihr gut auf den Punkt gebracht in den letzten Beiträgen, finde ich.
Gerade auch den Unterschied des Ersetzens von unheilsamen durch heilsame Gedanken im Gegensatz zu dem üblichen Gebrauch bzw. Missbrauch von Affirmationen.
:like:
Man kann sich ja Mühe geben, Wunsch-Affirmationen möglichst selbstlos zu formulieren. Z. B. sich vorstellen, wie der Bio-Bauer gut verdient, weil man selbst mehr verdient und im Bio-Laden einkaufen kann. Wie das der Erde gut tut, dass der Bio-Bauer da ist und das Feld nicht vergiftet.
Allgemein wie das eigene Geld hilft an sinnvollen Stellen. Statt einfach zu sagen: "Ich bestelle beim Universum Erfolg und Geld."
Frieden-und-Freude hat geschrieben:

@kilaya & Aravind
Das habt ihr gut auf den Punkt gebracht in den letzten Beiträgen, finde ich.
Gerade auch den Unterschied des Ersetzens von unheilsamen durch heilsame Gedanken im Gegensatz zu dem üblichen Gebrauch bzw. Missbrauch von Affirmationen.


Oh, dankeschön. Der Zusammenhang war mir vor unserer Diskussion gar nicht wirklich bewusst, nur positive praktische Erfahrung.

Fruchtbare Umgebung hier!

Liebe Grüße,
Aravind.
Ich hatte auch ein Problem mit einer überschäumenden Gedankenwelt. Die Gedanken bestanden auch zum großen Teil aus Wut und Ärger. Meditation hat viel gebracht, aber auch die Beschäftigung mit den Lehren Buddhas und dem Buddhismus. Einmal las ich in einem buddhistischen Buch, dass "dies nur Projektionen des Egos seien". Und mir wurde klar, dass es genau das bei mir ist. Mein größten Problem mit Anhaftungen war damit erkannt und ließ sich relativ gut lösen. Bis dahin habe ich mich 4 Jahre lang mit Buddhismus beschäftigt: Bücher gelesen, Unmengen Artikel im Internet gelesen, Videos auf Youtube geschaut. Hat mir alles geholfen und auf den Weg gebracht, aber bis ich soweit war das Problem zu verstehen vergingen 4 Jahre. Gut Ding will Weile haben. Von dem her würde ich mich auch weiter mit der Lehre Buddhas beschäftigen neben der Meditation.

Ich denke es ist auch ein großer Fortschritt, wenn man eine neue Bewusstseins-Ebene aufstößt. Ich laß mal vor Jahren diesen Abschnitt: "Wir sehen die Welt nicht wie sie wirklich ist. Das ist die Ursache, die der Buddha gelehrt hat. Wir bilden uns ein, dass unser Körper uns gehört, dass unser Geist uns gehört, dass unser Leben uns gehört. Tatsächlich stimmt das aber nicht. Das alles sind nur natürliche Elemente, Phänomene, die entstehen, existieren und wieder vergehen.". War für mich der Clou! Ich habe den Satz immer wiederentdeckt und verstand ihn mit der Zeit emotional immer besser. Intellektuell verstand ich ihn ziemlich schnell. Dann kam noch diese schon erwähnte Entdeckung hinzu: "Projektionen des Egos". Durch die Projektionen des Egos glauben wir, dass unser Leben uns gehört. Unser Leben ist aber einfach ein natürliches Phänomen. Daraus ein "Mein" zu bilden wird den Geist belasten und irgendwann krank machen. Habe diese Gedanken ja lange genug beobachtet.

Kurz gesagt würde ich nicht nur alles auf Meditation und Beobachtung der Gedanken legen und solche Dinge. Ich würde auch weiterhin lesen und interessante Lehrvideos auf Youtube oder sonstwo ansehen (Dala Lama, mdesignffm, u.a.). Neue Erkenntnisse könne neue Horizonte eröffnen.

Kann ich noch empfehlen: "Wie unser Geist funktioniert" von Chögyam Trungpa.

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