Karlfried Graf Dürckheim

Moderator: void

Hallo liebes Forum,

ich weiß nicht wie bekannt Karlfried Graf Dürckheim in der hiesigen Community ist, aber er zählte anscheinend zu den ersten Personen, die Zen in Deutschland bekannt gemacht haben. Seinem Lebenslauf nach eine durchaus schillernde, aber nicht unumstrittene Persönlichkeit.

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlfried ... %BCrckheim

Ich bin durch einen Vortrag unter dem Titel "Einführung in den Zen Buddhismus" auf ihn gestoßen.

https://www.youtube.com/watch?v=rREHkb5Su8Y

Auffällig ist, dass im gesamten Vortrag nicht von den Vier Edlen Wahrheiten, von Dukkha oder Nirwana gesprochen wird, aber ständig von "Gott" und "dem Göttlichen". Er stellt gar die Behauptung auf, wer aus tiefstem Herzen Christ sei brauche kein Zen.

Ist diese Art der monotheistischen Vereinnahmung von Zen repräsentativ für westliche Lehrer? Und hat das dann überhaupt noch was mit Buddhismus zu tun?

Gruß

Arthur1788
Ich glaube für jeden, der einen spirituellen Weg konsequent und lange genug geht wird die begriffliche Einordnung dessen, was man da tut und was sich innerlich aufbaut irgendwann unwichtig.
Für einen christlichen Mystiker ist "Gott" wahrscheinlich das Selbe wie die "Leere" für einen Zen-Übenden. Ich interpretiere seine Aussage so, dass diese tiefste Verinnerlichung einem Christen deutlich macht, dass Gott eben kein "Etwas" ist und er somit zu den selben "Resultaten" kommt wie im Zen. Ich glaube nicht, dass das als Kritik gemeint ist, oder um Zen auf eine niederere Stufe zu stellen als die christliche Tradition.

Die "letzte Wahrheit", um die es auf einem spirituellen Weg geht hat weder mit Buddhismus, noch mit dem Christentum zu tun, aber beide Traditionen bieten Anhaltspunkte dafür, wie man ihr näher kommen kann. Meine Meinung ist, dass es da eher auf die Vorlieben und die Vorgeschichte eines Suchenden ankommt, welche Einfärbung für sie/ihn am besten geeignet ist.
Von Dürckheim habe ich damals gelesen dass er ein Gebäude am Land zur Verfügung gestellt hat, das er mit einem Ashram verglichen hat: "Es kommen Menschen die auf der Suche nach ihrem wahren Selbst sind". Dabei war er offen für alles, was ihm dazu irgendwie relevant schien, das passte auch zum damals aufgeflammten Interesse an asiatischer Spiritualität, eine Strömung besonders unter den Jugendlichen.
Arthur1788 hat geschrieben:
Auffällig ist, dass im gesamten Vortrag nicht von den Vier Edlen Wahrheiten, von Dukkha oder Nirwana gesprochen wird, aber ständig von "Gott" und "dem Göttlichen". Er stellt gar die Behauptung auf, wer aus tiefstem Herzen Christ sei brauche kein Zen.


Holzklotz hat geschrieben:

Die "letzte Wahrheit", um die es auf einem spirituellen Weg geht hat weder mit Buddhismus, noch mit dem Christentum zu tun, aber beide Traditionen bieten Anhaltspunkte dafür, wie man ihr näher kommen kann. Meine Meinung ist, dass es da eher auf die Vorlieben und die Vorgeschichte eines Suchenden ankommt, welche Einfärbung für sie/ihn am besten geeignet ist.


Karlfried Graf Dürckheim spricht in seinen Büchern vom "Numinosen"... das sich die Realität in der Qualität des Numinosen äußert und die Grundlage "Aller Religionen" ist, nicht nur im Zen oder auch im Christentum.

Rudolf Otto (1869–1937) entlehnte den Begriff Numen bzw. das Numinose aus dem Lateinischen, um das Göttliche, das Wunder des Seins zu beschreiben, losgelöst von allen Assoziationen, die von Wörtern der „natürlichen“ Sprache ausgehen. Für ihn ist das Numen außerhalb der menschlichen Realität und steht für die Sphäre des Heiligen. Es kann deshalb weder bewiesen noch widerlegt werden.


https://de.wikipedia.org/wiki/Numen
Das Rütte-Forum hat sich letztes Jahr in einer Tagung mit der Nazi-Vergangenheit des "Meisters" befasst.

http://www.ruette-forum.de/Licht-und-Sc ... r-Meister/

Über seine, als penetrant bezeichnete, Weise für die Nazis in Japan Propaganda zu machen, gibt es einiges aus Japan zu lesen in dem Sammelband:
"Alltag von Deutschen in Japan 1923-1947" München 2000.

http://www.iudicium.de/katalog/639-8.htm

Dazu auch die einleitenden Worte zur Tagung letzten Oktober in Rütte von Pieter Loomans:

http://www.ruette-forum.de/Archiv-Tagun ... nde-Worte/
Tychiades hat geschrieben:
Das Rütte-Forum hat sich letztes Jahr in einer Tagung mit der Nazi-Vergangenheit des "Meisters" befasst.



Wenn Jemand "den Grafen" persönlich hören möchte, warum er sich damals an die Front gemeldet hat (ab min 7.00) und viele weitere Beweggründe erkunden möchte, kann es in dem Video-Interview tun:

https://www.youtube.com/watch?v=AtqQSSHmMy0

Für mein Empfinden erzählt der "Karlfried" (er betonte ja immer: der Karlfried musst durch den Dürckheim durch :mrgreen: /Zennies werden die Anmerkung vielleicht verstehen :) ) rückhaltlos, ohne Rücksicht auf Verluste, über seine Vergangenheit.

Ich bin sehr dankbar über das Vermächtnis seiner persönlichen Erfahrungen/Erkenntnisse die er uns Zennies hinterlassen hat. :star:

Liebe Grüße von der Schneelöwin
Schneelöwin hat geschrieben:
Für mein Empfinden erzählt der "Karlfried" (er betonte ja immer: der Karlfried musst durch den Dürckheim durch


Darin zeigt sich sein gespaltenes Verhältnis zu sich und seiner Vergangenheit.

Ich bin sehr dankbar über das Vermächtnis seiner persönlichen Erfahrungen/Erkenntnisse die er uns Zennies hinterlassen hat.


Für Zen ist er bedeutungslos.

Seine Nachfolger in der Initiatischen Therapie sehen das so:
Es scheint unumgänglich, dass die „NachfolgerInnen“ und SchülerInnen von Graf Dürckheim sowie die vielen Menschen, die sich durch sein spirituelles Wirken erreicht und inspiriert gefühlt haben, sich auch mit den Schattenseiten des Lehrmeisters befassen.

Seine Propagandatätigkeit vor und während des zweiten Weltkrieges ist erdrückend.

Auch Rudolf Hippius, der erste Mann von Karlfried Dürckheims späteren Frau, hat sich, wie Herr Bieber in seinen Nachforschungen nachweist, mit völkischem Gedankengut in seinen wissenschaftlichen Arbeiten befasst.

Auch 70 Jahre später ist es wichtig, sich nicht an einer Kultur des Wegschauens und des Beschönigens zu beteiligen, sondern zur Aufklärung beizutragen. Eine Haltung, die eben auch heute im Umgang mit Populisten und „Vereinfachern“ Not tut.

Leider hat Graf Dürckheim sich im Nachhinein, trotz seiner so inspirierenden therapeutischen Tätigkeit, nicht in der erforderlichen Klarheit von seinem früheren Verhalten distanziert.
Um auf den oben eher beiläufig erwähnten Bieber etwas deutlicher hinzuweisen: einen lesenswerten biographischen Abriss Dürckheims bis zum Jahr 1938 findet man in:

Hans Joachim Bieber
SS und Samurai
Deutsch-japanische Kulturbeziehungen 1933 - 1945
Hrsgb. Deutsches Institut für Japanstudien der Max Weber Stiftung,
Monographien Band 55
IUDICIUM Verlag GmbH München 2014
ISBN 978-3-86205-043-7

- speziell in Kap. VIII, Abschnitt 3.5. Exkurs: Der Weg Dürckheims nach Japan (S. 597 - 610). Der freiwilligen Kriegsmeldung wird dort allerdings nicht mehr als ein Halbsatz gewidmet; sie war in der Tat nichts Besonderes (vielmehr der Normalfall) und daher weniger von Interesse als die nachfolgende akademische Karriere des SA-Mitglieds mit nichtarischer Großmutter. Da wäre es durchaus interessanter gewesen, Herrn Dürckheim nach seinen Motiven zu befragen.

Die nationalsozialistische Propagandatätigkeit Dürckheims in Japan behandelt insbesondere Abschnitt 5.1. des Kapitels X (S. 738 - 744). Einige Hinweise zur Nachkriegszeit (und auch zu Maria Hippius, allerdings insbesondere zu deren erstem Ehemann) finden sich im Epilog, Abschnitt 6. Exkurs: Gundert und Dürckheim / 6.2. Dürckheim (S. 1150 - 1164).

Bedenklich ist weniger die verhältnismäßig zeit- und sozialtypische Verstrickung Dürckheims in den Faschismus; vielmehr deren Ausblendung in der Legende nach 1945, an der auch Dürckheim selbst fleißig mitgestrickt hat. Anders als Gundert schien Dürckheim nach 1945 merkwürdig lernresistent. Statt einer eigenen Beurteilung hier ein längeres Zitat von Bieber (ohne die - reichlichen - Fußnoten), das meine Empfindungen nach der Lektüre recht gut zusammenfasst:
Mit der Aufhellung dieser biographischen Hintergründe soll keineswegs insinuiert werden, Rütte sei ein Ort gewesen, an dem nationalsozialistisches Gedankengut in neuer Verpackung oder Mixtur verbreitet worden sei. Dürckheim war es gewiss ernst mit Zen-Buddhismus und Spiritualität, und er hätte schwerlich eine große Zahl von Schülern, denen es ebenfalls ernst hiermit war, um sich gesammelt, wenn er nicht ein überzeugender Lehrer gewesen wäre. Entsprechendes dürfte für Maria Hippius gelten. Nur konnten Lehren und Exerzitien der Ich-Losigkeit und der Überwindung der Grenzen des individuellen Bewusstseins nach den Erfahrungen zwischen 1933 und 1945 nicht mehr als politisch unschuldig gelten, selbst der Zen-Buddhismus nicht. Japanische Zen-Buddhisten haben sich für die Rechtfertigung der Invasion Japans in China und den pazifischen Krieg durch buddhistische Organisationen Japans vor 1945 später entschuldigt, allerdings erst vierzig Jahre nach Kriegsende. Von Dürckheim ist ähnliches in Bezug auf seine Wirksamkeit vor 1945 nicht bekannt geworden. Es mag durchaus sein, dass er während seiner Zeit in Japan neben seiner Propagandatätigkeit intensive Erfahrungen mit Zen-Meditation gemacht hat und dass sie die politischen Überzeugungen, mit denen er nach Japan gekommen war, allmählich überlagerten, zumal nach dem katastrophalen Ende erst des Nationalsozialismus, dann des japanischen Imperialismus. Umso glaubwürdiger hätte er über die Gefahren politischen Missbrauchs der Ich-Losigkeit , die ideologischen und politischen Fallstricke der Ganzheitspsychologie und über "Wandlung" sprechen können, umso mehr, als die 50er und 60er Jahre nicht zuletzt daran litten, dass die meisten Mittäter und Mitläufer der Jahre 1933-45 schwiegen und weder sich noch der Öffentlichkeit Rechenschaft ablegten. Auch dies hätte eine "zweite Geburt" bedeuten können und einen Schritt zur Reife und zur "Haltung", die er predigte.

Doch dies geschah nicht. Vielmehr spaltete Dürckheim, während er in hohem Ton von Wahrheit und Ganzheit auch im Sinne persönlicher Integrität sprach, einen Teil der eigenen Biographie ab, verdrängte ihn und brachte in eigener Sache den Mut zur ganzen Wahrheit nicht auf. Kritische Nachfragen scheinen ausgeblieben zu sein, auch Recherchen zu seiner Vergangenheit, obwohl sie leicht möglich gewesen wären und rasch hätten fündig werden können. Auch dass Dürckheim noch immer Sympathien für Julius Evola zeigte, der mittlerweile bei italienischen Neofaschisten und deutschen Rechtsradikalen hoch im Kurs stand, und ihn sogar in Rom besuchte, erweckte anscheinend keinen Anstoß, obwohl es kein Geheimnis war. Ob es unter seinen Anhängern eine Tendenz gab, sich als Elite und geistige Aristokratie, gar als Orden zu verstehen und die Demokratie als politisches System abzulehnen, wie es unter Evolas Anhängern der Fall war, muss offen bleiben. Deutlich ist nur, dass sie eher eine Glaubens- als eine Diskursgemeinschaft bildeten. Bezeichnend hierfür ist, dass einer von Dürckheims ältesten und namhaftesten Schülern, als Dürckheims erster Biograph Spuren von dessen politischer und publizistischer Tätigkeit im Dritten Reich entdeckte, apodiktisch befand, beim Verhältnis Dürckheims zum Nationalsozialismus könne es sich nur "um ein Nicht-Verhältnis" handeln. Nur der nüchterne Seckel, der Dürckheim in Japan erlebt hatte und in den 60er Jahren zu einer international geachteten Autorität auf dem Gebiet der ostasiatischen Kunstgeschichte aufstieg, scheint ein Gespür dafür gehabt zu haben, wes Geistes Kind Dürckheim nach wie vor war, vielleicht weil er wusste, welch braunen Hintergrund dessen Spiritualität hatte. Er mied jeden Kontakt mit ihm und erinnerte noch Jahre nach Dürckheims Tod in einem Interview an dessen nationalsozialistische Propagandatätigkeit während des Krieges. Bis an sein Lebensende konnte er in Rage geraten, wenn er auf den Grafen angesprochen wurde.
(a.a.O. S. 1163 f.)


()
weitere Pioniere des Zen-Buddhismus in Deutschland waren u.a. auch Fritz Hungerleider
https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Hungerleider
und Tetsuo Nagaya Roshi
http://zendowien.org/nagaya-kiichi-roshi/
die noch vor Taisen Deshimaru Roshi in Europa tätig waren.
Ausführliches zu Dürckheims Begeisterung für die Nazis findet sich auch hier:

https://www.degruyter.com/view/j/zfr.20 ... 6-0027.xml

Zusammenfassung

Der Aufsatz behandelt mit Karlfried Graf Dürckheim einen während des zweiten Weltkriegs in Japan höchst aktiven Propagandisten des Nationalsozialismus. Dürckheim verband sein Engagement für das Regime mit einer Mystik des Verschmelzens mit dem deutschen Volk und dem darin sich manifestierenden, von Dürckheim so genannten „göttlichen Weltgrund“. Während seiner Aufenthalte in Japan interessierte er sich immer mehr für den Zen, dessen militante, den japanischen Imperialismus unterstützende Ausprägung seiner NS-Mystik sehr entgegenkam. Im Fokus von Dürckheims Interesse stand seinem völkischen Denken entsprechend aber nicht diese Form des Buddhismus per se, sondern ihre positiven Auswirkungen auf das japanische Volk und den Erfolg des damaligen Regimes. Diesen Erfolg und die Machtentfaltung Japans deutet Dürckheim als Manifestation des Einklangs zwischen dem real existierenden Japan und seiner ewigen völkischen Essenz, die wiederum am Göttlichen teilhat – ein Einklang, zu dem Zen seinen Teil beiträgt
.

Wer eine Kopie des Aufsatzes als .pdf haben möchte, kann sich gerne bei mir per PM melden.

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