Der Begriff Achtsamkeit war einer der mysteriösesten für mich, seit ich mich mit dem Buddhismus genauer beschäftige (also ca. seit 2022). Auch auf Englisch (mindfulness) oder in alternativen Übersetzungen (Gewahrsein) ist es ein Gummibegriff; er kann alles oder nichts bedeuten. Und wie immer, wenn man etwas nicht so ganz versteht, ist es ganz gut, zurück zur Quelle zu gehen. Im Pali sati, im Sanskrit smṛti, findet sich der Begriff natürlich schon in den frühesten Quellen. Und da ist die Rede von sammā sati (samyak-smṛti), der Rechten Achtsamkeit.
Sati/smṛti hat dabei auch die Bedeutung des Erinnerns oder In-Erinnerung-Rufens und ist zum einen nur ein Faktor im Achtfachen Pfad (also keineswegs alleine eine vollständige Praxis) und zum anderen geht daraus hervor, dass es ein rechtes In-Erinnerung-Rufen sein muss. Daraus kann man fast schließen, dass man Achtsamkeit (In-Erinnerung-Rufen) auch fehlerhaft üben kann – in der Bestsellerliste vielleicht sehr plastisch durch Buchtitel wie Achtsam Morden illustriert.
Die Frage, die sich nun stellt, ist: Wenn man den Aspekt des Sich-Erinnerns nicht ignoriert und bei der Übersetzung wegfallen lässt, wie ist dann smṛti zu verstehen? Ich denke, es ist das Sich-Erinnern an die Praxis, an die pāramitās und dann eben auch konkret an die dhyāna-pāramitā – die Vollkommenheit der Meditation (Sammlung/Konzentration, also śamatha-Praxis) – und die prajñā-pāramitā – die Vollkommenheit der Weisheit (buddhistische Einsicht, vipaśyanā-Praxis). Aber auch an śīla, dāna etc.
Wer also mindful Türklinken runterdrückt, übt sich – aber worin? Vielleicht in etwas Konzentration und auch Geduld, alles heilsame Dinge. Nur ist die Praxis dann ggf. sehr eng gefasst, und der Übende sollte sich überlegen, ob die Übungspraxis nicht etwas zu eng ist.
Ich glaube, allzu oft ist die Achtsamkeit, wie sie uns vermittelt wird, unvollständig. Vermittelt wird sie als Gegenmittel gegen die Ablenkung, was sie auch ist. Was fehlt, ist ihre Eigenschaft als Werkzeug zur Hinlenkung und zur Richtigen Sicht (sammā diṭṭhi/samyak-dṛṣṭi).
Die hier zusammengeschriebenen Gedanken haben ihren Ursprung in meiner Lektüre im Bhāvanākrama, also nordindischer Mahayana-Literatur, aber ich glaube fast dass ähnliche Gedanken sich bei TNH finden (Interbeing), und im Prinzip auch im Pali-Buddhismus, wie oben angeführt im achtfachen Pfad schon enthalten ist.
Was ist euer Verhältnis zum Begriff der Achtsamkeit?