"Homo Deus" und "Dataismus"

Moderator: void

Karnataka hat geschrieben:
Tychiades hat geschrieben:


Der TED Vortrag geht von einem Datum von 70 000 Jahren aus - das ist etwas kurz, denn die ältesten gefundenen Jagdwaffen, die Schöninger Speere, sind ca. 300 000
Jahre alt. Und Jagd ist ein organisiertes, kooperatives Unternehmen.


70 000 Jahre meint die Ausbreitung des Homo Sapiens.


Vor 70 000 Jahren ereignete sich die sogenannte Toba-Katastrophe, deren Folge eine rapide Absenkung der globalen Temperatur war und die einen großen Teil der Menschen vernichtete. Allerdings sind Wissenschaftler hier unterschiedlicher Ansicht, da man in Indien Funde entdeckt hatte, die das Ausmaß wieder relativierten.
Was aber geschah mit den zahlreichen anderen Menschenarten, die überall schon lebten? Etwa mit den Neandertalern, die sich vor etwa 30 000 Jahren verabschiedeten?

Hier empfehle ich Christopher Stringer, der in dieser Frage Experte ist.

Hauptsächlich dürfte der Homo Sapiens seine Konkurrenten jedoch verdrängt oder gar aktiv vernichtet haben. Harari thematisiert dies in „Kurze Geschichte der Menschheit“.

Harari war Militärhistoriker und man könnte seine Geschichte auch als Folge dieser Beschäftigung mit Krieg und Waffen ansehen. Die meiste Zeit der Menschheitsentwicklung war eine Töten, schließlich haben die ja die Speere vor 300 000 Jahren nicht als Sport geübt - und schon damals musste man das lange trainieren, damit der Speerwurf auch tötet.
void hat geschrieben:

Es ist so, dass es ja eine lange vorhistorische Zeit gab, in der die Formen der Kooperation etablierten und eben auch ihren Niederschlag in der menschlichen Erbanlage fanden. Was sich dann natürlich auch in den entsprechenden Formen des sozialen Empfindes niederschlug. In Gefühlen für Fairness und für Bertrug, in Gefühlen für Ehre und Verrat, für das Erhabene und das Verächtliche. All das was man in den alten Mythen und Archetypen weiderfindet. Während moderne Formen der Kooperation zwar an diese alten Bindestoffe des Sozialen anküpfen können, aber selber keinen entsprechende Verankerung in der menschlichen Hardware gefunden haben sondern auf so eine bewussten, denkerischen Ebene verbleiben.

Ich glaube deswegen lieben die Leute auch so archaische Geschichten wie den Herr der Ringe oder Game of Thrones, weil das dann eher zu unserer Hardware-Gefühlslage passt als so die modernen Geschichten von Effizienz und Steuererklärung und Menschenrechten.


Besonders Wahlwerbung scheint mir einen Beleg dafür abzugeben. Man sollte meinen, es ginge darum, Probleme auf den Tisch zu legen und Lösungsvorschläge zu diskutieren. Tatsächlich spielt dies keine so bedeutende Rolle. Zwar beteuern alle Kandidaten im Rahmen von Konfrontationen, es müsse doch mehr über Inhalte gesprochen werden, doch kommt es eher selten dazu. Meist herrscht die Metaebene der Selbstdarstellung und ein sehr streitnahes Klima emotionaler Kommunikation.

Ich glaube, es ist einfach erwiesen, dass Inhalte dem Wahlerfolg nur schaden können. Der Grund dürfte auch in unserem emotionalen Bedürfnis nach Vertrauen und Identifikation liegen. Ich vertraue darauf, dass der Anführer der Horde, wenn erforderlich, die richtige Entscheidung treffen und durch seine Persönlichkeit den Zusammenhalt stärken wird. Moderne Probleme betreffen jedoch komplexe Risiken und Fragen hinsichtlich Steuergeld, Ökonomie, Recht, die oft nur von Experten beantwortet werden können.

Etwa plakatiert eine politische Partei ausschließlich den Begriff "Fairness", der in unserer emotionalen Hardware, wie du sagst, verankert ist und Zustimmung schaffen will für eine eigentlich sozial harte Haltung. Zugleich scheint mir diese "Menschlichkeit" mitverantwortlich, dass die politische Kooperation mangelhaft und Politik so sehr von persönlichen Ressentiments getragen ist. Schließlich sorgt das resultierende Schauspiel, das grob gesagt für Unehrlichkeit steht, dafür, dass die Menschen von der Politik verdrossen sind und der Wahl fernbleiben, könnte ich mir vorstellen.

Ich hab den Homo Deus noch nicht fertig gelesen. Ich könnte mir vorstellen, dass Harari die Frage thematisiert, wieweit politische Entscheidungen in Zukunft überhaupt noch von Menschen getroffen werden sollen. Könnte es in ferner Zukunft dazu kommen, dass sämtliche ökonomische, ökologische, demografische Daten von einem gigantischen Motherboard analysiert und wesentliche Fragen durch einen Algorithmus entschieden werden? Dass ein Computer am politischen Steuer sitzt?
Karnataka hat geschrieben:
Ich könnte mir vorstellen, dass Harari die Frage thematisiert, wieweit politische Entscheidungen in Zukunft überhaupt noch von Menschen getroffen werden sollen.


Hier eine starke Kritik an Harari von der Humanistischen Union und Schmidt-Salomon.
https://hpd.de/artikel/grosse-harari-verwirrung-14664

Ich stelle mir die Frage, ob in Zukunft Bücher noch von Menschen gelesen werden, da sie ja auch von Computern geschrieben sein werden.

Entmündigkung geschieht immer am einfachsten, wenn man seine Mündigkeit an andere abgibt. Das Projekt der Aufklärung kennt Harari ja auch kaum. Und an dieser, seiner Verwirrung haben die medialen Strukturen einen erheblichen Anteil. Sie zeigen uns, wie wir die Welt sehen sollen - damit wir keine politischen Entscheidungen mehr treffen. Die einfachste Art ist ein klares NEIN. Das ist aber unbequem. Solange wir ausreichend gefüttert werden, werden wir die Hand, die uns füttert nicht beißen.

Um etwas zu verändern, muss ich nicht wissen, wie es geworden ist.
Tychiades hat geschrieben:
Das Projekt der Aufklärung kennt Harari ja auch kaum.


Ich hatte es so verstanden, dass Harari wohl jemand ist, der als überzeugter Veganer vom "Leid der Tiere" aus denkt. Und von daher auf die Aufklärung als etwas sieht, wo mit Konzepten wie "Menschenrechten" und "Menschenwürde" zwar die Gleichheit und Freheit der Menschen betont wird. Aber eben um den Preis, dass dadurch gleichzeitig die Spaltung zwischen Mensch und Tier vertieft wurde. Der Mensch wurde zum autonomen Subjekt erlärt und das Tier zum ausbeutbaren Ding degradiert.

Wenn Harari von "Humanismus" spricht, dann meint er wohl in Wirklichkeit eher diesen "Anthropzentrismus" der Moderne. Wenn jemand sagen würde, dass die Nazis anthopozentrisch waren, hätte wohl niemand wiedersprochen, weil man ja auch auf kollektive oder völkische Weise anthopozentrisch sein kann.

So eine Begriffsverwirrung ist nicht sehr konstruktiv, da ja eben gerade viele Gruppen die sich für Tierrechte und Naturschutz engagieren ja eben ein Produkt der Aufklärung sind. Mündigkeit muss ja überhaupt nicht bedeuten, sich allen Tieren überlegen zu fühlen, sondern kann ja eben auch bedeuten, Veantwortung für Tiere, Pflanzen und Naturräume zu übernehmen.

Mir kommt es so vor, als sei Harari eine Art von Historiker der kein Geisteswissenschaftler ist bzw. die "Dialektik der Aufklärung" nicht kennt, wo ja so der Müdigekeitsaspekt und der Herrschaftaspekt der Aufklärung auseinandergedröselt werden.
void hat geschrieben:
Tychiades hat geschrieben:
Das Projekt der Aufklärung kennt Harari ja auch kaum.


Ich hatte es so verstanden, dass Harari wohl jemand ist, der als überzeugter Veganer vom "Leid der Tiere" aus denkt. Und von daher auf die Aufklärung als etwas sieht, wo mit Konzepten wie "Menschenrechten" und "Menschenwürde" zwar die Gleichheit und Freheit der Menschen betont wird. Aber eben um den Preis, dass dadurch gleichzeitig die Spaltung zwischen Mensch und Tier vertieft wurde. Der Mensch wurde zum autonomen Subjekt erlärt und das Tier zum ausbeutbaren Ding degradiert.
Das seh ich auch so. Doch dieser wichtige Ausgangspunkt wird wunderbar verborgen mit diesen überdrehten Diskussionen um den Gebrauch irgendwelcher Begriffe die nichts mit dieser Wahrheit zu tun haben, sondern diesen Punkt, "Der Mensch sich zum autonomen Subjekt erklärt." über deutlich macht.
Wenn man sich anschaut, wer als "Träger" der "Aufklärung" gilt, wenn man rekapituliert, welche Auswirkungen die "Aufklärung" hatte, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Figuren diese "Aufklärung" an die Macht "gespült" hat, dann sollte man, mit Fug und Recht, dieser Futtertrog "Aufklärung" mit jeder Faser des Körpers ablehnen.
Tychiades hat geschrieben:

Hier eine starke Kritik an Harari von der Humanistischen Union und Schmidt-Salomon.
https://hpd.de/artikel/grosse-harari-verwirrung-14664



Wenn Harari den Nationalsozialismus als einen Evolutionären Humanismus bezeichnet, dann lassen sich die Begriffe Humanismus und Evolution unterscheiden.

Zum Humanismus: Harari will die Ideologien der Menschheit, die in der Neuzeit entstanden, durch einen gemeinsamen Begriff kennzeichnen. Diese Gemeinsamkeit betrifft die Unterscheidung zum vormalig religiösen Denken. Dafür wählt der den Begriff Humanismus. Der Autor der Kritik an Harari, Michael Schmidt Salomon, vertritt allerdings den Evolutionären Humanismus.

Tatsächlich findet sich bei Harari ein verstörender Umgang mit den Allgemeinen Menschenrechten, möchte ich behaupten. Im TED Vortrag sagt er ja, wenn ich mich recht erinnere, sinngemäß: Wenn man einen Menschen zerteilt, findet man dort keine Menschenrechte. Dies ist eine sehr materialistische Sichtweise, die die Allgemeinen Menschenrechte als ein bloß beliebiges Konstrukt wahrnimmt.

Im Unterschied zu Harari meine ich jedoch, dass unser so genanntes vernünftiges Denken nicht zufällig zu so einer Idee gelangt. Die Forderung der Menschenrechte beruht auf einem Sinn, wie ihn schon die Goldene Regel ausdrückt, die in praktisch allen Kulturen zu finden ist. Sie beruht auf dem Willen, dem menschlichen Zusammenleben eine sinnvolle Zukunft zu geben, einem Guten zuzustreben, das für sich ein Zweck ist, nämlich einem gemeinsamen, künftigen Glück.

In diesem Sinn wäre es natürlich Quatsch, den Humanismus als verantwortlich für die industrielle Fleischgewinnung zu betrachten – falls Harari so etwas denkt. Verständnis für die Rechte von Tieren und Empfindsamkeit für ihr Leid stellen viel mehr dessen natürliche Erweiterung dar! Und natürlich ist der Nationalsozialismus kein Humanismus!

Der andere Teil der Kennzeichnung des Nationalsozialismus, nämlich als eine mit der Evolutionstheorie verbundene Ideologie, scheint mir dagegen eindeutig korrekt. Schmid Salomon leugnet darin, dass der Nationalsozialismus seine Basis im mit der Evolutionstheorie untrennbar verbundenen Sozialdarwinismus hat, scheint mir!

Ideologisch fußt der Nationalsozialismus jedoch auf dem Sozialdarwinismus, welcher im Geschehen der Evolution lediglich Grausamkeit und das Durchsetzen des Stärkeren erkennt. Grundprinzip ist der Wille zur Macht. In seinem in den 1920ern publizierten Werk Mein Kampf schreibt Hitler: Wer den Nationalsozialismus nur als politische Bewegung versteht, weiß fast nichts von ihm. Er ist mehr noch als Religion: er ist der Wille zur neuen Menschenschöpfung.

So schwärmt Hitler in poetischen Bildern von der Größe seiner geliebten "Rasse", den Arien. Damit diese Gottmenschen zur Herrschaft gelangen können, müssen sie vor rassischer Verunreinigung geschützt werden. Auch braucht es mehr Lebensraum, den es kriegerisch zu erobern gilt. Hitler: Am Ende siegt ewig nur die Sucht der Selbsterhaltung. Unter ihr schmilzt die sogenannte Humanität als Ausdruck einer Mischung von Dummheit, Feigheit und eingebildeter Besserwisserei wie Schnee in der Märzsonne. Im ewigen Kampf ist die Menschheit groß geworden – im ewigen Frieden geht sie zugrunde.


Anmerken möchte ich, dass der große Charles Darwin mit dem Sozialdarwinismus genau gar nichts am Hut hatte. Im Gegenteil war Darwin zutiefst angewidert, als er auf seiner Weltreise sah, wie viel Grausamkeit den „Negern“ von seinen Landsleuten in den Kolonien angetan wurde. Darwin schrieb: Ehe ich England verließ, wurde mir gesagt, alle meine Ansichten würden sich ändern, sobald ich in Sklavenländern gelebt hätte; die einzige Änderung, derer ich mir bewusst bin, ist, dass ich den Charakter der Neger viel höher schätzen gelernt habe. Es ist unmöglich, einen Neger zu sehen und nicht freundlich gegen ihn gestimmt zu sein: Ein so gutmütiger, offener, ehrlicher Ausdruck und so schöne muskulöse Körper! Darwin war von Grausamkeiten, die er sehen musste, vollkommen entsetzt.
Karnataka hat geschrieben:


Tatsächlich findet sich bei Harari ein verstörender Umgang mit den Allgemeinen Menschenrechten, möchte ich behaupten. Im TED Vortrag sagt er ja, wenn ich mich recht erinnere, sinngemäß: Wenn man einen Menschen zerteilt, findet man dort keine Menschenrechte. Dies ist eine sehr materialistische Sichtweise, die die Allgemeinen Menschenrechte als ein bloß beliebiges Konstrukt wahrnimmt.


Und genau da frage ich mich, wie kommt es, dass so jemand, mit solchen menschenverachtenden Ansichten zu einem Medienstar hochgehypt wird?

Die Menschwürde ist nichts materielles - und hat ihren Ausgang in den willkürlichen Beziehungen von Untertanen und Herrschern. Man könnte sagen, dass die Menschenwürde von Menschen erfunden wurden, um sich von den weltlichen Göttern abgrenzen zu können und hier Normen setzen musste.
Die Menschnwürde wird aber etwas materielles, wie ja jedes Recht eine materielle Grundlage und Ausprägung hat.
Mensch ist natürlich ein Konzept und so etwas wie Mensch gibt es nicht, sondern er kommt als Mann, Frau, Kind, Greis etc. also als konkrete Form vor. Wie jedes Konzept entsteht es durch Unterscheidung und damit Bewusstsein. Daher ist es der Mensch gewesen, der den Unterschied von Tier und Mensch, von sich und anderen macht. Er macht diesen Unterschied auch zwischen den Menschen, wenn er Tierbezeichnungen verwendet. Er kann den Unterschied auch aufheben und den Tieren Rechte geben. Das kann nur der Mensch, der diese Rechte hat. Er gibt sie dann an andere weiter. Teilt das Recht auf Leben z.B. oder Würde. Da brauche ich keine Technik.

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