Mythenforschung

Moderator: void

Liebe Brüder*innen und Schwestern*innen,

im Zuge meiner Mythenforschung ergab sich mir folgende essentielle Frage:

Was sind gruppenbasierte Emotionen und wie funktioniert das?

Hintergrund der Frage is, dass ich versuche Mythen quasi systemtheoretisch zu sehen und versuche zu beschreiben. Für mich ist der Zusammenhang zwischen Sinnstiftung und Emotionalität relativ klar, aber aus Aspiesicht is das individuell verschieden und grössere Massen sind eben nich das selbe, wie alleine oder mit nur einer Person ggü., usw. Ausserdem ist es für mich grundsätzlich eher unangenehm, wenn die Aufmerksamkeit einer Masse auf einen Punkt gerichtet is und sehr emotional. Ich glaube bei vielen is das anders zb. beim Personenkult oder bestimmten Konventionen.

Also gibt es da unterschiedliche Mechanismen, wenn ja, welche Unterscheidungen gibt es und wie is der "Mechanimus"? Oder is das vllt angeboren oder eher so n Mischmasch?

Mein Eindruck ist, dass es oft mit Empathie gleichgesetzt wird (und noch ganz vielen anderen Dingen), was für mich nicht stimmt, weswegen ich mich frug: sind kollektive Emotionen vllt sowas wie kollektive Prägungen? Also bei Gruppenpanik is mir klar, dass das keinen guten Eindruck macht, egal wie man geprägt is, aber was is zB. (aus aktuellem Anlass) mit Personenkult oder Fussball?

Mein Eindruck is, wenn es "positive Vibrations" sind, dann ist das jedem innewohnendes Metta, also etwas ganz natürliches, was man vllt erst noch freilegen muss, aber wenns um Nazis geht, dann ist es plötzlich relativ und ganz weit weg.

Randbemerkung: ich habe vorher gegoogelt, war aber nicht präzise genug.

Viele Grüsse
Ich glaube in dem Zusammenhang ist es nicht so sinnreiche Emotionen als Bewusstseinsinhalte zu sehen ( wie man das ja im Buddhismus öfter macht) sondern eher als etwas körperliches. Und die "gemeinsame Körperlichkeit" als das Entscheidende für die "kollektive Emotion".

Z.B kommt "happy" ja von hüpfen. Ich finde, das kann man sich bei so Aufnahmen von Fußballfans gut vorstellen: Ein Tor fällt und in einer gemeinsamen Körperlichkeit reisen alle die Hände hoch, und hüpfen glücklich herum. Das Medium ist der Körper.

Auch z.B wenn man jemand Trauerndem begegnet und dessen Gramgebeugtheit auch einen herunterzieht.

Und Wut hat viel mit Druck zu tun. Die Leute werden rot und ihre Augen treten hervor als seien sie Dampfkochtöpfe. Und indem sie raumgreifend und laut auch den Raum für andere veringern und so unter Druck setzten, ist die Wut ansteckend.

Der Unterschied ist vielleicht der zwischen "Empathie" als Einfühlung, wie es dem anderen geht, und einer ansteckenden "Sympathie" wo die Haltung körperlich überspringt.

Wenn ich die Mutter eines Dreijährigen bin, der einen Trotzanfall hat, ist es ja ein unterschied ob ich seine Gefühle verstehe, oder ob die Wut auf mich übergreift.
Aber was eine Reaktion im Kollektiv auslöst is ja schon relativ und wenn deine Aussage stimmen würde, wieso ¨stecken¨ sich dann nicht alle an, wenn ich zB. in der U-Bahn irgendeine Emotion habe?

Also wo is der Unterschied zwischen der Masse und einer einzelnen Person oder zb. einer Gruppe innerhalb einer grösseren Gruppe, wenn zB. ein Abteil einer Firma im Essenssaal sitzt und über einen Witz lacht, aber das andere Abteil am Nebentisch nicht mitlacht? Dann ist es doch kein einfaches ¨anstecken¨ oder etwas rein körperliches, wenn das so wäre, dann müssten ja eig. alle lachen, wenn sie bemerken, dass die einen lachen und oft ist es da ja ruhig genug, so dass es dann so sein müsste.

Ich hab ne Annahme:
Kollektive/Massen sind potenzielle Macht und bedeuten im gewissen Mass sozialen Druck (ob bewusst oder unbewusst und ob gut oder schlecht oder ishaltso), was ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit macht oder Angst vor Ausgrenzung (usw.) und das wiederum is der Nährboden für Emotionen bzw. für das ¨Kopieren¨ der Emotionen (in Abgrenzung zur Empathie).

Ja? Nein? Jein? Vllt?
Vielleicht ist die Grundlage eine geteilte Aufmerksamkeit. Und dann eine gewisse Grund-Identifikation, die in einer Offenheit resultiert.

Wenn ich Demonstrant bin, dann kann es sein, dass das was andere Demonstranten tun mich ansteckte, während das was ein Polizist tut das nicht macht.

Ich glaube, bei Babies gibt es so Interaktionsmustee mit der Bezugsperson, bei der man sich gegenseitig nach macht und so auch auf so ne gemeinsame emotionale Welle kommt.

Während Aspis glaub ich oft total offen sind ohne dass das mit so einer Synchronisation von Verhalten verbunden ist.
Edit: Sorry, ich hab meine Annahme nach deinem Post nachgeschoben. Ich werd über deinen Post mal nachdenken, danke.
Spock hat geschrieben:
Kollektive/Massen sind potenzielle Macht und bedeuten im gewissen Mass sozialen Druck (ob bewusst oder unbewusst und ob gut oder schlecht oder ishaltso), was ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit macht oder Angst vor Ausgrenzung (usw.) und das wiederum is der Nährboden für Emotionen bzw. für das ¨Kopieren¨ der Emotionen (in Abgrenzung zur Empathie).

Mein Eindruck ist der, dass es sich um ein angeborenes Sozialverhalten handelt. Als Säugetier, das nur in Gruppen überleben kann, musste der Mensch in der Lage sein, seine Emotionen denen der Gruppe anzugleichen wenn es von Vorteil ist. Zum Beispiel um ein Mammut zu jagen oder vor Angreifern zu fliehen. Beides ist in der Gruppe erfolgreicher. Mich würde jedoch auch einmal interessieren, ob das ein automatischer Prozess ist oder ob jeder selbst entscheiden kann, die Gruppenemotionen anzunehmen oder nicht. Bei mir oft eher eine Abneigung gegen Gruppenemotionen vorhanden, die ich sehr bewusst wahrnehme weil ich mich in Gruppen unwohl fühle.
void hat geschrieben:
Vielleicht ist die Grundlage eine geteilte Aufmerksamkeit. Und dann eine gewisse Grund-Identifikation, die in einer Offenheit resultiert.

Bei "die in einer Offenheit resultiert" stimmt imho was nicht. Wenn ich hypothetisch bestimmte Emotionen von sozialen Gruppen vor mir habe, die durch ein Etwas mit einer bestimmten (kulturellen) Bedeutung ausgelöst werden und diese Emotionalität übernehme, dann is das Reduktion von Komplexität, durch diese Emotionalität, die in Verbindung mit der Etwas-Bedeutung verknüpft ist. Das is kein Gewinn an Offenheit, höchstens Offenheit zur Reduktion.

Beispiel:
Ich bin Fan einer Fussballmannschaft und neben mir kommt grade ein Fan der anderen Mannschaft vom Würstchen holen wieder und fällt auf der Treppe hin.

Empathie wäre für mich so:
Uh, kenn ich, das tat bestimmt weh ¨Brauchst du Hilfe?¨.

Gruppenemotion wäre für mich zB. so:
Der hinter mir sieht das und beginnt Fussballparolen zu rufen. Ich freue mich und mache mit.
happygolucky hat geschrieben:
1. Mein Eindruck ist der, dass es sich um ein angeborenes Sozialverhalten handelt. Als Säugetier, das nur in Gruppen überleben kann, musste der Mensch in der Lage sein, seine Emotionen denen der Gruppe anzugleichen wenn es von Vorteil ist. Zum Beispiel um ein Mammut zu jagen oder vor Angreifern zu fliehen. Beides ist in der Gruppe erfolgreicher.

2. Mich würde jedoch auch einmal interessieren, ob das ein automatischer Prozess ist oder ob jeder selbst entscheiden kann, die Gruppenemotionen anzunehmen oder nicht. Bei mir oft eher eine Abneigung gegen Gruppenemotionen vorhanden, die ich sehr bewusst wahrnehme weil ich mich in Gruppen unwohl fühle.

Hallo happygolucky,

1. Ich kann mir vorstellen, dass ein Sozialverhalten schon angeboren ist. Aber es eben verschieden ist was "andere" bedeuten und was eine konkrete Gruppe bedeutet. Ich denke eine Grupoe macht einen mächtigeren Eindruck und dass man evtl. auch tatsächlich abhängig von einem Sozialgefüge ist oder sein kann zB. einer Familie.

2. Das is bei mir ähnlich, wobei das nochma verschieden is. Also eine Masse an Menschen die lose auf der Wiese verteilt liegt und den Tag geniesst, ist für mich was anderes als eine ¨ausgerichtete¨ Gruppe (ich weiss nich, wie ich das anders formulieren soll). Letzteres finde ich tendenziell auch eher beängstigend. Damit meine ich noch nichma eine bestimmte Ideologie, sondern die Aufmerksamkeit. Wenn ich zB. im Warteraum vom Arzt sitze und die Leute so ne indirekte Beobachtung haben und man seine Tüte mit Bonbons rausholt und das Gefühl hat, im Mittelpunkt zu stehen, weil man raschelt, dann empfinde ich das eher als unangenehm. Aber wenn die auch nur alle dort sitzen und sich um sich selbst kümmern, dann is das nich unangenehm.

Viele Grüsse
Spock hat geschrieben:
Aber was eine Reaktion im Kollektiv auslöst is ja schon relativ und wenn deine Aussage stimmen würde, wieso ¨stecken¨ sich dann nicht alle an, wenn ich zB. in der U-Bahn irgendeine Emotion habe?

Also wo is der Unterschied zwischen der Masse und einer einzelnen Person oder zb. einer Gruppe innerhalb einer grösseren Gruppe, wenn zB. ein Abteil einer Firma im Essenssaal sitzt und über einen Witz lacht, aber das andere Abteil am Nebentisch nicht mitlacht? Dann ist es doch kein einfaches ¨anstecken¨ oder etwas rein körperliches, wenn das so wäre, dann müssten ja eig. alle lachen, wenn sie bemerken, dass die einen lachen und oft ist es da ja ruhig genug, so dass es dann so sein müsste.

Ich hab ne Annahme:
Kollektive/Massen sind potenzielle Macht und bedeuten im gewissen Mass sozialen Druck (ob bewusst oder unbewusst und ob gut oder schlecht oder ishaltso), was ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit macht oder Angst vor Ausgrenzung (usw.) und das wiederum is der Nährboden für Emotionen bzw. für das ¨Kopieren¨ der Emotionen (in Abgrenzung zur Empathie).

Ja? Nein? Jein? Vllt?


Ich habe dazu mal gelesen, dass Mensch im Durchschnitt ca. um 170 Personen ( bin mir nicht ganz sicher obs genau die Zahl war) speichert, die zur eigenen Gruppe gezählt werden. Alles darüber hinaus wird quasi nicht unmittelbar als Mensch annerkannt. Durch diese Phänomennomen kommt es auch zu Großstadtanonymität. Oder deswegen sind "normale" Menschen in einer Kriegssituation auch zu Gräueeltaten an anderen Menschen fähig. Das Menschsein der anderen wird da einfach ausgeblendet, weil die Vielzahl der Menschen zu einer überforderung im Hirn führen würde. Nun sind in einem Stadion meist mehr als 170 Leute unterwegs....diese sind dann aber wieder in Untergrüppchen aufgeteilt, die mit anderen Gruppen durch selbe Kleidung, Gesänge usw. eine gemeinsame Identität bilden. Im Prinzip bleibt aber auch da der große Teil gesichtslos, dass identifizieren wird aber durch eine Uniformität ( Vereinfachung) ermöglicht.
Das mit der Ausgrenzung hat man auch getestet, da ist es in der Regel tatsächlich so, dass sich das Individuum an der Masse orientiert. Das macht ja auch Sinn, weil man so eben dieser Uniformität folgt, und dadurch den anderen ermöglicht bzw. es ihnen leichter macht, als Mensch erkannt zu werden. Das bringt eben einen Überlebensvorteil.
Spock hat geschrieben:
void hat geschrieben:
Vielleicht ist die Grundlage eine geteilte Aufmerksamkeit. Und dann eine gewisse Grund-Identifikation, die in einer Offenheit resultiert.

Bei "die in einer Offenheit resultiert" stimmt imho was nicht.


Die in einer Offenheit in diese Richtung resultieren natürlich. Die Idee einer für alle offenen Empathie ist eher so ein religiöses Idealbild. Viel häufiger ist es ja z.B das sich Eltern und Kind ineinander einfühlen und wenn da jemand Fremdes leidet, das nicht so stark wahrgenommen wird. Das ist auch so eine Erziehungssache. Kinder lernen, dass wenn sich ihr Schwesterlein verletzt hat, das man da sofort Mitgefühl zeigen soll, während das dann wo anderes als fehl am Platz gilt.

Es gibt eine Theorie, das einer der Gründe warum der Mensch ein so hypersoziales Wesen ist, in den Vorteilen bestand, die das in der Jagd brachte. Schafft es eine Jagdgruppe sich blind zu verstehen und wie ein Wesen zu kooperieren, dann ist der Jagderfolg grösser. Nach Elias Canetti dient sowas wie ein Jagdtanz dazu, Menschen zu synchronisieren. Durch gemeinsame Bewegungen, gemeinsamer Rhytmus schwingt man sich aufeinander ein.

Emotionen sind ja prinzipiell mal Handlungsbereitschaften. Die Bereitschaft zum Angriff, zum Rückzug, zum Verstecken usw. Und da ist es wohl wichtig, gemeinsam zu handeln ohne deswegen Handzeichen undLaute benutzten zu müssen. Deswegen sind ja auch in der Armme das Exerzieren so wichtig: Man funktioniert als Einheit.
Dann is für eine Gruppenemotion eine Gruppenidentität Vorraussetzung?

Gibt es nach dieser Liste mythologisierte Wiridentitäten und nichtmythologisierte Wiridentitäten? Oder ist jede Wiridentität, die über das blosse Wahrnehmen einer Menschengruppe (die in einem jeweiligen zeitlichen Kontext und unter jeweiligen gegebenen Umständen gesehen wird) hinausgeht, sogesehen ein Mythos?
Spock hat geschrieben:
Dann is für eine Gruppenemotion eine Gruppenidentität Vorraussetzung?

Gibt es nach dieser Liste mythologisierte Wiridentitäten und nichtmythologisierte Wiridentitäten? Oder ist jede Wiridentität, die über das blosse Wahrnehmen einer Menschengruppe (die in einem jeweiligen zeitlichen Kontext und unter jeweiligen gegebenen Umständen gesehen wird) hinausgeht, sogesehen ein Mythos?


Ich würde sagen es gibt mytholgisierte und nichtmythologisierte nach der Liste...
Lol ich musste erstmal googeln was Wiridentitäten sind...( schnell gesprochen Wirident- Itäten, um dann auf WIR-identitäten zu kommen).
Z.b. da gibt es irgendeinen Traditionsfußballclub geprägt von legendären Spielern und Erfolgen teilw. bis in die Vergangenheit hinein....Geschichten, Fans und Rituale usw. .... Und nichtmytholgisiert...treffen sich einfach nur ein paar Leute zum Fussballspielen, die eine Gruppe bekommt ein gelbes und die andere ein rotes Trikot.
Ich finde die Unterscheidung gut und muss ma eben denken.

Wirident, die Zahnpasta für gepflegte Kontakte. (Zahnpastalächeln) :mrgreen: :like:
:lol: ... Joar....
happygolucky hat geschrieben:
Mein Eindruck ist der, dass es sich um ein angeborenes Sozialverhalten handelt. Als Säugetier, das nur in Gruppen überleben kann, musste der Mensch in der Lage sein, seine Emotionen denen der Gruppe anzugleichen wenn es von Vorteil ist. Zum Beispiel um ein Mammut zu jagen oder vor Angreifern zu fliehen. Beides ist in der Gruppe erfolgreicher.


Ja, genau Ich finde die Entstehung von Mythos bei einfachen Kultur interessant. Und da glaube ich, dass es sehr mit dem Köperlichen verwachsen ist:Sagen wir mal, eine Jägergruppe macht einen Jagdtanz um sich für die Jagd zu synchronisieren. Ich kann mir vorstellen, dass so ein Prozess sowas wie ein Idealbild des Jägers hervorbringt und das synchronisieren sich zu einem Einschwingen auf das gemeinsame Urbild/Idealbild werden. Ich kann mir vorstellen, dass an der Stell wo diese rituelle Prozess ins sprachliche hineinragt, ein "Mythos" daraus wird. Gerade bei Initiationsriten muss man ja das was einen guten Jäger ausmacht weitergeben und von daher denke ich, dass das leicht die Form einer "Geschichte vom Jäger" animmt. Noch vor hundertfünfzig Jahren hatten ja die Matrosen auf den Schiffen "Shanties", also Arbeitslieder mit denen sie ihre gemeinsame Arbeit z.B bei Segelsetzten synchronisierten.

Wobei es ja auch ganz andere Arten gab, Gruppen zu organisieren, als das ein "gemeinsames Urbild" zu haben, an dem sich jeder orientiert. Man kann z.B Gesetzte haben, Arbeitsanweisungen, Aufnahmenbedindgungen. Auch unsere Firmen funktionieren ja nicht so, dass man gemeinsam die Fahne hisst und die Hymne blökt, sondern es läuft rationaler und technischer.

Spock hat geschrieben:
Oder ist jede Wiridentität, die über das blosse Wahrnehmen einer Menschengruppe (die in einem jeweiligen zeitlichen Kontext und unter jeweiligen gegebenen Umständen gesehen wird) hinausgeht, sogesehen ein Mythos?


Ich empfinde Mythos als etwas, was mit so einem Urbild verbunden ist, zu dem eine emotionale Verbindung da ist. Das Herz des Patrioten schlägt höher, wenn er seine Fahne erblickt, weil es ein Wir bedeutet. Während man jetzt ja eine wirIdentität haben kann (AOK Versicherter) die emotional nicht so stark besetzt ist.

Aber wie in dem von Sudhana geposteten Artikel steht, gibt es ja uneandlich viel Definitionen von Mythos.
void hat geschrieben:
Ich empfinde Mythos als etwas, was mit so einem Urbild verbunden ist, zu dem eine emotionale Verbindung da ist. Das Herz des Patrioten schlägt höher, wenn er seine Fahne erblickt, weil es ein Wir bedeutet. Während man jetzt ja eine wirIdentität haben kann (AOK Versicherter) die emotional nicht so stark besetzt ist.

Aber wie in dem von Sudhana geposteten Artikel steht, gibt es ja unendlich viel Definitionen von Mythos.

Ich bau grade meine eigene Mythologisierungsdefinition. :)

Ich hab über den Thread nachgedacht und ein Schema gemalt. Aktuell denke ich das mit den mythologisierenden gruppenbasierenden Emotionen und dem ¨Wir-Sinn¨ is so:

Meine Grundannahme is, dass Mythologisierung ein sozialer Prozess is und innerhalb eines bestimmten Kulturkreises stattfindet und es in dem Sinne schon eine kulturelle Identität gibt (AOK-Mitglied), dh. nicht in einem Kulturnix und auch nich nur durch einen Akteur existiert. Ausserdem, dass der Wir-Sinn (Patriot), der dabei entsteht, ebenfalls wieder selber Ursache für den Wunsch nach sozialen Kontakten sein kann.

In meinem Schema gibt es zwei grosse Bereiche und ein verbindendes Element:

1. Die Gruppenidentität (AOK). Das is quasi die Basis, die auch rein faktisch sein kann.
2. Der Teil, der die Gruppenemotion bestimmt und somit auch den ¨Wir-Sinn¨ (Patriot). Das is dann auch der Teil mit den Wiederholungen und Riten, bei dem es zur Monopolisierung des Wissens kommen kann und zur Selektion.
Und eine funktionale Umdeutung, so eine Art Verbindung der beiden Bereiche, was gleichzeitig auch eine aktive Integration bedeutet.

1. Gruppenidentität

Die Gruppenidentität is bestimmt durch a) Merkmale - also alles womit man sich identifizieren kann zb. Eigenschaften, Hobbys, schöne Haare, natürlich auch Vorbilder, die selbe Geschichte, gemeinsam erlebte Ereignisse, Sprache, kulturelle Bedeutungen, usw. - und b) Abhängigkeiten zb. von der 1ten und 2ten Natur (Naturnatur und menschliches).

Funktionale Umdeutung und Integration

Es findet eine ¨funktionale Umdeutung¨ statt, die Integration ermöglicht und aktives Teilnehmen und somit in irgendeiner Weise einzugreifen, sei es geglaubt (Regentanz) oder tatsächlich (soziales Engagement). Genauer gesagt findet zusätzlich zu den vorliegenden Bedeutungen eine emotionale Involviertheit statt, eine Art Verknüpfung oder Übergang, die das ganze zu einem Bestreben, zu einem Ziel, dh. zu einem ¨Sinn¨ machen. Quasi Sinnstiftung und ¨die Offenheit zur Reduktion¨.

Definition "Ziel":
Emmons dagegen siedelt sein Konzept der persönlichen Bestrebungen auf einer übergeordneten Ebene gegenüber konkreten Anliegen an. Ziele werden hier als überdauernde Persönlichkeitsmerkmale verstanden, was in seinem hierarchischen Modell zum Ausdruck kommt: die Motive einer Person beeinflussen ihre persönlichen Bestrebungen, diese bestimmen wiederum die konkreten Anliegen und Projekte und resultieren schließlich in ganz konkreten (zielgerichteten) Handlungen. Der Unterschied zwischen Motiven und Bestrebungen kommt hier zum Ausdruck: Während die Motive einer Person kognitiv keine große Rolle spielen, sind die persönlichen Bestrebungen kognitiv deutlich repräsentiert und individualisieren somit das Motivationssystem einer Person. Wichtige Befunde von Emmons sind:

1. Das Erreichen von persönlichen Zielen steht in positivem Zusammenhang mit dem Wohlbefinden und Glücklichsein einer Person.

2. Problematische persönliche Ziele, die sich durch Konflikthaftigkeit und Ambivalenz auszeichnen, wirken sich negativ auf das Wohlbefinden einer Person aus.
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Ziel


2. Gruppenbasierte Emotion und Wiederholungen

In dem Bereich finden die Wiederholungen, der Kreislauf und die Monopolisierung des Wissens statt, so wie parallel eine Hierarchisierung. Bei den Griechen und der Polis kann man das super erkennen (Hausherr und Sklave). Bei den Chamula wurde die Mythen mündliche überliefert und sollen eine spezielle Erzählstruktur gehabt haben, ausserdem hatte auch dort der Erzähler eine soziale Sonderstellung. Er erzählte wohl lustige Geschichten aus seinem Leben in mythologisierter Form, was die Zuhörer eher lustig fanden, wenn er von seinen Fehltritten berichtete. Sogesehen hatten die Mythen eher eine moralische Funktion, dh. was man machen kann und was besser nicht.

Auf meinem Schema-Zettel findet hier im Bereich 2. gegenüber zu den ¨Fakten¨ aus 1. eine Überzeugung statt, undzwar nicht durch rationale Belege, sondern durch Emotionen/Emotionalisierung und den Glauben an die Wahrheit. Zusätzlich gibt es eine überzeitliche Ebene und der Protagonist bekommt transzendentale Attribute. Das gilt auch für Wissenschaften mit Letzt-/Selbstbegründung, nicht überprüften Prämissen, usw.

Des Weiteren kommt eine Aneignung dazu durch erfahrbare Symbole und Riten (zB. rituelles Erzählen). Der Mythenkomplex wird dadurch verdichtet und ¨aktiviert¨ beim Ausdrückenden. Ausserdem hat er durch die Aneignung die Möglichkeit oder den Eindruck der Möglichkeit so Einfluss nehmen zu können.

Tadaaa.
Ich bin auf dem Thema voll hängen geblieben und werd den Thread whrsl. als Sammelthread benutzen. Wenn ihn jemand mitbenutzen mag und iwas tolles über Mythen oder Mythenforschung findet oder auch vllt nur ne kleine (Mythen)Geschichte hat, dann kann er das hier gerne teilen. Kritisieren oder Einwürfe sind auch supi.
Schöpfungsmythen. Erzählungen vom Anfang der Menschheit
Ich habe etwas unglaublich entzückendes gefunden. Ein kleines Gedicht von Hesse:



Manchmal, wenn ein Vogel ruft
Oder ein Wind geht in den Zweigen
Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
Dann muß ich lange lauschen und schweigen.

Meine Seele flieht zurück,
bis wo vor tausend vergessenen Jahren
Der Vogel und der wehende Wind
mir ähnlich und meine Brüder waren.

Meine Seele wird Baum
Und ein Tier und ein Wolkenweben.
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?

Weiss jemand wie man das abgrenzt:
Mythos, Gedicht, mythisches Gedicht, mystisches Gedicht?
Insofern es diese Begriffe überhaupt gibt.
Spock hat geschrieben:
Ich habe etwas unglaublich entzückendes gefunden. Ein kleines Gedicht von Hesse:



Manchmal, wenn ein Vogel ruft
Oder ein Wind geht in den Zweigen
Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
Dann muß ich lange lauschen und schweigen.

Meine Seele flieht zurück,
bis wo vor tausend vergessenen Jahren
Der Vogel und der wehende Wind
mir ähnlich und meine Brüder waren.

Meine Seele wird Baum
Und ein Tier und ein Wolkenweben.
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?

Weiss jemand wie man das abgrenzt:
Mythos, Gedicht, mythisches Gedicht, mystisches Gedicht?
Insofern es diese Begriffe überhaupt gibt.


Das nennt man Poesie.
Sunu hat geschrieben:
Das nennt man Poesie.

Wo is die Grenze zwischen Poesie und Mythos?
Vlt. so.. Poesie ist das Erschaffen einer Theorie über das Transzendente. Der Mythos ist dann die gelebte Poesie.
Es ist also die Grenze die zw. Theorie und Praxis verläuft.
Ist Poesie nicht eher das Mittel mit dem der Mythos häufig transportiert wird? Das Gilgamesch Epos, die Veden, Homer, antike Dramen, Ovid, Dante, Shakespeare… Kommt mir so vor.
Sunu hat geschrieben:
Vlt. so.. Poesie ist das Erschaffen einer Theorie über das Transzendente. Der Mythos ist dann die gelebte Poesie.
Es ist also die Grenze die zw. Theorie und Praxis verläuft.

happygolucky hat geschrieben:
Ist Poesie nicht eher das Mittel mit dem der Mythos häufig transportiert wird? Das Gilgamesch Epos, die Veden, Homer, antike Dramen, Ovid, Dante, Shakespeare… Kommt mir so vor.

Danke für die Antworten.

Henne oder Ei? :)

Ich tu mich da grade echt schwer mit den Einteilungen der literarischen Formen und wenn ich danach google denn werde ich mit Infos überflutet, die aber teilweise sehr wage gehalten werden und sich gerne mal wiedersprechen. Der Verweis auf "Epos" is super. "Handlung" (Praxis) is auch n gutes Sichwort. Bei dem einen Googlebuchtreffer stand, dass die Handlungen in einem epischen Mythos expliziert sein müssen und dann stand noch ganz viel mehr da. Ich glaube ich habe falsch angesetzt und sollte nicht nach "Gedicht/Poesie und Mythos" schauen, sondern eher nach "Epos und Mythos". Ich werd mich ma belesen.
Ich denke, ein Mythos hat eine Funktion. Er bewirkt irgend etwas. Während das von Poesie und Literatur nicht erwartet wird.

Literatur kann dann zur Mythologie, wenn sich ein "Kult" entwickelt. Also wenn Leute z.B so von einem Buch begeistert sind, dass sie anfangen, den Hauptdarsteller als Rollenvorbild zu benutzten, sich kleiden wie er und seine Zitate als Lebensmaximen benutzten. Eine Mythos ist was, um das es einen Kult gibt.

Während eine Mythologie, der die Kultanhänger verloren gegangen sind, so zur Literatur oder Poesie absteigt.
Ich dachte Mythologie is einfach ne Sammlung von mehreren Mythen.
Kurze Frage:

Hat sich ma jemand mit Poststrukturalismus & Humangeographie und/oder der Mythologisierung von
¨Raeumen¨ und/oder ¨Raumkapital¨ beschaeftigt?

¨Raum¨ im weitesten Sinne. Also als etwas, dass ueber kognitive Prozesse, dh. per Aufmerksamkeit und Bewegung als ¨Raum¨ definiert wird, erkenntnistheoretisch, aber auch sozial und sich im Usprung auf Orte (rein physikalische Tatsachen) bezieht zB. Gentrifizierung, Asylpolitik, Urbanisierung, Umweltpolitik, usw.

Ein Beispiel damits noch konkreter wird, was ich mit ¨Raum¨ meine:

der ¨Wohnungsraum¨ is zusammengesetzt aus ¨Wohnung¨ (einem Ort) und dem Anhang ¨-raum¨, somit etwas ¨kodifiziertes¨, dh. etwas bestimmtes in einem bestimmten Kontext, wobei der Kontext spaeter auch wegfallen kann und was dann zb. wieder in politischen Diskussionen auftauchen kann.

Sowas:

https://zeitschrift-suburban.de/sys/ind ... ew/295/507

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