Evolution & Nirvana

Moderator: void

Dieser Thread wurde nicht von Axel gestartet sondern von mir verschoben, da wir es wieder mal geschaffen von einer harmlosen Anfängerfrage auf ein eher abgederehtes Thema zu kommen.void


void hat geschrieben:
Nirvana und Evolution sind nahezu gegensätzlich: Die Evolution ist von dem Prinzip beherrscht, um jeden Preis - sei es Moral oder geistiger Frieden - zu übereleben. Während Niravana das Verlöschen den unersättlichen Lebensdurst und der mit ihm verbundenen Leiden ist. Evolutionstechnisch ist so ein Mönchsdasein auch ja ganz schlecht für die Zukunft des eigenen Genpools.

Na ja, das ist eher eine sozialdarwinistische Auslegung. Schon Darwin selbst hat ja Faktoren entdeckt, die jetzt nicht (direkt) zum Überleben des eigenen Gen-Pools beitragen und kam zur Theorie der 'Gruppenselektion'. Die ist heute umstritten, aber es wurden andere Erklärungsversuche entwickelt, z.B. die Multilevel-Selektion, und man schaut sich ja heute auch genauer evolutionsbiologische Erklärungen des Altruismus an.

Klöster haben (z.B. im christlichen Mittelalter) ja immer auch Wissen und Kulturtechniken bewahrt, die sonst wohl verschwunden wären - mit Sicherheit ein Überlebensvorteil auch für diejenigen außerhalb des Klosters. Wir kommen da wahrscheinlich auch in den Bereich der Memetik und deren Bedeutung für die Evolution.

Gerade Konstrukte wie 'Karma' und 'Wiedergeburt' machen für mich im übrigen auch viel mehr Sinn, wenn man ihnen ihre individualistische Deutung nimmt. Denke ich das dann auch noch im Zusammenhang mit dem 'abhängigen Entstehen' und z.B. TNHs 'Inter-Sein', könnte das ziemlich interessante Auswirkungen auf Theorie und Praxis der Lehre haben...

Ansonsten sag' ich ja auch immer: Ab und zu muss der Gen-Pool auch mal gechlort werden.
Axel hat geschrieben:
Na ja, das ist eher eine sozialdarwinistische Auslegung.


Ich wollte es nicht kompliziert machen. Mir ging es wirklich um die Kernaussage, dass das was die Evolution antreibt (und wo ja Gier und Hass entspringen) dem Verlöschen entgegengesetzt ist.

Bei der Multilevel-Selektion sieht es so aus, als ziehen Evolution und buddhistisches Denken an einem Strang. Beiden geht es darum, Menschen zusammenzuschliessen, Altruismus zu födern und indivduellen Gier und Hass zu bremsen. Das ist aber eine Illusion. Denn die individuelle Kooperation wird ja nur deswegen gefördert, um damit eine Ebene höher (beim Kollektiv) umso effektiver übeleben zu können. Und dort gemeinsam an Resourcen zu kommen und Feinde zu besiegen. Die indivuelle Begierde verlöscht nur in der kollektiven Begierde.

Ich finde das mit der Multilevel-Selektion sehr stichhaltig. Es gibt ja wirklich die Situation, dass man wenn alles gut läuft, individuell übeleben kann, wenn aber die Bedingungen katastrophal wird, man sich eher zusammenschliesst. Es gibt ja sogar interessanterweise eine Art von Amöben, die sich "wenn die Krise kommt" zu einem Schleimpilz zusammenschliessen Wenn ich die Nachrichten höre, denn ich da öfter dran.

Ich finde es so eine durchgehende Lebenslüge des Buddhismus, dass da sehr oft die "Befreiung vom Ich" mit dem "Aufgehen im rettenden Kollektiv einsgesetzt wurde. Und deswegen denke ich, dass gerde in Krisensituationen eine Neigung hin zu so kollektiveren Auslegungen besteht. Gerade derIdee "Bodhisattva"-Idee wohnt - so Anerkennenswert die Motivation ist zum Wohle aller Wesen zu wirken - immer so eine Tedenz inne Befreiung und Kollektivwohl zu verwechseln. Womit sich dann der Dharma auf etwas reduzieren kann, was einen vom Regen in die Traufe bringt.
void hat geschrieben:
Ich wollte es nicht kompliziert machen. Mir ging es wirklich um die Kernaussage, dass das was die Evolution antreibt (und wo ja Gier und Hass entspringen) dem Verlöschen entgegengesetzt ist.

Waren auch nur so ein paar Ideen von mir, keine Kritik...

Was Du da jetzt schreibst (und wenn ich es richtig verstehe), sehe ich aber anders:

Evolution findet auf der Ebene der Biologie statt. Wendet man Begriffe wie 'Verlöschen' auf dieser Ebene an, führt das (bewusst oder unbewusst) zu einer Interpretation, die 'Verlöschen' letztendlich mit dem 'Verlöschen' des Lebens, also der Auslöschung der Spezies gleichsetzt.

Es gibt aber auch die Interpretation, die nibbana etymologisch auf 'ohne Wind' zurückführt und nirodha auf die 'Einfriedung' eines Feuers durch einen Erdwall. Das Feuer ist lebensnotwendig, kann aber durch Wind außer Kontrolle geraten und muss deshalb 'eingehegt', nicht ausgeblasen werden - nirodha hat eben auch diese Bedeutung: kontrollieren, einhegen (http://spokensanskrit.de/index.php?begi ... =Translate).
Axel hat geschrieben:
Evolution findet auf der Ebene der Biologie statt. Wendet man Begriffe wie 'Verlöschen' auf dieser Ebene an, führt das (bewusst oder unbewusst) zu einer Interpretation, die 'Verlöschen' letztendlich mit dem 'Verlöschen' des Lebens, also der Auslöschung der Spezies gleichsetzt.


Evolution findet ja, wie du gesagt hast, nicht nur auf einer Ebene statt.

Nach meinem Empfinden geht es da immer um eine "Form", die Zeit und Vergänglichkeit trotzt, indem sie es aktiv schafft, sich selbst aufrecht zu erhalten: Indem Störendes immer wieder draussengehalten wird und immer wieder neues Förderndes hereingeholt wird, um die Struktur zu kitten. Eine tiefe Trägheit vorhanden zu bleiben, die sich in mächtigen Kräften von Abstossung und Aneigung äußert.

Und das kann man sich jetzt auf verschiedenen Ebenen vorstellen: Beim Einzeller, beim Mehrzelle, beim Insektenstaat, bei einer Gesellschaft. Und je nach Ebene ist die "Form die an sich selbst haftet" etwas anderes.

Und - da hast du wohl recht- Buddha sprach von einer dieser "Formen". Er versprach dem "edle Jünger" nicht den Schmerz der körperlich/biologischen Ebene ( den 1. Pfeil) verlöschen zu lassen, sondern den 2.Pfeil der darauf aufsetztenden Ebene verschinden zu lassen.


    Der unerfahrene gewöhnliche Mensch, ihr Mönche, empfindet ein Wohlgefühl empfindet ein Wehgefühl, empfindet ein Weder-wehe-noch-wohl-Gefühl. Auch der erfahrene edle Jünger, ihr Mönche, empfindet ein Wohlgefühl, empfindet ein Wehgefühl, empfindet ein Weder-weh-nach-wohl-Gefühl. Was ist da nun, ihr Mönche, die Besonderheit, was die Verschiedenheit, was der Unterschied zwischen einem erfahrenen edlen Jünger und einem unerfahrenen gewöhnlichen Menschen? 'Im Erhabenen wurzelt für uns die Lehre. Möge der Erhabene uns belehren'. Wird da, ihr Mönche, der unbelehrte gewöhnliche Mensch von einem Wehgefühl getroffen, dann ist er traurig, beklommen, er jammert, schlägt sich stöhnend an die Brust, gerät in Verwirrung. So empfindet er zwei Gefühle: ein körperliches und ein gemüthaftes.
    ...
    Gleichwie, ihr Mönche, wenn da ein Mann von einem Pfeil angeschossen würde, aber kein zweiter Pfeil würde nach ihm geschossen. Dieser Mensch, ihr Mönche, wird also nur das Gefühl von e i n e m Pfeil empfinden. Ebenso nun auch, ihr Mönche, wenn der belehrte edle Jünger von einem Wehgefühl getroffen wird, dann ist er nicht traurig, beklommen, jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend an die Brust, gerät nicht in Verwirrung: Nur ein Gefühl empfindet er, ein körperliches, kein gemüthaftes.

    S.36.6 Durch einen Pfeil

Der edle Jünger haftet nicht mehr an der "Form" der höheren Ebene, während aber aber sein Körper normal funktioniert. Und es dort eben auch Zell-Durst und Neuronen-Schmerz gibt. Ohne das dies auf einer höheren "gemüthaften" Ebene Niederschlag fände.

Ich habe da also die zwei Ebenen durcheinandergebracht.

Axel hat geschrieben:
Es gibt aber auch die Interpretation, die nibbana etymologisch auf 'ohne Wind' zurückführt und nirodha auf die 'Einfriedung' eines Feuers durch einen Erdwall. Das Feuer ist lebensnotwendig, kann aber durch Wind außer Kontrolle geraten und muss deshalb 'eingehegt', nicht ausgeblasen werden - nirodha hat eben auch diese Bedeutung: kontrollieren, einhegen (http://spokensanskrit.de/index.php?begi ... =Translate).


Vielleicht kann man dass dann so sehen, dass das Feuer der unteren Ebene so eingehgt ist, dass es den Geist nicht in Brand setzt? Also dass da ein "Wall" ist, so dass aus Lendenjucken kein Kopfporno und aus Erregung keine Wut wird?
void hat geschrieben:
Evolution findet ja, wie du gesagt hast, nicht nur auf einer Ebene statt.

Spontan würde ich sagen, Evolution findet nur auf der Ebene der Biologie statt. Allerdings ist mir bewusst, dass es da auch immer 'Häresien' gab, von Lamarck über Teilhard de Chardin bis Sheldrake und Lovelock, die durchaus interessant sind). Man sollte halt aufpassen, dass man da nichts 'teleologisches' reinschmuggelt.

void hat geschrieben:
Nach meinem Empfinden geht es da immer um eine "Form", die Zeit und Vergänglichkeit trotzt, indem sie es aktiv schafft, sich selbst aufrecht zu erhalten: Indem Störendes immer wieder draussengehalten wird und immer wieder neues Förderndes hereingeholt wird, um die Struktur zu kitten. Eine tiefe Trägheit vorhanden zu bleiben, die sich in mächtigen Kräften von Abstossung und Aneigung äußert.

Na ja, Evolution besteht ja gerade in der Veränderung der Form. Wenn ich Dich richtig verstehe, sind für Dich Abstossung und Aneignung (also quasi Hass und Gier) 'außerzeitliche' Kräfte, die die Evolution benutzen um sich selbst zu erhalten. Klingt für mich erstmal weit hergeholt, aber ich müsste darüber nachdenken.

Und das kann man sich jetzt auf verschiedenen Ebenen vorstellen: Beim Einzeller, beim Mehrzelle, beim Insektenstaat, bei einer Gesellschaft. Und je nach Ebene ist die "Form die an sich selbst haftet" etwas anderes.

void hat geschrieben:

Der edle Jünger haftet nicht mehr an der "Form" der höheren Ebene, während aber aber sein Körper normal funktioniert. Und es dort eben auch Zell-Durst und Neuronen-Schmerz gibt. Ohne das dies auf einer höheren "gemüthaften" Ebene Niederschlag fände.[/quote)
Ja, sehr schönes und passendes Zitat! Es ist das, was ich neulich als 'reaktives Denken' (und Handeln!) bezeichnet habe: Aus Gedanken werden Gewohnheiten, die unser Handeln bestimmen.

void hat geschrieben:
Vielleicht kann man dass dann so sehen, dass das Feuer der unteren Ebene so eingehgt ist, dass es den Geist nicht in Brand setzt? Also dass da ein "Wall" ist, so dass aus Lendenjucken kein Kopfporno und aus Erregung keine Wut wird?

Ja.
Void:
Vielleicht kann man dass dann so sehen, dass das Feuer der unteren Ebene so eingehgt ist, dass es den Geist nicht in Brand setzt? Also dass da ein "Wall" ist, so dass aus Lendenjucken kein Kopfporno und aus Erregung keine Wut wird?


Ich weiß nicht, aber man spricht schon von Verlöschen ( besser vielleicht: Erlöschen)
oder alternativ von: Versiegen.

A III, 56: „Insofern man, Brahmane, diese restlose Erlöschung der Gier erfährt, die restlose Erlöschung des Hasses und der Verblendung erfährt, ist das Nibbana klar sichtbar, unmittelbar wirksam einladend, zum Ziele führend, den Verständigen, jedem für sich verständlich.“

S IV 43,1- 44: „Was ist nun, ihr Mönche, das Ungestaltete? Die Versiegung von Reiz, die Versiegung von Abwehr, die Versiegung von Verblendung, das nennt man, ihr Mönche, das Ungestaltete.“

Sn 874: „Weder einer mit gewöhnlichem Bewusstsein (sañña), noch einer ohne gewöhnliches Bewusstsein. Er ist nicht unbewusst, noch hat er ein vom Körper unabhängiges Bewusstsein
Er hat dem Bewusstsein von „Form“ ein Ende gesetzt..

http://www.theravada-dhamma.org/blog/?p=8177 ( gute Seite, allet zusammengefasst)
Axel hat geschrieben:
Spontan würde ich sagen, Evolution findet nur auf der Ebene der Biologie statt. Allerdings ist mir bewusst, dass es da auch immer 'Häresien' gab, von Lamarck über Teilhard de Chardin bis Sheldrake und Lovelock, die durchaus interessant sind). Man sollte halt aufpassen, dass man da nichts 'teleologisches' reinschmuggelt.


Evolution ist doch etwas sehr Abstraktes. Etwas variiert sich, und von den Varianten bleiben einige übrig, die sich dann wieder varieren. Weil in der Biologie die Mechanismen der Vererbung sehr gut ausgebildet sind, tritt sie vor allem dort auf. Aber so als abstraktes Prinzip, kann man es bestimmt auch wo anders entdecken. Mal ein bewusst absurdes Beispiel: "Bei letzten Weihnachtsbasar, nahmen alle Omis Schokoplätzchen und keiner Vanillekipferl. Deswegen machen diesen Jahr fast alle Omis verschiedene Arten von Schokoplätzchen. Und wenn im nächsten Jahr rauskommt, dass die mit Rum in der Omi-Umwelt am besten ankommt, dann wird man sich im nächsten Jahr daran anpassen." - naja, hinkt noch etwas.

void hat geschrieben:
Na ja, Evolution besteht ja gerade in der Veränderung der Form.


Aber diese Veränderung ist ja kein Selbstzweck sondern dient dazu, unter veränderten Umständen den Erhalt zu sichern. Um dem Tod zu entkommen. [ Wenn dich jemand mit einer Knarre bedroht, tanzt du zur Not im Balettkleid auf dem Stuhl. Oder machst halt itgendwas, was Dir erlaubt am Leben zu bleiben. ] Und so besteht halt Leben auch aus bestimmten Formen, die sich dadurch auzeichnen, dasss sie den Hindernissen besonders gut ausgewichen sind und deswegen noch immer im Rennen sind.

void hat geschrieben:
Wenn ich Dich richtig verstehe, sind für Dich Abstossung und Aneignung (also quasi Hass und Gier) 'außerzeitliche' Kräfte, die die Evolution benutzen um sich selbst zu erhalten. Klingt für mich erstmal weit hergeholt, aber ich müsste darüber nachdenken.


Nein, das mein ich überhaupt nicht. Es geht wirklich ganz konkret um die Aufrechterhaltung von Zuständen. Von Köpertemperatur, Wasserhaushalt, Nährstoffspiegel. Wobei es natürlich so ein Einzeller einfach hat, seine Grundsituation aufrecht zu erhalten. Von der falschen Situation wieder hin zum Gleichgewicht zu blancieren. Ist zu wenig Wasser da, öffnet sich über einfache Regelkreise eine Mebran, um was aufzunehmen. Bei einem höheren Tier entseht dann vermutlich der Impuls ein Wasserloch aufzusuchen. Aber da gibt es jetzt für mich zwischen pysisch und psychisch einen fliessenden Übergang.
m.E., jenseits der in diesem Forum schwerpunktartigen Stützung auf religiöse Texte, sind Nirwana als die Wahrheit, der alles zugrunde liegt und Evolution nicht entgegengesetzt. Das Nichtanhaften am Leben mag ein Resultat der Erkenntnis sein, wobei es eher ein Ideal ist. Jedes Lebewesen, auch wenn es erkannt hat, hat einen Überlebenstrieb. Die Erkenntnis offenbart aber, dass niemand von dem Leben getrennt ist und Ich somit eine Illusion ist. Die Erscheinungen, welche durch das universelle Bewusstsein, Gott, Nirwana...nennen wir es wie wir wollen..., entstehen und vergehen verändern sich. Dies ist Evolution, eine stetige Anpassung an den Wandel der Dinge, geschaffen von einer universellen aber unpersönlichen Existenz, eben dem Begriff, von dem es so viele gibt, aber ich hier Nirwana nenne...
Ein Gedanke zur Evolution

Sloterdijk brachte im Philosophischen Quartett zum Thema Evolution einen faszinierenden Gedanken. Er meinte sinngemäß, die Evolution würde zu einem immer sparsameren Umgang mit Nachkommen finden.

So kann man den entwicklungsgeschichtlichen Weg des Lebens über Fische, Amphibien, Reptilien zu Vögeln und schließlich Säugetieren vielleicht als einen Weg sehen, wo immer weniger Selektion durch die Umwelt stattfindet.

Beispielsweise laicht ein einziger weiblicher Frosch etwa 30 000 Eier. Angenommen es entstünden daraus zirka 15 000 weibliche Frösche, ergäbe eine Rechnung für die folgende Generation bereits 450 Milliarden Frösche. Natürlich tritt dies niemals ein, da die Bedingungen der Umwelt und die natürliche Selektion jeweils nur wenige Exemplare überleben lassen.

Die gleiche Rechnung würde aus einem einzigen Vogelpaar in nur 15 Jahren immer noch eine Nachkommenschaft von zehn Millionen Tieren ergeben. Ein Schimpansenweibchen dagegen bringt im gleichen Zeitraum gerade einmal zwei Jungtiere zur Welt. Da die Schimpansin sich als Säugetier um ihren Nachwuchs kümmert, ihn nährt, pflegt und beschützt, sind die jungen Schimpansen in weitaus geringerem Maße gefährdet, durch zufällige Bedingungen oder Feinde „selektiert“ zu werden.

Schließlich baut der Mensch Kultur gleichsam wie eine schützende Mutter um sich, poetisch gesagt, wo keine feindliche Umwelt Selektion ausübt. (Durch die moderne Liebeswahl zur Familienbildung findet allerdings verstärkt eine Art Zuchtwahl statt, kann man vielleicht sagen...)
Karnataka hat geschrieben:
Ein Gedanke zur Evolution

Sloterdijk brachte im Philosophischen Quartett zum Thema Evolution einen faszinierenden Gedanken. Er meinte sinngemäß, die Evolution würde zu einem immer sparsameren Umgang mit Nachkommen finden.


Stimmt, das so wie von Dir dargestellt ist wirklich faszinierend. Evolution nicht nur als Optimierungsprozess der Arten, sondern auch noch als selbstoptimierender Vorgang, wobei dann die unterschiedlichsten Vermehrungsstrategien parallel nebeneinander vorliegen und wetteifern.

Ich halte absolut nichts von der Vorstellung, daß es bei Evolution um eine mystische Geschichte mit einer zwangsläufigen Bewegung hin zu einem 'besser' geht, es geht nur um ein momentan besser angepasst.

Und danke @Karnataka, ich habe Deinen Beitrag gestern Abend auf dem Tablet im Bett gelesen und wollte mit dem Mäuseklavier nicht antworten, deshalb jetzt.

Danke, ich mußte herzlich lachen als mir klar geworden ist, daß der ganze Entwicklungsgedanke sich hier ausschließlich auf die Weiblichkeit bezieht. Die Männerwelt, egal ob Frosch, Vogel, Schimpanse oder Menschenmann unfähig zur Veränderung gibt weiter überall Milliarden Spermien dazu, wobei es vollkommen egal ist, daß davon zwangsläufig 99.9999% erfolglos eingehen müssen...
:mrgreen:
fotost hat geschrieben:
Danke, ich mußte herzlich lachen als mir klar geworden ist, daß der ganze Entwicklungsgedanke sich hier ausschließlich auf die Weiblichkeit bezieht. Die Männerwelt, egal ob Frosch, Vogel, Schimpanse oder Menschenmann unfähig zur Veränderung gibt weiter überall Milliarden Spermien dazu, wobei es vollkommen egal ist, daß davon zwangsläufig 99.9999% erfolglos eingehen müssen...
:mrgreen:


Mutationen im Erbmaterial finden ja mitunter auch bei Männern statt, dennoch hast du natürlich Recht, lieber fotost!

Natürlich erfüllen Frauen eine besonders entscheidende Rolle im Rahmen der Evolution menschlichen Lebens: sie verweigern sich der Fortpflanzung! Frauen trachten danach, es Männern möglichst schwer zu machen! Seit Jahrzehntausenden trachten Menschenfrauen also danach, es durchschnittlichen Menschenmännern möglichst schwer zu machen, ihre Spermien am richtigen Ort abzugeben. So sind diese Männer gezwungen, permanent darüber nachzugrübeln, wie das gelingen könnte. Nur deshalb erfinden sie Dinge wie Räder, Dampfmaschinen, Staubsauger, nur um Frauen zu beeindrucken.

Wie schon Freud feststellte, ist eigentlich unsere gesamte Kultur ein Nebenprodukt dieses ständigen Zwangs zur Balz, der uns Männern von Frauen auferlegt wurde.
Karnataka hat geschrieben:
Wie schon Freud feststellte, ist eigentlich unsere gesamte Kultur ein Nebenprodukt dieses ständigen Zwangs zur Balz, der uns Männern von Frauen auferlegt wurde.


Nach Robert Trivers "parental investment theory" kommt es ganz darauf an, wieviel der Einzelne jeweils investiert. Investiert der Vater nur Spermien und die Mutter alles andere, dann ist die Mutter natürlich die "Entschiedende" und die Balz wird unglaublich wichtig. Muss man sich dagegen gemeinsam lange um ein Kind kümmern, dann niveliert sich der Unterschied.

Deswegen ist es z.B so dass beim Pfau das Männchen ganz anders aussieht als das Weibchen und einen unglaublichen Balz-Aufwand betreibt. Während bei den gemeinsam sorgenden Störchen Männchen und Weibchen einander sehr ähnlich sind.

Und da ist der Mensch mehr Storch als Pfau. Kinder müssen sehr lange versorgt werden müssen, und dabei ist Erziehung und materielle Ausstattung für den Erfolg wesentlich. Und weil das so ist, konkurrieren beim Menschen eben auch stark die Frauen um Männer, die da viel investieren wollen oder können.

Von daher ist der "Zwang zur Balz" nicht etwas was von Frauen auferlegt wurde, sondern dieses Phänomen hängt sehr eng damit zusammen, inwieweit Männer Frauen mit dem Kind sitzen lassen. Je grösser letzteres Risiko, umso mehr muss man sich druch Selektion dagegen schützen.
Bezüglich dieses Themas würde ich gern ein paar Zeilen schreiben.

Nibbāna ist die Auflösung der Unwissenheit. Evolution ist im Tipitaka nicht explizit erwähnt. Die Idee der Evolution steht im Einklang mit den Lehren des Gautama Buddhas über das Verlangen nach dem Leben „Bhavataõhà", dass alles sich ändert „Anicca", und dass alles eher aus den natürlichen Ursachen als die göttliche Schöpfung entsteht.
void hat geschrieben:

Nach Robert Trivers "parental investment theory" kommt es ganz darauf an, wieviel der Einzelne jeweils investiert. Investiert der Vater nur Spermien und die Mutter alles andere, dann ist die Mutter natürlich die "Entschiedende" und die Balz wird unglaublich wichtig. Muss man sich dagegen gemeinsam lange um ein Kind kümmern, dann niveliert sich der Unterschied.

Deswegen ist es z.B so dass beim Pfau das Männchen ganz anders aussieht als das Weibchen und einen unglaublichen Balz-Aufwand betreibt. Während bei den gemeinsam sorgenden Störchen Männchen und Weibchen einander sehr ähnlich sind.

Und da ist der Mensch mehr Storch als Pfau. Kinder müssen sehr lange versorgt werden müssen, und dabei ist Erziehung und materielle Ausstattung für den Erfolg wesentlich. Und weil das so ist, konkurrieren beim Menschen eben auch stark die Frauen um Männer, die da viel investieren wollen oder können.

Von daher ist der "Zwang zur Balz" nicht etwas was von Frauen auferlegt wurde, sondern dieses Phänomen hängt sehr eng damit zusammen, inwieweit Männer Frauen mit dem Kind sitzen lassen. Je grösser letzteres Risiko, umso mehr muss man sich druch Selektion dagegen schützen.


Klingt überzeugend. Bezogen auf die oben genannte These, die Evolution würde zu einem sparsameren Umgang mit Nachkommen finden, liegt der Sinn einer differenzierten Partnerwahl eben nicht in einem Höchstmaß an Nachkommen, sondern darin, den bestmöglichen Partner zu finden.

Wozu aber kommt die Liebe ins Spiel? Ich glaube, man kann sagen, dass die Liebe ihren Ursprung in der Brutpflege hat, nicht in der Balz. Von dort dehnen sich sympathische Empfindungen dann auch auf Familienmitglieder und Gruppenmitglieder aus.

Die romantische Liebe scheint also ein Zusammenwirken einerseits aus dem Bestreben in der evolutionären Konkurrenzsituation den besten Partner zu finden und andererseits fürsorglichen Empfindungen, die das Familiengeschehen charakterisieren. :heart:
Mohan Gnanathilake hat geschrieben:
..
Nibbāna ist die Auflösung der Unwissenheit. Evolution ist im Tipitaka nicht explizit erwähnt. Die Idee der Evolution steht im Einklang mit den Lehren des Gautama Buddhas über das Verlangen nach dem Leben „Bhavataõhà", dass alles sich ändert „Anicca", und dass alles eher aus den natürlichen Ursachen als die göttliche Schöpfung entsteht.


Evolution ist nicht explizit erwähnt, wie auch vor 2.600 Jahren. Ich lese das Verständnis des Buddha gegenüber der Unterschiedlichkeit in der Natur eher als offenes Erleben eines Nebeneinander.

146
Was es an Lebewesen hier auch gibt,
Die schwachen und die starken [7], restlos alle;
Mit langgestrecktem Wuchs und groß an Körper,
Die mittelgroß und klein, die zart sind oder grob.

147
Die sichtbar sind und auch die unsichtbaren,
Die ferne weilen und die nahe sind,
Entstandene und die zum Dasein drängen [8], -
Die Wesen alle: Glück erfüll' ihr Herz!

http://www.palikanon.com/khuddaka/sn/sn_i08_152.html#sn_145

Der Grundgedanke der Evolution paßt allerdings gut zur Lehre, da sie eine 'ewige' stumpfe Wiederholung des Gleichen als Brahmanenlehre die zum Phlegma führt ablehnt.
Natürlich bezieht sich das in der Lehre auf geistige und soziale Entwicklung, nicht auf biologische, aber der Grundgedanke ist deutlich.

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