Slavoj Zizek über den Buddhismus

Moderator: void

Bild

(Zitiert aus "https://der-asso-blog.blogspot.de/2014/04/slavoj-zizek-kritisiert-den-buddhismus.html)

https://www.youtube.com/watch?v=lAtUPfF1R_s

Inhalte im Video:
- es ist ein Irrglaube zu meinen, durch ethisches Tun würde Nirwana erreicht, bzw. Erleuchtung erlangt zu haben würde bedeuten, man sei ein tugendhafter Mensch (Zizek lobt hier D.T. Suzuki und das Zen, weil diese einem solche Illusionen nehmen - "ein Erleuchteter kann auch ein Folterer sein");
- die große Schwäche buddhistischer Praktizierender liegt in ihrer Selbstbezogenheit, statt sich anderen selbstlos zuzuwenden ("encounter");
- der grundsätzliche Irrtum des Buddhismus bestünde darin, dass die Menschen alle nicht leiden wollten, im Gegenteil würden sie - Zizek benutzt den Film Noir und das Verlieben als Beispiele - das Leiden zuweilen sogar suchen: die Fähigkeit und Neigung zum Scheitern ("fall").

Zizeks neurotische Körpersprache und seine Übersprungsgesten sind ein Fall für den Analytiker, wenn auch vielleicht nicht für den Lacanschen Schlages. Jacques Lacan, dem Zizek weitgehend folgt, war der Meinung, dass Begehren als grundsätzlicher Mangel den Menschen kennzeichnet.



https://www.youtube.com/watch?v=Kwm_dR-XMSY

Im zweiten Video ab etwa einer Stunde spricht Zizek ein weiteres Problem an, nämlich das Bodhisattva-Ideal, dem er wegen eines Minimums enthaltener Transzendenz zu misstrauen scheint (da der Bodhisattva doch in der gleichen Realität bliebe wie alle anderen auch), vor allem aber weil dieser vorgäbe, ein Opfer zu bringen: das eigene Nirwana wird zurückgestellt, um andere zu retten. Aus der Innensicht des Zen will ich ergänzen, dass dies aus einem einfachen Grund nicht möglich ist und auch das Bodhisattva-Ideal nichts weiter als eine spielerische und auf den ersten Blick rührende Metapher ist, wie sich so viele schon im Palikanon finden.

Um ein Bodhisattva zu werden, muss man in der Mahayana-Tradition schon einen solchen Grad der Einsicht erlangt haben, dass dieser mit Nirwana gleichzusetzen ist. Der Bodhisattva ist erwacht. Da das "Heilsziel" erreicht ist, gibt es auch nichts mehr zurückzustellen (dies würde z.B. implizieren, dass da bewusst eine Wiedergeburt gewählt werden könnte, statt aus dem Kreislauf des Werdens ausgestiegen zu sein - womit wir bereits angedeutet sehen, dass dieser Wind eher vom tibetischen Buddhismus her weht). Es gibt mit anderen Worten kein Zurück mehr, wenn man erwacht ist, es gibt nichts zurückzunehmen oder zurückzustellen. Man sollte sich darum auch von dem entsprechenden Bodhisattva-Gelübde, das formelhaft rezitiert wird, verabschieden, denn es ist nichts weiter als eine hohle Floskel. Gemeint ist jedoch etwas, das der oben erwähnten Kritik entgegenwirken könnte: das Hinwenden an andere, um deren Leiden zu erleichtern, bis man selbst ins Gras beißt.

Am Ende des unteren Videos gibt Zizek zu, dass er gegen eine persönliche Tiefenanalyse ist, wir würden da nur Scheiße in uns entdecken; Zizek will darum eher an der Oberfläche bleiben. Diesen Vorwurf machen ihm dann auch einige seiner Kritiker. In der Tiefe der Zen-Erfahrung könnten wir entdecken, dass Moral zu unserem innersten Wesen gehört und wir uns gar nicht die Frage stellen müssen, warum ("why?") wir "etwas Gutes" tun sollten.


-----

Wie ist eure Meinung dazu? Hoffe auf eine spannende Diskussion. :)

LG
Stawrogin
... mittlerweile sage ich nur noch: einem jeden steht es zu, seine ihm eigene Sicht der Dinge zu postulieren. :wink:
mkha' hat geschrieben:
... mittlerweile sage ich nur noch: einem jeden steht es zu, seine ihm eigene Sicht der Dinge zu postulieren. :wink:


Wenn man sich das Video anschaut, dann merkt man da, dass es Zizek nich darum geht etwas zu postulieren, sondern im Gegenteil darum einen offenen Dialog zu führen. Dazu spricht er ersteinmal an, was ihm am Buddhismus widersprüchlich und bedenkenswert erscheint. Er tut dies in provozierender, überspitzeter Art, aber eben nicht um den Buddhismus runterzumachen, sondern um Auszuloten, wo Klärung und Dialog notwendig ist. Guido Kellers Zusammenfassung ist da recht irreführend.

Wenn Zizek sagt, dass der Buddhismus insofern unrecht habe, als der Mensch nicht Leid vermeidet sondern manchmal sogar sucht, hat er wohl deswegen unrecht, weil er den Bedeutungsumfang des Wortes "Dukkha" falsch eineschätzt. Auch derjenige der lieber russische Roulette spielt statt sich zu langweilen, entflieht ja dem Dukkha der Langeweile.
Ich habe mir das Video angesehen. Zizek erscheint mir nie heimtückisch oder unfair, ich vermute es wäre eine interessante Erfahrung mit ihm zu diskutieren.

Etwas unglücklich erlebe ich den Fokus auf Randelemente von Richtungen, die nicht buddhistischer Mainstream sind. Das führt den Blick zu weit von seinen Kernfragen weg, die damit weitgehend einfach im Raum stehen bleiben.

Ich wünsche ihm, daß er mit seinem Interesse an der Lehre weitermacht :rose:
fotost hat geschrieben:
Etwas unglücklich erlebe ich den Fokus auf Randelemente von Richtungen, die nicht buddhistischer Mainstream sind. Das führt den Blick zu weit von seinen Kernfragen weg, die damit weitgehend einfach im Raum stehen bleiben


Ich glaube Zizek steht dem Buddhismus sehr sympathisch gegenüber. Zizek kommt ja aus so der Lacan Richtung, der mit der Pschonanalyse ebenfalls die Nichtexitstenz eines Ichkerns gesehen wird, und in der von dort aus nachvollzogen wird, wie Ich-Identität zur Machtausübung benutzt wird.

Skeptisch wird er an Stellen, wo der Buddhismus mit der gesellschaftlichen Ideologie verschmilzt - wo also das was dem buddhitischen Heilsziel ( der Befreiung ) und das was dem gesellschaftlichen Wohl und der Moral entspricht zusammenfallen. Historisch hatte das was natürlich etwas damit zu tun, dass der Buddhismus unter Ashoka Staatreligion wurde. Da dies ja auch zeitlich mit dem Aufkommen des Bodhisattva-Ideals zusammenfiel, verstehe ich seinen Grundverdacht gegenüber der ganzen Mahayana-Strömung: Das Bodhisattva-Ideal kann ja so verstanden werden, das in ihm das Streben nach Befreiung und der gesellschaftliche Kitt ( Mitgefühl, Staat, Familie) zusammenfällt. Wie so ein Joschka Fischer, der seine Turnschuhe gegen den Dreiteiler autauscht, verliert der Buddhismus damit einen Teil seiner Verneinungskraft sich ausserhalb von Staat, Familie und der Sorge umeineander zu stellen udn wird "sozial".

Aber weil Zizek Marxist ist, denkt er auch wieder alles dialektisch und schaut dann auch wieder, welche Probleme entstehen, wenn man Buddhismus von Sozialverwantwortung und Ethik löst und es zu einer Technik macht, die einem erlaubt selbst üble Dinge wie Foltern als leer anzusehen.

Zizek ist so ein Spielkind, der den Buddhismus hin und herwiegt und daran rumspielt, und schaut was passiert, wenn man die Regler in Extremposition bringt - vom "absurd asozialen" Punkt auf der Skala bis zu dem "absurd spiessigen" Punkt.

fotost hat geschrieben:
Das führt den Blick zu weit von seinen Kernfragen weg, die damit weitgehend einfach im Raum stehen bleiben


Sein Ziel ist es ja nicht eine Wahrheit zu finden - ein Unterfangen das er sehr skeptisch sieht - sondern eher dem Raum zu weiten.
void hat geschrieben:
Aber weil Zizek Marxist ist, denkt er auch wieder alles dialektisch und schaut dann auch wieder, welche Probleme entstehen, wenn man Buddhismus von Sozialverwantwortung und Ethik löst und es zu einer Technik macht, die einem erlaubt selbst üble Dinge wie Foltern als leer anzusehen.


Das ist das, was ich als Kernfrage des Vortrags entnommen habe: die Frage nach der Verbindung von buddhistischer Philosophie (anicca, dhukka, anatta) zu einem 'buddhistischen' Verhalten, etwa bei der Befolgung der ersten Silas.

Ich wußte nicht, daß Zizek (der letzte? :mrgreen: ) Marxist ist, aber da ist er in einem in der Sprache und Kultur tief mit religiös absoluten Ideen durchtränkten Kontinent nicht bei den Christen gelandet, sondern bei einer anderen religiös absoluten Gruppe.

Beides zusammen macht es ihm wohl unmöglich zu verstehen, daß jemand den Anspruch auf Wahrheit erheben kann ohne absolute Wahrheit zu postulieren.

Beim Hören des Vortrags (ich stimme Dir zu, das ist fundamental von Sympathie und echtem Interesse an der Lehre getragen - ich sehe nichts Negatives darin) ist mir eine Lehrrede eingefallen, leider finde ich sie nicht, vielleicht kann mir jemand helfen.

Buddha redet mit einem Weltling, der wissen möchte, warum er die Silas befolgen sollte. Die Antwort Buddhas geht ungefähr so - mach' es einfach! Du möchtest nicht, daß Dich jemand umbringt, bring auch Du niemanden um. (Du möchtest nicht, daß jemand Deine Sachen stiehlt... etc.) Das ist im Prinzip viel älter als der Buddhismus, das ist die goldene Regel, die in fast jeder Lehre irgendwie eingegangen ist.

Buddha weiter: Wenn Du die Silas befolgst und die buddhistische Lehre ist richtig, hast Du dich richtig verhalten und bekommst die Verheißungen der Lehre erfüllt. Wenn Du die Silas befolgst und die buddhistische Lehre ist Unfug, hast Du dich wenigstens richtig verhalten und niemandem anderen geschadet. Wirtschaftswissenschaftler und Spieltheoretiker würden so etwas eine Win-Win Situation nennen :angel:


(Ich entschuldige mich für diese Art der Zusammenfassung aus dem Gedächtnis)

Da sowohl Marxisten als auch Christen Win-Win Situationen dogmatisch ausschließen dürfte es noch ein sehr langer Weg für Herrn Zizek werden..
fotost hat geschrieben:
Ich wußte nicht, daß Zizek (der letzte? :mrgreen: ) Marxist ist, aber da ist er in einem in der Sprache und Kultur tief mit religiös absoluten Ideen durchtränkten Kontinent nicht bei den Christen gelandet, sondern bei einer anderen religiös absoluten Gruppe.


Zizek ist ja nicht so eine Art von Marxist, sondern im Gegenteil jemand der sich sehr damit beschäftigt hat, warum der Stalinismus so viel Leid verursacht hat. Er stammt ja selber aus dem ehemaligen Ostblock (Slovenien) und war während des Realsozialismus Dissident. Das ist ja sein Ausgangspunkt, von dem aus er sich gegen Absolutheitsansprüche wehrt.

Und da kam er - in Zusammenhang mit französischen posttrukturalistischen Psychonalystikern wie Gilles Deleuze oder Jacques Derrida - darauf wie problematisch Identitäten sind. Aus der Idee von Identität ergibt sich ja schon bald Abgrenzung gegenüber einem "Anderen", der da nicht teilhat.

Von daher beschäftigt ihn auch die Frage, wie Ethik und Solidarität möglich sind, ohne dass das in so ein Kollektiv-Ego übergeht, dass dann wieder mit Ausgrenzung verbunden ist. Das ist ja wohl Fragestellungen des "säkularen Buddhismus" sehr ähnlich.

fotost hat geschrieben:
Buddha redet mit einem Weltling, der wissen möchte, warum er die Silas befolgen sollte. Die Antwort Buddhas geht ungefähr so - mach' es einfach! Du möchtest nicht, daß Dich jemand umbringt, bring auch Du niemanden um. (Du möchtest nicht, daß jemand Deine Sachen stiehlt... etc.) Das ist im Prinzip viel älter als der Buddhismus, das ist die goldene Regel, die in fast jeder Lehre irgendwie eingegangen ist.

Buddha weiter: Wenn Du die Silas befolgst und die buddhistische Lehre ist richtig, hast Du dich richtig verhalten und bekommst die Verheißungen der Lehre erfüllt. Wenn Du die Silas befolgst und die buddhistische Lehre ist Unfug, hast Du dich wenigstens richtig verhalten und niemandem anderen geschadet. Wirtschaftswissenschaftler und Spieltheoretiker würden so etwas eine Win-Win Situation nennen :angel:


(Ich entschuldige mich für diese Art der Zusammenfassung aus dem Gedächtnis)

Da sowohl Marxisten als auch Christen Win-Win Situationen dogmatisch ausschließen dürfte es noch ein sehr langer Weg für Herrn Zizek werden..


Natürlich stehen Win-Win Situationen am Anfang aller Kooperation. Das Problem ist dass dann eben auch Win-Loose Situationen fortwährend dadruch gerechtfertigt werden, Win-Win Situationen zu sein. Das ist ja das Lied das die Weltgeschichte durchschallt: Fürst und Bauer sitzten im selben Boot, und wenn ein jeder sich bei seiner Sache etwas mehr anstrengt ( der eine beim Prasssen der andere beim Schuften) dann haben beide etwas davon. Eine Skepsis dagegen ist immer angebracht, auch wenn das natürlich dazu führen kann, dass man Win-Win Situatation, wenn sie tatsächlich auftteten, für eine Illusion zu halten.
Schon sehr hübsch, wie hier Žižek zu einer Art kritischen Sympathisanten des Buddhismus gemacht wird... :rofl:

Ich empfehle folgende Texte:

Revolutionary Terror is awesome
Robespierre or the "Divine Violence" of Terror
Axel hat geschrieben:
Schon sehr hübsch, wie hier Žižek zu einer Art kritischen Sympathisanten des Buddhismus gemacht wird... :rofl:

Ich empfehle folgende Texte:

Revolutionary Terror is awesome
Robespierre or the "Divine Violence" of Terror


Ich sehe da keinen Widerspruch. Ich glaube, Zizek schätzt am Buddhismus das Potential der Verneinung des Status Quo. Und dort wo der Buddhismus statt Illusionen weg zu ätzen, sozial und zurückhaltend auftritt, misstraut er ihm.

Wer ist online?

Insgesamt ist 1 Besucher online. Im Detail: 0 sichtbare Mitglieder (oder Bots), 0 unsichtbare Mitglieder und 1 Gast
Der Besucherrekord liegt bei 214 Besuchern, die am 27.02.2017 23:21 gleichzeitig online waren.

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast