Die zehn Fesseln

Moderator: void

Zehn Fesseln gibt es, ihr Mönche. Welche zehn? Die fünf niederen Fesseln und die fünf höheren Fesseln.

Welches aber sind die fünf niederen Fesseln?

  • Persönlichkeitsglaube,
  • Zweifelsucht,
  • Hängen an Regeln und Riten,
  • Sinnenlust und
  • Haß.

Welches aber sind die fünf höheren Fesseln?

  • Begehren nach feinkörperlichem Dasein,
  • Begehren nach unkörperlichem Dasein.
  • Dünkel,
  • Aufgeregtheit und
  • Unwissenheit.


Anguttara Nikaya X 13 3.Saṃyojana Sutta http://www.palikanon.com/angutt/a10_001_020.html#a_x13

Wer kann erklären, was in diesem Zusammenhang 'Hängen an Regeln und Riten' bedeutet, die Rede wendet sich immerhin direkt an Mönche? War sich Buddha bewusst, daß auch Regeln und Riten bedingt sind und angepasst werden müssen, wenn sich die äußeren Bedingungen änden?
fotost hat geschrieben:
Wer kann erklären, was in diesem Zusammenhang 'Hängen an Regeln und Riten' bedeutet, die Rede wendet sich immerhin direkt an Mönche?

Hi fotost

Ich denke man kann es auch als Hängen an Aufgaben & Routine bzw. als mangelhafte Spontanität verstehen ("Ohne Terminkalender geht nix!"), oder als Hängen an rituellen Zeremonien ("Quetzalcoatl huldigen führt zur Befreiung!").

Kurzum, dass eine Person an regelhaften Abläufen festhält & die Annahme vorhanden ist, diese würden für die Praxis (anstelle des Edlen Achtfachen Wegs) ausreichen.

fotost hat geschrieben:
War sich Buddha bewusst, daß auch Regeln und Riten bedingt sind und angepasst werden müssen, wenn sich die äußeren Bedingungen änden?

Mit Sicherheit, deswegen sollte man ja auch möglichst nicht daran hängen bleiben, was allerdings nicht bedeutet, dass man die geistige Entwicklung ohne den ethischen Teil des Edlen Achtfachen Wegs haben kann.

Grüße
fotost hat geschrieben:
War sich Buddha bewusst, daß auch Regeln und Riten bedingt sind und angepasst werden müssen, wenn sich die äußeren Bedingungen änden?

sílabbata-parāmāsa die 3. Fessel hat damit aber nichts zu tun.
Für sílabbata-parāmāsa ist es egal ob es nun diese oder eine
andere Regel ist. sílabbata-parāmāsa ist der Glaube alleine durch
Anhaften an Taten bzw. Tugenden das Heil erringen zu können.
Dabei ist es nicht erheblich welche das sind.
Hallo,

ich sehe die 2. und 3. Fessel als die Kehrseite einer Medaille.

Mittels des Edlen Achtpfades hat der Yogi den Stromeintritt verwirklicht. Also weiß er aus eigener Erfahrung, dass dieser Weg zum Nibbana führt. Hier versiegt die Zweifelsucht. Was man selbst erfahren hat, wird nicht mehr angezweifelt (auch wenn es manchmal besser wäre). Im Umkehrschluß muß gleichzeitig der Glaube daran, dass Regeln und Riten zum Ziel führen versiegen. Eins geht mit dem anderen einher. Die Brahmenpriester sind ja ausgewiesene Experten der Ritualistik. Deren Weg spricht der Buddha direkt mit der 3. Fesseln an, wie auch die Riten der Selbstkasteiung unter einigen Samana.

Gruß
Florian
fotost hat geschrieben:

Wer kann erklären, was in diesem Zusammenhang 'Hängen an Regeln und Riten' bedeutet, die Rede wendet sich immerhin direkt an Mönche?


Soweit ich das verstehe:

Das Paliwort ist sīlabbata parāmāsa. Parāmāsa bedeutet anklammern, sīlabbata bedeutet Ritual, sonst nichts. Die Übersetzung mit "Regeln" finde ich irreführend. Es bezieht sich wohl auf religiöse Riten, das scheint mir in Wikipedia gut definiert zu sein:

Als religiöse Riten lassen sich alle in einer Religionsgemeinschaft üblichen oder geregelten Praktiken oder Rituale bezeichnen, die der religiösen Lebensführung oder dem Kult dienen (Gottesdienste, liturgische und kultische Handlungen aller Art, die Feier religiöser Feste, Anbetungsgesten und Verehrungspraktiken, die Rezitation von Gebeten oder Mantras, religiöse Tänze und Gesänge, Orakelbefragungen, Beschwörungen, magische Rituale, Heilungsrituale, rituelle Waschungen von Menschen oder Gegenständen, der Vollzug der Beschneidung, der Taufe oder sakramentaler Handlungen, Opfer-, Reinigungs-, Segnungs- oder Weihehandlungen u.v.m.). Sie können gemeinschaftlich (in Familie, Dorfgemeinschaft, Gottesdienstgemeinde etc.) oder auch vom Einzelnen allein praktiziert werden. Häufig sind besonders qualifizierte Vorsteher, Amtsträger, Priester, Schamanen, Heiler oder Kultdiener mit der Ausführung oder Leitung dieser Handlungen oder Zeremonien betraut.

Das religiöse Ritual hat laut Geo Widengren[1] eine enge Verbindung zum Mythos. Widengren unterscheidet zwischen apotropäischen und eliminatorischen Riten, die der Abweisung oder Beseitigung böser Mächte dienen, auf der einen sowie Geburts- und Initiationsriten (im weiteren Sinn Kasualien) auf der anderen Seite.


fotost hat geschrieben:
War sich Buddha bewusst, daß auch Regeln und Riten bedingt sind und angepasst werden müssen, wenn sich die äußeren Bedingungen änden?


Ich wüsste nicht welche Riten es im Buddhaorden gegeben hätte, die Ordensregeln und "Rituale" im Sinne von wiederholten Bräuchen, wie etwa Uposatha, fallen meines Erachtens nicht unter die Riten die hier gemeint sind. Gemeint sind wohl die zahlreichen religiösen Riten, wie sie z.B. im Brahmanismus ausgeführt werden.

Schöne Grüße,
mukti
Danke für eure Antworten, es hat mir sehr beim Weiterlesen geholfen.

Von der reinen Übersetzung her scheint es auf verschiedenen Sites eine 70:30 Haltung zu geben, zwischen sīlabbata bedeutet 'Regeln und Riten' und 'nur Riten' wobei dann ein Begriff von Ritus angenommen wird, der sehr nahe bei dem von mukti zitierten Wiki Text liegt. Aber das ist nicht so entscheidend.

Vom Inhalt her ist es mir für meinen Entwicklungsstand jetzt klarer. (Regeln und) Riten sind ein Sprungbrett - wenn man die Zweifelsucht überwunden hat und es abgesprungen ist, verliert das Sprungbrett an Bedeutung.

Und wenn man nicht weit genug gesprungen ist, freut man sich, daß das Sprungbrett liegen geblieben ist und richtet es vielleicht etwas neu aus :lol:
fotost hat geschrieben:
Von der reinen Übersetzung her scheint es auf verschiedenen Sites eine 70:30 Haltung zu geben, zwischen sīlabbata bedeutet 'Regeln und Riten' und 'nur Riten' wobei dann ein Begriff von Ritus angenommen wird, der sehr nahe bei dem von mukti zitierten Wiki Text liegt.


Hab's vom Wörterbuch des Klaus Mylius. Die zusätzliche Übersetzung mit "Regeln" ergibt gleich einen ganz anderen Sinn. Nicht an Regeln hängen? Der Buddha hat größten Wert darauf gelegt dass die Mönchsregeln, die er selber aufgestellt hat, eingehalten werden. Wieso wäre es eine Fessel an diesen Regeln festzuhalten, verstehe ich nicht. Vielleicht weil man sich nicht mehr an eine Regel zu halten braucht, wenn man ihren Sinn verwirlicht hat? Aber wie kann dann das Anhaften an diese Regel eine Fessel sein? Ist der Sinn erkannt, wird die Regel ja erst recht erfüllt.

Was ist mit Ritual gemeint? Nicht jede regelmäßige Handlung ist ein Ritual. Zähneputzen etwa ist kein Ritual. Ein Ritual oder Ritus ist symbolisch, eine Handlung die auf etwas bestimmtes hinweisen soll. Das Taufritual der Kirche weist z.B. auf eine geistige oder seelische Reinigung hin, wie auch das Baden im Ganges usw. Der Ganges wäre göttlichen Ursprunges und daher reinige er.

Ein Ritus weist also auf einen Glaubensinhalt hin, auf etwas das angeblich nur auf überweltliche Weise oder mit höherer Geisteskraft erfahrbar ist. So etwas gibt es im Buddhismus, auch im Palikanon. Es wird erklärt wie es erfahren werden kann, aber gibt es dort Riten, die das ausdrücken sollen? Sakramente, magische oder mystische Zeremonien? Ich könnte mir vorstellen dass es das ist, was hier mit "hängen an Riten" gemeint ist. Der Buddha hat Erkennen gelehrt und nicht emotionale Anbindung an Glaubensinhalte.

Sind nur ein paar unausgereifte Überlegungen dazu.
Hallo Mukti,

es gibt in den Mönchsgedanken

[16.6.3 Die Erlaubnis mindere Regeln aufzuheben]
Wenn man es verlangt, Anando, soll die Jüngerschaft nach meinem Verscheiden die minderen Verordnungen und was damit zusammenhängt aufheben. -


Digha Nikāya 16.6 http://www.palikanon.com/digha/d16_6.htm#16.6.3

Interessanterweise ist dabei nirgendwo festgelegt was mindere Verordnungen (Regeln) sind. Buddha hat wohl einerseits auf die Mönchsgemeinde vertraut und andererseits akzeptiert, daß Regeln immer in Wechselwirkung zu äußeren Bedingungen stehen. Wenn man das so sehen mag, sind minderer Regeln alles, was nicht zum absoluten Kern der Lehre gehört.

Ritus. Ich bin kein asiatischer Mönch, aber ist deren Leben nicht weitgehend von Riten bestimmt? Regelmäßiges (tägliches) gemeinsames Aufsagen von Texten in Fremdsprachen, öffentliches Bekennen von Vergehen in stundenlangen Zeremonien, öffentliche Aufnahmerituale in den Orden, Weihen/Segnen von Neubauten, Schiffen, Autos oder was Laien sonst noch so gesegnet haben möchten. Und das nur im Theravada. Da gehen sinnvolle Umsetzung von Regeln und Ritus/Tradition wild durcheinander und ich habe massive Probleme, eins vom anderen zu unterscheiden.

Danke für die Quelle Deiner ursprünglichen Übersetzung von sīlabbata. Für mich war das der Hauptanlass, weiterzulesen und dabei musste ich eben die Unterschiede der verwendeten Übersetzungen feststellen.
fotost hat geschrieben:
... Für mich war das der Hauptanlass, weiterzulesen und dabei musste ich eben die Unterschiede der verwendeten Übersetzungen feststellen.

Wobei es bei der 3 Fesseln genau genommen darum geht, ob
aus tieferer Einsicht heraus noch angenommen werden kann,
es könne durch irgend eine Tugend das Heil und die Rettung
für ein Ich erlangt werden.
Hallo fotost,

also erstmal, ich weiß nicht ob sīlabbata parāmāsa im Theravada ein strittiger Punkt ist, es gibt einige unklare Stellen im Palikanon die innerhalb des Theravada verschieden gesehen oder diskutiert werden. Aber wenn man mit "Regeln" übersetzt stellt sich die Frage welche Regeln. Regeln im Allgemeinen oder bestimmte? Regeln in Zusammenhang mit einem Ritus?

fotost hat geschrieben:
es gibt in den Mönchsgedanken

[16.6.3 Die Erlaubnis mindere Regeln aufzuheben]
Wenn man es verlangt, Anando, soll die Jüngerschaft nach meinem Verscheiden die minderen Verordnungen und was damit zusammenhängt aufheben. -


Möglich, dass die minderen Verordnungen damit gemeint sind, oder dass gemeint ist, man soll nicht an der Regel um der Regel willen anhaften. Ich habe auch im Kanon sowas gelesen, dass die Regeln nicht starre Gesetze sind sondern dass man immer den Sinn der Sache und die jeweilige Situation berücksichtigen sollte. Macht auch Sinn, wenn es z.B. eine Regel gibt dass man bei Regen nicht ausser Haus gehen sollte, wenn das aber dringend nötig ist, dann sollte man wohl nicht an dieser Regel anhaften.

fotost hat geschrieben:
Ritus. Ich bin kein asiatischer Mönch, aber ist deren Leben nicht weitgehend von Riten bestimmt? Regelmäßiges (tägliches) gemeinsames Aufsagen von Texten in Fremdsprachen, öffentliches Bekennen von Vergehen in stundenlangen Zeremonien, öffentliche Aufnahmerituale in den Orden, Weihen/Segnen von Neubauten, Schiffen, Autos oder was Laien sonst noch so gesegnet haben möchten. Und das nur im Theravada.


Da ist die Frage wie man Ritus definiert. Aufsagen von Texten in Pali macht Sinn für diejenigen, die Pali verstehen, und bewahrt die Sprache, die der des Buddha am Nächsten kommt. Bekennen von Vergehen innerhalb der Mönchsgemeinde macht Sinn weil sie "eines Sinnes" sein soll, ohne versteckte Übertretungen. Und es hilft auch Übertretungen in Zukunft zu vermeiden, das Gewissen zu wecken. Aufnahme findet nach festgelegten Regeln statt, nicht nach Beliebigkeit, mit einer durchdachten Struktur. Was da heute alles von Mönchen gesegnet wird verwundert mich etwas, weil ich noch keine Stelle im Kanon gefunden habe, wo der Buddha das empfiehlt.
Meiner Ansicht nach hat der Buddha den Orden gegründet um die bestmöglichen Bedingungen zur Befreiung bzw. Erleuchtung zu schaffen. Alles dient diesem Zweck. Er hat das Vertrauen betont, aber nicht rituell befestigt. Wenn heute unter Rezitationen eine Buddhastatue mit irgendwas übergossen und irgendwie eingeweiht wird, ist das bestenfalls eine rituelle Manifestation des Vertrauens in den Buddha. Es soll wohl auch das Vertrauen im Volk fördern. Anfänglich soll es gar keine Statuen gegeben haben. Da hat sich halt allmählich etwas herangebildet das ja nicht unbedingt alles unheilsam sein muss, wenn man es richtig auffasst. Also z.B. eine Statue erinnert an den Buddha aber sie ist nicht heilig wie etwa im Hinduismus, wo sie oft buchstäblich als Manifestation Gottes angesehen wird.

fotost hat geschrieben:
Da gehen sinnvolle Umsetzung von Regeln und Ritus/Tradition wild durcheinander und ich habe massive Probleme, eins vom anderen zu unterscheiden.


Geht mir auch so, aber ich will das jetzt auch nicht aufwendig untersuchen. Riten spielen für mich keine wichtige Rolle mehr. Nicht als symbolische Handlung die auf etwas Höheres hinweisen soll wie Eucharistie, Opferhandlungen, Wassergeplätscher, Segnungen usw. was nach meiner Erfahrung nichts anderes bewirkt als eine emotionale Anhebung oder ein Gefühl der Bindung an etwas Höheres oder Überweltliches. Regeln sind Richtlinien deren Sinn sich erkennen lässt. Man muss ja nichts annehmen nur weil es eine Tradition ist.

Schöne Grüße
fotost hat geschrieben:
Danke für eure Antworten, es hat mir sehr beim Weiterlesen geholfen.

Von der reinen Übersetzung her scheint es auf verschiedenen Sites eine 70:30 Haltung zu geben, zwischen sīlabbata bedeutet 'Regeln und Riten' und 'nur Riten' wobei dann ein Begriff von Ritus angenommen wird, der sehr nahe bei dem von mukti zitierten Wiki Text liegt. Aber das ist nicht so entscheidend.

Vom Inhalt her ist es mir für meinen Entwicklungsstand jetzt klarer. (Regeln und) Riten sind ein Sprungbrett - wenn man die Zweifelsucht überwunden hat und es abgesprungen ist, verliert das Sprungbrett an Bedeutung.

Und wenn man nicht weit genug gesprungen ist, freut man sich, daß das Sprungbrett liegen geblieben ist und richtet es vielleicht etwas neu aus :lol:

Hi fotost

Der Punkt ist Regeln & Riten sind weder Problem noch Lösung.

Entscheidend ist in dem Fall die Anhaftung (& Überwinden der Anhaftung).

Grüße
accinca hat geschrieben:
Wobei es bei der 3 Fesseln genau genommen darum geht, ob
aus tieferer Einsicht heraus noch angenommen werden kann,
es könne durch irgend eine Tugend das Heil und die Rettung
für ein Ich erlangt werden.


Würde das nicht anatta-Erkenntnis bedeuten, oder wie meinst du es? Wieso gibt es dann noch höhere die Fesseln die noch nicht gelöst sind?


Wie die jüngeren Stiere, so werden jene Bhikkhus, welche die fünf an die niedere Welt bindenden Fesseln gesprengt haben, um in höherer Welt wiederzuerscheinen, dort zum endgültigen Erlöschen zu gelangen und zu dieser Welt nicht mehr zurückkehren, quer über den Strom Māras heil hinüber kommen.
http://www.palikanon.com/majjhima/kurt_ ... m#_ftnref3
mukti hat geschrieben:
accinca hat geschrieben:
Wobei es bei der 3. Fesseln genau genommen darum geht, ob
aus tieferer Einsicht heraus noch angenommen werden kann,
es könne durch irgend eine Tugend das Heil und die Rettung
für ein Ich erlangt werden.

Würde das nicht anatta-Erkenntnis bedeuten, oder wie meinst du es?
Wieso gibt es dann noch höhere die Fesseln die noch nicht gelöst sind?

Nicht mal alle fünf der niederen Fesseln.
Die ersten drei Fesseln hängen eben sehr zusammen. Trotzdem
wird ja "mano" das "Ich bin dünken" nicht direkt mit aufgehoben.
Die stecken aber alle im Bewußtsein drin. Auch andere Fesseln
von denen u.U. noch gar nichts bekannt ist wie rupa-raga und
a-rupa-raga.
fotost hat geschrieben:

Ritus. Ich bin kein asiatischer Mönch, aber ist deren Leben nicht weitgehend von Riten bestimmt? Regelmäßiges (tägliches) gemeinsames Aufsagen von Texten in Fremdsprachen,


Dies dient zum auswendig lernen und zum Erhalt der Lehre.
Auch dienen die Texte zur eigenen Kontemplation der Ordinierten.

fotost hat geschrieben:

Ritus. öffentliches Bekennen von Vergehen in stundenlangen Zeremonien,


Nicht Stundenlange Zeremonien.
Die Regeln werden rezitiert und die Ordinierten sprechen vor der Ordiniertengemeinschaft (nicht öffentlich) aus, worin sie gefehlt haben. Dies dient um in der Ordens - Gemeinschaft friedlich miteinander zu leben, zur eigenen Läuterung, zum eigenen lernen und auch da wieder, die Regeln die der historische Buddha seinem Orden gegeben hat weiter zu geben und zu erhalten.

fotost hat geschrieben:
Ritus. Weihen/Segnen von Neubauten, Schiffen, Autos oder was Laien sonst noch so gesegnet haben möchten.


Aus Mitgefühl geben sie den Laien ein Geländer. Solche Zeremonien gehen meist mit Belehrungen an die Laien einher. Außerdem bieten sie damit auch den Menschen ein Feld des Verdienstes.
Laien und Ordinierte leben in einer Symbiose.

Der Vinaya dient dazu, dass die Ordinierten sich möglichst wenig Gedanken um weltliche Dinge machen müssen und so die erforderliche Geistesruhe erhalten um zügig auf dem Pfad fortzuschreiten und sich mit dem Studium und Erhalt der Lehre beschäftigen können.

Ja, Ananda hat versäumt nach den minderen Regeln zu fragen. Aber besser ein paar mindere Regeln mit einhalten, als wichtige Regeln zu vernachlässigen.
Die meisten Menschen, auch die Ordinierten sind weder Stromeingetretene oder mehr und bedürfen der Regeln um das Zusammenleben zu erleichtern.
Gier, Hass und Verblendung sind seit Buddhas Zeiten nicht weniger geworden.

fotost hat geschrieben:
öffentliche Aufnahmerituale in den Orden,

Sie sind nicht immer öffentlich.
Es ist ein wichtiger Schritt für den zukünftigen Ordinierten ins Hauslose zu gehen.
Dies wird da noch einmal deutlich gemacht.

»In veränderte Verhältnisse bin ich eingetreten«, das sollte der Mönch öfters bei sich erwägen.
»Von anderen abhängig ist mein Lebensunterhalt.« Das sollte der Mönch öfters bei sich erwägen.
»Ein anderes Benehmen muß ich zeigen.« Das sollte der Mönch öfters bei sich erwägen.
A.10.48

(Heilsame) Regeln und Riten abzuschaffen bevor man sie überwunden hat?
Das geht wohl nach hinten los.
(Heilsame) Regeln wie der Vinaya im Zusammenleben einzuhalten,
ist doch für einen der da nicht mehr dran haftet ein einfaches Ding.
Auflehnen tun sich diejenigen, die sich noch einen großen Kopf drum machen, Angst haben etwas zu verlieren usw. und insofern daran haften.

()
Hallo,

Kusala hat geschrieben:
Die Regeln werden rezitiert und die Ordinierten sprechen vor der Ordiniertengemeinschaft (nicht öffentlich) aus, worin sie gefehlt haben.


dies mag manchmal der Fall sein, ganz häufig ist es aber nicht so. Bei Verstößen gegen mindere Regeln - und damit also fast alle - wird die Sache mit einem standardisierten Text in einem "Zwiegespräch" mit einem Mönchsbruder abgehandelt. Der konkrete Verstoß wird nicht genannt. Erst im Anschluß kommen die Mönche in der Sima zusammen, um den Patimokkha zu rezitieren, wo die Mönchsgemeinschaft dann bestätigt, dass sie rein ist.

Gruß
Florian
Buddhaghosa hat geschrieben:
dies mag manchmal der Fall sein, ganz häufig ist es aber nicht so. Bei Verstößen gegen mindere Regeln - und damit also fast alle - wird die Sache mit einem standardisierten Text in einem "Zwiegespräch" mit einem Mönchsbruder abgehandelt. Der konkrete Verstoß wird nicht genannt. Erst im Anschluß kommen die Mönche in der Sima zusammen, um den Patimokkha zu rezitieren, wo die Mönchsgemeinschaft dann bestätigt, dass sie rein ist.


... oder man spricht zeitnah mit einem/einer Älteren darüber.

Du siehst fotost, alles halb so wild. :)

()
accinca hat geschrieben:
mukti hat geschrieben:
accinca hat geschrieben:
Wobei es bei der 3. Fesseln genau genommen darum geht, ob
aus tieferer Einsicht heraus noch angenommen werden kann,
es könne durch irgend eine Tugend das Heil und die Rettung
für ein Ich erlangt werden.

Würde das nicht anatta-Erkenntnis bedeuten, oder wie meinst du es?
Wieso gibt es dann noch höhere die Fesseln die noch nicht gelöst sind?

Nicht mal alle fünf der niederen Fesseln.
Die ersten drei Fesseln hängen eben sehr zusammen. Trotzdem
wird ja "mano" das "Ich bin dünken" nicht direkt mit aufgehoben.
Die stecken aber alle im Bewußtsein drin. Auch andere Fesseln
von denen u.U. noch gar nichts bekannt ist wie rupa-raga und
a-rupa-raga.


Also das "Ich bin" wird so weit aufgehoben, dass man nicht mehr glaubt, Regeln und Riten könnten das Ich bessern oder erhalten. Dann weiß man dass Regeln und Riten dazu führen das "Ich bin" aufzuheben. Habe ich dich da richtig verstanden? Mir erschließt sich deinText nicht so ganz.
mukti hat geschrieben:
Also das "Ich bin" wird so weit aufgehoben, dass man nicht mehr glaubt, Regeln und Riten könnten das Ich bessern oder erhalten. Dann weiß man dass Regeln und Riten dazu führen das "Ich bin" aufzuheben. Habe ich dich da richtig verstanden? Mir erschließt sich dein Text nicht so ganz.

Dann ist es gut, das du noch einmal darauf zurück kommst.
Vielleicht ist es auch in der Übersetzung der Lehre nicht ganz so klar geworden:

Wenn die Fessel die zur falschen Ansicht vom Dasein (sakkāya-ditthi) führt,
aufgehoben wird, dann kann auch erkannt werden, das zur Auflösung des
Anhaftens an dieses Dasein "gutes Tun" nicht ausreicht Anhaften an
eben diesem Dasein aufzuheben und das Problem zu lösen.

Die Aufhebung der Fesseln von der falschen "Ansicht vom
Dasein" (1. Fessel) zerstört nur diese falsche Ansicht/Anschau
des Daseins aber nicht das ganze Anhangen am Dasein.

Vor der Aufhebung der ersten Fessel hätte sich ja auch
eine Lösung das Daseinsproblems nicht wirklich ergeben können.
Diese 1. Fessel stabilisiert daher letztlich auch alle anderen 9 Fesseln.

Im Grunde besteht die 1. Fessel der am Dasein fesselnden 10 Fesseln
tatsächlich nur durch das grundsätzliche Anhaften an (falscher) Daseins-Anschau/Ansicht.

(jetzt ein etwas schwieriger Satz - wer kann ihn besser?:)
Das Dasein in der Daseins-Anschau/Ansicht erhalten zu wollen aufgeben,
ist das nicht mehr am Dasein in der Anschau/Ansicht Anhaften. (sakkāya-ditthi)

Die Lösung des Daseinsproblems nicht im Aufgeben eben dieses
Daseins zu erkennen, das ist die 1. Fessel die am Dasein fest hält.


Alles Anhaften am Dasein zu überwinden ist dann die so nur möglich
gewordene Aufgabe die ohne die Auflösung dieser 1. Fessel gar nicht
möglich gewesen wäre.

Die Übungen welche zur Überwindung der Fesseln führen sind die
schon bekannten die hohen Lohn und Segen bringen:

Zehn Wahrnehmungen, ihr Mönche, wenn entfaltet und häufig geübt,
bringen hohen Lohn und Segen; sie münden im Todlosen, enden
im Todlosen. Welche zehn?

(56) Die Wahrnehmung der Unreinheit (des Körpers),
des Todes, des Ekelhaften bei der Nahrung,
der Reizlosigkeit des ganzen Daseins, der
Vergänglichkeit, des Leidhaften in der Vergänglichkeit,
der Ichlosigkeit im Leidhaften, des Aufgebens, der
Entsüchtung und des Erlöschens.

(57) Die Wahrnehmung der Vergänglichkeit, der Ichlosigkeit,
des Todes, des Ekelhaften bei der Nahrung, der
Reizlosigkeit des ganzen Daseins;
die Vorstellung eines Knochengerippes,
einer von Würmern angefressenen Leiche,
einer blau-schwarz verfärbten Leiche,
einer zerstückelten Leiche, einer aufgedunsenen Leiche.
Ich versuche es mal mit anderen Worten.

Durch das "keimhafte Aufblitzen" von Nibbana, also frei sein von Gier, Hass und Verblendung,
erkennt man den falschen Glauben** an ein Ich (sakkāya-ditthi), was aber nicht bedeutet, dass der Dünkel (māna) dadurch schon ganz schwindet.
Durch diese Erfahrung wird man frei von Zweifel bezüglich Buddha, Dhamma, Sangha (vicikicchā) und ist gesichert.
Standardsatz im PK: "Da ist ein Mensch nach Schwinden der drei Fesseln in den Strom eingetreten, gesichert, der vollen Erleuchtung gewiß."

Man weiß ab dem Zeitpunkt (da man das Ziel, Nibbana, "das Todlose" nun selber kennt), dass Rituale wie Pujas, Anzünden einer Kerze am Altar usw.
nicht Zielführend sind und man hängt nicht mehr an ihnen (sīla-bbata-parāmasa),
benötigt sie nicht mehr als "Geländer".
Trotzdem macht man sie noch (getragen von mettā, karunā, muditā und upekkhā) gerne für Menschen, die dieses "Geländer" noch benötigen.

()

** Falscher Glaube insofern, da ja ein konventionelles, "empirisches" "Ich" besteht. Sonst könnten wir nicht kommunizieren, arbeiten, lernen usw.
Der falsche Glaube ist, dass es ein Unveränderbares, Festes, Überdauerndes, eine Konstante (Seele/Atman) gibt. Das nichterkennen der Prozesshaftigkeit. Ursache bedingte Entstehung.
Noch ein kleiner Nachtrag zu den Ordensregeln und zudem was ich gestern schrieb.

A.X.31 Zweck der Ordenssatzung


Der ehrwürdige Upāli sprach zum Erhabenen: »Aus wie vielen Gründen, o Herr, hat wohl der Erhabene seinen Jüngern die Übungsregeln (der Ordenszucht) vorgeschrieben und die Ordenssatzung vorgetragen?«

-»Aus zehn Gründen, Upāli, nämlich:

um des Wohlergehens und Wohlbefindens der Gemeinde willen;
zur Erziehung sittenloser Mönche und zur Förderung eines friedlichen Lebens der guten Mönche;
zur Abwehr gegenwärtiger übler Einflüsse und zur Verhütung künftiger;
zur Weckung des Vertrauens in Vertrauenslosen und zur Stärkung des Vertrauens in Vertrauensvollen;
zur Stärkung und Fortdauer der Guten Lehre und zum Schutze der Ordenszucht.«

()
Hallo accinca,

nur zu meiner derzeitigen Sicht der ersten Fessel, damit das mal klar wird:

accinca hat geschrieben:
Die Aufhebung der Fesseln von der falschen "Ansicht vom
Dasein" (1. Fessel) zerstört nur diese falsche Ansicht/Anschau
des Daseins aber nicht das ganze Anhangen am Dasein.


Sie zerstört die Ansicht "ich bin dieser physische Körper", eine Person, ein Mensch der geboren wurde, jetzt existiert und stirbt. Daher führen diese Übungen der zehn Wahrnehmungen, die du zitierst, zur Aufhebung der ersten Fessel.

accinca hat geschrieben:
Die Lösung des Daseinsproblems nicht im Aufgeben eben dieses
Daseins zu erkennen, das ist die 1. Fessel die am Dasein fest hält.


Wenn die erste Fessel aufgehoben ist, ist das physische Dasein bereits aufgegeben. Die erste Fessel alleine kann nicht ohne die übrigen 4 aufgehoben sein glaube ich. Die 5 niederen Fesseln hängen zusammen.

Schöne Grüße,
mukti
mukti hat geschrieben:
Wenn die erste Fessel aufgehoben ist, ist das physische Dasein bereits aufgegeben. Die erste Fessel alleine kann nicht ohne die übrigen 4 aufgehoben sein glaube ich. Die 5 niederen Fesseln hängen zusammen.mukti

Nein, das entspricht nicht der Lehre. Die Lehre ist:
Wer die drei ersten Fesseln Aufgehoben hat ist Stromeingetreten.
Wer die drei ersten Fesseln Aufgehoben hat und die 4. und 5. schon
sehr stark gemindert hat, der ist "Einmalwiederkehrer" in der Sinnengenußwelt.
Wer alle 5 ersten Fessel aufgehoben hat der ist Nichtwiederkehrer,
kehrt nicht mehr in einer Sinnengenußwelt wieder.
Der Páli-Begriff sakkāya (= sat-kāya) bedeutet genauer:
"daseis-struktur" die sind die fünf Daseinskomponenten an denen angehaftet wird
oder die veränderlichen Daseinskomponenten von körperlichen und geistigen
Vorgängen, die auch fälschlich für eine beharrende Persönlichkeit gehalten werden.

Der Ehrw. Nyánatiloka sagt daher in seinem 'Buddhistischen
Wörterbuch' mit Recht, daß die Wiedergabe von sakkáya mit
'Persönlichkeit "nicht ganz einwandfrei" ist. Doch da sie sich
eingebürgert hat - besonders für sakkáya-ditthi, 'Persönlichkeitsansicht' -
wurde sie hier beibehalten.
accinca hat geschrieben:
Nein, das entspricht nicht der Lehre. Die Lehre ist:
Wer die drei ersten Fesseln Aufgehoben hat ist Stromeingetreten.
Wer die drei ersten Fesseln Aufgehoben hat und die 4. und 5. schon
sehr stark gemindert hat, der ist "Einmalwiederkehrer" in der Sinnengenußwelt.
Wer alle 5 ersten Fessel aufgehoben hat der ist Nichtwiederkehrer,
kehrt nicht mehr in einer Sinnengenußwelt wieder.


Ja, hat nicht ganz gestimmt. Wer stromeingetreten ist, kehrt wieder, also ist mit der Lösung der ersten drei Fesseln das physische Dasein nicht aufgegeben. Das ist erst mit der Lösung aller 5 niederen Fesseln aufgegeben.

Also mit der Lösung der 3. Fessel wäre die Anhaftung an Regeln und Riten gelöst, und zwar indem erkannt ist, dass sie nicht der alleinige Weg zur Befreiung sind.
Die 3. Fessel ist die Ansicht, dass durch Festhalten an Regeln und Riten eine Verbesserung oder ein Weiterbestehen des Ich erreicht werden könne, sagst du. Also durch Regeln und Riten alleine kann man nicht die Befreiung erreichen. Einhalten von Regeln (Tugenden) führt noch nicht zur Befreiung, und Ausübung von Riten, z.B. Rezitationen, Anrufungen usw. führt auch nicht zur Befreiung. Wenn ich das jetzt richtig verstehe.

Demnach wäre z.B. das Erlangen eines höheren Daseins, in dem dann Befreiung erreicht wird, mittels Anrufung des "Amithaba" nicht möglich? Der Ritus alleine könnte dann nicht zu einer entsprechenden Läuterung führen?
mukti hat geschrieben:
Ja, hat nicht ganz gestimmt. Wer stromeingetreten ist, kehrt wieder, also ist mit der Lösung der ersten drei Fesseln das physische Dasein nicht aufgegeben. Das ist erst mit der Lösung aller 5 niederen Fesseln aufgegeben.

Ja, genau.

Also mit der Lösung der 3. Fessel wäre die Anhaftung an Regeln und Riten gelöst, und zwar indem erkannt ist, dass sie nicht der alleinige Weg zur Befreiung sind.

Sie sind überhaupt nicht ausreichend zur Befreiung.

Demnach wäre z.B. das Erlangen eines höheren Daseins, in dem dann Befreiung erreicht wird, mittels Anrufung des "Amithaba" nicht möglich? Der Ritus alleine könnte dann nicht zu einer entsprechenden Läuterung führen?


Ganz Genau! Aber das einhalten der Tugenden ist wichtig um Streitereien
zu vermeiden, Gier und Haß zu zügeln den Geist zu beruhigen und in Frieden
üben zu können und Gefahren und Leiden zu vermindern oder zu vermeiden.
Aber das reicht natürlich noch nicht aus für nibbana. Ist aber notwendig auch
evt. für etwas höheren Dasein nach dem Tode im sinnlichen Bereich.

Anders mit dem Waschen in einem "heiligen" Fluß oder
dem Feueropfer oder den Gebetsmühlen drehen oder
dem "Amithaba" oder "Buddha" rufen, Mandala legen,
Bogen schießen, Kerzen anzünden und dergleichen mehr.
Das ist ganz und gar als (für die völlige Befreiung) als unsinnig
erkannt wo die drei Fesseln aufgehoben sind. Zu seinem "Vergnügen"
oder auf einem Fest für die Kinder kann er das natürlich immer noch machen.
Er kann sich davon aber nicht mehr das Heil erhoffen.
accinca hat geschrieben:
mukti hat geschrieben:
Also mit der Lösung der 3. Fessel wäre die Anhaftung an Regeln und Riten gelöst, und zwar indem erkannt ist, dass sie nicht der alleinige Weg zur Befreiung sind.

Sie sind überhaupt nicht ausreichend zur Befreiung.


Sie reichen nicht aus, das alleine genügt nicht. Anhaftung an Regeln und Riten bezeichnet hier den Glauben, die unrichtige Ansicht, dass die zur Befreiung führen, ohne dass man auf etwas anderes auch noch achten müsste.

Nun ist der achtfache Pfad geregelt, und alle diese Regeln können ja nicht gemeint sein, weil man sich auf geregelte und rechte Weise anstrengen muss bis zur endgültigen Erleuchtung. Es betrifft wohl, wenn die Übersetzung mit "Regeln" stimmt, vor allem oder vielleicht ausschließlich die Sittenregeln, und nicht die Regeln für Sammlung und Wissen. Also dass Sammlung und Wissen nur auf bestimmte, rechte Weise entfaltet werden kann.

Und auch der Begriff "Ritus" müsste wohl definiert sein, man könnte z.B. eine regelmäßige Meditationsart ja auch als ein Ritual bezeichnen.
Kusala hat geschrieben:
Ich versuche es mal mit anderen Worten.

Durch das "keimhafte Aufblitzen" von Nibbana, also frei sein von Gier, Hass und Verblendung,
erkennt man den falschen Glauben** an ein Ich (sakkāya-ditthi), was aber nicht bedeutet, dass der Dünkel (māna) dadurch schon ganz schwindet.


Dann möchte ich dir dazu eine Frage stellen:
Ich kenne natürlich solche Worte. Und selbstverständlich kann die Ich-Ansicht, wie
alles andere auch, natürlich aus nichts anderem entstehen als aus den upādānakkhandhā.

Und von diesen upādānakkhandhā heißt es in M 44 auf die Frage was denn
sakkāya wäre als Antwort: diese upādānakkhandhā wären sakkāya.

Und da dem so ist, wie würdest du dann sakkāya-ditthi übersetzen?
Mit "falschen Glauben an ein Ich"? - Oder würdest du sagen man
sollte dann "upādānakkhandhā" als "falschen Glauben an ein Ich" übersetzen?
Ja, und was ist dann mit atta-ditthi?
sakkāya-ditthi ist identisch mit Atman-Glaube:

"Freund Visākha, ein nicht unterrichteter Weltling, der die Edlen nicht beachtet und in ihrem Dhamma nicht bewandert und geschult ist, der aufrechte Menschen nicht beachtet und in ihrem Dhamma nicht bewandert und geschult ist,

• betrachtet Form als Atman, oder Atman als Form besitzend, oder Form als im Atman enthalten, oder Atman als in Form enthalten.

• Er betrachtet Gefühl als Atman, oder Atman als Gefühl besitzend, oder Gefühl als im Atman enthalten, oder Atman als im Gefühl enthalten.

• Er betrachtet Wahrnehmung als Atman, oder Atman als Wahrnehmung besitzend, oder Wahrnehmung als im Atman enthalten, oder Atman als in der Wahrnehmung enthalten.

• Er betrachtet Gestaltungen als Atman, oder Atman als Gestaltungen besitzend, oder die Gestaltungen als im Atman enthalten, oder Atman als in den Gestaltungen enthalten.

• Er betrachtet Bewußtsein als Atman, oder Atman als Bewußtsein besitzend, oder Bewußtsein als im Atman enthalten, oder Atman als im Bewußtsein enthalten.

Auf diese Weise entsteht die Persönlichkeitsansicht."

(MN 44)

Wobei Atman eine Art unsterbliche Seele bezeichnet:

„Dieser ist mein Atman im inneren Herzen, kleiner als Reiskorn oder Gerstenkorn oder Hirsekorn oder eines Hirsekornes Kern. Dieser ist mein Atman im inneren Herzen größer als die Erde, größer als der Himmel, größer als die Welten. […] Der Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, dies All in sich Fassende, Wortlose, Achtlose, dieser ist meine Seele im inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu dem werde ich, von hier abscheidend eingehen. Wem solches ward, fürwahr, für den gibt es keinen Zweifel.“
– Chandogya-Upanishad (3.14)

Und ebenso kann dieser Atman-Glaube relativ leicht auch aufgegeben werden:

"Freund Visākha, ein wohlunterrichteter edler Schüler, der die Edlen beachtet und in ihrem Dhamma bewandert und geschult ist, der aufrechte Menschen beachtet und in ihrem Dhamma bewandert und geschult ist,

• betrachtet Form nicht als Atman, oder Atman als Form besitzend, oder Form als im Atman enthalten, oder Atman als in Form enthalten.
• Er betrachtet Gefühl nicht als Atman, oder Atman als Gefühl besitzend, oder Gefühl als im Atman enthalten, oder Atman als im Gefühl enthalten.
• Er betrachtet Wahrnehmung nicht als Atman, oder Atman als Wahrnehmung besitzend, oder Wahrnehmung als im Atman enthalten, oder Atman als in der Wahrnehmung enthalten.
• Er betrachtet Gestaltungen nicht als Atman, oder Atman als Gestaltungen besitzend, oder die Gestaltungen als im Atman enthalten, oder Atman als in den Gestaltungen enthalten.
• Er betrachtet Bewußtsein nicht als Atman, oder Atman als Bewußtsein besitzend, oder Bewußtsein als im Atman enthalten, oder Atman als im Bewußtsein enthalten.

Auf diese Weise entsteht die Persönlichkeitsansicht nicht."

(MN 44)

Viele Grüße
Elliot
accinca hat geschrieben:

Und da dem so ist, wie würdest du dann sakkāya-ditthi übersetzen?
Mit "falschen Glauben an ein Ich"? - Oder würdest du sagen man
sollte dann "upādānakkhandhā" als "falschen Glauben an ein Ich" übersetzen?
Ja, und was ist dann mit atta-ditthi?


"Upādānakkhandhā" ist aus meiner Sicht das Anhangen an den Khanda.
Das wähnen, das für wahr nehmen ob grober Wahrnehmung des Weltlings,
dass die Daseinsgruppen eine Persönlichkeit, ein konstantes "Ich" ausmachen.
Da dies aber nicht so ist, führt eben dieses zu dukkha.

Sakkāya-ditthi beinhaltet dann den Vernichtungsglauben, bzw. den Ewigkeitsglauben.
Sozusagen eine Konstante (Persönlichkeit) wird mit dem Tod komplett als Einheit vernichtet oder lebt ewig an einem anderen (wie z.B. der "Christen-himmel/-hölle") Ort weiter.
Ein falscher Glaube an eine Person, eine feste Konstante wie eine überdauernde, unveränderbare Seele.

Es ist aber immer nur ein Prozess des Entstehens und Vergehens geistiger und körperlicher Daseinsphänomene. Nicht mehr und nicht weniger.

Zu "atta-ditthi" lass ich mal Dr. Wolfgang Schumann sprechen:

Warum ist es nützlich, den Buddha als ehemaligen Schüler des Upaniṣadenlehrers Uddaka Rāmaputta zu erkennen? Einerseits, weil es die Herkunft der wichtigsten Lehrelemente des Frühbuddhismus klarstellt, andererseits weil es die Anatta-Lehre des Buddha eindeutig als die buddhistische Gegenthese zum upaniṣadischen Ātman-Glauben identifiziert. Die Upaniṣaden-Philosophen anerkennen eine den Tod überdauernde Seele, in Sanskrit ātman. Der Buddha durchschaute die Ātman-These als eine "Narrenlehre" (M 22,25) und negierte die Existenz einer Seele, die in Pāli attan heißt, durch die Verneinungsvorsilbe an- zu dem Pāli-Wort an-atta, "Nicht-Seele". Warum sollte man dieses Wort weiter als "Nicht-Ich" übersetzen, wenn es sich doch um die Bedeutung "Nicht-Seele" handelt? Nach der Erkenntnis des Buddha vollzieht sich die Wiedergeburt ohne in die Nachexistenz überwandernde Seele als ein bedingter, das heißt polykausaler Vorgang. Die Wesen sind ohne konstanten Kern, sondern leben durch einen Prozess pausenlosen Anderswerdens, in dem Tod und Wiedergeburt nur Stationen sind. Philosophisch betrachtet ist der Frühbuddhismus ein pluralistischer Dynamismus.

Befremden erregt das Pāli-Wort an-atta wenn es adjektivisch benutzt wird und als "seelenlos" oder "unbeseelt" übersetzt werden muss - was abwertend klingt, aber nicht so zu verstehen ist. Der Buddha erkannte das Unbehagen der Menschen, denen er die An-atta-Lehre erklärte, und nahm darauf Rücksicht. Im Zuge seiner Lehrtätigkeit ersetzte er das harte Wort "seelenlos" durch den sanfteren Ausdruck "leer": "seelenlos" (an-atta) und "leer" (suñña) sind im Pāli-Kanon Synonyme. Ein Mönch, der das geistige Anhaften (an der Welt) überwunden hat, erkennt die fünf Komponenten (khandha) der empirischen Person als "leer, nicht eine Seele", erklärte er dem Bhikkhu Ānanda (in M 64,9). Die Leerheit der empirischen Person von einer dauerhaften Seele ist das zentrale Thema des Buddha und, gegenüber den Upaniṣadenlehren, seine große Entdeckung. Die Nichtexistenz einer Seele macht die Erlösung vom Leiden überhaupt erst möglich, denn eine Seele, der Ewigkeit zukommt, könnte niemals im Nibbāna (Skt. nirvāṇa) verlöschen.


Eine Kurzanwort auf alle in Frage gestellten Begriffe, die für mich mehr oder weniger Synonyme sind.
Anhaften an dem Glauben, dass es etwas Unveränderbares, Überdauerndes, genannt als Person gibt.
Glauben daran, dass diese Person nach dem Tod vernichtet ist oder ewig weiter lebt (Seelenglaube).
Das nicht erkennen, dass alles nur Prozesse sind. (Paticcasamuppāda)

Im PK gibt es immer wieder Pali-Synonyme.

Aber lieber accinca, dass weist Du doch alles selber. :)

()
• Er betrachtet Bewußtsein nicht als Atman, oder Atman als Bewußtsein besitzend, oder Bewußtsein als im Atman enthalten, oder Atman als im Bewußtsein enthalten.
Auf diese Weise entsteht die Persönlichkeitsansicht nicht."
sakkāya-ditthi ist identisch mit Atman-Glaube:....

Ja, das natürlich auch, aber das ist nur ein Aspekt.
Es wird hier recht willkürlich entschieden welches Wort
übersetzt wird und welches Wort nicht übersetzt wird.
Das Wort "sakkāyaditthi" wird hier übersetzt. Sogar einfachere
Worte werden nicht übersetzt.

Ich hatte schon darauf hingewiesen, das diese Übersetzung zu kurz faßt ist.
Deswegen will ich das hier mal etwas genauer darlegen um die Wahrheit
der Lehre tiefer zu erkennen. Wer glaubt es käme bei der Lehre nicht
auf Worte an, denn diese seinen ohne Bedeutung, der verfällt einem Extrem.

Aber zurück zu "sakkāya". sakkāya besteht aus zwei Teilen und heißt wörtlich
sat-kāya wobei die ersste Silbe mit "Sein" übersetzt werden kann.
Die zweite Silbe heißt kāya.

Und dieses Wort kennen wir schon in
anderem Zusammenhang wie z.B. bei:
Dígha Nikaya, die Längeren Lehrreden.
Majjhima Nikaya, die Mittleren Lehrreden.
Samyutta Nikaya, die Gruppierten Lehrreden.
Anguttara Nikaya, die Angereihten Lehrreden.
Aber auch bei nama-kaya oder rupa-kaya.

kaya ist also eine Bezeichnung für jede Art von Gebilde,
Anhäufung, Gruppierung usw.

Beide Silben zusammen (sat-kāya) heißen denn soviel
wie " das Daseinsgebilde" oder die seiende Gruppe oder
die seiende Daseinsstruktur. Somit ist sakkāya ein Begriff
für alle khandhās an denen angehangen wird zusammen.

Das heißt das Daseinsgebilde ist sakkāya und sakkāyaditthi ist
die grundsätzliche Ansicht vom Dasein und diese heißt
wie wir ja alle wissen:"Ich bin da!"
und will es möglichst auch bleiben. Und da das nicht geht
ist das der Knackpunkt. - eben Leiden.

Dazu habe ich dann hier noch eine kleine aber sehr grundsätzliche
Lehrrede des Buddha in der dieser von Ziel der Lehre spricht
nämlich von der Aufhebung vom Dasein (sakkāya) und so heißt sie auch:

Vier Menschen, ihr Mönche, sind in der Welt anzutreffen.
Welche vier?

Da gewinnt, ihr Mönche, ein Mönch eine der friedvollen Gemüts-befreiungen
Er erwägt nun die Aufhebung des Daseinsgebildes. (sakkāya-nirodhaṃ)
Indem er aber die Aufhebung des Daseinsgebildes erwägt, fühlt sein Herz keinen
Drang nach Aufhebung des Daseins, findet keinen Gefallen daran, hält nicht daran
fest, ist nicht dahin geneigt.
Bei jenem Mönche ist die Aufhebung des Daseins nicht zu erwarten.

Gleichwie, ihr Mönche, wenn da ein Mann mit harzbeschmierten Händen
einen Zweig ergreifen sollte, ihm die Hände ankleben, anhaften und anhängen möchten,
ebenso gewinnt da, ihr Mönche, der Mönch eine der friedvollen Gemütsbefreiungen.

Er erwägt nun die Aufhebung des Daseins (sakkāyanirodhaṃ manasi karoti).
Indem er aber die Aufhebung des Daseins erwägt, fühlt sein Herz keinen Drang
nach Aufhebung des Daseinst, findet keinen Gefallen daran, hält nicht daran fest,
ist nicht dahin geneigt.
Bei jenem Mönche ist die Aufhebung des Daseins nicht zu erwarten.

Da gewinnt, ihr Mönche, ein Mönch eine der friedvollen Gemüts-befreiungen.
Er erwägt nun die Aufhebung des Daseins. Indem er aber die Aufhebung des
Daseins erwägt, fühlt sein Herz einen Drang nach Aufhebung des Daseins,
findet Gefallen daran, hält daran fest, ist dahin geneigt.
Bei jenem Mönche kann man die Aufhebung der Persönlichkeit erwarten.

Gleichwie, ihr Mönche, wenn ein Mann mit reinen Händen einen Zweig ergreift,
ihm die Hände nicht ankleben, anhaften und anhängen; ebenso gewinnt da,
ihr Mönche, ein Mönch eine der friedvollen Gemütsbefreiungen.
Er erwägt nun die Aufhebung des Daseins. Indem er aber die Aufhebung
des Daseins erwägt, fühlt sein Herz einen Drang nach Aufhebung des Daseins,
findet Gefallen daran, hält daran fest, ist dahin geneigt.
Bei jenem Mönche kann man die Aufhebung des Daseins erwarten.

Da gewinnt, ihr Mönche, ein Mönch eine der friedvollen Gemüts-befreiungen.
Er erwägt nun die Auflösung des Nichtwissens(avijjāppabhedaṃ manasi karoti).
Indem er aber die Auflösung des Nichtwissens erwägt, fühlt sein Herz keinen
Drang nach der Auflösung des Nichtwissen findet keinen Gefallen daran, hält
nicht daran fest, ist nicht dahin geneigt. Bei jenem Mönche ist die Auflösung
des Nichtwissens nicht zu erwarten.

Gleichwie, ihr Mönche, wenn ein Mann an einem mehrere Jahre alten
Stauteiche die Zuflusskanäle verstopft, die Abflusskanäle aber öffnet
und kein rechter Regenschauer kommt, man nicht erwarten kann, dass
der Damm jenes Teiches bricht; ebenso gewinnt da ein Mönch eine
der friedvollen Gemütsbefreiungen.

Er erwägt nun die Auflösung des Nichtwissens. Indem er aber die Auflösung
des Nichtwissens erwägt, fühlt sein Herz keinen Drang nach der Auflösung des
Nichtwissens, findet keinen Gefallen daran, hält nicht daran fest, ist nicht dahin
geneigt. Bei jenem Mönche ist die Auflösung des Nichtwissens nicht zu erwarten.

Da gewinnt, ihr Mönche, ein Mönch eine der friedvollen Gemüts-befreiungen.
Er erwägt nun die Auflösung des Nichtwissens. Indem er nun die Auflösung
des Nichtwissens erwägt, fühlt sein Herz einen Drang nach der Auflösung
des Nichtwissens, findet Gefallen daran, hält daran fest, ist dahin geneigt.
Bei jenem Mönche ist die Auflösung des Nichtwissens zu erwarten.

Gleichwie, ihr Mönche, wenn ein Mann an einem mehrere Jahre alten
Stauteiche die Zuflusskanäle öffnet, die Abflusskanäle aber verstopft
und ein rechter Regenschauer kommt, man zu erwarten hat, dass der
Damm bricht;
ebenso gewinnt da ein Mönch eine der friedvollen Gemütsbefreiungen.
Er erwägt nun die Auflösung des Nichtwissens. Indem er aber die
Auflösung des Nichtwissens erwägt, fühlt sein Herz einen Drang nach
der Auflösung des Nichtwissens, findet Gefallen daran, hält daran fest,
ist dahin geneigt.
Bei jenem Mönche ist die Auflösung des Nichtwissens zu erwarten.

Diese vier Menschen, ihr Mönche, sind in der Welt anzutreffen. A 4, 178

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