Zen und Mind Control von Halfmann

Moderator: void

Dies ist eine sehr kritische Betrachtung den Strukturen und Mittel im organisierten Zen.
Ein paar Sachen, die dort erwähnt werden, habe ich selber auch schon stark bemängelt. Habe aber den Eindruck, dass es nicht in schlechter Absicht war, sondern einfach die Norm, die durch die "Betriebsblindheit" nicht mehr registriert wird. Das kann tatsächlich sehr gravierende Auswirkung haben für den Einzelnen.

https://terebess.hu/zen/mesterek/Halfmann.pdf
Sehr gut geschrieben und leider auch sehr wahr.
Das auch ist einer der Gründe, wieso ich keinen Meister hier in DE bisher akzeptieren konnte, da meine Zeit mit meinem Meister sehr anders war. Wenig "Vorlesungen" und viel mehr Freiheit im Denken und Fühlen Er forderte mich immer auf, Nichts zu glauben, was "er so schwätzt", wenn ich es nicht aus eigener Erfahrung bestätigen kann.
Er war kein Lehrer, sondern ein Mensch, der durch seine Art zeigte, worüber man stolpern kann auf dem Weg.
Bezeichnend war für ihn auch die Ablehnung jeglicher institutioneller Strukturen im Zen.

Leider sehen viele Übende Zen als Weg zu Irgendwas, meist beschritten nach einer massiven negativen Erfahrung in ihrem Leben. Und so sind sie anfällig für "Gurus".
Nur das kein Demiurg wie in monotheistischen Religionen der "Heilsbringer" ist, sondern das Aufgeben des Selbst.

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PS: Vielleicht sollte man dies in einem Thema-thread zum Dialog stellen.
Danke für den Text. Ich kannte ihn noch nicht.
Ich hatte in meinem kleinen Rahmen in solchen festgefahrenen Strukturen auch schon positive Erfahrungen, weil die Menschen dort auf diese subtilen Feinheiten, die mir einfach so aufgefallen sind, eingegangen sind. Es hat mich selbst überrascht wie flexibel und wandelbar so fest eingefahrene Strukturen sein können. Vielleicht braucht es ab und zu einen vom anderen Ufer, um die Betriebsblindheit etwas aufzulockern, statt das organisierte direkt aufzugeben. Vielleicht hatte ich ja auch einfach nur glückliche Umstände.
Halfmann's Papier ist ja nun schon bald 18 Jahre alt. Es wurde seinerzeit in der 'Szene' natürlich auch heftig und kontrovers diskutiert, bis es dann für geraume Zeit im Orkus des Vergessens verschwand. Wie auch der größte Teil der Diskussionen darüber. Einen Beitrag von mir dazu von vor 15 Jahren (also aus dem Jahr 2002) habe ich tatsächlich noch im Internet gefunden. Es ist hier als eine Art zeitgeschichtliches Dokument gedacht, als Beispiel für den seinerzeit geführten Diskurs um Dr. Halfmanns Thesen.

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Die größten Kritiker der Elche
waren früher selber welche
(Robert Gernhardt)


Es kommt immer wieder vor, dass Menschen über viele Jahre hinweg einen erheblichen Teil ihrer Lebensenergie spiritueller Suche, politischen Parteien, Sport- und Karnevalsvereinen o.ä. widmen. Setzt dann die Enttäuschung darüber ein, dass die eigenen Erwartungen und/oder Versprechungen der Organisation nicht erfüllt wurden, treten manche dieser Leute mit ihrem 'Insiderwissen' als Aufklärer auf. Sofern dies mit der Motivation geschieht, Andere vor gleichen Fehlentscheidungen (so empfindet man es jetzt) auf dem Lebensweg zu bewahren, ist dies durchaus löblich. Oft genug allerdings steht der Wunsch im Vordergrund, sich für eine vermeintliche oder tatsächliche ungerechte Behandlung zu revanchieren, indem vor einer interessierten Öffentlichkeit schmutzige Wäsche gewaschen wird. Wie ich bereits früher hier geschrieben habe, möchte und kann ich nicht über Dr. Halfmanns Motive spekulieren. Grundsätzlich sollte aber die Überlegung erlaubt sein, ob sein Engagement bei der AZI durch Versprechungen bestimmt war oder durch persönliche Erwartungen; ob also eine Täuschung oder eine Selbsttäuschung vorlag. Von der Beantwortung dieser Frage hängt die Berechtigung seiner Kritik ab. Dass ich persönlich diese Berechtigung, was die AZI angeht und erst recht, was Zen als spirituellen Weg angeht, in Frage stelle, habe ich wohl schon deutlich gemacht.

The voices in my head made me do it

Gruppen, und dies gilt auch für Kirchen, Sanghas, Sekten usw., haben eine Eigendynamik; sie üben auf ihre Mitglieder einen oft erheblichen Anpassungsdruck aus. Wenn es sich bei diesen Gruppen um Schulen mit dem erklärten Ziel der Transformation der Persönlichkeit handelt, ist ein solcher Anpassungsdruck durchaus erwünscht, er ist als Hilfe gedacht und gemeint. Kriterium für die Legitimität (in ethischer, nicht in juristischer Hinsicht) des ausgeübten Drucks ist die Möglichkeit, ihm durch Verlassen der Gruppe auszuweichen. Die Frage ist also nicht, ob Druck, sondern ob Zwang ausgeübt wird.

Nun ist es bei sog. Sektenaussteigern ein beliebtes Argument, auf subtile Zwänge zu verweisen, die berüchtigte 'mind control'. Dr. Halfmann übernimmt diesen Begriff von dem amerikanischen Sektenexperten und Aussteiger (Unification Church) Steve Hassan. Steve Hassan ist Buchautor und sog. 'licensed mental health counselor', was auch immer das heissen mag. Wissenschaftlich qualifiziert im Sinne einer Ausbildung als Psychologe oder Soziologe ist er so wenig wie der Jurist Dr. Halfmann. An sich ist das natürlich kein Argument, es soll nur deutlich machen, dass trotz des pseudopsychologischen Jargons hier nicht mit wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen gearbeitet wird.

Die sog. mind control wird als eine abgeschwächte, subtile Form der Gehirnwäsche beschrieben. Bei näherer Betrachtung bleibt von diesem Vorwurf nicht viel mehr als eine unbewusste Entschuldungsstrategie übrig; die Verantwortung für persönliche Fehlentscheidungen und persönliches Fehlverhalten wird im Nachhinein mehr oder weniger dämonisierten Mächten zugeschrieben, die ihr Opfer auf (zunächst) undurchschaubare Weise manipuliert haben. Diese Beeinflussung irgendwelchen Psycho-Techniken zuzuschreiben, ist nichts als die moderne Auflage eines alten Mythos. Früher waren die Leute von Dämonen besessen oder vom Kräuterweiblein des Dorfes verhext. Hauptsache, die Schuld an ein paar vergeudeten Lebensjahren kann einer fremden Instanz zugewiesen werden.

mind control und freedom of mind

Nun ist es unbestritten, dass Gehirnwäsche funktioniert. Diese psychologische Technik wurde in größerem Umfang erstmals im Koreakrieg an amerikanischen Kriegsgefangenen angewandt. Notwendige Mittel sind u.a. Isolationshaft, körperliche Misshandlung, Schlafentzug und Demütigung/Entwürdigung. Bezeichnend ist, dass solche Techniken in etwas abgeschwächter Form weniger von 'Sekten' sondern von selbsternannten Vertretern der freedom of mind (deren oberster Guru besagter, von Halfmann so häufig zitierter Steve Hassan ist) angewandt wird, also von selbsternannten 'Deprogrammern', die im Auftrag besorgter Eltern oder sonstiger zahlungskräftiger Angehöriger 'Sektenopfer' entführen, vorübergehend einsperren und wieder 'zur Vernunft bringen'. Da wird dann im Namen der Autonomie des Individuums der soziale Anpassungsdruck der Sekte durch einen eindeutigen Zwang zur sozialen Anpassung ersetzt. Hauptsache, die Anpassung führt in die vom Kunden gewünschte Richtung.

hypnotisiert durch Kusen?

Um nicht ganz auf eine konkrete Auseinandersezung mit Dr. Halfmanns Argumenten zu verzichten, will ich seinen vielleicht spektakulärsten Vorwurf herausgreifen: durch kurze Vorträge während des Zazen (Kusen) würden die Adepten in einer Phase hoher Beeinflussbarkeit manipuliert. Da frage ich mich nun allerdings, was für eine Art Zazen Dr. Halfmann bei der AZI praktiziert hat. Der Geisteszustand während des Zazen ist per definitionem ein Zustand extremer Wachheit und Aufmerksamkeit. Gerade dies macht nach meinem Verständnis und auch nach meiner persönlichen Erfahrung einen unerwünschten manipulativen Eingriff in die Autonomie des Geistes nahezu unmöglich.

Dr. Halfmann rückt das Kusen in die Nähe der Hypnose. Einmal ganz davon abgesehen, dass bei Laien idR vollständig überzogene Vorstellungen von den Möglichkeiten der Hypnose vorherrschen, so ist ein Kusen-Text völlig ungeeignet dazu, den erforderlichen sog. hypnotischen Rapport herzustellen. Darüber hinaus wird Jeder, der ausser Zazen auch einmal autogenes Training (eine Form der Selbsthypnose) ausgeübt hat, den fundamentalen Unterschied in der geistigen Verfassung bestätigen. Mit hypnotischer Trance hat Zazen nun wirklich absolut nichts zu tun. Ich will es bei diesem einen Beispiel belassen, es mag stellvertretend für die Argumentation Dr. Halfmanns stehen.

Wer täuscht wen?

Als Fazit möchte ich anmerken, dass man schon wissen sollte, worauf man sich einlässt, wenn man einen Weg einschlägt, sei es ein spiritueller, politischer oder sonstiger Weg. Jeder ist da für sich selbst verantwortlich und ohne Zwang braucht sich niemand Entscheidungen diktieren zu lassen. Wenn wir Täuschungen unterliegen, sollten wir uns zunächst einmal fragen, ob wir nicht uns selbst getäuscht haben, statt die Schuld woanders zu suchen. Im Übrigen ist es ratsam, wenn man sich einer Kirche/Sekte/Sangha oder sonstigen Gruppe anschließen will, nicht nur die Führer/Gurus/Meister genau unter die Lupe zu nehmen, sondern sich auch das gemeine Fußvolk anzusehen. In der Regel wird man nämlich eine ganze Weile zum Fußvolk gehören, vielleicht sogar für immer. Wäre das schlimm? Dann sollte man besser die Finger davon lassen.

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Deinen letzten Absatz kann ich uneingeschränkt zustimmen.
Zum Thema "Druck" und "Beeinflussung" hab ich schon recht "Absonderliches" hier erlebt.
Bis hin zu eindeutig Bipolaren, die versuchten, ihre Medis abzusetzen und dies durch Zazen zu "heilen" und der Lehrer bestätigte das noch.

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Sry, wusste nicht, das dies so alt ist. Zu dieser Zeit war ich gerade zurück und hatte kein Inet.
cinnamon hat geschrieben:
Dies ist eine sehr kritische Betrachtung den Strukturen und Mittel im organisierten Zen.
Nein, ist es nicht. Und das behauptet Dr. Halfmann auch gar nicht (habe die Arbeit nochmals überflogen):
Was nachfolgend in Bezug auf das Zen gesagt wird, betrifft in erster Linie das sog. „Soto-Zen“ in der von Meister Deshimaru verfolgten Tradition. Definitive Aussagen über andere Zen-Richtungen können angesichts der Vielfalt der Erscheinungsformen des Zen im Westen hier nicht getroffen werden.
Über etwas anderes konnte er auch nicht schreiben, weil seine Erfahrungen mit Zen als Godo (Leiter) der Heidelberger AZI-Niederlassung eben darauf beschränkt waren. Insbesondere lassen sich die von ihm geschilderten gruppendynamischen Prozesse nicht ohne weiteres auf andere Gemeinschaften übertragen. Wohl nicht einmal auf die AZI von heute - speziell die 90er Jahre waren dort eine zeitweise recht 'stürmische' und schwierige Zeit. Und genau in diesen Kontext interner Streitigkeiten und Auseinandersetzungen mit 'Aussteigern' gehört übrigens auch Dr. Halfmanns Aufsatz. Dazu gehört z.B. auch der von Halfmann thematisierte Alkoholabusus - wobei ich mir darüber, wie ernsthaft dieses Problem (als Gruppenphänomen) tatsächlich war und ob es sich tatsächlich nicht nur um das private Problem einzelner Personen gehandelt hat, als Außenstehender kein Urteil erlauben kann.

Am deutlichsten wird dies jedoch bei Halfmanns 'Kronzeugen' für "suggestive Beeinflussung" - das Kusen. Ob das so, wie von Halfmann beschrieben -
zwischen 10 und 40 Minuten pro Meditationssitzung oder manchmal sogar noch länger
heute noch in der AZI praktiziert wird (oder jemals wurde), weiss ich nicht. Fakt ist jedenfalls, dass das so, wie es von Halfmann beschrieben wird, unüblich ist (um es zurückhaltend auszudrücken). Im Rinzai gibt es das mW gar nicht und ich kenne kusen aus meiner Praxis lediglich in Form seltener (ich habe die meisten Sesshin völlig ohne kusen erlebt) und darüber hinaus nur sehr knapper (zwei, drei Sätze maximal) 'Ermahnungen'. Also Aufforderungen, wach zu sein oder die Wirbelsäule aufzurichten, den Atem einfach fließen zu lassen o.ä. Ob so etwas überhaupt als "suggestive Beeinflussung" durchgehen kann, ist davon abgesehen eine andere Frage. Wie schon angedeutet, halte ich einen Zustand wacher, unfokussierter Aufmerksamkeit für eine denkbar schlechte Voraussetzung, jemandes Vorstellungen und Empfindungen zu manipulieren, ohne dass dieser es wahrnimmt.

Ansonsten: eine Gruppe, wo ich beim Zazen dermaßen exzessiv zugetextet werde, hätte mich das letzte Mal gesehen. Dann lieber alleine sitzen und dabei seine Ruhe haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Einstellung von den meisten Zazen-Praktizierenden geteilt wird.

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Ich empfinde das Kusen der AZI nie als "Gehirnwäsche". Die obige Zeitangabe kann sich nur auf einen ganzen Praxistag beziehen und vermutlich inkl. Mondo und die mündliche Anweisung. Vielleicht fürchten manche Chraktäre diese Art Sprache:
Die eine von den "zwei Arten von Sprache". Sozusagen.
Morpho hat geschrieben:
Ich empfinde das Kusen der AZI nie als "Gehirnwäsche".

Magst Du uns mal über Deine Erfahrungen mit dem 'Kusen der AZI' berichten? Da Du ja in einer anderen Tradition praktizierst und nur seltens über Deine persönlichen Erfahrungen in der AZI geschrieben hast (und dass lubob noch vor kurzem Deine Erinnerungen hinterfragt hat), würde mich Deine Meinung sehr interessieren, weil Du kompetent bist, Vergleiche anzustellen. Wenn Du schreibst 'Ich empfinde das kusen der AZI nie als Gehirnwäsche', bedeutet das doch, dass Du da im Moment Zugang hast, oder(sonst hättest Du doch geschrieben: 'Ich empfand das Kusen...)?
Warum soll man da auch keinen Zugang haben, die AZI steht jedem offen.
Ich habe immer mal wieder was geschrieben, zuletzt zum Thema 50 Jahre AZI und früher, wenn es an' s Deshimaru Bashing ging. Mein neuester Kimono stammt von Anna Wassermeyer, eine wundervoll präzise Arbeit, du kannst ihn maßanfertigen lassen. "Mein" Godo ist ein ganz ausgezeichneter Mensch. Ganz stark im AZI sind aber auch die Frauen. Zum Thema Kusen im AZI hab ich auch schon des öfteren was mitgeteilt. Generell ist es ja sowieso günstiger, ernsthaftes Interesse vorausgesetzt, sich ein eigenes Bild zu machen und nun man so gar nichts auf Hörensagen zu geben. Das ist ja auch menschlicher.
"Eine Argumentation in der Sache ist bis heute nicht erfolgt."

Das wundert mich überhaupt nicht. Ich habe 2 Minuten überflogen. Diese Streitschrift ist keinen Folgegedanken wert.
Morpho hat geschrieben:
"Eine Argumentation in der Sache ist bis heute nicht erfolgt."

Das wundert mich überhaupt nicht. Ich habe 2 Minuten überflogen. Diese Streitschrift ist keinen Folgegedanken wert.
Wenn ich das richtig verstanden habe deckt es sich zu 100% mit meinen Erfahrungen mit Scientology. Meine Erfahrungen mit Zazen in der Nähe eines Lehrer zeigte genau die Mechanismen der Seelenfänger. Den Erfahrungen meines Mannes mit einer christlichen Kirche, nein von zwei Kirchen. Die Begeisterung nutzen um zu fesseln. Wie soll man sonst Geld machen wenn man nicht die Begeisterung gegen den Begeisterten wendet?
Sind schon recht viel Mythen um Umlauf was so formale Zen Praxis betrifft.
Ich find s lustig. Mitunter auch bedenklich, natürlich. Es hat bisweilen auch was Schamloses.
Vielen Dank Sudhana für deine Beiträge hierzu.
Ich hatte diesen Artikel gelesen und das hatte mich an etwas erinnert, wo ich genauso dachte. Ich hatte das aber direkt erwähnt und bestimmte Sachen wurden zumindest in meiner Anwesenheit dann einfach unterlassen. Also die haben super reagiert. Absolut klasse von ihnen. Wund ja kenne ich von autogenem Training mit suggestion von einem Lehrer, . Als suggestion. Nicht als Gehirnwäsche. So hatte ich das nie selbst gesehen.
Zu erwarten, dass jeder beim zazen absolut präsent ist halte ich für unrealistisch. Ein zen Mönch aus einem kloster sagte mir mal er würde beim zazen einfach schlafen.

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